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German Angst

Foto: Dan Bashakov/AP/dpa

Kernschmelze, Strahlenverseuchung, Krebstod. Der Super-GAU im Atomkraftwerk von Tschernobyl verschafft zum 40. Jahrestag Gelegenheit, sich der Sache von mehreren Seiten zu nähern. Ist die Nutzung der Kernenergie ein strahlender Erfolg, und sollte sie hierzulande reaktiviert werden oder besser nicht? Lässt sich ein Bogen spannen zur Gegenwart des Ukraine-Kriegs? Und am wichtigsten, selbstredend: Wie ging und geht es den Deutschen damit, wenn irgendwo anders ein Kernkraftwerk in die Luft fliegt?

Anders als Jens Spahn, Markus Söder oder Ursula von der Leyen ist die Regionalpresse eher nicht der Meinung, man solle der Kernenergie noch mal eine Chance geben. Die Reaktorkatastrophe von Fukushima sorgte für den Atomausstieg in der Bundesrepublik. »Das war irrational. Aber es war auch richtig«, erklärt die Rhein-Neckar-Zeitung aus Heidelberg. »Denn Atomenergie ist nicht nur gefährlich – sie ist vor allem ein Vergehen an der Nachwelt.«

Abseits der Jahrtausende währenden Belastung durch den radioaktiven Müll sind andere Blätter dem Hier und Jetzt verpflichtet und senken dennoch den Daumen. »Der Bau neuer Reaktoren würde Jahre dauern – wir haben aber jetzt Energieengpässe. Atomkraft ist teuer, Uran ist endlich, es kommt aus politisch heiklen Staaten – da drohten neue Abhängigkeiten«, schreiben die Nürnberger Nachrichten.

Skeptisch blickt die Frankfurter Rundschau auf die verkündete Renaissance der Atomkraft: »Es ist nicht absehbar, wie diese Vorhaben ohne gewaltige staatliche Subventionen umgesetzt werden sollen und vor allem auch rechtzeitig genug, um die Klimaziele zu erreichen.«

Zur Rekonstruktion der damaligen Stimmung in der alten Bundesrepublik werden andernorts die Chefdenker in Stellung gebracht. Willi Winkler ist in der Süddeutschen Zeitung angesichts der permanenten Bedrohungsempfindung – »An Apokalypse ist auch heute kein Mangel« – dem »Weltkulturerbe German Angst« auf der Spur und entdeckt über den Umweg Günther Anders, der infolge der Katastrophenerfahrung von 1986 Tötungsphantasien artikulierte, den Urvater dieser Stimmung, den »großen Rauner Martin Heidegger«, der »seinen Schülern (…) die existentielle und fast schon religiöse Bedeutung von Furcht und Zittern beibrachte«.

In der FAZ kommt Gastautor Tobias Münchmeyer über Ulrich Becks »anthropologischem Schock« und Alexander Kluges »Erfahrungsüberforderung« hingegen zum vorläufigen Happyend mit Jürgen Habermas: Der Entscheidungsprozess, der zum Atomausstieg geführt hat, »war ein Musterbeispiel ›diskursiv legitimierter Risikoentscheidung‹ und ›deliberativer‹ Politik im habermasschen Sinne«. Es stand ja schon an anderer Stelle: Mit Habermas' Tod ist das Land kopflos und dem Untergang geweiht. (brat)

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.04.2026, Seite 2, Ansichten

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