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05.08.2024
- → Feuilleton
Man meldet sich zu Wort
Die Autorenvereinigung PEN Berlin startet vor den Landtagswahlen in Ostdeutschland den Versuch einer Debatte über »Cancel Culture«. Am 5. August beginnt in Chemnitz die Reihe »Das wird man ja wohl noch sagen dürfen – Gespräche über Demokratie und Meinungsfreiheit« mit insgesamt 37 Veranstaltungen in kleinen und mittelgroßen ostdeutschen Städten. Das Format: zwei (potentiell) Streitende, ein Moderator oder eine Moderatorin und das Publikum.
»Die Beteiligung des Publikums gehört zum Kern der Reihe«, sagt PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel. »Im besten Fall werden Menschen miteinander ins Gespräch kommen, die dies nicht für möglich hielten.«
Für die Reihe, die bis 19. September läuft, hat PEN Berlin 118 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Journalistinnen und Journalisten, Künstlerinnen und Künstler gewonnen. Los geht es in Chemnitz mit zwei Publizisten, die zuletzt zur Ost-West-Debatte viel zu sagen hatten: mit dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk und Dirk Oschmann, Autor des Buches »Der Osten: eine westdeutsche Erfindung«.
Die Macher sorgen sich wegen Umfragewerten, wonach immer weniger Menschen den Eindruck haben, ihre Meinung in Deutschland frei äußern zu können. 1990 sprachen nach Angaben von PEN Berlin noch 78 Prozent der Befragten von freier Meinungsäußerung, 16 Prozent hielten Vorsicht für geboten. 2023 gaben dann in einer Allensbach-Umfrage nur noch 40 Prozent an, Meinungsfreiheit sei gegeben, 44 Prozent fanden sie eingeschränkt. Wie kann das sein in einer Zeit, in der scheinbar jeder jederzeit alles sagen kann in sozialen Netzwerken?
Ist »Cancel Culture« Realität in Deutschland oder lediglich ein Kampfbegriff? »Ich glaube beides«, antwortet Yücel. Oft werde Meinungsfreiheit mit »Widerspruchsfreiheit« verwechselt nach dem Motto: Kritik bedeutet canceln. »Zum anderen sitzt die Empörungsbereitschaft hoch, verbunden mit der Tendenz, die Grenzen dessen, was man als zulässige Meinungsäußerung erachtet, immer enger zu ziehen.«
Yücel merkt auch an, er hätte sich gewünscht, dass bei der Gesprächsreihe noch mehr von den Schriftstellern und Journalisten mitmachen, die selbst eine Beschränkung der Meinungsfreiheit beklagen. »Aber mehr als einladen können wir nicht«, sagt der Organisator. Nun wünscht er sich, dass diese Position vom Publikum besetzt wird, dort »wo die gefühlte Einschränkung der Meinungsfreiheit zu einer Abkehr von der Demokratie führt«. (dpa/jW)
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