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Aus: Ausgabe vom 05.12.2023, Seite 11 / Feuilleton
Literaturgeschichte

Zwischen Radebeul und Mossul

Vom rassistischen Stereotyp zum pazifistischen Plädoyer. Eine Berliner Ausstellung zu Karl Mays Orientzyklus
Von Nick Brauns
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Deutscher Mann mit Flinte: Lex Barker verkörperte im Kinofilm von 1965 den Abenteurer Kara Ben Nemsi

Es sind geradezu prophetische Sätze: »Wir wohnten im Frieden und in Eintracht im Lande Sindschar; aber wir wurden unterdrückt und vertrieben«, lässt der Schriftsteller Karl May in seinem 1892 erschienen Abenteuerroman »Durchs wilde Kurdistan« einen Angehörigen der jesidischen Glaubensgemeinschaft sagen. »Da lagen unsere Greise, unsere Weiber und Kinder unten bei Mossul am Wasser. Wir wurden in die brausenden Fluten getrieben oder hingeschlachtet wie die wilden Tiere und auf den Terrassen der Stadt stand das Volk von Mossul und jubelte über die Würgerei.« 122 Jahre nach den von May geschilderten Massakern überfiel die Dschihadistengruppe »Islamischer Staat« nach der Einnahme von Mossul die im Sindschargebirge lebenden Jesiden, ermordete Tausende Männer und verschleppte Frauen und Kinder in die Sklaverei.

Doch hierzulande scheinen diese weniger als ein Jahrzehnt zurückliegenden blutigen Ereignisse im Irak schon wieder in Vergessenheit geraten zu sein. »Was sind denn Jesiden?« fragt eine Besucherin der Berliner Ausstellung »Das Herz des Orients gewinnen! Armenier, Eziden und Kurden bei Karl May und wie sie sich selbst sehen«. Ihr Begleiter zuckt nur mit den Schultern. »Nie gehört.« Der 1912 verstorbenen sächsischen Schriftsteller dagegen hat noch heute zahlreiche Fans, wie nicht zuletzt die wütenden Reaktionen auf die in der Boulevardpresse als Cancel Culture dargestellte Absetzung eines Buches über seinen Romanhelden Winnetou im vergangenen Jahr zeigten.

Im Mittelpunkt der noch bis zum 7. Januar 2024 gezeigten Schau im Zentrum für aktuelle Kunst in der Zitadelle Spandau steht der sechsbändige Orientzyklus Mays, in dem der Schriftsteller seine Helden Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar auf einen Ritt von Nordafrika über Kurdistan bis nach Albanien schickt. Anhand von zeitgenössischen Büchern, Landkarten und Dokumenten werden der historische Hintergrund und die Entstehungsgeschichte der Romane, die zwischen 1881 und 1888 zuerst als Fortsetzungsgeschichten in der Zeitschrift Deutscher Hausschatz in Wort und Bild veröffentlicht wurden, aufgezeigt – ebenso wie deren spätere Kinoadaption. Das Karl-May-Museum in Radebeul hat einen Schreibtisch sowie eine Büste des Schriftstellers sowie mehrere berühmte Gewehre seiner Romanhelden wie die Silberbüchse und den Henry-Stutzen beigesteuert.

Seine Kenntnisse über Land und Leute der damals als Orient bezeichneten Region bezog May, der erst 1899/1900 zusammen mit seiner Frau eine touristische Reise von Ägypten bis zur Türkei unternahm, insbesondere aus den Schilderungen des britischen Archäologen Austen H. Layard (1817–1894). Anstatt Mays natürlich von kolonialrassistischen Stereotypen seiner Zeit beeinflusstes Werk deswegen einfach zu verurteilen, hat sich Kurator Thomas Kramer für einen anderen Weg entschieden. Kurdische, jesidische und armenische Teams, darunter das Kurdische Frauenbüro für Frieden Cenî und die Gesellschaft ezidischer Akademiker, präsentierten ihre Gemeinschaften mit eigenen Beiträgen, Dokumenten und Objekten. »Erstmals überhaupt werden – in positiver wie negativer Hinsicht – Aktualitätsaspekte des Werkes aufgezeigt und die Lebenswirklichkeit der bei May geschilderten Menschen von diesen selbst zur Transparenz gebracht«, heißt es dazu im Begleittext. So werde »eine konstruktive Auseinandersetzung mit Mechanismen kultureller Appropriation durch die davon Betroffenen ermöglicht«. In der kurdischen Abteilung sind so etwa ein Nomadenzelt mit Videoinstallation und kultische Gegenstände, aber auch eine Fotoausstellung über das ökologische Frauendorf Jinwar in der nordsyrischen Selbstverwaltungsregion Rojava sowie Kurzbiographien berühmter Kurdinnen – von der Sängerin Ayşe Şan (1938–1996) bis zur 2013 in Paris ermordeten PKK-Mitgründerin Sakine Cansız – zu sehen.

Keine Gemeinschaft wird in Mays Orientbänden so positiv dargestellt wie die bei ihm »Dschesidi« geschriebenen Jesiden. In ihnen glaubte er geradezu Seelenverwandten zu erblicken: »Man hat behauptet, dass nur der Deutsche das besitze, was man ›Gemüt‹ nennt. Wenn dies wahr sein sollte, so waren diese Dschesidi den Deutschen sehr ähnlich«, schrieb May. Allerdings trug er auch zur Verbreitung der von fanatischen Islamisten zur Rechtfertigung ihrer Pogrome gegen Jesiden angeführten Diffamierung als »Teufelsanbeter« bei, obwohl der jesidische Glaube sogar das Aussprechen des Namens »Schaitan« verbietet.

Mays Schilderung der Armenier – aber auch anderer Ostchristen wie der Nestorianer – ist durchgängig negativ bis offen rassistisch. Es finden sich Sätze wie: »Wo irgendeine Heimtücke, eine Verräterei geplant wird, da ist sicher die Habichtnase eines Armeniers im Spiele.« Das älteste christliche Volk hatte damals keine Lobby im deutschen Kaiserreich. Denn dessen Regent Wilhelm II. suchte aus geopolitischen Erwägungen – Stichwort Bagdadbahn – das Bündnis mit Sultan Abdul Hamid II., dessen Hamidiye-Reiterei die Armenier immer wieder gnadenlos abschlachtete. »Wird jemand in Paris umgebracht, dann ist das Mord. Werden im Orient 50.000 Menschen die Kehlen durchgeschnitten, dann ist das eine Frage«, wird der Schriftsteller Victor Hugo anlässlich solcher Pogrome zitiert. Von einer »armenischen Frage« spricht nach dem von der deutschen Reichsregierung geduldeten Völkermord ihrer türkischen Waffenbrüder an über einer Million Armeniern im Ersten Weltkrieg heute niemand mehr. Doch ist nach ungezählten Massakern, Giftgasangriffen und Vertreibungen weiterhin von der ungelösten »kurdischen Frage« die Rede. Eine Gruppe kurdischer Ausstellungsbesucherinnen steht erschüttert vor Schwarzweißfotos, mit denen unter anderem der pazifistische deutsche Sanitätssoldat Armin T. Wegner Leiden und den Tod der Armenier dokumentiert hatte. 1915/16 waren sunnitisch-kurdische Stämme häufig noch Mittäter – sie überfielen die in die mesopotamische Wüste deportierten Armenier, schlachteten sie ab und verschleppten die Frauen. Heute dagegen erscheint den Kurdinnen das Schicksal der Armenier als Spiegel eigener Erfahrungen mit der Gewalt des türkischen Staates.

Erklärtes Ziel der Ausstellung ist es, »die zeitlose Gültigkeit von Mays Aufrufen zu Toleranz, interkulturellem sowie religiösem Dialog und Völkerverständigung« aufzuzeigen. Tatsächlich hatte sich der Schriftsteller, dessen Werk manche problematische Prägung gemäß dem damaligen Zeitgeist aufweist, um die Jahrhundertwende zu einem Kritiker des Kolonialismus entwickelt. Sein 1901 veröffentlichter Roman »Et in ­terra pax«, der vor dem Hintergrund der Niederschlagung des Boxeraufstandes in China spielt und Mays Hochachtung vor der chinesischen Kultur ausdrückt, liest sich entgegen der vom Verlag erwünschten Heldendarstellung im Geiste von Kaiser Wilhelms »Hunnenrede« als pazifistisches Plädoyer gegen die chauvinistische »Weltpolitik« des deutschen Imperialismus.

»Das Herz des Orients gewinnen! Armenier, Eziden und Kurden bei Karl May und wie sie sich selbst sehen«, ZAK – Zentrum für Aktuelle Kunst, Zitadelle Spandau, Berlin, bis 7. Januar 2024

zitadelle-berlin.de

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