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Aus: Ausgabe vom 24.05.2024, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Was verloren ging

Jenny Erpenbeck hat als erste Deutsche den International Booker Prize gewonnen. Sie zeichnet in ihren Büchern ein vielschichtiges Bild der DDR
Von Jenny Farrell
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Keine Freundin vorgefertigter Sätze: Jenny Erpenbeck (London, 21.5.2024)

Kulturstaatsministerin Claudia Roth zeigte sich kürzlich bei einer literarischen Veranstaltung überrascht, wie viele Bücher es in den Regalen der DDR gab, die sie nicht kannte. Ein seltenes Eingeständnis ihrer Ignoranz gegenüber dem kulturellen Hintergrund eines Fünftels der deutschen Bevölkerung – mehr als dreißig Jahre nach der »Wiedervereinigung«. Zur Kunst im sozialistischen Teil Deutschlands fällt auch Roth offenbar nur reflexhaft »Unterdrückung« ein.

Das ist offenkundig eine Folge einer Kulturpolitik, die versucht, alle Erinnerungen an das hohe kulturelle Niveau der DDR auszulöschen: Literaturpreise werden an Schriftsteller verliehen, die die westlichen Deutungen der DDR-Geschichte vermitteln. Bücher über die »Schrecken des Sozialismus« bekommen tendenziell mehr Aufmerksamkeit als solche, die ein differenzierteres Bild zeichnen. Jeder Versuch, sich ernsthaft mit den Errungenschaften des deutschen Sozialismus auseinanderzusetzen, wird unterdrückt oder öffentlich lächerlich gemacht.

Lange ignoriert

So erging es lange auch Jenny Erpenbeck. Am Dienstag abend wurde sie mit dem International Booker Prize geehrt, einem der renommiertesten britischen Literaturpreise. Einschließlich des Vorgängerpreises Independent Foreign Fiction Prize, den sie 2015 gewann, war sie bereits zum sechsten Mal nominiert. Keiner anderen deutschen Schriftstellerin, keinem anderen deutschen Autor war das bislang gelungen. Während Erpenbeck im Ausland sehr bekannt ist und ihre Bücher auch hierzulande bei großen Verlagen erscheinen, ignorierte sie der deutsche kulturelle Mainstream so gut wie möglich. Sie erhielt Preise, aber die großen Auszeichnungen bleiben ihr verwehrt, so hat sie weder den Deutschen Buchpreis noch den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Ihr nun in London prämierter Roman »Kairos« (deutsch 2021) schaffte es nicht einmal auf die umfangreiche Longlist des Deutschen Buchpreises.

Erpenbecks Roman öffnet denjenigen, die mehr über das Leben in der DDR erfahren möchten, neue Blickwinkel. Unvoreingenommene Leser entdecken eine hochkultivierte Gesellschaft, einen Ort, an dem jeder Zugang zu Bildung, Ausbildung und einem Arbeitsplatz hatte. Für Leser, die sich an den Sozialismus erinnern, bietet das Buch tiefere Bedeutungsebenen – eine Fülle von Referenzen auf eine ungeheure Vielfalt von Künstlern der DDR und der antifaschistischen Tradition.

Das Romangeschehen erstreckt sich über die Jahre 1986 bis 1992, der ­letzte Abschnitt zeigt die Abwicklung des Staates, Massenentlassungen, Arbeitslosigkeit, unbezahlbare Mieten und kulturelle Leere. Erpenbeck weiß, worüber sie schreibt: Sie erlebte diese Jahre als junge Erwachsene. Ihre Großeltern väterlicherseits wurden in Nazideutschland verfolgt und lebten im Exil in der UdSSR, wo ihr Vater geboren wurde. Beide Großeltern waren in der DDR anerkannte Autoren: Ihr Großvater Fritz Erpenbeck war Schriftsteller, Teil der Gruppe Ulbricht, Verlagsgründer und langjähriger Chefredakteur von Theater der Zeit. Auch ihre Großmutter ­Hedda Zinner war eine Tausendsassarin, schrieb sowohl Satiren als auch über die Situation der Frauen in der DDR. Erpenbecks Vater, John Erpenbeck, ist Physiker und Autor, ihre Mutter Doris Kilias war Arabistin und Übersetzerin, die ihre akademische Stelle mit dem Anschluss verlor.

In »Kairos« erzählt Jenny Erpenbeck die Geschichte einer Beziehung zwischen der 19jährigen Studentin Katharina und dem verheirateten 53jährigen Autor und Rundfunkmoderator Hans. Die Beziehung lebt von der gemeinsamen Begeisterung für die Kultur, ist aber bald von psychologischer Kontrolle mit masochistischen Untertönen geprägt – die junge Frau fühlt sich unwert und abhängig. Erpenbeck porträtiert Hans als hochbelesenen Autor, der häufig Affären hatte. In vielerlei Hinsicht wirft seine Kindheit im Faschismus Schatten auf sein Erwachsenenleben. Das schließt sein Bedürfnis ein, andere zu strafen, seine latente Gewalt, sein Bedürfnis, sich überlegen zu fühlen und Kontrolle auszuüben. Katharina hingegen hält sich für emanzipiert und erkennt erst spät, dass die Beziehung sie zerstört. Während Hans die Widersprüche seiner Generation repräsentiert, ist Katharina typisch für die in der DDR Aufgewachsenen. Hans’ Manipulationen treffen sie unvorbereitet.

Als er sie aus Eifersucht emotional quält, weil sie während eines Praktikums eine Affäre mit einem Gleichaltrigen hatte, lernt Katharina, dass sie bestraft wird, wenn sie die Wahrheit sagt. Erpenbeck erklärte im November 2023 in einem Interview mit der kanadischen Website Literary Hub: »Kairos ist ein langsamer Prozess, wie etwas, das als eine Art Wahrheit gemeint war, sich tatsächlich in eine Beziehung verwandelt, die auf Lügen basiert. So war es auch in der politischen Geschichte der DDR. Ideen wurden anfangs begeistert aufgenommen, ein neuer Anfang nach der faschistischen Zeit. Langsam wurde ein bestimmtes Vokabular verboten, ein gewisser Meinungsaustausch nicht erlaubt. Die Menschen begannen, vorgefertigte Sätze zu liefern.«

Erpenbeck interessieren die realen Widersprüche der DDR-Gesellschaft. Als das Romangeschehen zum Zerfall des Staates und seine Annexion durch Westdeutschland fortschreitet, zeigt die Autorin wie viele Kräfte weiterhin nach Sozialismus strebten: »Der Sozialismus muß nun seine eigentliche, demokratische Gestalt finden, aber er darf nicht verlorengehen. So heißt es in einem Papier, das Katharinas Mutter und Ralph unterschrieben und ihr beim Aperitif gezeigt haben. Auf der Suche nach überlebensfähigen Formen menschlichen Zusammenlebens braucht die Menschheit Alternativen zur westlichen Konsumgesellschaft. Der Wohlstand darf nicht auf Kosten der armen Länder gemehrt werden.« Doch die Hoffnungen auf ein demokratischeres sozialistisches System werden rasch durch die neue kapitalistische, halbkoloniale Realität zunichte gemacht: »Schon jetzt beginnt es in den östlichen Stadtbezirken anders zu riechen, wohlparfümierte Westberliner besichtigen Straßen, die nach dem Arbeiterpräsidenten der DDR Wilhelm Pieck, nach dem bulgarischen Kommunistenführer Dimitroff, nach dem sozialistischen Ministerpräsidenten Otto Grotewohl benannt sind – Namen, die ihnen nichts sagen. Das Adjektiv ›grau‹ wird von ihnen verwendet, um den Teil der Stadt zu beschreiben, in dem keine Reklametafeln aufgestellt sind.«

Kulturelle Verwüstung

Erpenbecks Erzählung weicht vom vorherrschenden Diskurs ab. Durch ihre Darstellung gewöhnlicher ostdeutscher Leben illustriert sie eindrucksvoll die Verluste nach 1990. Es gibt keine Anzeichen von Unzufriedenheit oder sozialem Unglück bei ihren Figuren und ihrem weiteren Umfeld. Als Katharina nach Köln zum 70. Geburtstag ihrer Tante reist, ist es keine Reise ins Paradies. Ihrer Tante geht es nicht besser als zuvor; sie lebt ziemlich ärmlich in einer Kellerwohnung. Auch die Reise der Figuren nach Moskau wird mit Tiefe und Einsicht geschildert.

Das setzt sich in der Beschreibung der sozialen Verwerfungen nach 1989/90 fort. Über die massenhaften Entlassungen heißt es in »Kairos«: »Anfang Dezember 91 wird Hans entlassen, wie alle übrigen 13.000 Mitarbeiter des Fernsehens und des Rundfunks eines Staates, der nicht mehr existiert. Und weil die Flure des Berliner Arbeitsamts zu eng sind für die 3.000 Menschen, die allein in den Einrichtungen der Hauptstadt ihre Arbeit verlieren, gibt das Arbeitsamt im großen Sendesaal des Ostberliner Rundfunkgebäudes für drei Tage ein Gastspiel.« Auch an die Verwüstung der literarischen Landschaft des untergegangenen Landes wird erinnert: »Für 240.000 Mark Bücher in den Müll. Die Volksbuchhandlung ›Karl Marx‹ räumte am Mittwoch ihre Lager. Das Lager müsse frei sein für das neue Sortiment, so der Leiter der Buchhandlung. Selbst Bücher von Rang haben nicht mehr abgesetzt werden können. Für viele Tonnen an Büchern blieb so nur die Müllabfuhr.«

Erpenbeck bietet eine Insiderperspektive. Ihre Figuren sind glaubwürdig und führen erfüllte Leben. Das dürfte der Hauptgrund sein, warum viele ostdeutsche Leser Erpenbecks Roman so schätzen.

Jenny Erpenbeck: Kairos. Penguin-Verlag, München 2021, 384 Seiten, 22 Euro

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (24. Mai 2024 um 09:24 Uhr)
    Man hat stets das Gefühl, dass Jenny Farrell in den Roman etwas hineininterpretiert, was gar nicht drin ist. Tatsächlich wird das vorherrschende Klischee über die DDR bedient: »Erpenbeck erklärte im November 2023 in einem Interview mit der kanadischen Website Literary Hub: ›Kairos ist ein langsamer Prozess, wie etwas, das als eine Art Wahrheit gemeint war, sich tatsächlich in eine Beziehung verwandelt, die auf Lügen basiert. So war es auch in der politischen Geschichte der DDR. Ideen wurden anfangs begeistert aufgenommen, ein neuer Anfang nach der faschistischen Zeit. Langsam wurde ein bestimmtes Vokabular verboten, ein gewisser Meinungsaustausch nicht erlaubt. Die Menschen begannen, vorgefertigte Sätze zu liefern.‹« Wie oft habe ich das schon in der jungen Welt gelesen: Der frühe Sozialismus war ja ganz o. k., aber dann … Wie kommt man auf die Idee, ausgerechnet einen kranken Tyrannen zur Hauptfigur zu machen. Soll das typisch sein für die DDR? Wenn Farrell schreibt »Erpenbecks Roman öffnet denjenigen, die mehr über das Leben in der DDR erfahren möchten, neue Blickwinkel«, dann wirkt das nur noch zynisch. Eine Rezension auf Amazon: »Der viel ältere Mann, der auf alle erdenkliche physische und vor allem psychische Weise die junge Frau, die ihm hörig ist, quält und misshandelt - gehts noch? Man möchte über deutlich mehr als 100 Seiten nur laut schreien, dass sie ihn endlich abservieren soll. Und ich sehe nicht, dass das Verhalten des Mannes an irgendeiner Stelle verurteilt wird. (…) Das ist nicht ›komplex‹ oder ›dramatisch‹, das ist einfach unerträglich. Vielleicht soll das eine Metapher für die SED-Diktatur sein? Ich weiß es nicht. (…)«. Dagegen Jenny Farrells Fazit: »Erpenbeck bietet eine Insiderperspektive. Ihre Figuren sind glaubwürdig und führen erfüllte Leben«.
    • Leserbrief von Peter (24. Mai 2024 um 18:53 Uhr)
      Wer ernsthaft die Frage zum Roman stellt: »Soll das typisch sein für die DDR? «, bedient sich eines Vokabulars, welches m. E. nicht wenig zu ihren Verschwinden beigetragen hat. Aber vielleicht erklärt uns Franz S., was denn typisch DDR war. Kranke Tyrannen als Hauptfiguren (mir fallen einige ein) gab es wohl nicht?

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