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12.08.20231 Leserbrief
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Nie mehr zweite Liga
Der Wutrentner kann’s nicht lassen. Um seinen Forderungen nach mehr Geld fürs Rumschnüffeln Nachdruck zu verleihen, bahnte sich der Ex-BND-Chef August Hanning seinen Weg ins Programm von Springers Sender Welt. Und gab dort in einer Liveschalte Beachtliches von sich: Mit seinen Waffenlieferungen an die Ukraine habe sich Deutschland nun endlich »qualifiziert« und werde für die russischen Spionagedienste wieder interessant.
Endlich, würden einige Experten sagen, denn der Weg dahin war beschwerlich und die Konkurrenz stark. In der deutschen Qualifikantengruppe befanden sich mit Guinea-Bissau, den Kapverdischen Inseln, Mauretanien und Feuerland durchaus ernstzunehmende Gegner, um so erfreulicher ist Deutschlands Aufstieg in die Liga der für Wirtschafts- und Militärspionage interessanten Länder. Nun sind die tristen Jahre vorbei, und wir gehören wieder dazu.
Zu verdanken ist das unter anderem der beeindruckenden wirtschaftlichen Entwicklung auf dem Gebiet der steinzeitlichen Energieversorgung mit Wind- und Wassermühlen, Biogas und Patex-Straßenklebern. Aber auch die erheblichen Erfolge im Haschischanbau, bei CO2-Einsparungen und der gendergerechten Sprachökonomie fallen ins Gewicht.
Nur bei der Anwerbung geeigneten Personals gibt es noch Engpässe. Selbst der gerade festgenommene Mitarbeiter des Bundesamts für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr in Koblenz, Thomas H., hatte sich mehrmals erfolglos als Spion beworben, bevor er für die Russen arbeiten durfte. Da muss die Regierung also noch mal ran. Denn Hanning weiß: »Der Respekt ist schon da, aber man muss natürlich ernstgenommen werden. Austausch bedeutet do ut des, und wenn man als eigener Nachrichtendienst nichts anzubieten hat, dann wird auch der Austausch mit anderen schwieriger.«
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Ullrich-Kurt Pfannschmidt 12. Aug. 2023 um 18:08 UhrUm ebenso ironisch fortzufahren: Besagter Thomas H. wird seine Verhaftung zunächst nicht so lustig finden. Vor allem wird er erstaunt sein, dass man über militärische Sachen nicht so einfach plaudern darf, wie über die Erlebnisse im letzten Urlaub. Dass das sogar strafbar ist! - Na ja, die paar Jährchen wird er auf einer Backe absitzen. Danach wird er ein Buch schreiben, dessen Verkaufszahlen ihm das Auskommen (hoffentlich) bis zu seinem Lebensende sichern wird. Sein Glück, dass er in Deutschland spioniert hat, nicht etwa in Russland, China, Nordkorea …
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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