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Fankultur

In alten Farben: Gelb und Rot

Warum der FC Vorwärts in Frankfurt (Oder) plötzlich wieder sicht- und hörbar wird – in der Kurve, in der Grenzstadt. Ein Fanessay

Foto: IMAGO/Norbert Schmidt
Sicher ist sicher: Göttlicher Beistand und Kerzenschein für den Heimsieg der Helden auf dem Platz (Gelsenkirchen, 20.5.2023)

Graue Wolken waberten über der Oder und Dauerregen »erfreute« das östliche Brandenburg von früh morgens bis exakt 17.15 Uhr. Trotz ungemütlicher Witterung ließen es sich Hunderte Fußballfreunde aus Nah und Fern nicht nehmen, ins Stadion der Freundschaft zu pilgern, um das Freundschaftsspiel 1. FC Frankfurt (Oder) vs. BSG Stahl Riesa zu schauen. Die Oderstädter traten in den alten Farben Gelb und Rot an, und auf dem Trikot prangte das FCV-Wappen. Exakt 54 Jahre und elf Monate nach dem ersten DDR-Oberliga-Heimspiel an neuer Wirkungsstätte – zuvor war der ASK / FC Vorwärts in Ostberlin beheimatet und feierte dort große Erfolge (sechs DDR-Meistertitel und zwei FDGB-Pokalsiege) –, als vor 8.000 Zuschauern die BSG Stahl Riesa mit 3:1 bezwungen wurde, kam es nun am 1. August 2026 im Rahmen eines Freundschaftsspiels zu einer Neuauflage.

Passend dazu wurde kurz zuvor am Stadionnebeneingang der hölzerne Zaun in den Farben Gelb und Rot angestrichen, und in schwarzen Lettern ist das »Fußballclub Vorwärts Frankfurt (Oder)« weit zu sehen. Es passiert etwas im Stadion der Freundschaft – und dies ist seit zirka vier, fünf Jahren zu spüren. Tauchte im Zeitraum 2012 bis 2022 mal nur ein vereinzelter gelb-roter Schal auf den Rängen auf, so nahm das Ganze nach und nach Fahrt auf, und in der vergangenen Saison durfte beim Heimspiel gegen die BSG Stahl Brandenburg ein richtiger FCV-Fanblock bestaunt werden, in dem sogar Gesänge und Schlachtrufe angestimmt wurden. Auswärts bei Union Fürstenwalde und am letzten entscheidenden Spieltag bei Stahl im Stadion am Quenz war jeweils ein kleiner, aber feiner gelb-roter Gästemob am Start.

Das Verrückte beim besagten Freundschaftsspiel gegen die BSG Stahl Riesa, die ebenfalls eine Busladung fröhlicher Fans mitgebracht hatte: Auf dem Stadionvorplatz betrieben jüngere Frankfurter Fußballfreunde einen Stand, an dem Vorwärts-Shirts, bedruckte Leinenbeutel und andere hübsche Accessoires an die Frau und den Mann gebracht wurden. Und zwar mit einer lässigen Routine, als sei dies das Normalste der Welt. Zahlreiche jüngere und vor allem ältere Fans hatten daheim ihre Vorwärts-Fanartikel aus dem Schrank, vom Dachboden oder aus der Mottenkiste geholt und trugen nun diese stolz spazieren. Auch einige Kutten waren zu sehen, und es schien, als sei ein schlafender Riese erwacht. Okay, kein Riese im Sinne eines Vereins mit Tausenden Fans hinter sich, doch immerhin ein gewisser Riese, was den Namen, die einzigartigen Vereinsfarben und die lange Tradition betrifft. Betrachtet man die Historie von Vorwärts Berlin und Vorwärts Frankfurt (Oder) zusammen, so darf durchaus von einer echten DDR-Fußballgröße gesprochen werden, wenngleich Ende der 1980er die eher mickrigen Zuschauerzahlen belächelt wurden und vielen die ziemlich leeren Ränge in Erinnerung blieben. Dies hing jedoch auch mit den allgemein sinkenden Zuschauerzahlen in der Endphase der DDR und dem sportlichen Absturz des FC Vorwärts Frankfurt zusammen.

Wurde der FCV in der Oberliga-Saison 1982/83 hinter dem ungeschlagenen BFC Dynamo, dem man daheim ein 2:2 abringen konnte, stolzer Vizemeister und nahm von 1980 bis 1984 immerhin viermal am UEFA-Pokal teil, so ging es ab Mitte der 1980er Jahre sportlich und zuschauertechnisch bergab. Kamen 1982/83 im Schnitt 9.815 Zuschauer zu den Heimspielen des FCV, so sank diese Zahl in der Abstiegssaison 1987/88 auf 5.323. Nach zwei Jahren zweiter Liga gelang Vorwärts im Frühjahr 1990 die Rückkehr in das Fußballoberhaus. Jens Henschel war mit seinen 22 Toren ein Mit-Garant für den Aufstieg. In der sportlich wilden und fantechnisch betrachtet teils wüsten Oberliga-Saison 1990/91, die in der DDR startete und im vereinten Deutschland endete, wurden die Weichen für die Zukunft gestellt – Hansa Rostock und Dynamo Dresden nutzten die Gunst der Stunde und qualifizierten sich für die erste Bundesliga –, doch war für die Frankfurter nichts zu holen. Das »Vorwärts« wurde am 7. Februar 1991 abgelegt, aus dem einstigen Armee-Sportclub wurde ein normaler Verein, der nun vorerst FC Victoria ’91 Frankfurt hieß, und sportlich betrachtet wurde die Saison ein Desaster. Gerade einmal vier Siege wurden eingefahren, als abgeschlagener Letzter fand man sich 1991/92 in der Nordstaffel der NOFV-Oberliga wieder. Am 29. August 1992 wurden auch die Vereinsfarben Gelb und Rot abgelegt, und fortan wurde bis zum 1. Juli 2012 in den Stadtfarben Grün, Weiß und Rot als Frankfurter FC Viktoria 91 gespielt.

Glücklich war wohl kaum einer über diese Änderungen, doch konnten sich viele Vorwärts-Fans noch halbwegs mit dem Namen und den Farben identifizieren. In der dreigestaffelten NOFV-Oberliga und in der Verbandsliga Brandenburg (1993 bis 1997) konnten natürlich keine nennenswerten Zuschauerzahlen vermeldet werden, doch war in diversen Fanzines hier und dort von einem Auftritt der Frankfurter Fans zu lesen. Einige Fahrten nach Babelsberg, zu TeBe, zu den »Mutanten« des Sievershäger SV 1950 oder nach »Hütte« sorgten dann doch für das eine oder andere Highlight, und manch ein älterer Fan ließ sich nicht lumpen, doch mal ab und zu ins Auto zu steigen. Zumindest vorerst wohl zum letzten Mal eine richtige Fankurve gab es beim brisanten Landespokalspiel gegen Babelsberg 03 am 12. November 2011 zu sehen. Spannung lag in der Luft, und bereits vor Anpfiff kam es im weiten Rund und unterhalb der alten hellblauen Haupttribüne zu Laufereien. Pyro gab es auf beiden Seiten, und auf Heimseite hingen am Zaun alte gelb-rote Vorwärts-Stoffe. Der damalige Ruf der Frankfurter Fans war eh nicht der beste, und beim Duell gegen Nulldrei vernahm das Ohr teils unschöne Gesänge. Es war kein Geheimnis, dass auch ein gewisses Klientel aus dem Cottbuser Umfeld mit zu Gast in der Heimkurve war. Auf dem Rasen gaben die Frankfurter Spieler, welche erfreulicherweise in den Farben Gelb und Rot aufliefen, alles und kämpften sich in die Verlängerung, in der sie sich jedoch mit 2:4 geschlagen geben mussten. Beim zwischenzeitlichen Frankfurter Ausgleich zum 2:2 stand die Heimkurve Kopf. Viktoria bzw. Vorwärts gab noch einmal ein vorerst letztes Lebenszeichen von sich.

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Am 1. Juli 2012 schloss sich der MSV Eintracht Frankfurt (von 1994 bis 2009 MSV Hanse Frankfurt) dem Frankfurter FC Viktoria an und der Verein benannte sich in 1. FC Frankfurt (Oder) e. V. um. Wobei das »e. V.« für Eintracht und Viktoria steht. In den Farben Schwarz und Rot wollte man fortan die Kräfte bündeln, am 13. September 2014 wurde das neue schmucke Funktionsgebäude samt Außentribüne eröffnet.

Während sich nach und nach eine winzige schwarz-rote Fangruppe bildete, die auch die neuen Fahnen an den Zäunen befestigte, blieben die meisten älteren FCV-Fans den Spielen fortan komplett fern. »Das ist nicht mehr mein Verein!«, bekam ich immer wieder zu hören. »Mit Viktoria konnte ich ja noch einigermaßen leben, mit diesem neuen Konstrukt allerdings nicht mehr!«, klagten andere Fans.

Es tat in der Seele weh, als ich mit meinem jüngeren Sohn im Frühjahr 2015 mit Hansa Rostock II vor Ort in Frankfurt war und die Hansa-Fans für gute Stimmung sorgten und auf der Heimseite weitgehend einfach nur Stille herrschte. Meine Güte, was hätte Frankfurt für ein Potential, dachte ich schon damals. Dieses geniale Old-School-Stadion, die Lage, der lässige Weg vom Bahnhof hinunter, der Uferweg an der Oder, der Spaziergang rüber nach Słubice, um dort eine Schnitzelplatte zu futtern oder ein paar frisch Gezapfte zu tanken.

Wie eingangs erwähnt, tat sich in den letzten fünf Jahren etwas. Just zum Zeitpunkt, als mein Fußballroman über Vorwärts im Frühjahr 2022 rauskam, kam wieder Bewegung rein. Die Traditionstreffen der FCV-Fans wurden wieder größer, Dampferfahrten auf der Oder wurden organisiert, im Stadion selbst wurden wieder gelb-rote Stoffe angebracht. Beim Heimspiel gegen den SV Altlüdersdorf (6:1) am 21. Mai 2022 wurden an der Gegengeraden zahlreiche gelb-rote Zaunfahnen befestigt, und nach Abpfiff kam die überraschte Mannschaft zum Gruppenfoto rüber. »FCV für immer!« war nun fortan stets am Zaun neben dem Bierstand zu lesen, daneben bildete eine weitere große, frisch genähte rot-gelbe Zaunfahne einen hübschen Farbtupfer.

In jüngerer Vergangenheit hatten viele ältere Fans eine andere Meinung. Manche sind frohen Mutes, dass mit Hilfe einer Mitgliederversammlung eine Rückbenennung möglich sei. Andere bleiben diesbezüglich eher skeptisch, und wiederum einzelne bezeichnen das jetzige Anbringen der alten Stoffe als »reine Folklore«.

Nach all den Zeiten voller Tristesse und den Rückschlägen ist es allzu verständlich, dass viele (noch) skeptisch sind, was eine mögliche Rückbenennung betrifft, doch nahm das Ganze zuletzt wirklich Tempo auf. Sah es bereits gegen Stahl Brandenburg recht ordentlich aus, so wusste der Auftritt – trotz des derben Regens – jüngst gegen Stahl Riesa wirklich zu gefallen. Ich bleibe dabei: Standort und Stadion sind ein echtes Pfund – der FC Vorwärts ist ein schlafender Riese, wenn man allein an all die neugierigen Groundhopper aus Nah und Fern und das mögliche Merchandising-Potential denkt! Sport frei!

Marco Bertram, Jahrgang 1973, stammt aus Ostberlin. Er arbeitet als freier Autor und Fotojournalist und hat mehrere Fußballbücher geschrieben. 2022 erschien sein ­Roman über Vorwärts Berlin/Frankfurt (Oder). Bertram ist Anhänger von Hansa Rostock und dem BFC ­Dynamo, zugleich pflegt er eine ausgeprägte Sympathie für zahlreiche kleinere Vereine der Region.
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Erschienen in der Beilage vom 19.08.2026, Seite 2, Sport

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