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Spanischer Bürgerkrieg

Ein filmreifes Leben

Spanischer Bürgerkrieg: Ein Deserteur, der der Hinrichtung entging, aus dem Straflager floh und jahrzehntelang als Phantom lebte. Eine Spurensuche in der Familiengeschichte

Von Carmela Negrete
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Frauen flehen frankistische Soldaten in Constantina bei Sevilla an, das Leben ihrer gefangenen Angehörigen zu schonen (1936)
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Begnadigungsgesuch von Manuel Calderón Pascual aus Tanger, in dem seine Desertion während des Krieges und seine Flucht aus dem Arbeitslager erwähnt werden (1952)
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Frankisten auf dem Weg zum Tagebaugebiet von Rio Tinto (August 1936)
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Faschisten am Eingang von Nerva
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Massengrab für von den Frankisten ermordete Republikaner in Rio Tinto
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Faschistischer Aufmarsch mit Kindern durch Nerva 1937

Wäre seine Geschichte nicht durch Akten, Briefe und Gerichtsunterlagen belegt, könnte man sie für das Drehbuch eines Abenteuerfilms halten: Ein junger Soldat desertiert mitten im Spanischen Bürgerkrieg, wird zum Tode verurteilt, entkommt einem Straflager, flieht nach Nordafrika und kehrt trotz Haftbefehlen und Verfolgung jahrzehntelang heimlich in sein andalusisches Heimatdorf zurück. Doch die Geschichte von Manuel Calderón Pascual, in Nerva, einer Bergarbeiterstadt in der Provinz Huelva im Südwesten Andalusiens nur als »El Lito« bekannt, ist keine Legende. Sie ist Teil meiner Familiengeschichte.

Als ich begann, die Spuren von »El Lito« zu verfolgen, stieß ich nicht nur auf Archivmaterial wie Militärakten, sondern auch auf Erinnerungen meiner eigenen Familie. Viele der Ereignisse, die sein Leben bestimmten, hinterließen tiefe Narben bei den Menschen, die ihm nahestanden. Einer war mein Großvater Demófilo Navarro Arias, den ich 2015 für die Zeitung Diagonal interviewte.

Als im Juli 1936 der Spanische Bürgerkrieg begann, war Manuel Calderón 21 Jahre alt. Ob er damals Landarbeiter oder bereits Berufssoldat war, ist unklar. Sicher ist nur, dass er nach dem Militärputsch auf der Seite der franquistischen Aufständischen kämpfte und es bis zum Rang eines Sergeanten brachte. Das zeugt davon, dass er wahrscheinlich nicht sehr politisch war, denn er desertierte nicht am Anfang des Krieges oder kämpfte gar gegen die Faschisten, sondern passte sich zunächst den »Umständen« an.

Spanien war damals noch eine junge bürgerliche Demokratie. Der Aufstand unter General Francisco Franco wurde von Anfang an von Hitlers Deutschland und Mussolinis Italien unterstützt. Aus dem Militärputsch entwickelte sich ein Krieg, der zugleich Bürgerkrieg und internationales Experimentierfeld des europäischen Faschismus war.

Nerva bekam die Gewalt früh und besonders hart zu spüren. Im August 1936 wurde der Ort zunächst bombardiert. Wenige Tage später marschierten franquistische Truppen ein. Sie wollten ein Exempel statuieren an den Linken, den Anarchisten und Gewerkschaftern. Hunderte Menschen wurden ermordet. Zu den Opfern gehörte auch Manuels Schwester Antonia Calderón Blanco – meine Ururgroßmutter. »Meine Großmutter hieß Antonia Calderona Pascual, aber alle nannten sie nur die Calderona«, erzählte mir mein Großvater 2015. Sie betrieb im Viertel einen kleinen Laden und verkaufte Milch und Lebensmittel. »Ich sehe noch heute die großen Milchkannen vor mir. Sie war ein großzügiger Mensch und half den Leuten, wann immer sie konnte.«

Obwohl sie nie Mitglied einer Partei gewesen sein soll, wurde sie von lokalen Anhängern der Falange als »Rote« denunziert. Die franquistischen Milizen unterzogen sie dem sogenannten Paseíllo, einer öffentlichen Demütigung, die vielen Frauen der republikanischen Seite widerfuhr. Ihr Kopf wurde geschoren, sie wurde nach der Verabreichung von Abführmitteln öffentlich gedemütigt und gezwungen, die Kirche zu reinigen. Anschließend ermordeten die Franquisten sie mit einem Kopfschuss ohne Verfahren. Ihr Leichnam verschwand wie die Überreste Hunderttausender anderer Opfer in ganz Spanien in einem anonymen Grab. »Sie banden die Frauen an einen Pferdewagen und fuhren sie durchs Dorf«, erinnerte sich mein Großvater. »Die Leute lachten sie aus, bis sie die Friedhofsmauer erreichten. Dort wurden sie erschossen.«

Insgesamt wurden in der Region um die Minen von Rio Tinto innerhalb weniger Tage rund 1.500 Menschen von den Putschisten ohne Gerichtsverfahren hingerichtet und in einem Massengrab verscharrt – dem größten bislang bekannten Massengrab in einer ländlichen Gemeinde Spaniens.

Der Familienüberlieferung zufolge war die Ermordung seiner Schwester der Wendepunkt im Leben des jungen Unteroffiziers Manuel Calderón Pascual. Als »El Lito« während eines Heimaturlaubs vom Schicksal Antonias erfuhr, soll er seine Rangabzeichen abgelegt und sich der republikanischen Seite angeschlossen haben. Um der Verfolgung zu entgehen, habe er sich zeitweise sogar als Frau verkleidet.

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Der in Barcelona lebende Jaume Miró Calderón war eigentlich auf der Suche nach den sterblichen Überresten seines Großvaters José Antonio Calderón Ledesma. Bei seinen Archivforschungen stieß er auf ein umfangreiches Dossier über »El Lito«. Die Akten ermöglichten erstmals eine Rekonstruktion seines außergewöhnlichen Lebens.

Demnach desertierte Manuel Calderón am 26. Januar 1938 an der Front bei Carabanchel Bajo in Madrid. Er verschwand kurz nach 20 Uhr und nahm ein Mauser-Gewehr, 150 Schuss Munition und zwei Handgranaten mit.

In Unterlagen der Fundación Pablo Iglesias wird Manuel Calderón als Landarbeiter und Mitglied der Gewerkschaft UGT geführt. Trotz seiner Anbindung an die Arbeiterbewegung kämpfte er bis 1938 auf der Seite der Franquisten. Allerdings wurden viele Männer in den von den Putschisten kontrollierten Gebieten zwangsweise zur Armee eingezogen. Politische Überzeugungen mussten oft verborgen werden, um zu überleben.

Nachdem seine Desertion bekannt geworden war, leitete ein Militärgericht in Talavera de la Reina ein Verfahren ein. »El Lito« wurde wegen »militärischer Rebellion« gesucht, was eine bittere Ironie darstellt, da die eigentlichen Rebellen die Putschisten selbst waren. Im September 1938 wurde er offiziell für fahnenflüchtig erklärt.

Nach Kriegsende geriet er in die Fänge des Regimes. 1939 wurde er verhaftet, nach Huelva gebracht und vor ein Kriegsgericht gestellt. Das Urteil lautete: Tod durch Erschießen. Doch die Strafe wurde in 30 Jahre Zwangsarbeit umgewandelt. »El Lito« kam in das Straflager Almadén del Azogue in der Provinz Ciudad Real. Das war eine Mine, in der Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Franco hat rund 300 Konzentrationslager mit Zwangsarbeitern in ganz Spanien betrieben, wie der Journalist Carlos Hernández de Miguel recherchiert hat.

Im April 1943 gelang »El Lito« die Flucht. Über deren Umstände existiert bis heute eine Überlieferung in der Familie, die fast zu spektakulär klingt, um wahr zu sein. Demnach bat »El Lito« um die Beichte. Als der Priester vor ihm niederkniete und zu beten begann, schlug er ihn bewusstlos, nahm ihm die Schlüssel ab und verschwand. Damit beginnt der wohl filmreifste Teil seines Lebens. Der Legende nach floh er gemeinsam mit einem weiteren Häftling bis an die nordafrikanische Küste. Angeblich banden sich beide an einen Baumstamm und ließen sich übers Meer treiben. Ob die Geschichte stimmt, ist ungewiss.

Sicher ist nur, dass »El Lito« tatsächlich Marokko erreichte. Dort beantragte er über das spanische Konsulat in Tanger eine Begnadigung. Ein entsprechendes Schreiben hat Jaume Miró Calderón in den Archiven gefunden. Die Begnadigung für die Desertion wurde offenbar gewährt. Eine zweite Begnadigung für die Flucht aus dem Straflager jedoch nie.

Trotzdem überlebte »El Lito«. Jahrzehntelang lebte er unter falschen Identitäten und tauchte immer wieder unter. Nach Angaben seiner Familie soll er in verschiedenen Ländern Lateinamerikas gelebt und dort mehrere Familien gegründet haben. Gesichert ist lediglich die Existenz einer Tochter namens Antonia Calderón, die in der Nähe von Sevilla leben soll.

Für seine Angehörigen in Nerva blieb er lange Zeit eine Art Phantom. Immer wieder tauchte er überraschend auf, meist im Sommer, begrüßte Verwandte und verschwand wieder. So brachte er laut Familienerinnerungen einmal in den von Armut gezeichneten Nachkriegsjahren einen ganzen Schinken mit. Offiziell hörte die Familie erst 1962 wieder von ihm. Selbst danach blieb er bis zum Ende der Franco-Diktatur vorsichtig und lebte weitgehend im Verborgenen.

Die Erinnerungen meines Großvaters zeigen, dass die Gewalt nicht mit dem Ende des Krieges aufhörte. »Nach dem Krieg töteten sie sogar noch mehr Menschen«, erzählte er. »Die Nachkriegszeit dauerte nicht bis 1941, wie manche sagen. Hunger und Elend begleiteten uns bis weit in die 50er Jahre.« Sein Vater starb früh. Die Mutter konnte die fünf Kinder kaum ernähren. Schließlich mussten er und sein Bruder in einem staatlichen Waisenhaus leben. Dort wurden die Kinder gezwungen, jeden Morgen die franquistische Hymne »Cara al Sol« zu singen.

Die Armut der Nachkriegszeit prägte eine ganze Generation. Mein Großvater arbeitete in den Minen und stellte nach der Arbeit Holzkohle her. Seine Frau putzte Häuser und verkaufte Brot. Oft legten sie kilometerlange Wege zu Fuß zurück. Unterwegs sahen sie immer wieder weiße Kreuze aus Kalk am Straßenrand. »Die Alten sagten uns: Dort liegen Menschen, die den Friedhof nie erreicht haben«, erzählte er. Ich habe auch viele dieser Kreuze gesehen.

Nach dem Tod Francos kehrte »El Lito« schließlich nach Spanien zurück. Hier verliert sich seine Spur erneut. Wo er seine letzten Jahre verbrachte, wann genau er starb und wo er begraben wurde, ist bis heute unbekannt. Doch die eigentliche Geschichte endet nicht mit seinem Verschwinden. Sie lebt in den Akten weiter, in dem Massengrab am Friedhof, in den Überresten, die noch in Plastikkisten sind und auf eine Identifizierung warten, und in den Erinnerungen der Familien, die Jahrzehnte lang schwiegen.

Auch in meiner eigenen Familie. Als ich meinen Großvater fragte, ob er sich nach all den Jahren Gerechtigkeit wünsche, antwortete er, dass Entschädigungen wohl kaum mehr möglich seien. Die Dokumente seien verloren, die Zeugen tot. Doch einen Wunsch hatte er noch. Er wollte eines Tages zum Massengrab von Nerva gehen, Blumen niederlegen und die Geschichte seiner Großmutter erzählen. Die Geschichte der Calderona. Die Geschichte von »El Lito«. Doch dazu kam er nicht, weil er kurz darauf einen Schlaganfall erlitt und nicht mehr sprechen konnte. Er konnte seine Oma nicht identifizieren mittels DNA. Aber hier ist seine Geschichte, eine von den Hunderten nur aus diesem einen Dorf, erzählt für die weiteren Generationen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.06.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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