Alles für die Katz
Loslabern als soziales Kunstwerk der Zumutung: Die New Yorker Schriftstellerin Fran Lebowitz vergangene Woche im Hamburger Schauspielhaus
Fran Lebowitz ist eine New Yorker Autorin aus der Vergangenheit in der Gegenwart. Eine Ikone, eine Legende, eine Frechheit. 1950 geboren, veröffentlicht sie 1978 und 1981 zwei satirische Essaysammlungen mit den Titeln »Metropolitan Life« und »Social Studies« und wird mit ihnen reich und berühmt. In den Texten beschreibt sie sich selbst als alleinstehende junge Bohemienne. Zudem gibt sie lakonisch aberwitzige Ratschläge zum Umgang mit modernen Trends, gesellschaftlichen Konventionen und neuen Technologien. Die Texte, ihr Biss und ihre Selbstironie sind bis heute aktuell geblieben.
Die beiden Bücher brachten Fran Lebowitz Ruhm und Ehre in der New Yorker Society und damit auch außerhalb, weil New York in den frühen 80ern halt sehr hip war. Die Autorin selbst geriet aber in eine Schreibblockade, in der sie bis heute steckt, Nur einmal kurz lockert sich wieder was bei ihr: 1994 publiziert Fran das Kinderbuch »Mr. Chas and Lisa Sue Meet the Pandas«. Danach wieder die Blockade.
Trotzdem arbeitet die Autorin weiterhin mit Sprache. Wegen ihrer scharfen Beobachtungsgabe, starken Meinung, absoluten Schlagfertigkeit, originellen Persönlichkeit und vor allem ihrer spitzen Zunge ist sie ein gerngesehener Gast in Talkshows, bei Diskussionen und Vorträgen. Lebowitz verfasst keine Texte mehr, schreibt keine Bücher. Doch sie spricht, viel und schnell. Sie lästert, kommentiert, spottet, nörgelt, was das Zeug hält, bis die Wände bersten.
Jeder Mann, jede Frau, jedes Kind wird durch den Kakao gezogen. Jedes Gefühl, jeder Zustand, jeder Sinnzusammenhang verhöhnt. Kein Stift, kein Stuhl, kein Gerät ist ihr gut genug. Alles ist für die Katz. Menschen, Tiere, Moden – nichts ist vor Fran Lebowitz sicher, nichts ist ihr heilig. Im Grunde meckert sie nur rum, und dennoch lacht man darüber, weil ihr Wortwitz so meisterhaft ist.
Andy Warhol, für dessen Zeitschrift Interview sie bis zu seinem Tod Artikel verfasst hatte, bezeichnete sie als unangenehm. Warhols Kunst nennt sie langweilig und überschätzt. Und New York? Die Stadt, die alle begehren? Danke, nein! Für Fran Lebowitz ist New York eine einzige Zumutung.
Positiv äußert sich die Autorin nur über ihre 2019 verstorbene Schriftstellerfreundin Toni Morrison oder über ihren Filmfreund Martin Scorsese. Der drehte 2021 mit ihr die Low-Budget-Dokuserie »Pretend It’s a City« für Netflix. Die bitterböse Zunge der Autorin kommt gut an. Fran Lebowitz wird zum Weltstar des Loslaberns. Ihre Bücher werden nun auch in Deutschland, verlegt. Seitdem befindet sich die Autorin auf weltweiten »Labertouren«.
Zwei Stationen hat sie gerade in Deutschland absolviert: die Urania in Berlin und am vergangenen Dienstag das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, wo sie ausgerechnet von Jan Böhmermann anmoderiert wurde. Die beiden mimen im ersten Drittel einen Talk über die aktuelle US-Politik und die damit zusammenhängende Ratlosigkeit in Deutschland. Böhmermann fragt, wie Deutschland helfen könne. Lebowitz fordert ihn auf, er solle wählen kommen. Sie verrate ihn auch nicht, falls das illegal sei. Jan fragt, welche Gesetze man ändern müsse. Daraufhin zündet Lebowitz sich eine Zigarette an, nimmt langsam einen Zug, dann den zweiten, den dritten. Das überwiegend junge Publikum in dem mit 1.200 Plätzen ausverkauften Saal hält den Atem an. Helmut Schmidts Geist erscheint und raucht auch noch eine. Lebowitz zwinkert Böhmermann zu und sagt: die Rauchergesetze!
Böhmermann verlässt schließlich die Bühne und setzt sich in die vorderen Reihen zum Volk. Fran Lebowitz tritt ans Pult und beginnt zu predigen. Angeblich hat ihr das Publikum via zuvor auf die Schauspielhausleinwand projiziertem QR-Code Fragen gestellt. Die liest sie ab und ihre Antworten gleich dazu. Viele davon kursieren bereits in sozialen Netzwerken und in Zeitungsinterviews mit der Autorin. Wie etwa die von einem jungen Fan, der Lebowitz auf seinem Mobiltelefon ein altes Foto von ihr zeigt, auf dem sie 20 oder 30 Jahre alt ist. Der Fan fragt: »Sind Sie das?« Lebowitz: »Nein, ich bin hier, das Foto, das war ich mal. Und sei dir sicher, dir steht das auch noch bevor.«
→ Fran Lebowitz: New York und der Rest der Welt. Aus dem Englischen von Sabine Hedinger und Willi Winkler. Rowohlt, Hamburg 2023
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