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Oper

Auf der Couch

Zemlinsky und Bartók: Doppelpremiere an der Wiener Staatsoper

Foto: Marcel Urlaub/Wiener Staatsoper
Eine Bühne für die Mörder

Während des Orchestervorspiels zu Alexander Zemlinskys »Florentinischer Tragödie« hebt und senkt sich der Vorhang mehrmals hektisch. Regisseur Vasily Barkhatov nutzt die kurze Zeitstrecke, um die Rahmenhandlung zu exponieren, mit der er den 1917 in Stuttgart uraufgeführten Einakter gemeinsam mit dem von Béla Bartók, »A kékszakállú herceg vára« (»Herzog Blaubarts Burg«), der ein Jahr später in Budapest Premiere hatte, in ein gemeinsames dramaturgisches Konzept zu zwingen sucht – unterstrichen dadurch, dass die weiblichen Hauptrollen in den beiden Stücken, die unterschiedlicher kaum sein könnten, mit der litauischen Starsängerin Asmik Grigorian besetzt sind. Barkhatov – der auch noch Grigorians Exmann ist – bringt nun ein Paar auf die Bühne, deren Ehe zu scheitern droht und dem ein Therapeut deshalb ein Rollenspiel verordnet.

Das Rollenspiel ist Zemlinskys »Florentinische Tragödie« nach Oscar Wilde: Der Tuchhändler Simone kehrt von einer Geschäftsreise zurück und findet seine Frau Bianca mit einem Liebhaber vor. Zunächst versucht er, das Offensichtliche zu ignorieren und mit dem »Prinzen« Geschäfte zu machen – bis die Lage doch eskaliert, sich die beiden Männer duellieren und Simone den Nebenbuhler schließlich erwürgt. Damit aber ist die Ehe so überraschend wie schlagartig gerettet: »Warum hast du mir nicht gesagt, dass du so stark?« sind Biancas letzte Worte, ehe das Paar ins Bett geht. Simone entgegnet: »Warum hast du mir nicht gesagt, dass du so schön?« Vorhang.

Christian Schmidt hat für Barkhatov einen großzügigen Raum mit Sichtbeton, einer quer durchs Bild führenden Treppe und Designer-möbeln gebaut. Asmik Grigorian brilliert als Bianca, die Rolle des Simone ist mit dem so markanten wie textdeutlichen Bariton Christopher Maltman besetzt. Beim Nebenbuhler Guido Bardi freilich beginnt das Regiekonzept, Probleme zu machen: Er ist identisch mit dem Psychotherapeuten aus der Rahmenhandlung und mit dem Charaktertenor Dmitry Golovnin besetzt, während die Rolle doch einen »jungen Liebhaber« mit tenoralem Schmelz fordert. Dirigent Alain Altinoglu bringt die expressive, farbenreiche Musik von Alexander Zemlinsky großartig zum Leuchten und zum Blühen.

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Nachdem die Ehe um den Preis eines Mordes gerettet scheint, findet sich das Paar nach der Pause im selben Bett in derselben schicken Innenarchitektur wieder, die jetzt als »Blaubarts Burg« herhalten muss; auch der tote Therapeut liegt noch auf der Bühne herum. Bianca ist jetzt Judith, und Grigorian überzeugt auch in dieser Rolle; Blaubart, ihr männliches Gegenüber – in der »Rahmenhandlung« mit Simone identisch –, wird allerdings von Florian Boesch verkörpert, der für seine sängerische Glanzleistung (auf Ungarisch!) zurecht genauso bejubelt wurde wie Golovnin und Grigorian. Das Konzept des derzeit weltweit gehypten russischen Regisseurs geht spätestens hier aber endgültig nicht mehr auf. Bianca und Simone, so Barkhatov im Programmheft, machten sich nun daran, »alle früheren Etappen ihrer Beziehung ein für alle Mal aufzuarbeiten«. Das symbolistische Stück nach einem Libretto von Béla Balázs ist dafür denkbar schlecht geeignet: Judith, in Blaubart verliebt, folgt ihm in seine düstere Burg – ob es für ihre Liebe aber eine glückliche Erfüllung, gar in einem Ehebett, geben kann, scheint von Beginn an mehr als fraglich. Nach und nach erzwingt sie die Öffnung der sieben Türen, hinter denen sich Blaubarts Geheimnisse verbergen: eine Folterkammer, eine Schatzkammer, ein Garten usf., schließlich Blaubarts frühere Frauen hinter der siebten Tür. In Handlung wie Musik setzen bei Bartók/Balász die Türöffnungen die entscheidenden Akzente. Aus den geöffneten Türen fällt unterschiedliches Licht auf die dunkel vorgestellte Szene, und Bartók komponiert diese Lichtwechsel auch auf höchst subtile Weise.

Alain Altinoglu gelingt es glänzend, dieses quasi impressionistische Farbenspiel in feinen Schattierungen von Licht und Dunkelheit zum Klingen zu bringen, und als die fünfte Tür zu den weiten Landschaften von Blaubarts Reich hin sich öffnet, ist die orchestrale Kraftentfaltung geradezu körperlich spürbar. Auf der Szene indes findet »Blaubart« nicht statt. Die dunkle Burg ist ein hell erleuchteter Raum, auch die markanten Türöffnungen als Schwellenüberschreitungen sind nicht wirkungsvoll in Szene gesetzt. Anstatt ein Bild für den Tränensee zu finden, präsentiert Vasily Barkhatov »hinter der sechsten Tür« ein über-dimensionales Kinderzimmer, um seine Psychoerzählung mit der Leiche eines verstorbenen Kindes im Keller weiter auszustaffieren. Interessanter wäre es gewesen, auszubuchstabieren, was Wendelin Schmidt-Dengler zur »Blaubart«-Premiere 1985 schrieb: »Der Herrschertypus überdimensionalen Zuschnitts, wie ihn expressionistische Autoren als Angst- oder Wunschprojektionen entwerfen, hatte seine Schuldigkeit getan und konnte auch nicht mehr zu einem Faszinosum für den marxistischen Schriftsteller Balász werden.«

Die Kopplung der »Blaubart«-Oper mit Arnold Schönbergs »Erwartung«, die Götz Friedrich 1985 an der Wiener Staatsoper wählte, hätte mit dem Regiekonzept vermutlich besser harmoniert. Dass Zemlinskys »Florentinische Tragödie« wieder einmal zu hören ist, muss aber uneingeschränkt begrüßt werden. Und musikalisch ist der Abend ohnehin beglückend. In keinem Opernhaus der Welt sitzt ein Orchester im Graben, das gleißende Farben und Abstufungen von Dunkelheit so plastisch herauszuarbeiten vermag.

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Erschienen in der Ausgabe vom 16.10.2026, Seite 11, Feuilleton

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