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Aus: Ausgabe vom 07.11.2022, Seite 5 / Inland
Acht Prozent mehr Lohn

Luft nach oben

Bilanz der ersten Warnstreikwoche: 200.000 Metaller im Ausstand. Tarifverhandlungen werden diese Woche fortgesetzt. Arbeitsniederlegungen auch
Von Gudrun Giese
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Kräfte sammeln – oder: Ruhe vor dem Sturm wütender Kollegen (Rostock, 4.11.2022)

Mit ihren Warnstreiks zeigten sie, was sie vom »Angebot« der Unternehmensseite hielten: nichts. Nach Angaben der IG Metall legten 200.000 Beschäftigte in der vergangenen Woche kurzzeitig die Arbeit nieder. Allein am Freitag seien mehr als 83.000 Streikende hinzugekommen. Seit der vergangenen Woche habe es Aktionen in mehr als 1.000 Betrieben gegeben.

In der dritten Tarifverhandlungsrunde hatte die Kapitalseite überhaupt erstmals etwas offeriert, nämlich eine steuer- und abgabenfreie Einmalzahlung in Höhe von 3.000 Euro für zweieinhalb Jahre. Der Erste Vorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann, hatte die Einmalzahlung als »Scheinriesen« bezeichnet. Sie sehe nur auf den ersten Blick groß aus, werde bei genauer Betrachtung aber immer mickriger. Auf dreißig Monate Laufzeit gerechnet, ergäbe sich eine monatliche Erhöhung von 100 Euro, was bei einem Durchschnittsentgelt in der Metall- und Elektroindustrie wenig über zwei Prozent pro Jahr entspreche.

Die IG Metall fordert acht Prozent mehr Lohn und Gehalt bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Entsprechend reagierten Beschäftigte und Gewerkschaft auf die Vorstellung, angesichts der hohen Inflation könnten die Lohnabhängigen sich mit einem einmaligen Almosen abspeisen lassen. Allein im Tarifbezirk Berlin-Brandenburg und Sachsen legten rund 15.000 Kollegen die Arbeit nieder. »Es brodelt in den Betrieben«, sagte die zuständige Verhandlungsführerin und IG-Metall-Bezirksleiterin Irene Schulz. Es seien deutlich mehr Kollegen vor das Werktor gekommen, als erwartet, erklärte Jan Otto, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Berlin am Freitag.

In Nordrhein-Westfalen fanden vergangene Woche Warnstreiks in etwa 130 Betrieben der Metall- und Elek­troindustrie statt. Donnerstag vormittag versammelten sich allein rund 5.000 Beschäftigte von Ford und Zuliefererbetrieben zu einer Kundgebung in Köln.

In den nördlichen Bundesländern Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen zogen seit dem Ende der Friedenspflicht am letzten Oktoberwochenende 24.400 Beschäftigte vor die Werkstore von 130 Betrieben. Am Donnerstag beteiligten sich in den nördlichen Bundesländern rund 5.000 Beschäftigte aus dreißig Unternehmen an den Arbeitsniederlegungen. Am Freitag zählte die Gewerkschaft 7.300 Teilnehmende aus 70 Unternehmen an den Protestaktionen. Ein Schwerpunkt war die Luftfahrtindustrie mit den Airbus-Betrieben in Bremen und Nordenham sowie von Premium Aerotec in Varel. Auch Beschäftigte von Mercedes und Lear in Bremen legten die Arbeit nieder.

Im stark von der Metallindustrie geprägten Baden-Württemberg waren insgesamt 37.500 Beschäftigte seit Warnstreikbeginn im Ausstand. Streiks gab es etwa bei Liebherr-Mischtechnik in Bad Schussenried, beim Handtmann Metallgusswerk in Biberach, dem Motorenhersteller Rolls-Royce-Power-Systems und ZF in Friedrichshafen. Maren Of, Gewerkschaftssekretärin der IG Metall Stuttgart und Betriebsbetreuerin der Lapp GmbH, betonte am Freitag: »Acht Prozent sind nicht zuviel.« Mit Verweis auf die IG-Metall-Betriebsräteumfrage erinnerte sie, dass die Lage in der großen Mehrheit der Betriebe stabil ist. »Die deutsche Metall- und Elektroindustrie steht nicht vor dem Abgrund.«

In Baden-Württemberg und Bayern findet am Dienstag die inzwischen vierte Verhandlungsrunde statt. Am Tag zuvor will die IG Metall in Bayern ihre Warnstreiks fortsetzen. Auch die IG Metaller in Baden-Württemberg und an der Küste haben für diesen Montag erneut Arbeitsniederlegungen angekündigt. Berlin will am Montag »Luft holen« und ab Dienstag zeigen, »dass wir den Druck auch noch erhöhen können«, so Gewerkschafter Otto.

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