Zum Inhalt der Seite
Kapitalismus

Die Hölle vermessen

Der kommunistische Geograph Phil A. Neel schreibt die Kritik der politischen Ökonomie als Horrorgeschichte – mit positiver Aussicht

USA
Foto: ZUMA Wire/imago images
Es gibt keine Peripherie außerhalb des Zugriffs der kapitalistischen Ordnung. Errichtung eines Industrie- und Logistikparks in der Mojave-Wüste am Rande von Las Vegas (18.8.2016)

Bladen County in North Carolina ist eine arme, ländliche Gegend, und es gibt dort sehr viele Schweine. Hier leben mehr als zwanzigmal so viele Schweine wie Menschen. Sie stehen in Hallen, und was aus ihnen herauskommt, muss irgendwohin: in offene Lagunen, aus denen es unbehandelt als billiger Dünger über die Felder gesprüht wird. Bei passender Luftfeuchtigkeit und entsprechender Temperatur steigt es von dort als Nebel wieder auf. Wer diesem Gemisch aus Exkrementen und Körperflüssigkeiten ausgesetzt ist, leidet häufiger an Asthma, Anämie und Nierenschäden. Auch die Kindersterblichkeit ist hier höher als andernorts. Inmitten dieser Landschaft steht nämlich einer der größten Schlachthöfe der Welt. Täglich werden dort 35.000 Schweine verarbeitet, rund 900.000 Tonnen Fleisch pro Jahr. Die Geschichte der dortigen Fleischindustrie beginnt in den 1930er Jahren in einem Schuppen und entwickelt sich in den 1980er Jahren zu einem riesigen Industriezweig. Seit 2013 gehört Smithfield Foods mehrheitlich der chinesischen WH Group, geführt von Wan Long, einem Milliardär aus Henan.

Man kann das als Umwelt- und Gesundheitsskandal lesen oder als ein Beispiel für eine unmoralische Produktion. Der Autor Phil A. Neel liest es anders. Der Nebel ist für ihn die spürbare Gestalt eines gesellschaftlichen Verhältnisses. Er steht für ihn nicht nur für eine hyperindustrialisierte Landwirtschaft, die ganzen Regionen ihren Stempel aufdrückt. Neel nimmt ihn wörtlich als Teil einer Welt, die um die Ware herum gebaut ist und in der der Mensch nur Beiwerk ist: »Der Nebel ist Geld. Das Abwasser, das im Rachen brennt, ist vielleicht das Nächste, was einem Berühren des ›Kapitals‹ im Abstrakten gleichkommt.«¹ So fängt »Hellworld« an, ein Buch über die Hölle, die unseren Planeten umspannt.

Im November 2025 wusste ich noch nichts von »Hellworld«, das jetzt als Taschenbuch vorliegt. Zu dieser Zeit fand die alljährliche Historical-Materialism-Konferenz in London statt. Ich war das erste Mal vor Ort. Viele Panels waren überfüllt, die Themen wirkten niederdrückend auf mich. Krieg und Zerstörung bestimmten den Ton. Ein Aufbruch war nicht zu spüren. Zufällig setzte ich mich in eine Veranstaltung mit dem Titel »Hellworld«. Es war die Buchpremiere. Mehr als hundert Menschen quetschten sich in den Raum. Die Stühle reichten nicht, die Leute nahmen auch auf der Treppe Platz. Vorne saßen Søren Mau, Lala Lau und Zachary Levenson, dazu der Autor Phil A. Neel. Mich überzeugte das Format. Anders als im deutschsprachigen Raum, wo ein öffentlich geführter Disput die Ausnahme bildet, stellte sich der Autor den Kritikern, die er sich selbst eingeladen hatte.

Überall gleich

Die Themen waren weit gestreut. Mau thematisierte die Konsequenzen des Buchs für die politische Handlungsfähigkeit der Linken und ihren Kommunismusbegriff, Lau ging auf die Hongkonger Linke nach 1967 ein, und Levenson hob die Bedeutung der Universität in Daressalam, Tansania, für marxistische Theoriebildung hervor und mahnte, andere Zentren nicht zu übergehen, vor allem in Südafrika. Der Befund, der mich allerdings überraschte, war die entschlossene Absage von Neel an einen unter Linken grassierenden Pessimismus. Später machte er in einem Interview deutlich, dass »Hellworld« eine Antwort auf die Grundstimmung einer »trostlosen Linken«² sei, die angesichts eines »mondialisierten Kapitalismus«³ nach einem Jahrzehnt voller Aufstände, Revolten und verhinderter Revolutionen in den 2010er Jahren ihre praktischen und theoretischen Schwächen bisher nicht überwinden konnte.

Neel wuchs in einem Trailer in den Siskiyou Mountains auf, einem Gebirgszug zwischen den US-Bundesstaaten Kalifornien und Oregon. Nach Community College und Liberal Arts School machte sich Neel, der seit seiner Kindheit mit Arbeiten auf Bauernhöfen vertraut war, auf Reisen. 2010 ging er im Zuge der Rothemden-Rebellion nach Thailand und arbeitete dort auf einer Farm. Er nahm nach seiner Rückkehr in die USA an Occupy-Protesten teil, engagierte sich im Organizing in der Gastronomie in Seattle und wurde an der University of Washington in Geographie promoviert. Für die Forschung lernte er Chinesisch und später Swahili. Er lief Industriedistrikte im Perlflussdelta ab und forschte 2020 in Daressalam. Diese Stationen sind Orte klassischer geographischer Feldforschung. »Das bedeutet im Grunde genommen nichts anderes, als sich vor Ort umzuschauen (…) und mit den Menschen zu sprechen, die dort leben und arbeiten, um – mangels eines besseren Wortes – ein Gefühl für die ›Atmosphäre‹ zu bekommen, und dies dann mit der abstrakten Analyse von Datensätzen und wissenschaftlicher Literatur zu kombinieren, um eine schlüssige Erzählung zu schaffen.«⁴ Neel gelangte trotz all der kulturellen, politischen oder sprachlichen Besonderheiten, die er auf seinen Reisen wahrnahm und erlebte, zu der Einsicht, dass die grundlegenden sozialen Beziehungen überall dieselben seien. Überall herrscht Lohnarbeit, das Privateigentum ist rechtlich kodifiziert, und der Staat sichert diese Ordnung mit Gewalt.

Seine Begriffe hat Neel aus diesen Reisen gezogen. Einer davon gab seinem ersten Buch den Titel. »Hinterland« (2018) hat die Klassengeographie der USA seit den 1960er Jahren zum Gegenstand. Sein Blick richtet sich hierin auf die wachsenden Gebiete zwischen den boomenden Metropolen. Mit dem Hinterland ist keineswegs eine Peripherie außerhalb des Kapitalismus gemeint. Er versteht darunter Gebiete, die viel stärker in den unmittelbaren Produktionsprozess einer Gesellschaft eingebunden sind als etwa die Dienstleistungssektoren der Innenstädte der Metropolen.⁵ Das Hinterland gliedert er in ein nahes und fernes. Letzteres sind »ländliche« Gegenden, in denen Rohstoffe gewonnen und vorverarbeitet werden. Häufig leben diese Regionen von staatlichen Strukturhilfen, Schwarzmärkten und Schmuggel. Dazu gehören aber auch abgeräumte Innenstädte ehemals wichtiger Industriezentren. Das nahe, »suburbane« Hinterland hingegen ist der Ring um die Städte: Logistikhallen, Industrie- und Gewerbegebiete sowie Arbeitervororte. Dort wohnt der größte Teil der Stadtbevölkerung, in Europa in den Hochhaussiedlungen am Rand, deren Bewohner ins Zentrum pendeln. Eine der Thesen des Buchs besagt, dass sich die kommenden zentralen Klassenkonflikte in den Korridoren des Hinterlands entscheiden, wo die vom Wachstum Ausgeschlossenen leben und arbeiten.

Stahl, Beton und Zement

Neels Texte weigern sich, nur Wissenschaft zu sein. Das über 750 Seiten lange Buch »Hellworld« versteht er als »Geduldsprobe«. Die Lektüre grenze teilweise an »immersive Folter«, weshalb er eine Leseanleitung voranstellt, in der er Abkürzungen anbietet. Überhaupt präsentiert sich Neel nicht distanziert akademisch, aber auch nicht als Influencer, der eine parasoziale Interaktion anbietet. Er öffnet selbst verschiedenste Zugänge zu seinen Texten. Regelmäßig tritt er in Podcasts auf und kommentiert seine eigenen Texte. Für »Hellworld« hat er gar Musikplaylists für jedes Kapitel zusammengestellt. Das Buch ist nämlich »weniger eine politisch-ökonomische Analyse als vielmehr eine Kritik der politischen Ökonomie in Form einer Horrorgeschichte«.⁶ Hier gehen persönliche Geschichten, Literatur, Statistiken und Begriffsarbeit Hand in Hand mit einem am US-amerikanischen Naturalismus und »Cosmic Horror« geschulten Ton. Vorbild ist Marx’ Werk, das für Neel eine literarische Seite hat, weil es in ihm von gotischen Metaphern nur so wimmelt und man eine selbstgefällige, reine Kritik nicht findet. So wird bei Neel die Erdkruste als Schauplatz dargestellt, auf dem der Planet mit Stahl, Beton und Zement stranguliert wird, um zu verdeutlichen, dass in China zwischen 2011 und 2013 mehr Zement verbraucht wurde als in den USA im ganzen 20. Jahrhundert.⁷ Die weltumspannende Produktionsweise hat ihren »Körper mit der Erdkruste verschmolzen, die unzähligen Formen von Flora und Fauna verstümmelt und sogar das Fleisch der Gattung an sich gerissen und neu geformt, um es dem Muster ihres Rituals anzupassen«.⁸

Was dieses Verfahren leistet, zeigt sich an einem der zentralen theoretischen Anliegen Neels. Der Kapitalismus ist eine Gesellschaftsform planetarischen Ausmaßes geworden, die unzählige Materialmassen und Milliarden von Körpern einer Logik unterwirft, über die niemand verfügt. Das bedeutet, dass »jede einzelne Siedlungsballung fest in das soziotechnische Gewebe des Planeten eingewoben ist. Eine Stadt wie Daressalam wird buchstäblich von weltumspannenden Kräften konstituiert, die Massen anziehen und durch sie hindurchleiten. Und weil diese städtische Gesellschaft eine kapitalistische ist, formen diese Kräfte auch die soziale Herrschaft in den gebauten Raum hinein.«⁹ Die Masse aller Waren und Infrastrukturen ist die materialisierte Erscheinungsform der kapitalistischen Gesellschaft. Was Umweltwissenschaftler anthropogene Masse nennen und Geologen Technosphäre, das wiegt inzwischen – zieht man den Abfall ab – mehr als alles Lebendige: 1,15 Billionen Tonnen Beton, Schotter, Ziegel, Asphalt, Stahl.

Zwei Kurzschlüsse vermeidet Neel hier. Erstens treiben für ihn nicht die Maschinen das Ganze an. Die Idee einer Technosphäre sei eher ein Fetischismus im großen Maßstab, und die Kräfte, die die Maschinen in Gang halten, seien nicht unmittelbar technischer, sondern in erster Linie sozialer Natur. Der zweite Kurzschluss, der vermieden wird, ist, aus dem Kapital einen unbezwingbaren Dämon zu machen. Das viel beschworene »automatische Subjekt« sei nicht der Demiurg der Welt, sondern ihre Erscheinungsform. Das Bild des Demiurgen wird nur produziert »durch die Rituale der Anbetung, die es aufrechterhalten: Arbeit, Löhne und Konkurrenzkämpfe«.¹⁰ Die gegenwärtige Struktur soziotechnischer Einrichtungen ist Gegenstand des Klassenkampfes, der als ein grundlegendes Merkmal des Kapitalismus unvermeidlich ist. Er entscheidet darüber, wo und wie technische Infrastruktur entsteht. 2018 gab Google zum Beispiel nach monatelangen Protesten seinen geplanten Campus in Berlin-Kreuzberg auf.

Der theoretische Gewinn dieses Ansatzes besteht darin, dass Kapitalismus als eine mondialisierte Gesellschaft verstanden wird, die aus unterschiedlichen Teilen besteht, die miteinander in Wechselwirkung stehen, während das Ganze der Kapitallogik folgt. Dahinter steht Neels Marx-Lektüre. Er liest Marx als Verfechter einer »Werttheorie der Arbeit«.¹¹ Marx frage, warum das gesellschaftliche Produktionsvermögen überhaupt als Arbeit erscheint – und warum Arbeit erst dort Wert bildet, wo die Arbeitskraft Ware geworden ist. Für Neel folgt daraus: Wird irgendwo arbeitssparende Technik eingeführt, die die Lebensmittel und die Elemente des konstanten Kapitals verbilligt, sinkt der Wert der Arbeitskraft. Diese Steigerung des relativen Mehrwerts durchläuft dann »den gesamten planetarischen Produktionskomplex« und nicht nur die Branche, die jetzt billiger produziert.¹² Mit dem brasilianischen Ökonomen Ruy Mauro Marini führt Neel das an der sogenannten Grünen Revolution vor. Die Agrarproduktivität steigt, das Nahrungsangebot wächst, die Lebensmittelpreise fallen. Mit ihnen sinkt auch der Wert der Arbeitskraft in den Industrieländern. Erst dadurch lassen sich die Produktivitätsgewinne der Industrie in höhere Mehrwertraten übersetzen, und zwar im ganzen System.

Damit die Rechnung aufgeht, braucht es allerdings beständig neue Verbilligung, weil die Profitraten unter Druck geraten. Entweder wird die Arbeitskraft unter ihre Reproduktionskosten gedrückt – durch das Ausnutzen von regionalen Lohnunterschieden, durch die forcierte Erhöhung des Subsistenzpuffers, also des Teils der Reproduktion, der nicht über den Lohn läuft, und durch ein brutales Arbeitsregime vor allem für Migranten –, oder die Rohstoffe werden billiger gemacht, notfalls durch militarisierte Konflikte, die die Arbeit disziplinieren.¹³

Drei Parteien

Wenn es nur eine mondialisierte Gesellschaft des Kapitalismus gibt, dann stehen mehrere politische Fragen im Raum: Welche Bedingungen sind notwendig, damit eine Klasse handlungsfähig wird? Wie bildet sich eine organisatorisch gefestigte politische Subjektivität heraus? Neel entwickelt hierfür als ein noch nicht abgeschlossenes Projekt eine »Theorie der Partei«.¹⁴

Neel unterscheidet zwischen drei Begriffen der Partei und beginnt mit dem weitesten, der historischen Partei. Sie gärt unterhalb des gesellschaftlichen Alltagsbewusstseins und wird vor allem sichtbar, wenn sie aufwallt. Sie umfasst spontane Unruhen und Proteste, die aus den täglichen Kämpfen um den Lebensunterhalt und gegen Herrschaft immer wieder hervorbrechen. Man kann sie kaum vorhersehen, sie sind zunächst reaktiv, etwa infolge von Polizeigewalt. Kommunistisches Bewusstsein tragen diese Kämpfe nicht. Und doch wird in ihnen, so Neel, »das invariante kommunistische Programm immer neu geboren«.¹⁵ In ihnen werden zunächst die Interessen und Bedürfnisse gesellschaftlich geformter Identitäten vertreten, häufig richten sich die Forderungen an die bestehende Macht und verharren in den Formen gewohnter Politik. Ab einem bestimmten Punkt lösen sie sich von ihren Anlässen, dann können sie zu Massenaufständen werden. Weil die Grundgesetze des Kapitalismus gleich bleiben, kehren sie auch immer wieder.

Die »formalen Parteien« versuchen die immer wieder sichtbar werdende historische Partei festzuhalten, indem sich Menschen zusammentun, um sie zu organisieren und für zukünftige Ereignisse besser zu rüsten. Darunter fallen Formen wie Streikkomitees, organisierte Lesekreise oder Nachbarschaftsräte. Daraus können größere Gruppen und Organisationsformen erwachsen. Entscheidend ist für Neel nun weniger, wie die Gruppe sich selbst definiert, als was sie tut, insbesondere wenn die »historische Partei« zum Vorschein kommt. Hegt sie deren Praxis ein, oder treibt sie diese über deren Grenzen hinaus? Das Feld der »formalen Parteien« ist äußerst dynamisch. Sich selbst als revolutionär verstehende Gruppen können konservierend wirken. Sie können auch verknöchern oder Unmut in elektorale Bahnen lenken und damit entschärfen. Andersherum können aber auch festgefahrene Gruppen den Nährboden für neue Organisationsformen bilden oder bestehende Organisationen wie Kirchen oder Gewerkschaften neue parteiliche Aufgaben übernehmen.

Die »kommunistische Partei« kann aus dem Zusammenspiel der formalen Parteien und der historischen Partei entstehen. Mit ihr meint Neel nicht eine offizielle kommunistische Partei, die freilich Teil dessen sein kann. Er spricht von einer Metaorganisation, die sich zwischen dem bewegt, was man eine »internationale Bewegung« nennt, und dem strafferen organisatorischen Gefüge einer kommunistischen Internationale. Ihre Wirkmächtigkeit misst sich beispielsweise an Räten, die kommunistische Maßnahmen ergreifen und sich zu Assoziationen weiterentwickeln können. Sie ist »die Brutkammer der kommunistischen Gesellschaft«. In einer substantiellen Form ist sie heute nicht sichtbar, sie steckt immer noch in der Phase der »Verfinsterung« nach der Niederlage des historischen Sozialismus. Erste Keime existieren jedoch weltweit: vorpolitische Organisationen wie Kraftsportvereine, Serviceorganisationen, die sich auf gegenseitige Hilfe spezialisieren, Mietervereinigungen sowie Parteiorganisationen und -betriebe. In all diesen Formen ist immer auch der Ort für kommunistische »Konklaven«, die maulwurfsartig Verbindungen zwischen der historischen Partei, formalen Parteien und der kommunistischen Partei graben.

Anzeige

Obwohl dies relativ schwammig klingt und die Betonung eines zwar offenen, aber invarianten Vorgangs deterministische Interpretationen zulässt, reflektiert Neel hier Erfahrungen, die in den vergangenen Jahren immer wieder gemacht wurden. Wer in einen Aufruhr, eine Rebellion oder gar einen Aufstand hineinruft, dass man sich doch nur organisieren müsse, am besten bei den bestehenden Organisationen der Arbeiterbewegung, setze häufig ein »Wir« voraus, das aber nur schwach ausgeprägt sei. Zielführender seien Kompetenz und Mut in den Subsistenzkämpfen und in den über sie hinausweisenden Konflikten: »Politik steigt nicht von den erhabenen Höhen der politischen Bühne in den Geist herab, sondern sickert vielmehr von der Massenaktivität selbst nach oben.«¹⁶

Diese Parteitheorie hat das Ziel, zu verdeutlichen, dass es nur eine gesellschaftliche Waffe gibt, die gegen das weitverbreitete Gefühl der Machtlosigkeit angesichts sich verschärfender Zustände hilft: die kommunistische Partei. Sie ist in Verbindung mit der historischen Partei und den formalen Parteien ein Mittel zum Aufbau einer kollektiven Subjektivität, die ihre eigenen Entstehungsbedingungen aufhebt und einen funktionierenden Austausch der Menschheit mit ihrer natürlichen und sozialen Umwelt in Gang setzt. In seinem Text »Burgerwelt«, in dem er seinen kümmerlichen Lohn in einem Paketlager in Big Macs umrechnet, zeigt er anhand von Fast Food, dass diese Gesellschaft beispiellosen Überflusses ihre Arbeiter auf einem sehr niedrigen Kalorienniveau hält. Um also eine kommunistische Zukunft zu schaffen, müsse man erkennen, »dass es bei gesellschaftlichen Kämpfen nicht darum geht, für den Burger zu arbeiten, den Burger zu essen, zur Erhöhung der Lohnquote und damit der verfügbaren Burger für alle zu streiken, oder sogar alle Burger zu beschlagnahmen und sie unter die Kontrolle der Arbeiter*innen zu stellen. Die Aufgabe ist vielmehr, die Art und Weise zu verändern, wie der Burger selbst hergestellt wird.«¹⁷

Jenseits der Waren

Neels Thesen laden zum Widerspruch ein. Im Oktober erschienen die ersten großen Besprechungen von »Hellworld«. Der Geograph Swarnabh Ghosh nennt das Buch zwar eines der kühnsten Werke des jüngeren Marxismus, ein »prometheisches Horrorporträt der kapitalistischen Produktionsweise«, moniert aber zugleich, dass Neels Begriff des Kommunismus »das ganze Gewicht« des von ihm Gebauten nicht tragen könne. Die historische Partei liefere zwar den Rohstoff politischer Subjektivität, verbürge aber nicht, dass daraus ein Programm oder eine kommunistische Partei wird. Der Übergang von den verschiedenen Parteiformen zum wirkmächtigen kommunistischen Programm sei nicht sicher und unterbestimmt angesichts der notwendigen Bewegung des Kapitals.¹⁸ Auch Nabi Eullmann hält die Position von Neel bei allem Lob für ergänzungsbedürftig und möchte eine Brücke zum Prinzip einer universellen, republikanischen Demokratisierung schlagen.¹⁹

Die Kritik ließe sich durch zwei Hinweise entkräften. Der erste Hinweis ist ein Maßstab für eine kommunistische Praxis: Kommunistisch sei sie nur insoweit, als sie als Motor der Dekommodifizierung wirkt. Dass hierfür keine Anforderungen formuliert seien, lässt sich schwer sagen, denn in »Forest and Factory«, dem gemeinsamen Text mit dem Ingenieur Nick Chavez, werden sie entwickelt: Kommunismus heiße Nichtherrschaft, möglich gemacht durch materiellen Überfluss und freie Zeit. Er verlange unter anderem »die Vernichtung des Werts und damit des Preises«. Assoziationen hätten zu entscheiden, was und was nicht produziert wird, vor allem bei Energie, Material und Emissionen. Arbeitsgutscheine gelten nur als Übergang, der ohne Rückfall verschwinden muss.²⁰

Der zweite Hinweis, um die Kritiken zu entkräften, ist ein jüngeres Beispiel für revolutionäre Organisierung. 2013 entstanden im Sudan Nachbarschaftskomitees, die das Rückgrat der letztlich gescheiterten Dezemberrevolution im Sudan 2018/19 bildeten. Auf dem Höhepunkt gab es über 8.000 solcher Nachbarschaftskomitees. Sie umfassten Küchen, Schulen und Krankenstationen und entwickelten neben der alltäglichen Reproduktionsarbeit zusehends politische Programme. Auch in der Produktion setzten ähnliche Vereinigungsprozesse ein, so dass sich neben der offiziellen Verwaltung eine Parallelstruktur zu entfalten begann. Trotz ihres Scheiterns seien sie wahrscheinlich das »fortgeschrittenste Experiment in dieser Richtung«.²¹ Diese Erhebungen gelte es zu studieren.

Gemeinsam ändern

Am Ende von »Hellworld« sitzt Neel vor einer Kneipe in einem Hochtal unweit der tansanischen Großstadt Arusha. Aus der Jukebox singt der US-amerikanische Country-Musiker Merle Haggard: »Wenn wir den Dezember überstehen, haben wir vor, im Sommer in einer wärmeren Stadt zu sein.« Die alte Schotterstraße wird immer voller, und der aufgewirbelte Staub hüllt einen Tross von Menschen ein. Dann steht Neel auf und geht in die Staubwolke hinein. Er kann keine Gesichter mehr ausmachen, Körper stoßen gegen ihn, und doch spürt er die Anwesenheit der anderen und sich selbst in ihnen. Alle bewegen sich gemeinsam den Berg hinab. Werkzeuge klingen gegen Stein, Motoren ertönen in der Ferne. Die Szenerie wirkt nicht traurig, die Straße sogar eigentümlich vertraut. Der letzte Satz des Buches lautet: »Als wären wir schon einmal hier gewesen und würden diesen Weg wieder gehen.« Dies ist kein Trost, sondern die Haltung, aus der heraus das Buch geschrieben wurde. Die Hölle wird genau beschrieben, weil sie gemacht ist. Und was gemacht ist, kann man ändern.

Anmerkungen

1 Phil A. Neel: Hellworld. The Human Species and the Planetary Factory. Leiden/Boston 2025, S. 11. Die folgenden Übersetzungen stammen vom Verfasser.

2 Tim Barker: The Bleak Left. On Endnotes. In: N+1 (2017), Nr. 28, zit. n. Phil A. Neel on Hellworld: The Human Species and the Planetary Factory, www.mailchi.mp/haymarketbooks/hm-announcement-hellworld-interview

3 Vgl. Alessandro Mazzone: Kapitalistische Produktionsweise, Mondialisierung oder Globalisierung? In: sers.: »Wir dürfen keine Epigonen sein«. Politisch-philosophische Aufsätze zu Ideologie und kapitalistischer Produktionsweise. Köln 2026 (im Erscheinen)

4 Phil Neel with Komite. Hostile Brothers: New Territories of Value and Violence, www.brooklynrail.org/2023/11/field-notes/Phil-Neel-with-Komite/

5 Vgl. Phil A. Neel: Hinterland. America’s New Landscape of Class and Conflict. London 2018, S. 17

6 Neel: Hellworld (Anm. 1), S. 32

7 Vgl. ebd., S. 40 f.

8 Ebd., S. 87

9 Ebd., S. 689

10 Ebd., S. 116.

11 Ebd., S. 202

12 Ebd., S. 213

13 Vgl. ebd., S. 671 f.

14 Phil A. Neel: Theory of the Party, www.illwill.com/theory-of-the-party

15 Neel: Hellworld (Anm. 1), S. 134

16 Ebd., S. 379

17 Phil A. Neel: Burgerwelt, in: Ders.: Geiseln des Kapitals, Hamburg 2026, S. 233 f.

18 Swarnabh Ghosh: Alien Planet, Dead Labor, www.spectrejournal.com/alien-planet-dead-labor/

19 Nabi Eullmann: Mutations of the Old World, www.prometheus-mag.com/2026/10/06/mutations-of-the-old-world-a-review-of-phil-neels-hellworld/

20 Vgl. Phil A. Neel u. Nick Chavez: Forest and Factory, www.endnotes.org.uk/palabre/forest-and-factory

21 Neel: Hellworld (Anm. 1), S. 755

Martin Küpper schrieb an dieser Stelle zuletzt am 7. Oktober 2026 über Vergesellschaftung und das Wohnungswesen in der Deutschen Demokratischen Republik: »Wir waren schon mal weiter«.

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 31.10.2026, Seite 12, Thema

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Gabriel T. aus B. 31. Okt. 2026 um 10:59 Uhr
    Wow, manchmal, leider viel zu selten, finden sich deutsche Linke, die noch in der Lage sind, das eurozentristische Weltbild zu verlassen. Dies macht Hoffnung, dass der intellektuelle Niedergang vielleicht doch noch aufzuhalten ist.
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!