- → Titel
Auf großem Fuß
Oxfam: Ausbeuter ruinieren Mensch wie Natur und lassen dafür Ausgebeutete bluten. Die Klimakrise verspricht Milliardären einmalige Geschäftsmöglichkeiten
München–Sylt. In nur 80 Minuten. Hoch lebe der Privatjet! Eine »Cessna Citation XLS Gen 2« fasst bis zu acht Highperformer und kostet nicht mal 20 Millionen Euro: ein Schnäppchen – sofern man auf eine Bordküche wirklich verzichten kann. Allemal ist garantiert: Von ganz oben wirken die Probleme da unten ganz klein. Dass besagter Flug in etwa so viel CO2 emittiert wie ein Durchschnittsmensch in einem Jahr zum Beispiel. Oder dass die privatjettende Klasse allein – rund ein Prozent der Weltbevölkerung – nahezu ein Fünftel der globalen Erderwärmung und damit jedes Jahr 1,9 Millionen zusätzlich Hitzetote verschuldet. Allenfalls Turbulenzen.
Ohnehin rät heute jeder gescheite Vermögensverwalter zur Versicherung gegen Klimafolgeschäden. Nicht mal eine Million Euro jährlich kostet es, sich im Katastrophenfall per Helikopter in ein Luxushotel evakuieren und die heimische Villa von privaten Feuerwehrleuten schützen zu lassen. Mit etwas Glück vertreiben die Flammen zudem die lästigen Minderleister aus der Nachbarschaft, so dass ihre angrenzenden Grundstücke für Spottpreise erworben und aufgewertet werden können – wie 2025 in Kalifornien, 2017 in Puerto Rico oder 2004 in Sri Lanka. Auch mit Lebensmittelpreisen kann bei echten oder vermeintlichen Knappheiten prima spekuliert werden. Jede Krise ist eine Chance.
Überhaupt ist der Klimawandel ein vortreffliches Geschäft. Immerhin muss irgend jemand all das, was Fluten, Stürme oder Feuer zerstören, wieder herrichten. Geldhäuser wie Blackrock und Vanguard haben dieses symbiotische Zusammenspiel längst erkannt: Gemeinsam sind beide mit mehr als einer Billion Euro an mindestens 200 Konzernen beteiligt, die entweder maßgeblich zum Klimakollaps beitragen oder maßgeblich auf selbigen vorbereiten, respektive seine ruinösen Folgen abfedern. Der Markt für Nachsorge soll bis 2029 um 10,8 Milliarden auf etwa 82,6 Milliarden Euro anwachsen. Jedes Grad Celsius Erderwärmung verspricht folglich doppelte Dividende. Worauf warten? Investieren Sie!
Womöglich stimmen die Krisen der Gegenwart Monopolkapitalisten noch zuversichtlicher. Der Rest, sprich die absolute Mehrheit der Weltbevölkerung, wird »Disaster Divide«, den am Dienstag von Oxfam veröffentlichten Bericht, eher mit Furcht oder Resignation, manche mit einer gehörigen Portion Klassenhass zur Kenntnis genommen haben. Der ist angebracht: Acht Millionen Menschen verpesteten Mutter Erde vergangenes Jahr erbarmungsloser als die ärmsten 44 Prozent der Weltbevölkerung – 3,5 Milliarden Menschen – zusammen.
Über die Feinheiten der Methodik, etwa Konzernemissionen ihren Anteilseignern zuzuschreiben, mag man streiten. Dass Ausbeuter Natur und Mensch ruinieren, dafür aber Ausgebeutete bluten lassen, nannte schon Friedrich Engels »sozialen Mord«. Ebenso bekannt wie vernünftig sind die Forderungen Oxfams: Große Vermögen, krisenbedingte Übergewinne, schmutzige Industrien und Luxuskonsum besteuern, um den Reichtum via universeller sozialer Versicherungen umzuverteilen und für die ökologische Transformation der Weltwirtschaft aufzuwenden, ferner ein Verbot von Preisspekulationen während sowie Privatisierungswellen nach Krisen.
»Die Bundesregierung hat Milliarden für fossile Industrien und Kriege«, wies Fabian Fahl, klimapolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag, darauf hin, dass auch deutsche Politik die Zurichtung des Planeten »unterstützt«. Sein Genosse, der Parteivorsitzende Luigi Pantisano, spitzte zu: »Darüber könnte Bundeskanzler Merz einmal nachdenken, wenn er im Privatjet nach Sylt fliegt.« Nur wissen der und seinesgleichen längst Bescheid. Dass letztlich die Macht des Kapitals gebrochen werden muss, deutet der Bericht an: Kubas »sozioökonomisches Modell« und sein »anhaltendes politisches Engagement für Gleichheit und soziale Gerechtigkeit« habe den »Aufbau einer sozialen und physischen Infrastruktur« gefördert, die »Hurrikans bewältigen« und die »ungleiche Verteilung ihrer Auswirkungen mildern« kann.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
