Zum Inhalt der Seite
Griechenland

Raketen statt Klassenzimmer

Athen: Schüler, Studenten und Lehrer gehen gegen Kürzungen und Aufrüstung auf die Straße. Auch in Albanien und Italien wächst der Protest, die Regierungen setzen auf Repression

Foto: Stelios Misinas/REUTERS
Europaweite Bewegung: Schülerinnen in Athen demonstrieren für bessere Bildung und gegen die hohen Mieten (21.10.2026)

Tausende Schüler, Studenten und Lehrkräfte sind am Mittwoch in Athen vor das Parlament gezogen. Auf einem Transparent stand »La beauté est dans la rue« (Die Schönheit liegt auf der Straße), ein Slogan des Pariser Mai 1968. Lehrer streikten, Krankenhausärzte und der Dachverband des öffentlichen Dienstes, ADEDY, schlossen sich an. Laut der Syriza-nahen Tageszeitung I Avgi gab es Kundgebungen in über 50 Städten. Dem staatlichen Sender ERT zufolge gingen in Athen rund 10.000 Menschen auf die Straße, begleitet von etwa 3.000 Polizisten. Nach der Demonstration setzte die Bereitschaftspolizei am Omonia-Platz Blendgranaten und Reizgas gegen Jugendliche ein, die Steine geworfen haben sollen.

Gefordert werden die Besetzung Tausender offener Lehrerstellen, kleinere Klassen, sichere Schulgebäude, 20 Prozent mehr Lohn und die Wiedereinführung des 13. und 14. Monatsgehalts. Studierende hatten schon zuvor vor dem Parlament gezeltet – gegen fehlende Wohnheime und explodierende Mieten. Sie sehen sich vor der Wahl: »Studieren oder überleben?«

Geld sei genug da, sagen die Protestierenden. Im August unterzeichnete Athen den bislang größten israelischen Rüstungsexport nach Griechenland: drei Milliarden Euro für Luftabwehrsysteme im Rahmen des Programms »Schild des Achilles«. Zugleich treiben die Energiepreise die Inflation auf über fünf Prozent. Treibstoff und Strom verteuern sich seit dem Angriff der USA und Israels auf Iran. »Sie geben Milliarden für Kriegsrüstung aus und schenken Reedern, Bankern und Industriellen Steuererleichterungen, während sie unsere Bedürfnisse als ›Kosten‹ betrachten«, schreiben die Studentenvereine in einem Aufruf, den die kommunistische Zeitung Rizospastis dokumentierte.

Anzeige

Weit härter ist die Konfrontation in Albanien. Seit dem 13. Oktober belagern in Tirana Studierende und inzwischen auch Schüler das Bildungsministerium und den Amtssitz der Regierung. Sie fordern bessere Universitäten, ein Ende der Korruption und den Rücktritt von Ministerpräsident Edi Rama. Der Protest ist verbunden mit der »Flamingo«-Bewegung, die sich im Mai aus Protest gegen ein Luxusresort an der Südküste gebildet hatte, hinter dem Trump-Schwiegersohn Jared Kushner steht. Die Einsatzkräfte setzen Gummigeschosse ein. Laut Polizeidaten, die das Recherchenetzwerk BIRN auswertete, wurden mehr als 200 Minderjährige festgenommen oder angezeigt. Die Ombudsstelle fand im Polizeigewahrsam, ausgelegt für 67 Personen, 118 Festgenommene vor, Jugendliche nicht von Erwachsenen getrennt. Bei Molotowcocktails frage kein Polizist nach dem Alter, erklärte Innenminister Ervin Demo. Rama droht: Wer Steine wirft, verliere Stipendien und kostenlose Bildung, Eltern sollten für Schäden zahlen. Die Regierung prüft eine »schwarze Liste« mit Reiseverbot in den Schengen-Raum. Die EU, für die Albanien als Musterkandidat gilt, belässt es beim Appell zum »konstruktiven Dialog«.

In Italien gingen am vergangenen Freitag beim »No Meloni Day« laut Organisatoren mehr als 400.000 Schüler auf die Straße, von Turin bis Neapel und Bari: »Mehr Klassenzimmer, weniger Bomben« lautet ihre zentrale Parole. In Turin bildeten Lehrer eine Kette zwischen ihren Schülern und der Polizei, drei Minderjährige wurden festgenommen. In Neapel wurden mehr als zehn Schulen besetzt, seit Montag auch die Universität L’Orientale – gegen Teuerung, hohe Mieten und eine per Dekret eingeführte Obergrenze für Schüler ohne italienischen Pass. Regierungschefin Giorgia Meloni forderte die Opposition auf, die »Gewalt« zu verurteilen. Ihr Haushaltsentwurf für 2027 nutzt eine Ausnahmeklausel der EU-Schuldenregeln, die Hälfte der dadurch gewonnenen Finanzen geht an das Militär.

Im Süden blockieren seit Anfang Oktober Lkw-Fahrer und Landwirte von Apulien bis Sizilien Autobahnen und Häfen, weil der Dieselpreis den höchsten Stand des Jahres erreicht hat. Tankstellen werden nicht beliefert, Supermarktregale leeren sich, auf den Lastern steht: »Auch der Süden ist Italien.« Rom legte 480 Millionen Euro auf den Tisch. Kalabriens Regionalpräsident Roberto Occhiuto von Forza Italia besuchte die Blockaden: »In Mailand wird zerstört, in Kalabrien wird mit Würde demonstriert.«

Warum eine Generation die Rechnung für Kriege zahlt, die sie nicht gewollt hat, fragt in Athen, Tirana und Rom keine Regierung. Die Doppelmoral hat Methode: Wer gegen den Spritpreis protestiert, darf an den Verhandlungstisch, wer bessere Bildung statt Waffen verlangt, kriegt Knüppel und Staatsanwälte. Die nächsten Termine stehen fest: Am 30. Oktober streiken Hafenarbeiter von Piräus bis Tanger in Marokko gegen Krieg und Waffentransporte, in Italien rufen die Basisgewerkschaften zugleich zum Generalstreik. Am 20. November folgt der italienische Gewerkschaftsbund CGIL.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 22.10.2026, Seite 7, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!