Windböen und Wellen
Jan Schmidt-Garres Film »Junkies of Dreaming – Mahler 3 Currentzis«
Fans der Musik von Gustav Mahler warteten schon hungrig darauf: Der Film »Junkies of Dreaming – Mahler 3 Currentzis« zeigt, wie der Dirigent Teodor Currentzis mit seinem Utopia Orchestra in der sommerlichen Idylle des alten Berliner Funkhauses in Oberschöneweide die dritte Sinfonie von Gustav Mahler einstudiert. Um es gleich zu sagen: Die »Dritte« wird von Currentzis sanft und säuselnd, spritzig und schillernd und so plätschernd wie ein Meer voller Wellen und Windböen interpretiert. Und das ist wirklich kein schlechter Ansatz, um sich dem naturbesessenen, aber auch stilsicheren Komponisten der Spätromantik zu nähern. 1911 in Wien gestorben, hinterließ Mahler ein Konvolut aus opulenten sinfonischen, teils mit gefühlvollem Gesang nachgerade protzenden Werken, die bis heute immer wieder durch ungewöhnliche Interpretationen für Überraschungen sorgen.
Der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis, aus einer Musikerfamilie stammend, ist nun nicht eben bekannt für weltbewegende Neuerungen oder gar große Wagnisse bei Interpretationen. Aber er hat seinen eigenen Stil, pflegt ein solides Auf und Ab und betont die Übergänge zwischen den ganz leisen und donnernd lauten musikalischen Passagen. Damit kommt er bei Mahler prima durch. Gerade die »Dritte« berückt ja mit einer Fülle von Gegensätzen, die nicht hart aufeinanderprallen, sondern sich nachvollziehbar entwickeln.
Hinzu kommen nun noch bezaubernde Bilder. Die Kamera von Ralph Netzer, ergänzt von der von Thomas Keller, füttert einen unentwegt mit grüner, ungezähmter Natur im Wechsel mit der Erhabenheit der Architektur vom Funkhaus in der Nalepastraße. 1956 eingeweiht, wurden hier große Radiokonzerte gespielt und live übertragen, und in den ersten Jahrzehnten gab es für das anwesende Publikum auch begleitendes Ballett live zu sehen.
Als Architekt war Franz Ehrlich federführend: Mit organisch-eleganten Proportionen und den natürlich wirkenden Farben verschiedener Hölzer schuf er mit dem großen Aufnahmesaal eine Kathedrale des optimalen Klangs. Aber auch die weitere Architektur zeigt, wie hoch entwickelt die Ästhetik so eines Kulturtempels sein kann. Die leeren Räume in den gut geführten Kamerafahrten zu sehen, ist ein Augenschmaus für sich.
Der Dirigent hingegen wird beim Alleinproben mit Kopfhörer porträtiert. Das Orchester aber wird menschlich lebendig, wenn ein Miteinander die Musikerinnen und Musiker erfasst. Alles beginnt und endet hier mit dem letzten, dem sechsten Satz der Sinfonie, vom Komponisten Mahler passenderweise »Was mir die Liebe erzählt« benannt. Die langsame Steigerung, die sich hierin vollzieht, erfasst einen wieder und wieder.
Während der berückenden Filmaufnahmen werden zudem auch Zitate aus Briefen von Mahler verlesen. Sie ergänzen die Musik, erläutern sie doch die Entstehung dieser Sinfonie. Die menschliche Stimme kulminiert dann mit Gesang, und zwar mit der Altistin Wiebke Lehmkuhl, die den vierten Satz (»Oh Mensch, gib Acht«) sinnlich und lebendig singt. Nur fehlt der kurze fünfte Satz der Sinfonie, in dem schalkhaft die himmlischen Engel singen. Das wird ein echter Mahler-Fan nicht so schnell verzeihen.
Dafür ist ein neues Lied nach einem Gedicht von Paul Celan als Video in den Film eingestreut: Es zeigt Teodor Currentzis als durchaus begabten Komponisten. Und so wäre das musikalische Implantat an sich okay, es trägt Mahler geschickt zur Musik des 21. Jahrhunderts. Nur hätte man von der »Dritten« dafür nichts amputieren dürfen. Einzig die Bilderwelten von Regisseur Jan Schmidt-Garre trösten darüber hinweg.
»Junkies of Dreaming – Mahler 3 Currentzis«, Regie: Jan Schmidt-Garre, Deutschland 2026, 94 Min., bereits angelaufen
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
