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Ohne die USA

EU legt Strategie zur Arktis vor

Von Jörg Kronauer
Foto: Julia Demaree Nikhinson/Ritzau Scanpix/AP/dpa

Rohstoffe, Handelswege, Militärstrategien: Das sind die Faktoren, die die politische Debatte über die Zukunft der Arktis zur Zeit maßgeblich prägen. Die Polkappen schmelzen, das Nordpolarmeer wird wohl schon in wenigen Jahren im Sommer weithin befahrbar sein. Das eröffnet oder erleichtert den Zugang zu Bodenschätzen unter dem Meeresboden wie an Land, in Grönland etwa. Der nördliche Seeweg aus Ostasien an Russlands Nordküste entlang nach Europa wird schon heute punktuell für den Handel genutzt. Für die Nordwestpassage aus Ostasien an den Nordküsten Alaskas und Kanadas vorbei ebenfalls nach Europa wird das gleiche geplant: Beide sind kürzer als die aktuellen europäisch-asiatischen Seehandelsrouten. Und da künftig auch Kriegsschiffe in Nordpolnähe operieren können, erschließen Schritt für Schritt auch Militärstrategen die Region.

Das ist der Hintergrund für eine neue Arktisstrategie der EU. Am Dienstag wurde sie offiziell vorgestellt. Die wichtigsten Elemente waren freilich schon vorab durchgesickert. Da wäre zum einen, wenig überraschend, die erbitterte Rivalität, ja, die Gegnerschaft zu Russland, dem Anrainer mit der weitaus längsten Arktisküste. Moskau hat territoriale Ansprüche, die sich mit denjenigen Dänemarks und Kanadas überschneiden, und treibt zudem die militärische Nutzung seiner Arktisregionen voran – nicht zuletzt deshalb, weil eine lange Küste in den nördlichsten Gefilden verwundbar macht. Nicht zu vergessen: Der direkte Weg für russische Interkontinentalraketen in die Vereinigten Staaten führt über die Arktis; daher der US-Plan, auf Grönland neue Flugabwehrsysteme zu stationieren.

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Nimmt die EU in ihrer neuen Arktisstrategie Russland als Gegner in den Blick, so stützt sie sich dabei – und das ist das eigentlich Bemerkenswerte an dem Papier – nicht zentral auf die USA. Treffen die vorab durchgestochenen Informationen zu, so plant Brüssel regelmäßige Gipfel zur »Nördlichen Nachbarschaft« mit Norwegen, Großbritannien und Kanada – mit jenem Land also, das die USA – nicht zuletzt wegen dessen langer Arktisküste – mit Annexion bedrohen. Kanada werde in der Strategie fast zwei Dutzend Male erwähnt, die USA nur ein paarmal, hieß es vorab. Ein »panarktisches« Unterseekabel solle die EU mit Grönland verbinden und perspektivisch nicht in die USA, sondern via Kanada bis Japan und Südkorea reichen. Auf dem Papier emanzipiert sich die EU also zumindest in der Arktis.

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Erschienen in der Ausgabe vom 21.10.2026, Seite 1, Ansichten

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