Die Insel ist reif
Von Arnold Schölzel
In Washington steigt die Lust auf Annexion und Militärschläge. Präsident Donald Trump nannte nach dem US-Terror in Venezuela am Sonnabend als weitere Ziele Kuba, Kolumbien, Iran und Mexiko, vor allem aber Grönland. Die 2,16 Millionen Quadratkilometer große Insel ist offiziell autonomes Gebiet, in Wirklichkeit Kolonie des NATO-Mitglieds Dänemark, gehört dadurch zum NATO-Gebiet, nicht aber zur EU.
Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hatte sich bislang gegen Trumps Begehr lautstark gewehrt. Am Montag drohte sie in einem Anfall von Selbstüberschätzung sogar mit dem Ende der NATO: »Drohungen, Druck und Annexionsgerüchte haben unter Freunden nichts zu suchen.« Trump und seine Leute schienen wenig beeindruckt. Am Dienstag nun holte sich Frederiksen die Staats- und Regierungschefs einiger großer EU- und NATO-Staaten zu Hilfe. Ob das nützt, darf angezweifelt werden. Die Herrschaften hatten zum Kriegsakt gegen Venezuela, zur Verschleppung von Staatspräsident Nicolás Maduro und zur Inanspruchnahme der Erdöllagerstätten des Landes unisono Nichtssagendes von sich gegeben und sorgfältig Krach mit Trump etwa durch Hinweis auf den Bruch des Völkerrechts vermieden.
Am Dienstagmittag hieß es nun im letzten Satz einer gemeinsamen Erklärung juristisch unterkomplex: »Grönland gehört seinem Volk. Es ist allein Sache Dänemarks und Grönlands, über Angelegenheiten zu entscheiden, die Dänemark und Grönland betreffen.« Womit festgehalten war, dass die Bevölkerung Grönlands wenig bis nichts zu sagen hat, dafür die dänische Regierung alles. Das Papier unterzeichneten Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Polen und Spanien. Die Begründung für die EU-Besitzansprüche steht im ersten Satz: »Die Sicherheit in der Arktis bleibt eine zentrale Priorität für Europa und ist von entscheidender Bedeutung für die internationale und transatlantische Sicherheit.« Fast flehentlich folgt: »Die NATO hat deutlich gemacht, dass die Arktisregion Priorität hat, und die europäischen Verbündeten verstärken ihre Bemühungen.«
Da eröffnet sich ein weites Feld für zusätzliche satte Zahlungen an die USA. Im übrigen nimmt auch Trump die Vogelscheuche »nationale Sicherheit« gern als »Begründung« für seine Annexionsgelüste. Am Sonntag hatte er zum Beispiel verkündet: »Wir brauchen Grönland, unbedingt. Wir brauchen es zur Verteidigung.« Die USA unterhalten zwar auf Grönland seit 1951 u. a. die Pituffik Space Base (früher Thule), die für die Abwehr von Marschflugkörpern entscheidend sein soll, aber Trump phantasierte zugleich von »russischen und chinesischen Schiffen entlang der ganzen Küste« Grönlands. Die US-Küstenwache konnte die bisher nur im Beringmeer nahe Alaska ausmachen.
Ist dem »Trump hatte immer recht«-Mützenträger auch egal. Wie im Fall Venezuela und anderswo sprach der Präsident seinem Berater Stephen Miller nach. Der ist dem Rang nach sein stellvertretender Stabschef, aber enger Begleiter schon seit der ersten Amtsperiode Trumps und bekennender Faschist. Miller verkündete am Montag in einem CNN-Gespräch: »Grönland sollte Teil der USA sein«, und sprach Dänemark das Recht ab, über Grönland zu entscheiden. Auf die Frage, ob die USA wie in Venezuela auch Gewalt gegen Verbündete einsetzen würden, sagt er vorher: »Niemand wird wegen der Zukunft Grönlands mit den USA militärisch kämpfen.« Seine Frau Katie Miller hatte bereits am Vortag auf der Plattform X ein Bild Grönlands in US-Farben veröffentlicht und mit dem Wort »Soon« (Bald) versehen.
Was die EU will und was sie kann, bleiben zwei verschiedene Dinge.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Oliver Sümnick aus Hundsbach (7. Januar 2026 um 15:04 Uhr)Klingt ein wenig nach Wilhelm Busch, subsumiert unter »Und die Moral von der Geschicht?«. Die Empathie mit den Dänen sollte ungefähr derjenigen entsprechen, die man aufzubringen fähig wäre, wenn z. B. die Ndrangheta die Cosa Nostra beklaut. George Galloway (MONOLOGUE: »Trump has metamorphosed into Caligula«) hat darauf hingewiesen, dass Dänemark (»the most slavish supporters of NATO«) der devoteste Unterstützer der USA war und die dänischen Regierungen in vorauseilendem Gehorsam bei jedem ihrer Verbrechen »Gewehr bei Fuß« standen. Aber so ist das unter Ganoven: Jeder beklaut jeden. Vielleicht haben zumindest die Grönländer etwas davon. Da Trump die Moneten ja selbst druckt, sollte es mit der Zahlung von bis zu 50 Milliarden Euro, wie Gerüchte besagen, und bei angenommenen 50 000 Einwohnern, was 1 Million pro Nase entspräche, kein Problem sein.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas Scharmann aus Berlin (6. Januar 2026 um 23:07 Uhr)Klingt spannend, dass die bisher rechtsaußen nette Mette Frederiksen wegen dieser aktuellen Eroberungsgerüchte schwächelt, denn »unter Freunden« wär's eher seltsam..? Sie ist vielleicht noch zu jung, um sich daran zu erinnern, dass Frau Dr. Merkel im Jahre 2013 meinte: »Abhören unter Freunden - das geht gar nicht!« Lief allerdings bereits seit dem Jahre 2002, mit noch so einem Auslandsgeheimdienst NSA, mit Sitz in der Botschaft der USA in Berlin. Aber es wurde ja nur diese Bundeskanzlerin observiert. Wohl nur fernmündliche Kontakte? BRD-weit nur sie? Irrtum. EU-weit allein sie? - Nein, nein - alles Ausnahmefälle. Operation RUBIKON hat es nie gegeben! Mit der versehentlichen Ausnahme bezüglich Berlin. - Doch vielleicht sollten Eroberungsgebärden unter Freunden nicht unterschätzt oder unbeachtet werden/bleiben, denn Allianzen durch bedingungslose Unterwerfung der Vasallen (ZBIGNIEW BRZEZINZKI: Die einzige Weltmacht) liegen dort im Westen des Wertewestens seit acht Jahrzehnten (CHURCHILL und andere) auf dem Tisch, oder etwa nicht? Um Streit/Krieg zu vermeiden, könnten die Dänischen doch den USA beitreten. Um die Grönländischen zu schützen. Klein beigeben als Friedensheldinnen und -helden - welche Regierenden wollten denn nicht diesem Beispiel folgen? Wie Herr Bundeskanzler Merz: Falls doch Zwist mit der EU, dann nehmt wenigstens uns zum innigen Freund.. - Ob am Ende alle sogenannten ehemaligen NATO-Partner sich in die USA-CLIQUE (Marie-Kristin Boese) eingliedern lasssen, ist komplex (Joachim Friedrich Merz).
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