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Lage der Mayas in Mexiko

»Seit Obrador geht es bergab«

Mexiko: Maya-Gemeinden von Kartellgewalt und Tourismusboom bedroht. Ein Gespräch mit Esther Sulub

Foto: Daniel Becerril/Reuters

Als Angehörige der Maya engagieren Sie sich auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán in einer Einrichtung, die den Namen »U Kúuchil K Ch'i'ibalo'on« trägt, was soviel heißt wie »Ort unserer Vorfahren«. Wie sieht die Arbeit dort aus?

Wir haben das Gemeindezentrum aufgebaut und gedenken dort unserer Vorfahren, die Widerstand gegen ihre Kolonisierung leisteten. Wir sensibilisieren die Kinder und Jugendlichen, damit sie wieder eine Verbindung zur Natur aufbauen. Dazu veranstalten wir Workshops oder spielen Theater. Wir wollen den Kindern auf spielerische Weise die Kultur unserer Vorfahren vermitteln. Den Fortschritt, den der Staat proklamiert, lehnen wir ab. Begonnen hat das mit Cancún, das heute eine Tourismushochburg ist. Später kam dann Playa del Carmen dazu. Durch den Bau des Tren Maya (Maya-Zug, jW) nimmt diese Entwicklung weiter zu. Alles wird gentrifiziert, die Lebenshaltungskosten schießen in die Höhe. Dabei wurde uns der Tourismus als Hilfestellung für die Armen verkauft, da Arbeitsplätze entstehen sollten. Aber nach der Fertigstellung der Bauvorhaben fallen diese wieder weg. Ansonsten gibt es Arbeitsplätze nur im touristischen Niedriglohnsektor mit ungeregelten Arbeitszeiten. Quasi als Diener für die Touristen.

Ein Bauvorhaben, das uns aktuell Sorgen bereitet, ist »Puerta al Mar« (Tor zum Meer, jW). Ursprünglich gab es dort nur einen Feldweg, um zu einem Maya-Fischerdorf zu gelangen. Nun soll dort eine Straße zum Meer für Touristen gebaut werden, die durch das Naturschutzgebiet Sian Ka'an führt. Das gefährdet die Existenz des Dorfes und die Biodiversität vor Ort.

Der »Tren Maya« trägt Maya sogar in seinem Namen. Konnte Ihr Volk überhaupt mitreden?

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Seit Beginn dieses Projekts wurden wir Maya nie einbezogen, obwohl das laut der Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation für den Umgang mit den Territorien indigener Völker notwendig wäre. Auch Umweltschützer haben versucht, juristisch gegen das Projekt vorzugehen, denn der Bau des Schienennetzes zerstört weitreichend die umliegende Natur. Zum Beispiel wurden Betonpfeiler für die Zugstrecke in Cenoten (Öffnungen von mit Süßwasser gefüllten Höhlen, jW) errichtet. Dafür wurden kilometerweise Flächen des Urwaldes zerstört.

Ein Riesenproblem ist jedoch der Drogenhandel, der sich zuvor stärker in den nördlichen und zentralen Teilen Mexikos ausgebreitet hatte. Durch den »Tren Maya« und den Tourismus fassen die Kartelle nun auch hier Fuß. Sie bekriegen sich und versuchen, gegenseitig ihre gesamte Kundschaft umzubringen. Auch Felipe Carrillo Puerto ist von dieser Gewalt eingenommen. Die Kartelle gehen immer gewalttätiger vor und entführen Kinder einfach aus den Häusern ihrer Eltern. Das Militär ist nur vor Ort, um Infrastrukturprojekte wie den Flughafen von Tulum zu schützen, nicht aber uns.

Auch früheren Maya-Generationen wurde schlimmste Gewalt angetan. Von wem ging diese aus?

Die Gewalt der spanischen Kolonisatoren vor 500 Jahren hat nie geendet. In den 1930er Jahren fielen mexikanische Militärs in meine Gemeinde ein und verübten Massaker. Unsere Häuser und Felder wurden in Brand gesteckt. Jahrelang flohen meine Vorfahren in den Urwald. Damals herrschte der Glaube vor, dass wir keine Mexikaner seien. Deswegen bin ich stolz, dass unsere Maya-Identität weiter existiert, obwohl der Staat versuchte, uns zu assimilieren. Trotzdem gibt es heute neue Probleme: Vor 50 Jahren, als ich ein Kind war, konnten wir von dem leben, was wir anbauten. Heute geht es uns schlechter als damals. Wann löst die weitverbreitete Idee des Fortschritts ihr Versprechen ein?

Welches Verhältnis haben die Maya denn zu den staatlichen Institutionen?

Wir haben vor den Gerichten bisher keine Erfolge erzielen können. Seit der Präsidentschaft von Andrés Manuel López Obrador, der den »Tren Maya« unbedingt realisieren wollte, geht es nur bergab. Dabei haben wir Maya an ihn geglaubt, weil er ein Linker ist. Claudia Sheinbaum führt seine Arbeit einfach fort. In Mexiko gibt es viele Indigene. Sie leiden alle unter ähnlichen Problemen. Daran hat sich nichts geändert. Von staatlicher Seite gibt es kaum Hilfestellung für uns. Wir erwarten auch keine. Statt dessen wehren wir uns nach unseren Möglichkeiten, da der Staat möchte, dass unsere Gemeinschaft verschwindet.

Esther Sulub ist Kunsthandwerkerin sowie indigene Maya-Aktivistin aus Felipe Carrillo Puerto auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán und engagiert sich im Gemeinschaftszentrum »U Kúuchil K Ch'i'ibalo'on« (Der Ort unserer Vorfahren).

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Erschienen in der Ausgabe vom 20.10.2026, Seite 3, Ausland

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