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Aus: Ausgabe vom 16.08.2021, Seite 7 / Ausland
Mexiko

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Mexiko: Deutsche Unternehmen im Wettstreit um Beteiligung an Megainfrastrukturprojekt »Tren Maya«
Von Hannah Simón Fröhlich
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Verspricht Fortschritt: Mexikos Präsident López Obrador (M.) bei einer Veranstaltung zum »Tren Maya« (16.12.2018, Calakmul)

Im südmexikanischen Bundesstaat Campeche hat am Freitag (Ortszeit) die erste Übergabe von Immobilien für vom Bau des »Tren Maya« (Maya-Zug) Betroffene begonnen. Neun Familien, die zuvor im unmittelbaren Einzugsgebiet des derzeit größten Infrastrukturprojekts Mexikos gelebt hatten, wurde laut der staatlichen Tourismusagentur (Fonatur) ein neues Eigenheim übergeben. Zwischen Escárcega und der Hauptstadt des Bundesstaates soll der zweite Streckenabschnitt des Eisenbahnnetzes gebaut werden.

Wegen der großen Fläche an Regenwald und Naturreservaten gilt der Südosten Mexikos als die grüne Lunge des Landes. Er ist industriell noch relativ unerschlossen, es gibt viele indigene Autonomiegebiete und Land im gemeinschaftlichen Besitz von Bauern, die Subsistenzwirtschaft betreiben. Das geplante Eisenbahnnetz »Tren Maya« soll touristische Zielorte entlang der Küste und der archäologischen Maya-Stätten im Landesinneren verbinden. Darüber hinaus beinhaltet das Vorhaben von Präsident Andrés Manuel López Obrador entwicklungspolitische Programme zur Urbanisierung entlang der künftigen Bahnstationen.

Die Regierung verspricht Modernisierung, Schaffung von Arbeitsplätzen und Armutsbekämpfung. Doch viele der Maya-Gemeinden fühlen sich bevormundet, fürchten Vertreibung und die schrittweise Zerstörung ihrer Lebensweise. Zudem beklagen sie die Rodung von Regenwald und erklären, der Zug werde nicht ihnen, sondern der Bereicherung weniger Unternehmer dienen.

Zu diesen gehört die Deutsche Bahn, die seit Dezember 2020 am »Tren Maya« beteiligt ist, und deren Tochtergesellschaft DB E&C damit 8,6 Millionen Euro verdienen will. Zusammen mit dem spanischen Renfe soll das bundeseigene Unternehmen als »Shadow Operator« die Planung des Bahnbetriebs kontrollieren. Erst auf eine parlamentarische Anfrage der Partei Die Linke im Bundestag bestätigte die Deutsche Bahn am 5. Mai die Information.

Besonders pikant: Erst im April dieses Jahres hatte die Bundesrepublik nach mehr als 30 Jahren die ILO-Konvention 169 zum Schutz der Rechte der »eingeborenen und in Stämmen lebenden Völker« weltweit ratifiziert. Diese schreibt unter anderem vor, dass lokale Bevölkerungsgruppen vor der Planung eines Projektes auf ihrem Gebiet mit Vorlauf und unparteiisch befragt werden müssen. Im Fall des »Tren Maya« sei dies nicht geschehen, so der Vorwurf indigener Organisationen und Menschenrechtsgruppen.

Auch Siemens arbeitet laut mexikanischen Medien seit Beginn des Wettbewerbs im vergangenen November intensiv daran, sich einen Auftrag im Rahmen des Projekts zu sichern. Dabei geht es um die Lieferung von Eisenbahnsystemen und -fahrzeugen. Das Interesse des Unternehmens sei so groß, dass es die zuständige mexikanische Tourismusbehörde um eine Verlängerung der Ausschreibungsfrist gebeten habe, berichtete das mexikanische Wirtschaftsblatt El Economista am 31. März. Eine Zu- oder Absage gibt es für Siemens noch nicht.

Bereits seit den ersten Planungen hatte auch TÜV Rheinland Interesse an einem Auftrag als Sicherheitszertifizierer bekundet – noch bevor die in den Gebieten lebende Bevölkerung zum Projekt befragt wurde oder die ersten Studien zur Umweltverträglichkeit begannen, berichtete El Economista am 2. Dezember 2018. Und nicht nur das: Wie die Zeitschrift Proceso am 20. Februar meldete, läuft derzeit eine Klage des Unternehmens gegen Fonatur, da die Tourismusagentur ihr Angebot über sechs Millionen Euro abgelehnt und so gegen »die Garantie und das Menschenrecht auf Legalität« verstoßen habe.

Eine Recherche des »Ya Basta«-Netzwerks, das vor allem Solidaritätsarbeit mit den Zapatisten der EZLN macht, zeigte Anfang August in einer umfangreichen Recherche weitere Aspekte des Infrastrukturprojekts auf. Darin erklärt Sergio Prieto Díaz, Experte für Migrationsfragen: »Es ist ein großer Fehler, den Zug nur als Zug zu betrachten.« Vielmehr stehe hinter dem Megaprojekt die Logik, »Territorien nach den Bedingungen des globalen Wirtschaftsmodells neu zu konfigurieren« – weshalb auch international Druck auf Entscheidungsträger ausgeübt werden müsse.

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