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Imperialismus

Was folgt auf den kolonialen Kapitalismus?

Multipolarität eröffnet neue Möglichkeiten, führt aber nicht automatisch zu Verbesserungen für die Massen, sagt Robin Jaspert

Foto: Beawiharta/Reuters

Wie kommen Sie dazu, ein Buch über »neokolonialen Kapitalismus« zu schreiben?

In Deutschland wird Kolonialismus häufig historisierend betrachtet, als ein abgeschlossenes Phänomen der Vergangenheit. Andererseits ist die Debatte stark in der Kritik von Denksystemen verortet. Sie konzentriert sich auf eine Kritik des Rassismus als globale Struktur. Ich halte diese Auseinandersetzung für sehr wichtig. Gleichzeitig glaube ich, dass es eine Perspektive braucht, die fragt: Welche ökonomischen Kontinuitäten bestehen aus den Kolonialreichen und der territorialen Fremdherrschaft über den Großteil des Globus fort?

In Ihrem Buch beziehen Sie sich auf Kwame Nkrumah und Lenin. Welchen Wert haben diese für das Verständnis der heutigen Weltwirtschaft?

Für mich sind beide von zentraler Bedeutung. Ich verstehe die Theorie des Neokolonialismus als eine Imperialismustheorie. So lese ich auch Nkrumah. Er schreibt explizit, dass der Neokolonialismus die letzte Stufe des Imperialismus sei, und bezieht sich dabei bewusst auf Lenin. Neokolonialismus beschreibt eine spezifische Form des Imperialismus, die sich in ehemaligen Kolonien nach deren formaler Befreiung herausgebildet hat. Bestimmte Kontinuitäten in ihren Produktionssystemen und ihrer Einbindung in die Weltwirtschaft bestehen fort. Viele Staaten sind weiterhin von Rohstoffexporten, dem Import lebensnotwendiger Güter und internationalen Finanz- und Schuldenmärkten abhängig.

Wie würden Sie die Rolle von Schulden beschreiben?

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Das internationale Staatsschuldensystem gehört zu den zentralen Mechanismen, die die Staaten des globalen Südens in Abhängigkeit vom globalen Norden halten. Dadurch können Ressourcen geplündert und Arbeitskräfte ausgebeutet werden, wodurch zugleich die Akkumulation im globalen Norden abgesichert wird. Staaten des globalen Südens sind oft in Fremdwährungen verschuldet und benötigen einen kontinuierlichen Zufluss von US-Dollar, um ihre Verbindlichkeiten bedienen zu können. Wenn dies nicht mehr gelingt, bleibt ihnen häufig nur der Gang zum Internationalen Währungsfonds. Dieser knüpft seine Notfallkredite jedoch an Bedingungen – Privatisierung, Deregulierung, Liberalisierung – und setzt damit systematisch eine rechte Wirtschaftspolitik durch. Zahlungsfähig zu bleiben bedeutet somit, den Transfer von Kapital aus dem Süden in den Norden zu gewährleisten.

Ist es für die Länder von Vorteil, sich bei chinesischen statt bei westlichen Kreditinstituten zu verschulden?

Lange Zeit waren westlich dominierte Institutionen wie der IWF die wichtigsten Quellen für Kredite und Entwicklungsfinanzierung. Dadurch war der Handlungsspielraum vieler Staaten des globalen Südens enorm eingeschränkt. Heute erweitert er sich wieder. Viele Regierungen, insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent, versuchen, verschiedene Instrumente strategisch auszubalancieren und je nach Situation unterschiedliche Partner einzubeziehen. Chinesische Kredite gelten vielen Akteuren in Afrika als weniger konditional und stärker an lokalen Interessen ausgerichtet als die des IWF. Gleichzeitig setzt auch China auf Akkumulation und ist in globale Machtkonkurrenzen eingebunden. Dennoch folgt diese Politik nicht derselben Logik wie die westlich dominierten Institutionen.

Würden Sie sagen, dass in den BRICS-Staaten der »Geist von Bandung« – die Ideale der blockfreien Bewegung – weiterlebt?

Die BRICS-Staaten stellen zweifellos ein geopolitisches Gegengewicht zum Westen dar. Daraus folgt jedoch nicht automatisch eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeitenden im globalen Süden. Multipolarität bedeutet zunächst einmal nur mehr geopolitische Konkurrenz. Gleichzeitig eröffnet sie politische Möglichkeitsräume. In einer multipolaren Welt können progressive Kräfte stärker Einfluss nehmen. In der gegenwärtigen Konstellation sehe ich das allerdings noch nicht. Bandung bewegte sich zwischen Befreiungsnationalismus, Sozialdemokratie sowie sozialistischen und kommunistischen Strömungen. Dass heute reaktionäre Kräfte wie die Regierung Modi innerhalb der BRICS eine wichtige Rolle spielen, unterscheidet die Situation deutlich von Bandung.

Was folgt auf den neokolonialen Kapitalismus? Gibt es Grund zur Hoffnung?

Was mir Hoffnung macht, ist die Tatsache, dass Internationalismus und Kämpfe gegen globale Abhängigkeitsverhältnisse in Europa wieder stärker in den Fokus geraten. Dazu beigetragen hat die Bewegung gegen den Genozid in Gaza. Zugleich erleben wir eine Zuspitzung materieller Widersprüche in vielen Staaten des globalen Südens. Zwischen 2007 und 2023 ist das Kreditvolumen des IWF um mehr als 400 Prozent gestiegen. Jeder dieser Kredite bedeutet regressive Eingriffe in die wirtschaftspolitische Souveränität der betroffenen Staaten. In den vergangenen Jahren haben wir deshalb zahlreiche Protestbewegungen erlebt – von Argentinien bis nach Bangladesch. Entscheidend bleibt weiterhin die Organisierung starker und nachhaltiger Bewegungen im Süden wie im Norden.

Robin Jaspert ist Politikökonom und promoviert an der Goethe-Universität Frankfurt, wo er zu Süd-Nord-Beziehungen forscht. Im Mai 2026 erschien sein Buch »Neokolonialer Kapitalismus. Eine Geschichte globaler Ausbeutung« im Brumaire-Verlag

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.06.2026, Seite 2, Ausland

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