Gegründet 1947 Sa. / So., 11. / 12. Juli 2020, Nr. 160
Die junge Welt wird von 2335 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 04.06.2020, Seite 6 / Ausland
»Tren Maya« in Mexiko

Dienstreise auf schwierigem Terrain

Mexikos Präsident besucht Streckenabschnitte des Eisenbahnprojekts »Tren Maya«. Kritik von Bewohnern
Von Axel Plasa
Projekt_Maya_Zug_in_60882475.jpg
Mexikos Präsident López Obrador winkt auf einem Streckenabschnitt des Eisenbahnprojekts »Tren Maya« (16.12.2018)

Die erste Dienstreise seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie führte Andrés Manuel López Obrador auf schwieriges Terrain: Seit Montag tourt der Präsident Mexikos durch den Südosten des Landes, wo er bis zum 10. Juni die geplante Strecke des »Tren Maya«, einem Eisenbahnnetz auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán, besuchen wird. Am heutigen Donnerstag wird er – nach Stationen in den Bundesstaaten Quintana Roo, Yucatán und Campeche – den Startschuss für den Bau am Streckenabschnitt in Palenque, Chiapas, geben.

Der »Tren Maya« ist eines der Vorzeigeprojekte der mexikanischen Regierung. Das Eisenbahnnetz soll eine Streckenlänge von 1.552 Kilometern im Südosten des Landes umfassen. Ziel ist ein Entwicklungsschub für die teilweise abgeschottete Region durch verbesserte Mobilität der Bewohner. Gleichzeitig soll der Zug den nationalen und internationalen Tourismus von der Karibikküste bis hin zu den archäologischen Stätten im Inland befördern.

Während ein Teil des Schienennetzes bereits existiert und nur instandgesetzt werden muss, müssen für einen anderen die nötigen Trassen teilweise durch Urwaldgebiete erst noch gebaut werden. Die geplanten Kosten des Vorhabens werden mit 139 Milliarden Mexikanische Peso (etwa 5,7 Milliarden Euro) beziffert, die aus öffentlichen und privaten Mitteln kommen sollen. Bis zur voraussichtlichen Inbetriebnahme im Jahr 2024 sollen nach Regierungsangaben bis zu 150.000 neue Arbeitsplätze entstehen.

Angesichts der enormen Investitionen und befürchteter Umweltschäden in der Region wird die mexikanische Regierung nicht müde, die Vorteile des Megaprojekts zu betonen. Am Montag bekräftigte López Obrador abermals, der »Tren Maya« werde vielen Menschen die Möglichkeit eröffnen, »die alten Städte der Maya sowie die neuen Städte im Südosten Mexikos kennenzulernen«. Zudem betonte er bei der Eröffnung des Bauabschnitts in Cancún, das Projekt bedeute eine Wiedergutmachung für die Region, die von der mexikanischen Politik viel zu lange nicht beachtet worden sei. Auch der Vorsitzende des Fonds für Tourismusentwicklung, Rogelio Jiménez Fons, wählte große Worte: »Es ist nicht nur ein Zug«. Vielmehr gehe es um die »Tilgung der historischen Schuld« gegenüber dem Südosten.

Indes erneuerten am Dienstag mehr als 150 Indigenenorganisationen der Yucatán-Halbinsel sowie etwa 100 Einzelpersonen ihre Kritik an dem Megaprojekt sowie an der mexikanischen Regierung. In einer Mitteilung betonten sie, die ansässige Bevölkerung sei »überrollt« und geltendes Recht gebrochen worden. Außerdem existiere keine abschließende Evaluierung möglicher irreparabler Umweltschäden, die durch den Bau der Eisenbahntrassen entstehen würden. Unter anderem 30 Wissenschaftler warnen in einer Studie im Auftrag des »Nationalen Wissenschafts- und Technologierats« davor, dass 23 Naturschutzgebiete durch den Bau des »Tren Maya« schwer geschädigt werden könnten.

Darüber hinaus kritisieren die Unterzeichner des Beschwerdeschreibens den Zeitpunkt der Dienstreise sowie des Baubeginns inmitten der Coronapandemie. Bereits im Mai hatte die Nationale Menschenrechtskommission (CNHD) in einem Bericht dazu aufgerufen, den Bau des »Tren Maya« auszusetzen, zugunsten von »Achtung, Schutz und Gewährleistung der Menschenrechte der Bewohner der Halbinsel Yucatán«. Denn bei den Bauarbeiten gehe es nicht um »unbedingt notwendige Aktivitäten«. Dem widersprach das Tourismusministerium mit dem Verweis, es handle sich nur um die Instandsetzung bereits existierender Trassen.

Anfang Mai hatten die Maya-Indigenen der Chol aus dem Bundesstaat Chiapas gegen den Baubeginn geklagt, da dieser ihre Gemeinschaft einem erheblichen Infektionsrisiko mit dem neuartigen Coronavirus aussetze sowie die Umwelt zerstört werde. Während zunächst eine temporäre Aussetzung der Arbeiten erreicht worden war, setzte ein Gericht in Chiapas dieses Urteil am 26. Mai wieder aus.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Richtig demonstrieren in Coronazeiten: Zapatista-Frauen beteilig...
    20.04.2020

    Digitale Rebellen

    Die Zapatisten in Mexiko nutzen Wissenschaft und digitale Medien für ihren Widerstand. Dies zeigt sich auch in der Coronakrise
  • 25. Jahrestag des zapatistischen Aufstands: Veranstaltung am 1. ...
    23.08.2019

    Belagerung durchbrochen

    Zapatisten verkünden Ausweitung des Einflussgebiets im mexikanischen Bundesstaat Chiapas
  • Gewaltsam vertriebene indigene Frauen mit ihren Kindern auf dem ...
    07.05.2019

    Präsident in Eile

    Mexikos Regierung unter López Obrador setzt auf infrastrukturelle Megaprojekte. Indigene wehren sich

Regio: