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Die ausradierte Kritik
Benjamin Moser hat eine Geschichte des liberalen jüdischen Antizionismus vorgelegt
In deutschen Medien wird oft unterstellt, dass antizionistische Juden nicht existieren. Samuel Salzborn, sogenannter Antisemitismusbeauftragter des Landes Berlin, erzählte etwa der proisraelischen Wochenzeitung Jungle World, dass der Zionismus heutzutage nur »hier und da« von jüdischer Seite in Frage gestellt wird – und dass »nahezu alle, die sich antizionistisch äußern, auch Antisemiten sind«. Mit Tatsachen haben solche Phantasien nichts zu tun. Eine im Februar veröffentlichte Studie über die jüdische Community in den USA, die größte der Welt, hat zum Beispiel gezeigt, dass sich lediglich 37 Prozent als Zionisten verstehen. Besonders junge Juden verstehen sich immer häufiger explizit als Antizionisten. Und neu ist dieser jüdische Antizionismus keineswegs. Er ist im Grunde älter als der Zionismus selbst. Die Idee, dass alle Juden nach Palästina auszuwandern hätten, wurde im 19. Jahrhundert bekanntlich zuerst von judenfeindlichen Christen formuliert. Juden, die für ihre Rechte gekämpft hatten, wiesen diese Vorstellung empört zurück.
Das neue Buch von Benjamin Moser kommt zur richtigen Zeit. Junge Juden entdecken die ausradierte Geschichte ihrer Community neu. Moser richtet sich an sie, gehört aber auch selbst zu dieser Generation. Er ist in den USA mit zionistischer Ideologie aufgewachsen, ohne das je hinterfragt zu haben. Später entdeckte er die kritische antizionistische Tradition, die er nun in Form von zwölf Porträts jüdischer Intellektueller präsentiert. Er liefert keine lineare Geschichte des jüdischen Antizionismus, sondern spannt den Bogen vom Rabbiner Aaron Samuel Tamares bis zur Fotokünstlerin Nan Goldin. Die vorgestellten Personen formulieren mal religiöse, mal politische, mal ethische Kritiken des Zionismus.
Darunter ist auch Hannah Arendt, die in der Bundesrepublik vielfach geehrt wird, ihre Kritik am Zionismus aber heute an keiner deutschen Universität vortragen dürfte. Arendt erklärte die Vorläuferpartei des Likud einst zu »einer politischen Partei, die in ihrer Organisation, ihren Methoden, ihrer politischen Philosophie und ihrer sozialen Anziehungskraft den Nazi- und faschistischen Parteien sehr ähnlich ist«. Heute wird der Zionismus zumeist als Negation des Antisemitismus präsentiert. Das ignoriert die Tatsache, dass führende deutsche Faschisten den Zionismus mit Wohlwollen betrachteten. Sie stimmten mit den Zionisten darin überein, dass Juden eine »fremde Rasse« darstellen würden. Jüdische Kritiker des Zionismus betonten immer wieder, dass der Zionismus indirekt die schlimmsten antisemitischen Klischees übernahm.
Moser verweist auf ein Erbstück seines Großvaters Franz Moses aus Breslau, der später den weniger »jüdisch« klingenden Namen Moser annahm. Er konnte 1938 in die USA fliehen, und er schleppte ein schweres Buch von Europa bis nach Houston mit: die Schriften von Theodor Herzl. Sein Enkel konstatiert, dass das Buch ihm etwas bedeutet haben muss – und dass es nie gelesen worden ist. Als Moser in dem Buch zu lesen begann, war er schockiert von »Herzls Abneigung gegenüber Juden« – sein Hass sei »weitreichend«, »offensichtlich« und »beleidigend«. So begann eine Auseinandersetzung mit der Ideologie seiner Kindheit.
Was in diesem Buch allerdings fehlt, ist eine Auseinandersetzung mit marxistischer Zionismuskritik. Es fehlt eine Erinnerung an den Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund. Es fehlen kommunistische Kritiken wie die von Leo Trotzki und Abraham Leon. Es fehlen die Gruppe Matzpen und der kommunistische Antizionismus in Israel. Lediglich zwei Porträts haben irgend etwas mit der Arbeiterbewegung zu tun: Ahmad Sadiq Saad aus Ägypten und Maxime Rodinson aus Frankreich waren zeitweilig Kommunisten. Moser hat somit eine Geschichte des liberalen jüdischen Antizionismus verfasst. Diese Einseitigkeit des Buches verdeutlicht aber auch etwas durchaus Überraschendes: Der Antizionismus wird nicht mehr als linksradikales Phänomen dargestellt, sondern kommt im Mainstream der jüdischen Debatte in den USA an.
→ Benjamin Moser: Anti-Zionismus. Eine jüdische Geschichte. Propyläen, Berlin 2026, 464 Seiten, 34 Euro
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Onlineabonnent*in Ulf G. aus H. 19. Okt. 2026 um 18:52 UhrMan sollte alle Kulturen achten und selbstverständlich auch die Verschiedenheit der diversen jüdischen Identitäten respektieren, statt sie einem Uniformitätsdiktat zu unterwerfen. Von deutscher Seite gehört sich soetwas schon mal gar nicht. Zitat von Prof. Heiko Haumann, Seite 19 im Buch »Der Erste Zionistenkongress von 1897. Ursachen, Bedeutung, Aktualität«, Karger 1997: »Weit gediehen war die Entfremdung zwischen Zionisten und ihren Gegnern im religiösen Judentum. Von Anfang an hatten sich die Chassidim in Osteuropa gegen die zionistischen Bestrebungen gewandt, wie sie nach 1881 sichtbar geworden waren: Durch sie würden weltliche Tendenzen im Judentum gestärkt und das Kommen des Messias verzögert. Ebenso ablehnend reagierten zahlreiche orthodoxe Juden in Ost- und Westeuropa. Dies zeigte sich 1897 in dem ›Protest‹ der im ›Allgemeinen Rabbinerverband‹ Deutschlands zusammengeschlossenen liberalen und orthodoxen Rabbiner gegen die Einberufung des Zionistenkongresses, dann in der 1912 gegründeten ›Agudat Israel‹ - der ›Vereinigung Israels‹ -, die streng religiös ausgerichtet war. Nur Gott könne die Verbannung der Juden in das Exil aufheben und sie nach Israel zurückführen.« Wie überall, wo Menschen sind, gibt es halt auch unter Juden die verschiedensten Ansichten. Davon nur eine gelten zu lassen, das löst den Palästinakonflikt nicht. Wer Gerechtigkeit will, kommt an der Benennung der Ungerechtigkeit der Nakba nicht vorbei – und muss gleichzeitig die Ansprüche der daran schuldlosen nachgeborenen Israelis erklären; er muss die zahlreichen neuerlichen Untaten von Israelis – wie die eher weniger zahlreichen von Palästinensern – als solche bezeichnen. Da die richtigen Worte zu finden, ist natürlich ein Drahtseilakt. Wer sich davor scheut und sich die Sache einfach macht, indem er die eine Hälfte der Wahrheit ausblendet, der kann Konflikte nicht lösen. Das gilt genauso für den Ukraine-Krieg, wo der Westen gern seine diversen Provokationen der Zeit vor dem 24.2.2022 ausblendet.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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