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Ideologieproduktion

Immer ein Kriegsruf

Jahrhundertelanger Verunglimpfungsfeldzug: Michael Wengraf über die »Türkenkriege« als Motor für die Genese moderner Propaganda

Von Constanze Kraft
Foto: Zentralbibliothek Zürich/Wikimedia Commons
Die Darstellung des Gegners als Kindermörder knüpfte an die vertraute Erzählung über den »Kindermord von Bethlehem« an: Holzschnitt von Hans Weigel dem Älteren (um 1530)

Wer meint, der Ausschluss Russlands und der Türkei aus »Europa«, also aus der »westlichen Wertegemeinschaft«, sei etwas noch nie Dagewesenes, etwas Einmaliges und Neues, der irrt. Die europäische Haltung, anderen ihr Anderssein vorzuwerfen und sie damit auszugrenzen, sich selbst aber für den Maßstab aller Dinge zu halten, ist eine jahrhundertealte. Den Katalysator dafür bildete die Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahr 1453. Natürlich war der Verlust des zweiten, des östlichen Roms eine schmerzhafte Wunde für die christlichen Länder auf dem europäischen Kontinent. Er war eine Niederlage im Krieg. Und dieser Verlust sollte durch einen Propagandafeldzug kompensiert werden, dessen Gift bis heute wirkt. Was sich schon seit längerem durch die Kreuzzüge vorbereitete, fand hier seine Initialzündung: ein sorgfältig und strategisch ausgearbeiteter Plan, »den Türken« zu verunglimpfen.

In seinem Buch »Gemachte Furcht. Die Türkenkriege als Genese moderner Propaganda« ist der österreichische Wissenschaftshistoriker Michael Wengraf dieser Entwicklung nachgegangen. Er hat eine Fülle von Material zusammengetragen, das die systematische antitürkische Propaganda in Europa über die Jahrhunderte belegt. Enea Silvio Piccolomini (1405–1464), der spätere Papst Pius II., ist dabei zum Einpeitscher der Bewegung geworden. Er befeuerte nicht nur die Verleumdung der Türken, sondern erwog auch einen »Präventivkrieg« gegen sie.

Türkenfurcht

Damals wurde ganz bewusst Propaganda verbreitet: dieselbe, immer wieder verwendete Formulierung bösartiger Vergleiche, ein ganzes Arsenal inhaltlicher Stereotype, die Personalisierung des Bösen: Türken sind grausam, sie verschleppen die Kinder der Christen und spießen sie an den Gartenzäunen auf, sie vergewaltigen Frauen, sind Barbaren, blutgierig, lüstern, tierisch. Sie sind der Satan schlechthin, der Erbfeind, der mythische Drache.

Diese Propaganda, die unter Kaiser Maximilian I. (1459–1519) noch ausgefeilter wurde, verhüllte und zerstörte die jahrhundertelange Erfahrung, dass es auf der Iberischen Halbinsel und auf dem Balkan ein fruchtbares Zusammenleben zwischen Islam, Christentum und Judentum gegeben hatte. Und dass es in der Bevölkerung durchaus auch andere Wahrnehmungen des Islam gab.

Es war ja nicht so, dass zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert nur »Türkenfurcht« herrschte, wie es die Propaganda unterstellte. Im Gegenteil, es gab vielfach »Türkenhoffnung« bei den armen Bewohnern der christlichen Länder. Es hatte sich herumgesprochen, dass es im Osmanischen Reich fast so etwas wie eine Sozialfürsorge gab: Der Sultan – und nach seinem Vorbild auch andere Angehörige der Oberschicht – stifteten Moscheen, Krankenhäuser, Karawansereien, Schulen und sorgten auch für deren Unterhalt. Belegt ist, dass in den Krankenhäusern Juden, Christen und Muslime gleichermaßen beherbergt und behandelt wurden. Die Türken galten deshalb nicht wenigen Zeitgenossen nicht als Gefahr, sondern ihre Gesellschaft eher als Alternative zu der in den sozial längst nicht so entwickelten Ländern unter den Päpsten und den Kaisern. Das traf auch auf die ideologische Ebene zu. Berühmt ist der Kampfschrei verfolgter Lutheraner: »Lieber Türckisch als Päpstisch.«

Riesiger Apparat

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Für ihre Propaganda stand dem Papsttum und den Kaisern ein riesiger Medienapparat zur Verfügung, womit sie schließlich Erfolg hatten. Es ist kein Zufall, dass der Begriff »Propaganda« seinen Ursprung in der päpstlichen Heiligen Kongregation für die Verbreitung des Glaubens von 1622 hat – also des Glaubens, den das Papsttum verbreitet sehen wollte. Die Predigten in den vollen Kirchen, die antitürkischen Zeichen in Numismatik und Heraldik, das Schauspiel, die Dichtung, die Vielzahl an Flugschriften, die darstellende Kunst – überall wurde über die Jahrhunderte hin gezielt antitürkisch argumentiert. Und diesem Medienapparat, entstanden auch auf der Grundlage des neuen Buchdrucks, hatte der fast bilderlose Islam, für den der Koran nur kalligraphiert verbreitet werden durfte, nichts entgegenzusetzen.

Die aggressive Bekämpfung »des anderen« hatte natürlich ihre wirtschaftlichen Gründe. Das spätmittelalterliche Papsttum tat alles für seinen Machterhalt, den es durch die Ausbreitung der »Sekte Islam« bedroht sah. Dazu setzte es neben seinem ideologischen Einfluss und dem Schüren der »Türkengefahr« auch die Einziehung des »Türkenzehnten« ein, um Armeen für die »Türkenkriege« zu finanzieren.

Als das Kaisertum erstarkte und sich im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation manifestierte, als besonders die Habsburger sich anschickten, einen Großteil der europäischen Länder unter ihrer Führung zu vereinigen, setzte sich diese Entwicklung ungebrochen fort. Reichssteuern, die sogenannte »Reichstürkenhilfe«, wurden beschlossen, gemeinsame Heere unter Führung der Habsburger aufgestellt. Allerdings zeichnete sich auch Widerstand ab. Adel und Stände blockierten oder verzögerten die Erhebung von Steuern auf den Reichstagen, um ihre eigenen finanziellen Interessen gegen das Kaisertum zu sichern. Auch verweigerte sich so mancher europäische Staat der bald maßlosen Erhebung von kaiserlichen Steuern, wenn er die Kriegspropaganda nicht als nützlich ansah: Frankreich und die Republik Venedig unterhielten zeitweise einen einträglichen Handel mit dem Osmanischen Reich.

Was war das für ein Europa, das so aufwendig gegen die Türken in Stellung gebracht wurde? Die Ideen von der »Universitas Christiana« und der universalen Macht des Papsttums verloren sich im Laufe der Geschichte. Nationalstaaten entstanden, die ihre eigenen Interessen verfolgten und Zweckbündnisse schlossen. Die innerchristlichen Konfessionskriege trugen auch zum Zerfall des auf Ewigkeit angelegten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bei. Die Idee eines einheitlichen christlichen Abendlandes, das sich gegenüber »dem anderen« verteidigen muss, demaskierte sich im Lauf der Geschichte. Europa war nie ein gemeinsames Haus, es ist nicht organisch gewachsen, es entstand und entwickelte sich vielmehr als Kriegsmacht gegen das Osmanische Reich. Insofern war Europa in seiner Genese immer ein Kriegsruf. Ein Kampfbegriff – geprägt von einem zivilisatorischen Überlegenheitsgefühl, befördert durch eine rasche bürgerlich-kapitalistische Entwicklung, gestärkt durch immerwährende propagandistische Lügen, durch Raubexpansion, Kolonialismus und christliche Mission. Michael Wengraf nennt dies ein »hegemoniales Amalgam«.

Parallelen

Die Parallelen zu heute sind – es ist längst deutlich geworden – frappant. Der Feind schlechthin steht wieder im Osten. Russland ist barbarisch, kriegslüstern, eine »Tankstelle mit Atomwaffen«. Es unterwandert die europäischen Werte, zerstört die demokratische Ordnung. Höchste Zeit also, wieder Angst zu schüren und sich vor allem für einen angeblich drohenden Angriff hochzurüsten (der selbst von US-Geheimdiensten in Abrede gestellt wird). Vor allem aber wird wieder personalisiert: Wie einst Sultan Mehmed II. (1432–1481) und mit ihm die ganze türkische Gesellschaft ist heute Wladimir Putin der »blutige Wlad« an sich. Wolodimir Selenskij übernimmt die bewährte Schablone der Entmenschlichung des Feindes: »Putin erkennt Schwäche wie ein Tier, denn er ist ein Tier.« Wenn er Blut wittere, werde Putin stark. »Und er wird auch alle zum Abendessen fressen samt eurer EU, NATO, Freiheit und Demokratie.«

Dass eine unverkennbare Parallele zur Entmenschlichung des Feindes auch im Genozid Israels an den Palästinensern gegeben ist, ist kein Zufall. Verteidigungsminister Joaw Gallant sagte nach den Angriffen der Hamas am 7. Oktober 2023: »Wir kämpfen gegen menschliche Tiere, und wir handeln entsprechend.« Und so kann auch Ursula von der Leyen frank und frei erklären: »Russland und die Hamas sind sich sehr ähnlich.«

Es gibt eine enge historische Verbindung zwischen der mittelalterlichen Kreuzzugspropaganda, der frühneuzeitlichen Türkendenunziation und der heutigen Russenhatz: Wir gegen die anderen. Die Zivilisation gegen die Barbarei. Wir Richtigen gegen euch Falsche. Die »europäische« Ukraine muss gegen das »asiatische« Russland verteidigt werden. Kiew, die Stadt am äußersten Rande Europas, darf nicht wie einst Konstantinopel in die Hände der Barbaren fallen. Unsere Sanktionen werden Russland ruinieren. Europa ist ein Garten, der Rest der Welt ein Dschungel. Diese propagandistische Dialektik funktioniert glänzend – damals wie heute.

Michael Wengraf kommt hinsichtlich der europäischen Geschichte in seinem brillanten Buch zu dem Schluss: »Europa als ›Anti-Russland‹ – das ist der einzige politische Klebstoff, der die EU noch zusammenhalten kann. War es einst der Krieg gegen die Osmanen, so ist es heute jener wider die ›Putinisten‹ samt dem alten Drang nach Osten, der dieses Konstrukt legitimiert. Und wie damals das Reich fungiert heute Deutschland als Zentrum und Motor der Bewegung.« Der Friedensnobelpreis, der 2012 der EU verliehen wurde, war und ist jedenfalls ein erlogener Preis.

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Michael Wengraf: Gemachte Furcht. Die Türkenkriege als Genese moderner Propaganda, Mangroven, Kassel 2026, 304 Seiten, 26 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.10.2026, Seite 15, Politisches Buch

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