Verschwundene Milliarden
Skandale aus den Parallelgesellschaften der Reichen und Mächtigen: Fabio De Masis Buch über »Geld, Macht, Verbrechen«
Einprägsam ist der Titel dieses Buches gewiss – um aber auch aussagekräftig und vielleicht sogar richtungweisend zu sein, fehlen in der Unterzeile noch Begriffe wie Politik, Filz oder Korruption. Buchgestalter mögen das überlang finden, es würde aber auf den ersten Blick verdeutlichen, dass dies ein hochaktueller Politkrimi ist – ein Thriller über Finanzverbrechen, durch die, weil vielfach unaufgeklärt oder andauernd, ungeheuer viel Geld versackt; und die insbesondere wegen der Querverbindungen zu Regierungen und Konzernen die »Glaubwürdigkeit« bestehender Strukturen erheblich gefährden.
Autor Fabio De Masi ist kein Unbekannter: Der 46jährige Diplom-Volkswirt hat bereits eine abwechslungsreiche politische Karriere hinter sich. Für die Partei Die Linke gehörte er erst dem EU-Parlament an und von 2017 bis 2021 dem Bundestag. 2022 trat er aus der Partei aus und gehörte ein Jahr später zu den Mitgründern des BSW, für das er derzeit wieder im EU-Parlament sitzt; seit 2025 ist er Koparteichef des BSW.
De Masi hat sich bereits in der Linkspartei einen Ruf als ebenso zäher wie einfallsreicher parlamentarischer Ermittler in verschiedenen Finanzskandalen der jüngeren deutschen und europäischen Geschichte erarbeitet. Sie sind in erster Linie Thema dieses Buches: Fundiert und kritisch schreibt De Masi unter anderem über die »Luxemburg Leaks« (2014/15), die »Panama Papers« (2016), »Cum-Cum und Cum-Ex« (2017 ff.) oder die Wirecard-Pleite (2020/21). Die Fallschilderungen beleuchten flüssig und zugleich detailliert Grundlegendes und erzeugen Spannungsbögen: Der Leser erfährt viel über die Mechanismen des Finanzwesens und seine Vernetzung mit Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Andererseits ist die Lektüre gerade wegen der verflochtenen Details auch nicht ganz einfach: Man muss sich darauf einlassen und die jeweiligen Abläufe und Zusammenhänge gewissenhaft verfolgen wollen; man lernt aber auch sehr viel, nicht zuletzt das Kopfschütteln über die Unverfrorenheit der auftretenden Akteure.
An dieser Stelle sei nur an die Gedächtnislücken des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters, Bundesfinanzministers und Bundeskanzlers Olaf Scholz (SPD) im Cum-Ex-Skandal um die hanseatische Warburg-Bank erinnert. De Masi hat darüber kürzlich im Interview mit dieser Zeitung ausführlich gesprochen. In dem Buch finden sich immer wieder Passagen, in denen es persönlich wird – zu tief hat sich der »Finanzdetektiv« De Masi in all den Jahren in die Sachverhalte eingearbeitet, als dass ihm das nicht auch unter die Haut gegangen wäre. Es ist als kleine, aber durchaus verzeihliche Schwäche zu vermerken, dass die Darstellung der Finanzskandale zwangsläufig für manche Leser Bekanntes wiedergibt. Es wäre aber ein Fehler, Seiten zu überschlagen – es findet sich auf Schritt und Tritt auch Neues in dem Buch.
De Masi ergänzt die sachliche Darlegung immer wieder durch eigene analytische Schlussfolgerungen, oft auch durch gewissenhaft begründete Spekulationen. Das macht das Buch nicht nur spannend, sondern politisch brisant. Ein Beispiel ist der Skandal um den Finanzdienstleister Wirecard, der vom bayerischen »Startup« zum Weltkonzern wurde, um dann – unter Verschwinden von Milliarden sowie eines Chefs – wie eine Seifenblase zu zerplatzen. Für De Masi ist die Geschichte damit längst nicht zu Ende erzählt, sondern sie mündet in bis heute unvollständig aufgearbeitete internationale geheimdienstliche Verstrickungen. Klingt abenteuerlich? Klare Empfehlung: De Masi lesen.
Persönlich wird es schon zu Beginn, wenn De Masi Herkunft und Werdegang erläutert und so verdeutlicht, wie sein Interesse an den im Buch behandelten Themen entstanden ist: »Dass es so kam, hat auch mit meiner Geschichte zu tun.« Diese persönliche Ebene prägt auch seinen bilanzierenden Schluss mit eindringlichen Warnungen vor den Parallelgesellschaften der Reichen und Mächtigen. Erkennbar ist ein gewisses Bedauern: Er werde, schreibt De Masi, heute längst nicht mehr als Finanzdetektiv wahrgenommen, sondern müsse als BSW-Vorsitzender »viel stärker ein Generalist sein«. Das mag zutreffen, zeigt – mit Verlaub – aber auch, dass es ihm über die Jahre nicht gelungen ist, einen Gleichgesinnten zu einem kritischen Finanzpolitiker der nächsten Generation zu qualifizieren, obwohl es, wie er in diesem Buch zeigt, weiter ziemlich viel zu tun gibt. Schade.
→ Fabio De Masi: Geld, Macht, Verbrechen. Von Finanzskandalen, Wirtschaftskriminellen und Geheimagenten. Rowohlt, Hamburg 2026, 336 Seiten, 24 Euro
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