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Künstliche Intelligenz

Wo der Crash bleibt

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs

USA
Foto: jW

Vor genau einem Jahr habe ich unter der Überschrift »KI-Crash voraus« die Leser dieser Kolumne zum ersten Mal davor gewarnt, dass der verrückte Boom rund um die »künstliche Intelligenz« kurz vor dem fälligen Ende steht. Jetzt, ein Jahr später, muss ich einräumen, dass der vorhergesagte Crash immer noch nicht eingetreten ist. Im Gegenteil: Der Nasdaq, jener Index, der stark mit Techwerten gewichtet ist, steht derzeit bei 26.713 Punkten. Das sind 18,4 Prozent mehr als vor einem Jahr. Klassische Fehlprognose also. Was kann man von einem Kolumnisten in einem antikapitalistischen Blättchen anderes erwarten?

Ich rechtfertige mich damit, dass ich vor einem Jahr – wie immer beim Schreiben dieser Kolumne – meine generelle Abneigung gegen die Profitmacherei hintangestellt und meine Crashprognose auf Analysen und Ansichten aus der Mitte des Finanzmarkts gestützt habe, also auf Quellen bei den Banken Goldman Sachs und J. P. Morgan, bei der Financial Times und – ganzer Stolz meiner damaligen Quellensuche – dem Harvard Business Review. Der Gefahr, dabei einer romantisch-marxistischen Untergangsprophetie aufzusitzen, war ich nicht ausgesetzt.

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Die Argumente damals – es handele sich um eine riesige Spekulationsblase ähnlich jener in den letzten Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die KI-Unternehmen (vor allem Open AI und Anthropic) würden (außerbörslich) irrwitzig hoch bewertet, obwohl sie bisher vorwiegend Geld verbrennen; die Techgiganten (also die schon »alten« Herrscher über die Digitalsysteme wie Microsoft, Meta, Alphabet/Google und Amazon) hätten sich in einen Wettlauf zum Bau riesiger Rechenzentren begeben, deren Bedarf alles andere als gesichert sei; die Chipfabrikanten selbst finanzierten die Datenzentren und erhielten dafür Aufträge für noch mehr Hochleistungschips – gelten heute noch genauso wie vor einem Jahr. Nur hat sich die Lage verschärft. Denn die Finanzierung der neuen Anlagen wird nun hauptsächlich über den Bondmarkt abgewickelt, wodurch dort die Zinsen gestiegen sind. Nicht nur in den USA, sondern weltweit konzentriert sich die wirtschaftliche Aktivität immer stärker auf KI-Produkte und Datenverarbeitung. Selbst im Nachzüglerland Deutschland kommt das bisschen Wachstum (neben dem Rüstungsgeschäft) aus Zulieferaufträgen für US-Rechenzentren.

Die Lage hat sich nicht nur verschärft, sondern der Chor der Crashpropheten ist angeschwollen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnt vor »selbstbezüglichen« Finanzbeziehungen. Auf der Tagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in der vergangenen Woche in Bangkok wurde vor den ungleichen Wirkungen des KI-Booms gewarnt. Offensichtlich ist ja, dass das Wirtschaftswachstum der USA nur von der gerade mal vier Jahre alten, kleinen Zukunftsbranche der KI abhängt. Wenn der Glaube an die dort erzielbaren Monopolgewinne in der Zukunft erlischt, ist der Börsenboom am Ende. Die Chefs der KI-Unternehmen Sam Altman (Open AI) und Dario Amodei (Anthropic) haben vor einem Monat vor einem durch künstliche Intelligenz herbeigeführten Weltuntergang gewarnt und eine koordinierte Verlangsamung der eigenen Investitionen vorgeschlagen. Man kann das als Versuch werten, den irrwitzigen Überschwang zu dämpfen, ohne selbst im Börsencrash ­unterzugehen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.10.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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