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Foucault 100

Archäologe der Macht

Foucault grüßt aus der Unterwelt

Foto: Reprodukt
Einsteigen, bitte: Dienstreise durch den Hades

Die Reise geht flussabwärts, Ziel unbekannt, Rückfahrkarte ungültig. In Martin tom Diecks und Jens Balzers Comic »Neue Abenteuer des unglaublichen Orpheus« schaukeln ein paar verstorbene französische Philosophen auf Charons Kahn durch die Unterwelt. Mit an Bord: Gilles Deleuze und Michel »­Offissa« Foucault, dem der Fährmann kurzerhand das Steuer überlässt. Licht gibt es keines, Orientierung ebenso wenig. Für einen Mann, der sein Leben damit verbrachte, die verborgenen Ordnungen des Sichtbaren freizulegen, eine durchaus angemessene Dienstreise. Die Philosophie ist tot, aber sie fährt auf ungewissem Kurs weiter.

Am 15. Oktober 1926 in Poitiers geboren, wäre Michel Foucault heute hundert Jahre alt geworden. Der letzte große französische »Meisterdenker« (eine Berufsbezeichnung, die er vermutlich als Zumutung empfunden hätte) absolvierte die Pariser École normale supérieure – jene Kaderschmiede, in der Frankreich seinen intellektuellen Nachwuchs heranzieht. Zeitweilig Mitglied der Kommunistischen Partei, später Sympathisant maoistischer Gruppen, gehörte der vermeintliche Außenseiter zeitlebens zur Elite des französischen Bildungssystems: ein Rebell mit akademischem Gütesiegel, der sich von Institutionen alimentieren ließ, deren Funktionsweise er sezierte.

Foucaults bevorzugte Forschungsgegenstände waren in den Abstellkammern der bürgerlichen Gesellschaft zu finden: Wahnsinn, Krankheit, Gefängnis, Sexualität. In »Wahnsinn und Gesellschaft« (1961) untersuchte er die historische Trennung von Vernunft und Unvernunft, in »Überwachen und Strafen« (1975) die Geburt des modernen Gefängnisses. Die Pointe: Nicht erst die Gefängnismauern machen den Gefangenen aus. Die Disziplinierung beginnt in Schulen, Kasernen, Fabriken und Krankenhäusern. In ihnen wird der moderne Mensch nicht bloß unterworfen, sondern als brauchbares Subjekt formatiert. So testiert man ihm seine Tauglichkeit.

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Mit seiner dreiteiligen »Geschichte der Sexualität« (1976, 1984) nahm Foucault eine besonders hartnäckige Gewissheit aufs Korn: die Repressionshypothese. Der zufolge habe die bürgerliche Gesellschaft den Sex unterdrückt, bis Freud, die sexuelle Revolution und allerlei Befreiungspersonal ihn wieder ans Tageslicht beförderten. Foucault hielt dagegen: Noch nie wurde so ausgiebig über Sexualität geredet wie unter jenen Verhältnissen, die ihr Schweigen erzwangen. Ärzte, Pädagogen, Psychiater und Beichtväter produzierten ein Wissen über den Sex, das ihn zugleich zum Gegenstand gesellschaftlicher Kontrolle machte. Das von Foucault beschriebene »Sexualitätsdispositiv« bezeichnete genau jenes Geflecht aus Diskursen, Institutionen und Praktiken, die das moderne Individuum überhaupt erst erzeugen. Wer sich befreit, indem er seine intimsten Geheimnisse preisgibt, hat den Beichtstuhl womöglich nur gegen die Couch eingetauscht.

Daran schloss Foucault seine Überlegungen zur »Biomacht« an: Nicht länger töten, sondern das Leben hervorbringen, verwalten, optimieren und regulieren. Im 19. Jahrhundert wurden Bevölkerungsstatistik, Geburtenkontrolle, Hygiene und Gesundheitswesen zunehmend zu Instrumenten einer Herrschaftsform, die sich als Fürsorgeoperation ausgab. Wo Marx strikt nach Eigentumsverhältnissen gefragt hätte, entdeckte Foucault ein verzweigtes Netz an produktiven Kräfteverhältnissen. Wenn die Macht, von der er unentwegt spricht, nach Lumfeld selbst in unseren Küssen steckt, wo bleiben am Ende dann aber die Täterinnen und Täter hinter der Tat? Doch zurück zum Comic: In der lichtlosen Unterwelt von Martin tom Dieck gibt es keine Geburtstage.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.10.2026, Seite 10, Feuilleton

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