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Aus: Ausgabe vom 01.06.2022, Seite 12 / Thema
Prostitution

Sex sells

In Deutschland ist Prostitution eine ganze normale Dienstleistung – und ein bedeutender Wirtschaftszweig mit vielfach kriminellen Verbindungen
Von Sabine Kebir
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Seit Jahren der Inbegriff von käuflichem Sex und anderen »Dienstleistungen«: die »Große Freiheit« an der Hamburger Reeperbahn (23.12.2021)

»Ohne Prostitution geht es nicht!« zählte zu den oft gehörten Sätzen, die mich als Neubundesbürgerin nach 1990 schockierten. Im Realsozialismus hatte ich die Erfahrung gemacht, dass eine Arbeitsgesellschaft, in der sich die Einkommensunterschiede von Frauen und Männern in Grenzen hielten und tendenziell geringer wurden, sehr gut ohne Prostitution auskommt. Und der Rahmen, in dem das bei allen Geschlechtern vorhandene Interesse an Sexualität ausgelebt werden konnte, erweiterte sich. Luxusprostitution oder staatlich organisierte Spionageprostitution blieben Randphänomene, die mit der heutigen Armutsprostitution nichts gemein hatten.

Schweden, wo 1998 ein »Sexkaufverbot« in Kraft trat, das grundsätzlich Freier bestraft, beweist, dass es sogar in einer kapitalistischen Gesellschaft möglich ist, Sex aus dem Warenkreislauf auszuschließen. Schwedens Gleichstellungsministerin bemerkte hinsichtlich der Situation in Deutschland: »Eine Gesellschaft, die die Prostitution als Beruf oder Wirtschaftszweig anerkennt, ist eine zynische Gesellschaft, die den Kampf für die schutzlosesten und verwundbarsten Frauen und Kinder aufgegeben hat.«¹

Derselben Meinung ist der ehemalige Kriminalhauptkommissar Manfred Paulus, der beruflich mit dem sogenannten Rotlichtmilieu und den ihm zuarbeitenden internationalen Schlepperbanden zu tun hatte. In zwei Büchern versucht er über die Komplexität dieses hier weitgehend verdrängten Skandalons aufzuklären. Denn wenn Prostitution in den Medien vorkommt, dann vor allem verharmlosend: Angeblich arbeiten die meisten Prostituierten freiwillig. Entspricht das Äußere gehobenen Ansprüchen, könne frau als »Escort« reicher Geschäftsleute sogar sehr viel Geld verdienen, hört man immer wieder.

Gehirnwäsche und Schlepper

Für ebenso unterbelichtet wie die Verhältnisse in der Prostitution selbst hält Paulus das Amalgam, das zwischen diesem »Wirtschaftszweig« und der transnationalen organisierten Kriminalität existiert. Europol schätze, europaweit seien »etwa 2.500 kriminelle Clans und polykriminelle Gruppierungen aktiv, die sich vorwiegend mit dem Handel von Drogen, Waffen und Menschen befassen«.² Wie Paulus an historischen Beispielen der Zuhälterei zeigt, war sie immer eng mit anderen Kriminalitätsfeldern verwoben. Das heute erreichte Ausmaß, in dem die mit Prostitution erzielten Gewinne in andere illegale und legale Geschäfte investiert werden, sei allerdings neu.

Bekannt ist, dass spezialisierte Agenturen oder »Loverboys« jungen, oft noch minderjährigen Frauen ein glänzendes Leben in Europa vorgaukeln. Migranten aus Asien oder Afrika, die die Gestade der Europäischen Union erreichen, gelten den Medien als gerettet. Angeblich haben sie hier Zukunftschancen. Aber das gilt sicher nicht für Zehntausende Frauen und Kinder, die jährlich im transkontinentalen Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung in die EU geschleust werden. »Allein 2016 sind über 16.000 junge Nigerianerinnen übers Mittelmeer in Richtung Italien und von dort weiter in andere westeuropäische Länder, bevorzugt nach Deutschland, Österreich und die Schweiz, geschleust worden.« Sie stammen meist aus dem armen Süden Nigerias. Damit sie die ihnen noch unbekannten Strapazen der Reise und ihre künftige Tätigkeit widerstandslos hinnehmen, werden sie zuvor einer Gehirnwäsche unterzogen. Sie müssen sich zu einem von der Schlepperorganisation bezahlten Voodoo-Priester begeben, der ein Ritual vollzieht, in dem er eine »Moral und Gerechtigkeit« verkörpernde Gottheit anruft. »Umgeben von Knochen, Tierschädeln und üblem Gestank« müssen die Mädchen »ein Bad zwischen Tierhäuten« nehmen und ein heißes Getränk zu sich nehmen. Dann werden Finger- und Fußnägel, Kopf- und Schamhaare des jeweiligen Mädchens abgeschnitten und zusammen mit einem Bild der auf diese Weise Verzauberten sorgsam in eine Tüte gesteckt.« Nach weiteren magischen Handlungen »hat sich die junge Frau nackt vor dem Priester zu verneigen und (…) zu schwören, nach Europa zu gehen, alle ihr erteilten Anweisungen (…) zu befolgen, 35.000 Euro an (durch Ritual und Ausreise entstandenen) Schulden zurückzuzahlen und niemals bei der Polizei oder einer anderen Institution auszusagen.« Bis die Schuld beglichen ist, stellt die Tüte angeblich eine ständige Verbindung zu dem Priester her. Ein Bruch des Schwurs zieht die Rache der Gottheit nach sich: den Tod für sie und ihre Verwandten. Hat sie die Gefahren der Durchquerung von Sahara und Mittelmeer überlebt, wird sie in Italien einer »Madame« übergeben und dann von einem Landsmann an ihren Bestimmungsort gebracht. Die wenigen Nigerianerinnen, die aussagen, »berichteten die schrecklichen Abläufe detailliert und übereinstimmend.«³

Menschenhandel in die EU findet auch aus den Ländern ihrer Peripherie statt. In Moldawien, das heute kaum noch 2,5 Millionen Einwohner hat, werben »über 200 nicht lizenzierte Vermittlungsagenturen. Sie alle versprechen einen problemlosen Grenzübertritt, einen angenehmen Transport westwärts und immer wieder aufs neue den (für moldawische Verhältnisse) unglaublich gut bezahlten Traumjob in ›Germany‹.«⁴

Geschäft der Mafia

Je ärmer die Länder, um so bedeutender der Handel, der dem Rotlichtmilieu reicherer Länder Menschen zuführt. Hilfsorganisationen schätzen, dass etwa 30.000 albanische Mädchen und Frauen in Westeuropa sexuell ausgebeutet werden. »Laut der belgischen Polizei sind viele der in Belgien anschaffenden Ausländerinnen 14- bis 15jährige Mädchen aus Albanien.« Paulus unterstreicht immer wieder die Rolle von Tätern, Täterorganisationen und kriminellen Clans aus Albanien und Kosovo im Menschenhandel. Albanische Netzwerke rekrutieren und exportieren auch Frauen und Mädchen aus der Ukraine und Serbien und sogar aus den EU-Ländern Bulgarien und Rumänien in wohlhabendere EU-Staaten. Die Überfahrt von Albanien nach Italien dauert mit einem Schnellboot keine zwei Stunden und kostet 1.000 Euro pro Person. Je nach Attraktivität der Ware Mensch zahlen dort wartende Zuhälter zwischen 4.000 und 10.000 Euro.

Paulus schildert, dass die Entstehung der in ganz Europa überaus einflussreichen albanischen Mafia mit dem Ende der sozialistischen Ära auf dem Balkan begann: »Beides, die plötzlich vorhandene Möglichkeit für Albanerinnen und Albaner, ihr Land zu verlassen, und die durch kriegerische Auseinandersetzungen erforderliche Ausweichroute für Drogen und Menschenschmuggler, trug dazu bei, dass in Albanien und darüber hinaus hochkriminelle Strukturen entstehen und sich verfestigten konnten.« Schnell kam es zu Kontakten zwischen albanischen und italienischen Kriminellen. Zunächst waren die Albaner »Handlanger der drei großen italienischen Mafiagruppierungen Camorra, Cosa Nostra und ’Ndrangheta. Sie hatten die Schmutzarbeit zu verrichten und töteten skrupellos. (…) So wurde in Albanien mehrfach von Abrichtungslagern berichtet, in welchen Kinder systematisch vergewaltigt und so auf die (Sex-)Märkte vorbereitet wurden. Auch von Exekutionen war die Rede, die durchgeführt wurden, um auf diese Weise die Entschlossenheit der Täter zu demonstrieren.« Hier ist kein substantieller Unterschied zur Voodoo-Praxis in Nigeria zu erkennen.

Als es der Justiz Italiens gelang, Drogenkartelle zu sprengen, erlangten albanische Clans die Kontrolle über weite Teile des Frauen-, Drogen- und Waffenhandels sowie der dortigen Prostitution. »Sie übernahmen Geschäftsfelder der Cosa Nostra, arrangierten sich mit der neapolitanischen Camorra, schufen enge Beziehungen zu der in Apulien agierenden Sacra Corona Unita und galten schon bald als Erben der kalabrischen ’Ndrangheta.« Ihren Aktionsraum dehnten sie bis an die Ostküste der USA aus und drangen über das Prostitutionsmilieu von Antwerpen auch nach Deutschland ein,⁵ wo sie »in den 1990er Jahren das Rotlichtmilieu in Hamburg stürmten und in der Folgezeit Milieu­anteile in ganz Deutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz eroberten«.

Arabische »Familienclans« setzten sich »vorwiegend in Berlin, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, aber auch im Osten Deutschlands fest«. Man agiert international. »So ermittelte eine Sonderkommission in Köln gegen Angehörige einer Romagroßfamilie, die daraufhin ihre Aktivitäten schleunigst in die Schweiz (…) verlagerten. Ein 2019 begangener Mord in Wien wurde mit der Festnahme eines Clanchefs in Tschechien in Verbindung gebracht. Die in Österreich durchgeführten Ermittlungen ergaben, dass das Tötungsdelikt im Zusammenhang mit den Rivalitäten der montenegrinischen Kartelle des Skaljari- und des Kavac-Clans stand.«⁶

Sklavenähnliche Bedingungen

Paulus geht von der üblichen polizeilichen Praxis ab, die Herkunftsnationalität von Straftätern und -gruppen nicht zu nennen. Ist dies in zahlreichen Zusammenhängen problematisch, so wird damit im Fall der Prostitution kenntlich gemacht, dass es offenbar eine »Dialektik« zwischen der Herkunft der ausgebeuteten Prostituierten und ihren Schleppern aus den ärmsten Regionen inner- und außerhalb Europas einerseits und den reichsten Regionen andererseits gibt. Sie etablierte sich nicht zufällig als Kehrseite der wachsenden Freizügigkeit von Menschen und Waren in der EU. Paulus macht das auch daran fest, dass deutsche Zuhälter seit den 1990er Jahren einen immer kleiner werdenden Teil der »Prostitutionslandschaften« kontrollieren.

In Deutschland und der Schweiz sind nur noch etwa zwei Prozent der Prostituierten Deutsche bzw. Schweizerinnen – die allermeisten stammen aus ärmeren Ländern. In den reichen Ländern sitzen sie unter sklavenähnlichen Bedingungen fest. Da den Verschleppten nach dem letzten Grenzübertritt die Pässe abgenommen werden, verlieren sie ihre Bewegungsfreiheit und haben kaum Möglichkeiten, gegenüber Polizei und Justiz ihre Rechte einzuklagen. Die – laut Paulus – zu 90 Prozent unfreiwillig ausgeübte Prostitution, deren Ertrag den Prostituierten nur in Bruchteilen zufließt, stellt fortlaufende Gewalt dar, ergänzt durch weitere Gewalt, um die Ware »Frau« oder »Kind« gefügig zu halten. Das kann bis zum Totschlag führen.

Brutalste Prügel und Morde bestimmen von jeher den Umgang im Zuhältermilieu, in dem ständig um Einflusszonen, Etablissements und sogar um einzelne Prostituierte konkurriert wird. Die heutzutage mit diesem Kampf betrauten »Eingreiftruppen« entstammen dem Rockermilieu. Das berüchtigtste, weltweit aktive Rockernetzwerk ist der 1948 in den USA gegründete Hells Angels Motorcycle Club, der in Deutschland schon seit den 1970er Jahren zahlreiche Gewalt- und Tötungsdelikte verübte. Paulus nennt etliche ähnliche Rockerorganisationen: Bandidos Motorcycle Club, Outlaws Motorcycle Club, United Tribuns, Gremium Motorcycle Club, Black Jackets, Red Legion, Bahoz, Osmanen Germania Boxclub, Rock Machine Motorcycle Club, Mongols Motorcycle Club und Guerilla-Nation.

Die schillerndste Größe der Hells Angels ist Frank Hanebuth. Weil er den Kampf um den am Hannoveraner Steintor gelegenen Rotlichtbezirk zwischen Albanern, Russen und Türken befriedete, heißt er auch »Steintorkönig«. Trotz zahlreicher Haftstrafen »knüpfte er Beziehungen zur Lokalpresse und entwickelte sich immer mehr zur gesellschaftlichen Größe. Er wurde Teil eines Netzwerks von Honoratioren der Stadt und hatte Zugang zu einflussreichen Kreisen. (…) Dass der Polizeipräsident der Landeshauptstadt in einer Bar des Rotlichtviertels feierte und deshalb von seiner Funktion entbunden werden musste«, hält Paulus noch für einen »der belanglosesten Hinweise auf Verflechtungen zwischen Einflussreichen und Mächtigen«.⁷

Dass sich ein ziemlich unverkrampfter Umgang zwischen öffentlichen Persönlichkeiten und dem Rotlichtmilieu eingespielt hat, ist auch Ergebnis der deutschen Prostitutionsgesetzgebung. Paulus erinnert daran, dass es »um die Jahrtausendwende europaweit, vor allem im linken politischen ­Spektrum«, Diskussionen gab, »wie mit der Prostitution und den Entwicklungen im Bereich der Prostitution umzugehen ist«. Dabei kamen die Staaten zum Teil zu gegensätzlichen Auffassungen. Nach Schweden urteilten auch andere nordische Länder, dass Prostitution grundsätzlich die menschliche Würde verletze. In Deutschland versuchte man mit dem Prostitutionsgesetz von 2001 der Stigmatisierung des Gewerbes zu begegnen und ordnete es dem Dienstleistungssektor zu.⁸ Mit dieser Normalisierung sollte den Prostituierten auch der Zugang zu den Sozialsystemen möglich werden. Weil sich die Prostitution aber zu 90 Prozent im illegalen Bereich abspielt, machen nur sehr wenige Personen davon Gebrauch. 2018 sollen es nicht mehr als 76 gewesen sein – von, so schätzt Paulus, 400.000 in Deutschland tätigen Prostituierten.⁹

»Puff Europas«

Nach hiesigem Gesetz sind sie Angehörige des Servicesektors: »Personen, die sexuelle Dienstleistungen erbringen«. Der Straftatbestand der »Förderung der Prostitution« wurde 2001 abgeschafft, weshalb der Gründung von Bordellen und anderen Vermittlungsdiensten nichts mehr im Wege steht. Dass Betreiber solcher Einrichtungen nur ein »eingeschränktes Weisungsrecht« über »das Ob, die Art oder das Ausmaß der Erbringung sexueller Dienstleistungen«¹⁰ haben, hat kaum praktische Bedeutung, da den Frauen die Bewegungsfreiheit fehlt, um Verstöße anzuzeigen.

Den Grund, weshalb sich gerade Deutschland zum auch für Touristen höchst attraktiven »Puff Europas« entwickeln konnte, sieht Paulus in dieser verfehlten deutschen Prostitutionsgesetzgebung, die das Menschenrecht auf körperliche Selbstbestimmung ignoriert. Sie kam auch durch die mediale Arbeit von Lobbygruppen zustande, die gegen die gesellschaftliche Diskriminierung von Prostituierten wirken. Deren Arbeit beruht allerdings auf der Prämisse, dass Prostitution vorwiegend freiwillig und selbstbestimmt ausgeübt wird. Diese NGOs erhalten sogar öffentliche Förderung. Der Berliner Senat unterstützt den Verein Hydra, der u. a. eine Einstiegsberatung in die Prostitution anbietet. Madonna e. V. ist ein 1991 von Prostituierten gegründeter Verein in Bochum, der von der Stadt und dem Land Nordrhein-Westfalen gefördert wird. Auch »Madonna« vertritt die Position, dass Prostitution eine Arbeit wie jede andere sei, und verbreitet eine vom Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung finanzierte App namens »Lola«, die Informationen zu rechtlichen Fragen und zu Themen wie Gewalt, Schwangerschaft und Gesundheit anbietet – gezielt auch für osteuropäische Frauen. Der Hauptsitz des ebenfalls staatlich unterstützten Vereins Kassandra ist Nürnberg. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge fördert dessen Projekt »ConneKt«, das zur Integration von Migrantinnen beitragen will, die bereits als Prostituierte arbeiten oder dies beabsichtigen.

Am erstaunlichsten findet Paulus, dass sogar Amnesty International 2015 nicht nur beschlossen hat, für die Legalisierung der Prostitution einzutreten, sondern sogar die Entkriminalisierung des damit verbundenen Menschenhandels zu fordern. Begründet wird das damit, dass »sexuelle Aktivität (…) ein grundlegendes menschliches Bedürfnis« sei. Zuhälter »vereinfachen die Sexarbeit, indem sie Informationen und Assistenz bereitstellen«. Diesem Beschluss ging jahrelange Lobbyarbeit des Briten Douglas Fox voraus, dem Gründer einer internationalen Gewerkschaft von »Sexworkers«. Fox warb dafür, dass seine Unterstützer Mitglieder von Amnesty werden sollten.¹¹

Weder Polizei noch Justiz verfügen in Deutschland über adäquate Mittel zur Verfolgung der »hinlänglich bekannten, in weiten Teilen kriminellen Anwerbungs-, Schleusungspraktiken und Ausbeutungsmethoden« des Rotlichtmilieus. Es gibt »jährlich nur wenige hundert Ermittlungsverfahren und noch weniger Urteile wegen Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung«.¹²

Anders sieht es beim Nachbarn Frankreich aus. Bordelle sind dort seit einigen Jahren verboten, weil sie das Verbergen sexueller Gewalt und gewaltsamer Zurichtungen erleichtern. Es waren Ermittler der französischen Gendarmerie, die einem in Deutschland niedergelassenen bulgarischen Zuhälterring auf die Spur kamen. Frauen und Zuhälter wohnten rechts des Rheins, »wo sie sich vor Strafverfolgung sicher glaubten« und von wo die Mädchen an ihre französischen Einsatzorte kutschiert wurden: auf den Straßenstrich von Strasbourg und Annecy. Die Zuhälter erhielten in Frankreich hohe Haftstrafen, die Frauen wurden dortigen Hilfsorganisationen übergeben.¹³

Beratung und Hilfe

Auch in Deutschland gibt es NGOs, die Frauen helfen, aus der Prostitution auszusteigen, und ihnen Ausbildungsplätze vermitteln, z. B. Esther Minstries Stuttgart e. V. und das ebenfalls dort tätige Fraueninformationszentrum (FIZ). Die Internationale Organisation für Migration (IOM) ist ein Hauptakteur gegen Menschenhandel, Sexsklaverei, aber auch bei der Hilfe und Beratung von Opfern. »Jadwiga« ist in Bayern tätig, Karo e. V. im sächsischen Plauen, Mission Freedom e. V. in Hamburg. Sisters e. V. baut von Stuttgart aus ein Unterstützungsnetz in ganz Deutschland auf. Terre des Femmes tritt nicht nur gegen Zwangsprostitution und das verzerrte Bild auf, das darüber verbreitet wird, sondern auch gegen Genitalverstümmelung. Die christliche International Justice Mission (IJM) wurde in Washington gegründet und engagiert sich besonders gegen Menschenrechtsverletzungen in Entwicklungs- und Schwellenländern, darunter auch Menschenhandel und Zwangsprostitution.

Generate Tanara Romania ist eine 2001 in Rumänien gegründete NGO, die sich u. a. auch für Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution einsetzt und Präventionsarbeit z. B. in Gemeinden und Schulen leistet. Äußerst verdienstvoll ist der Verein Solwodi, der mittlerweile 19 Beratungsstellen, eine Kontaktstelle und neun Schutzwohnungen in deutschen Städten unterhält. Die Organisation bietet nicht nur unmittelbaren Schutz, sondern auch Hilfe bei der Rückkehr an. Im April 2019 veranstaltete Solwodi in Mainz den 3. Weltkongress gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen, der international erfolgreiche Lösungsansätze im Kampf gegen den Frauen- und Kinderhandel aufzeigte. Die deutsche Regierung wurde bei der Zusammenkunft erneut aufgefordert, »den Ländern Schweden, Island, Norwegen, Kanada, Nordirland, Frankreich und Irland zu folgen und ein Sexkaufverbot zu erlassen«.¹⁴ Absehbar wird sich an der deutschen Regierungsposition aber kaum etwas ändern. Die seit vergangenem Jahr regierende Ampelkoalition hat sich zwar offiziell vorgenommen, den Kampf gegen den Menschenhandel zu intensivieren. An dessen Grundlage, der legalen Prostitution, zweifelt sie aber nicht.

Anmerkungen

1 Manfred Paulus: Zuhälterei gestern und heute. Über Hurenwirte, Kiezkönige und die Sklaverei der Mafia, Wien 2022, S. 141

2 Ebd., S. 165

3 Ebd., S. 152–155

4 Manfred Paulus: Menschenhandel und Sexsklaverei. Organisierte Kriminalität im Rotlichtmilieu, Wien 2020, S. 44

5 Ebd., S. 93–96

6 Paulus: Zuhälterei, a. a. O., S. 165 f.

7 Ebd., S. 171–184

8 Ebd., S. 205

9 Paulus: Menschenhandel, a. a. O., S. 139 f.

10 Prostituiertenschutzgesetz vom 21. Oktober 2016, zit. n. Paulus: Menschenhandel, a. a. O., S. 132 u. 135

11 Ebd., S. 176–181

12 Paulus: Zuhälterei, a. a. O., S. 140

13 Paulus: Menschenhandel, a. a. O., S. 69

14 Ebd., S. 169–176

Sabine Kebir schrieb an dieser Stelle zuletzt am 8. März 2022 über die von Clara Zektin geleitete Fraueninternationale während des Ersten Weltkrieges.

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  • Leserbrief von Frank Ewald aus Berlin ( 8. Juni 2022 um 16:09 Uhr)
    Seit über drei Jahren arbeite ich nun mit 15 Prostituierten zusammen, weil sie mich um Hilfe baten, ihre Geschichte im Buch »Berlin Rosalie« öffentlich zu machen. Eine Geschichte, die Öffentlichkeit verdient, da die Frauen so mutig waren, sich einen Anwalt zu nehmen und den Staat in Form des Finanzamtes zu verklagen. Das hat verloren und musste eine neu verlangte Steuer bundesweit zurücknehmen. Und es sind ja nicht nur die vielen Repressalien, die sie durch die Behörden zu erleiden haben, nein, da sind auch so manch widerliche Freier, die eine Frau wie ein Stück Fleisch behandeln, das ein Loch hat, und da sind die Kommentare ihrer Mitmenschen, die meinen, entscheiden zu können, wie eine Frau mit ihrem Körper umzugehen habe. Eine dieser Prostituierten hing tatsächlich in der Zwangsprostitution fest – und auch das habe ich beschrieben – die anderen vierzehn entschieden sich freiwillig für diese Sache. Sie werden ohnmächtig vor Wut, wenn da jemand kommt, um ihnen dieses Recht der Eigenentscheidung absprechen zu wollen. Und noch etwas ist interessant, wenn man tief in die Materie eingesunken ist: Die Vielfalt an käuflichem Sex ist riesengroß und an dessen Rändern ist es schwer zu sagen, wo Prostitution anfängt und wo sie aufhört! Nur eines ist sicher: Prostitution ist weit mehr als Zwang und Gewalt.
  • Leserbrief von S. Reckermann aus München ( 8. Juni 2022 um 14:39 Uhr)
    Danke für diesen außerordentlich informativen Beitrag. Auch, wenn die milliardenschwere Bordellbetreiberlobby ihre bezahlten PR-Leute auf alle Andersdenkenden ansetzt: Es wird in linken, ökologisch denkenden und »Eine Welt«-Gruppen immer klarer, dass es auf keinen Fall mit den Menschenrechten vereinbar ist, wenn ein Geschlecht das andere kaufen kann. Zum Münchner Tag der Menschenrechte haben wir vom Nord-Süd-Forum München 2020 unter dem Motto »Vom Norden Lernen« eine viel besuchte und auf Youtube verfügbare Veranstaltung dazu gemacht. Auch die Sozialisten in Spanien haben gemeinsam mit Podemos jetzt endlich für Reformen nach dem Gleichstellungsprinzip gesorgt: Nein heiß nein, ein Ja kann man nicht einfach so kaufen. Prostitution ist die Fortsetzung des Missbrauchs mit Hilfe von Geld, ein Ablasshandel von vorgestern, der so lange florieren wird, wie unsere Gesetze ihn fördern und ewig gestrige die Begleitmusik vom »Happy Sexwork« dazu spielen.
  • Leserbrief von Damarin Köhler aus Mannheim ( 7. Juni 2022 um 12:38 Uhr)
    Ich möchte mich sehr herzlich für den ausgesprochen informativen, detailreichen und informierten Artikel von Sabine Kebir bedanken. In erfreulicher Weise ist sie nicht auf die Propaganda der Pro-Prostitutions-Lobby hereingefallen: Sie vermeidet es, von »Sexarbeit« zu sprechen und stellt nicht die wenigen vermutlich tatsächlich existierenden wirklich freiwilligen »happy sexworkers« in den Vordergrund, die sich immer und überall und mit erheblichem Lobbyrückenwind lautstark äußern. Stattdessen schildert sie die dramatische Lage der vielen nicht sichtbaren Menschen in der Prostitution, die unter Zwang, Nötigung und Gewalt nicht freiwillig ihren Körper und ihre Körperöffnungen zur Benutzung verkaufen – dabei von »käuflicher Liebe(!)« zu sprechen, wie es allenthalben geschieht, ist eine Missachtung der Menschen, die dieser Gewalt ausgesetzt sind. Sie beleuchtet auch die beängstigenden kriminellen Macht- und Gewaltstrukturen, die das Prostitutionsmilieu hervorruft und in das es unabdingbar eingebettet ist und v.a. die gesellschaftlichen Auswirkungen, die der liberale Umgang mit Prostitution in Deutschland hat. Gesellschaftliche Gleichstellung und Respekt für alle Frauen ist nur denkbar in einer Gesellschaft, die den Kauf von Menschen und die käufliche Benutzung ihrer Körperteile gesetzlich nicht toleriert. Das hat Sabine Kebir gut herausgestellt. Danke, dass die junge welt diesem wichtigen, schwierigen Thema so viel Raum gegeben hat. Lassen Sie es nicht bei diesem einen Artikel dazu bleiben!
  • Leserbrief von Hans Gielessen aus Frankfurt am Main ( 3. Juni 2022 um 11:32 Uhr)
    Der Artikel ist ein einziges Ärgernis! Da habe ich in der jW schon besseres zum Thema gelesen, u. a. von »Dona Carmen«, einer Selbsthilfegruppe hier in Frankfurt am Main. Nebenbei, das hochgelobte schwedische Verbotsmodell entzieht alleinerziehenden Sexarbeiterinnen gerne mal das Kind. Zudem können sie ohne weiteres ihre Wohnung verlieren. In schwedischen Großstädten gibt es manchmal nur zwei, drei Behördenmitarbeiter, die sich um die Sexarbeiterinnen »kümmern«. Durch das Verbot sind die noch praktizierenden Sexarbeiterinnen stigmatisiert und völlig schutzlos gegenüber Übergriffen von Freiern. Nebenbei, wie wenig Verbote ausrichten, zeigt Rumänien: Auch dort, gemeinhin gesehen als Hort des Menschenhandels, ist Prostitution verboten. Das Problem ist der Kapitalismus und nicht die Sexarbeit.
  • Leserbrief von Almuth Wessel aus Gütersloh ( 2. Juni 2022 um 13:37 Uhr)
    Ich finde es mehr als peinlich, dass die sich als progressiv gerierende junge Welt hier vollkommen kritiklos die Narrative der Prohibitionisten und der Putophoben übernimmt. Sie hätten gut daran getan, zu diesem Thema kompetente Ansprechpartnerinnen zu suchen, z. B. vom BESD. Ich arbeite selbst seit mehr als 15 Jahren als Sexarbeiterin und meine Erfahrung ist, dass Sexarbeit eben KEIN Job ist wie jeder andere. Sexarbeitsaktivistinnen müssen sich mit Ausgrenzung und Diskriminierung der sogenannten bürgerlichen Kreise herumärgern. Mir selbst hat man noch im vergangenen Jahr bürgerschaftliches Engagement in einer gemeinnützigen Einrichtung verboten, wegen meines Berufs. Ihre Berichterstattung trägt weiterhin dazu bei, Vorurteile und Diskriminierung zu zementieren. Von einer »linken« Zeitung erwarte ich mehr als das unreflektierte Nachbeten der überholten »Moral-«Vorstellungen der Bourgeoisie. Mit sozialistischen Grüßen.
  • Leserbrief von Armin Christ aus Löwenberger Land ( 2. Juni 2022 um 06:20 Uhr)
    Seit den 1990er Jahren beobachte ich eine zunehmende Prüderie in dieser Gesellschaft, auch unter dem Deckmantel des Feminismus. FKK wurde erfolgreich zurückgedrängt und eine teilweise krankhafte Einstellung zum eigenen Körper wurde forciert, so wie vielleicht die bigotten Zustände in den 1950er und 1960er Jahren waren. Die Nippelgates, der Rasierzwang (angeblich wegen Hygiene) samt solcher Prostitutionsshows wie die von Heidi Klum kamen über uns. Genau das ist das geistige Milieu, in dem Prostitution gedeiht.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin ( 1. Juni 2022 um 19:55 Uhr)
    Gut, dass es solche Artikel gibt, denn auch bei Linken grassiert der verniedlichende Begriff der Sexarbeit. Gedankenlos wird die bürgerliche Terminologie übernommen, nach der alles ehrenvolle Arbeit ist, woraus sich Profit schlagen lässt. Egal, ob es die Menschenwürde der Beteiligten mit Füßen tritt oder nicht.

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