Aus: Ausgabe vom 27.11.2018, Seite 12 / Thema

Mythos und Wirklichkeit

Revolte, Klassenkampf und Sexualität. Ein alternativer Blick auf die Geschichte von »’68«

Von Werner Seppmann
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Die Macht lag im Pariser Mai 1968 auf der Straße. Studenten lieferten sich Scharmützel mit der Polizei, Millionen Arbeiter befanden sich gegen die Regierung de Gaulle im Generalstreik. Doch die Führer der Arbeiterbewegung ließen diese Chance verstreichen (Demonstration der Gewerkschaft CGT am 29. Mai in Paris)

Eine umfassende marxistische Analyse von »’68« steht noch aus. Es gibt mittlerweile Vorarbeiten, die jedoch nicht ausreichen, um zumindest die absurdesten Verzerrungen geradezurücken, die über dieses »Jahr der Revolte« im Umlauf sind. An solcher Mythenproduktion beteiligen sich viele der ins Alter gekommenen damaligen Aktivisten. Von drei Aspekten soll nachfolgend die Rede sein, deren angemessene Berücksichtigung für ein sachgerechtes Verständnis der Ereignisse um das Jahr 1968 unerlässlich sind.

Aufbruch und Revolte

Trotz aller Irrungen und Wirrungen nicht weniger der damaligen Protagonisten ist vieles gleichwohl zutreffend, was durch deren Erzählungen vermittelt wird. Unübersehbar war »’68« eine Zeit des Übergangs, nicht jedoch eine des gesellschaftlichen Bruchs. Dennoch wurde Altes und Verstaubtes in Frage gestellt. Ein Wissen über die deutsche Katastrophengeschichte und die Kontinuität faschistischer Seilschaften in der Bundesrepublik setzte sich durch und führte auch zu der schmerzhaften Erkenntnis, dass Papa oder Opa Nazis gewesen waren.

»’68« war an den Universitäten auch eine »Revolte des Lesens«: Der Aufschwung hin zur gesellschaftskritischen Reflexion war unübersehbar. Der Drang nach emanzipatorischem Wissen führte zur Aneignung kritischer Literatur und von Denktraditionen, die bis dahin verschüttet und tabuisiert waren. Darunter – wenngleich selektiv – der Marxismus. Desorientierendes war auch darunter, was später die antimarxistische Welle des postmodernen Denkens, mit seinen machtkonformen Orientierungen hinter einer Fassade der Subversivität, begünstigte.

Aber dennoch: Der militante Antikommunismus verlor an Wirkungskraft. Auch die schmähliche Kommunistenverfolgung der Adenauerzeit, in deren Folge 7.000 Genossinnen und Genossen im Gefängnis landeten, oft verurteilt von Richtern, die schon dem NS-System gedient hatten. Diese Repressionsphase fand zunächst ein Ende – aber nur um wenige Jahre später von der Berufsverbotspraxis, forciert durch den sozialdemokratischen Bundeskanzler Willy Brandt, abgelöst zu werden. Sie war auch das Ende der Etablierung marxistischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an den Universitäten. Die intellektuelle Kultur hat sich bis heute davon nicht erholt, auch wenn Jürgen Habermas vom Effekt einer »Fundamentalliberalisierung« schwadroniert.¹

Für die Verbreitung kritischer Einstellungen war nicht unerheblich, dass dank der mittlerweile massenhaften Nutzung des Fernsehens, der US-Imperialismus wegen seines Terrorkriegs in Vietnam und der Zuspitzung der »Rassenfrage« im eigenen Land ebenso sein Ansehen verlor wie seine politischen »Partner«, die ihn vorbehaltlos unterstützten, ihre Glaubwürdigkeit einbüßten: Wer wollte, konnte jeden Abend in der »Tagesschau« das wahre Gesicht des »Freien Westens« erkennen. Parallel zu diesem unbeabsichtigten »Aufklärungsprogramm« solidarisierten sich vor allem jüngere Menschen mit antiimperialistischen Bewegungen.

Tatsächlich lässt sich davon sprechen, dass sich zu jener Zeit auch so etwas wie eine »Kulturrevolution« (deren Vorläufer schon der Rock ’n’ Roll war) ereignete, die über das studentische Milieu hinaus wirkte. Vor allem aber entwickelte sich eine neue Protestkultur: Politische Ansprüche wurden auf der Straße in neuen Artikulationsformen angemeldet. Aber die gegenwärtige Konzentration auf diese Ereignisse führt auch zur Verdrängung der Erinnerung an die großen Demonstrationen gegen die Wiederbewaffnung und die drohende atomare Aufrüstung der Bundeswehr in den 1950er Jahren. Dennoch: in den späten 1960er Jahren wurden die Forderungen nach Demokratie und Mitbestimmung auch in der BRD lauter und erste Zeichen eines feministischen Aufbruchs sichtbar. In diese Zeit fiel auch die Gründung der DKP, die zwar nicht ursächlich aus den »68er«-Ereignissen resultierte, ihnen aber ihren anfänglichen Aufstieg vor allem zu einer kulturellen »Großmacht« verdankt.

Nicht irgendwelche »fertigen Resultate« gehören zum »Erbe« von »’68«, sondern die Wiederaneignung von Themen und Perspektiven, die in den restaurativen Nachkriegsjahren unterdrückt worden waren. Die Studentenrevolte selbst hatte jedoch nur punktuelle Ziele (in der Bundesrepublik beispielsweise »Enteignet Springer«). Aber auch in Frankreich nährte sich die »Perspektive« aus Wunschvorstellungen über die Möglichkeit einer »spontanen« Demokratisierung und »Revolutionierung« der Lebensverhältnisse. Symptomatisch war der bekannte Wandspruch aus dem Quartier Latin des Pariser Mai: »Die Phantasie an die Macht«. Die Macht ist denn auch in der Phantasie geblieben. Eine mögliche Allianz von Arbeitern und Studenten sowie die Bildung einer Volksfrontregierung erfolgten nicht.

Besonders bezeichnend für die Bundesrepublik war, dass die Protestierenden als Gegner nicht mehr eine konkrete herrschende Klasse, sondern ein abstrakt gedachtes »System« ausmachten. Das war nicht der einzige Begriff, mit dem alles und nichts bezeichnet wurde. Ein gestaltloses »Establishment« wurde zur Erklärung allen Übels herangezogen. Doch trotz der Unbeholfenheit, die in dieser Behelfskonstruktion zum Ausdruck kam, wurden die gesellschaftlichen Über- und Unterordnungsverhältnisse als strukturelle Tatsache begriffen. Das ist ein gravierender Unterschied zum gegenwärtigen »Macht«-Geraune eines Foucault-Diskurses, der keine konkrete Herrschaft mehr erfasst, sondern deren Thematisierung regelrecht tabuisiert. Machtverhältnisse sollen als von jeder soziostrukturellen Vermittlung abgetrennte, als eine Art »atmosphärische« Substanz verstanden werden, die überall und strukturell unvermittelt ihre Wirkung entfaltet.

Politische Rekonstruktionsprozesse

Was sich in den Jahren um 1968 in unübersehbarer Weise Ausdruck verschaffte, hatte trotz aller Widersprüche (und auch Paradoxien) eine progressive Grundtendenz und war in längerfristige Politisierungsprozesse eingebunden: In vielen kapitalistischen Ländern hatten sich Gegenkulturen entwickelt. Schon früh ist auf erste Anzeichen eines intellektuellen Aufbruchs hingewiesen worden. Beispielsweise von dem französischen Marxisten Henri Lefebvre. Anfang der 1960er Jahre notierte er: »Plötzlich bilden sich weltweit wieder ›Avantgarden‹« – und zwar jenseits und manchmal auch in Opposition zu den traditionellen Sozialbewegungen. Sie »beginnen zu sprechen und sich Gehör zu schaffen«.² Es handelte sich zwar um Minoritäten, die aber trotzdem nicht unwirksam blieben, weil sie ein widerständiges Potential aufwiesen: »Formen von Verweigerung, von Rebellion, Ungehorsam, Enthaltung, Versuche des Neu- oder Wiederbeginnens«.³

Schon einige Jahre zuvor hatte der marxistische Theoretiker Leo Kofler die Herausbildung einer neuen sozialen Formation registriert, die sich »quer durch die traditionellen, sozialen und weltanschaulichen Fronten« positionierte⁴, und die er als »amorphe Masse mit stark fluktuierenden Tendenzen« charakterisierte. Die weltanschauliche Orientierung dieser »progressiven Elite« (Kofler) war schon zu diesem Zeitpunkt ambivalent, sie schwankte zwischen einem haltlosen Utopismus und einer abstrakten Negationshaltung gegenüber dem Bestehenden, ohne ein Verständnis des strukturellen Charakters der aktuelle Klassenverhältnisse zu besitzen.

Das ist bei den meisten sogenannten alternativen Bewegungen übrigens bis heute so geblieben. Soziale Bewegungen sind aber solange nicht eindeutig fortschrittlich, solange sie nicht nach der politischen und ökonomischen Macht fragen und zukunftsgerichtete Orientierungen entwickeln, die über die alten Verhältnisse hinausweisen. Schon damals konnte sich aufgrund ihrer jeweiligen heterogenen sozialen Zusammensetzung bei diesen Bewegungen nur schwer ein profiliertes Verständnis der gesellschaftlichen Konfrontationsverhältnisse entwickeln: Im Mittelpunkt standen nicht die Fragen von Ausbeutung und kapitalistischer Herrschaft, sondern von »Selbstentfremdung« in einem von deren sozioökonomischen Ursachen weitgehend abgetrennten Sinne. Das ermöglichte, eine in der Tendenz apolitische Haltung mit »spektakulären« Politinszenierungen (denen alleine schon eine »befreiende Wirkung« zugesprochen wurde) zu verbinden.

Krise ideologischer Regulation

Die 68er-Ereignisse hatten unmittelbare Ursachen, aber die eigentlichen Gründe lagen tiefer: Die Herrschenden in den meisten Metropolenländern waren ideologisch aus dem Tritt geraten, weil bisher wirksame soziokulturelle Regulationsformen mit Integrationseffekten unbrauchbar, die (alltags)kulturellen Orientierungs- und Verhaltensmuster wirkungslos geworden waren. Im Kern ging es darum, dass die konsumgesellschaftlichen Lebensformen, die sich allmählich durchgesetzt hatten, nicht mehr so ohne weiteres mit den traditionellen Leistungsorientierungen (die seit dem 19. Jahrhundert das Gerüst psychosozialer Disziplinierungsstrukturen gebildet hatten) in Übereinstimmung zu bringen waren. Denn um die Güter einer stetig steigenden Massenproduktion abzusetzen und den in den Warenkörpern inhärenten Mehrwert zu realisieren, musste der Konsum stimuliert werden. Aus einer konservativen Perspektive deutete der US-amerikanische Soziologe Daniel Bell diesen Aspekt an, wenn er davon sprach, dass die modifizierten Verwertungsbedingungen des Kapitals »vorrangig für den Wandel der Gesellschaft verantwortlich« waren, und es bei diesem Prozess der Kapitalismus selbst war, der »die puritanistische Moral untergraben [hat]. Doch er war nie in der Lage, erfolgreich eine dem Wandel angemessene neue Ideologie zu entwickeln«.⁵

Es galt, das konsumierende Subjekt mit dem Arbeitssubjekt, das nach wie vor den industriegesellschaftlichen Leistungsimperativen unterlag, zu »versöhnen«: Genuss im vermeintlichen »Warenparadies« und Askese im Arbeitsleben mussten in Übereinstimmung gebracht werden – aber die entsprechenden Formierungskonzepte standen nicht zu Verfügung. Die Herausbildung einer verwertungsorientierten »Konsumkultur« wurde zu einer existentiellen Aufgabe, bei deren Bewältigung es dem Kapitalismus gelang, auch widerständige Entwicklungen (vor allen in den Jugendkulturen) mit Integrationsangeboten zu überformen.

Die »Kulturrevolution« war selbst Ausdruck dieser Umbruchphase und förderte wesentliche Widersprüche des Metropolenkapitalismus zutage, aber sie war auch Element eines »Modernisierungsschubs« (beispielsweise im Bildungswesen, das aus ökonomischen Gründen intensiv ausgebaut wurde), der die kapitalistische Systemstabilität langfristig beförderte und einen Teil der normativen Defizite kompensierte. Zu einer Lösung in einem progressiven Sinne trug sie jedoch kaum etwas bei, auch weil der Kapitalismus schnell lernte, dass das bloß »symbolisch« Widerspenstige (einschließlich der Konterfeis von Marx und Che Guevara auf T-Shirts) durch dessen Kommerzialisierung neutralisiert werden kann. Vom intellektualistisch geprägten Hedonismus der 68er-Bewegung wurde zwar das kapitalistische Bedingungsverhältnis von Genuss und Leistung in Frage gestellt, aber auf illusionärer Grundlage: Es wurde unterstellt, dass die Produktivkräfte so weit entwickelt seien, dass Genuss ohne Leistung, Kultur ohne Selbstdisziplinierung und die soziale Reproduktion ohne Arbeit ohne revolutionären Bruch möglich geworden seien.

Verzichtet wurde infolge solcher Auffassungen darauf, den konkreten Charakter bestehender Herrschaftsverhältnisse zu entschlüsseln. Tendenziell wurden schon damals viele Fraktionen der später so genannten Alternativen Bewegungen, wenn auch ungewollt, zu Komplizen des bestehenden Machtgefüges, weil sie die weiterhin prägende Bedeutung des Leistungsimperativs ignorierten und nicht zur Kenntnis nahmen, dass die bestehende Herrschaft ihre Basis immer noch in der Arbeitswelt hat: Trotz aller strukturellen Veränderungen bleibt die große Industrie das »Machtzentrum der Gesellschaft«. Hat man in ihr »das Sagen, so hat man eine gesamtgesellschaftliche Schlüsselposition inne«.⁶

Aber trotz dieser Haltung der machtpolitischen Unentschiedenheit hatte die Protestgeneration der späten 60er und frühen 70er Jahre ihren Anteil an der Herausbildung neuer alltagskultureller Artikulationsformen, die letztlich nicht reibungslos mit den bestehenden Regulationsbedingungen korrespondierten, auch weil ein veränderter Anspruch an die individuelle Lebensgestaltung mit dem steigenden Anforderungsdruck im Arbeitsleben kollidierte und zu einer verdeckten, teilweise aber auch offenen Widerständigkeit (»Krise des Fordismus«), vorrangig in den industriellen Bereichen, führte. Nicht nur Entfremdung und Herrschaft, sondern auch die konkrete Verbesserung der Arbeitsbedingungen (»Humanisierung der Arbeit«) wurden nun zum Thema.

Studenten und Arbeiter

Die »kulturrevolutionären« Effekte waren jedoch mit der Verdrängung der Tatsache verbunden, dass eine »Kulturrevolution« die grundlegende sozioökonomische Umwälzung und deren bewusste Organisation nicht ersetzen kann, wenn die Verhältnisse wirklich verändert werden sollen. Ein solches Problembewusstsein verweist direkt auf die Spezifik des Mai 1968 in Frankreich, der nur als ein Vorgang traditioneller Klassenauseinandersetzungen, also als Konfrontation zwischen Kapital und Arbeit vollständig begriffen werden kann.

Erstaunlich ist nicht, dass die bürgerlichen Apparate diesen Aspekt konsequent ignorieren, sondern dass dieses Schweigen von links kaum problematisiert wird. Statt dessen werden in der Regel die medialen Zerrbilder über den Pariser Mai als ein scheinbar karnevaleskes Ereignis übernommen. Dadurch wird die Tatsache überdeckt, dass die studentischen Straßenaktionen in einer intensive Konfrontationsphase zwischen Kapital und Arbeit stattfanden.⁷

Eine insgesamt tragische Situation: Während die Organisationsfrage bei den Aktivisten auf den Straßen tabuisiert war, wussten die traditionellen Kräfte der Arbeiterbewegung mit dem vorhandenen Widerstandspotential (mehr als zehn Millionen französische Arbeiter befanden sich im spontanen Generalstreik) nicht umzugehen. Und das, obwohl viele Fabriken besetzt waren und es nur des Einsatzes einer Avantgarde (die in Gestalt der Kommunistischen Partei existierte) zu ihrer Mobilisierung bedurft hätte, um die »Kulturrevolution« des Mai ’68 zur einer französischen Revolution der Arbeiter überzuleiten.

Alle Indizien sprechen jedenfalls dafür, dass die Arbeiter zur Aktion bereit waren und realistische Erfolgsaussichten für grundlegende Veränderungen bestanden. Aber von allein sind die Werktätigen nicht aktiv geworden: Versagt hat der KPF-Apparat, der sich (auf Anraten Moskaus) »zurückgehalten« hat. Weil die Bourgeoisie handlungsunfähig geworden war, Teile von ihr (ebenso wie Präsident Charles de Gaulle) das Land im Mai verlassen hatten, wären zielstrebige Schritte zur Machtergreifung nötig und möglich gewesen, die die heterogene Masse von Demonstranten auf den Straßen von Paris selbsttätig nicht unternehmen konnte. Wegen dieses Versäumnisses hat die bürgerliche Klassenmacht sich wieder reorganisieren und stabilisieren können.⁸ Deshalb wurde der Mai ’68 eine der großen Niederlagen der Arbeiterbewegung. Sie hat sich nicht nur in Frankreich (viele Arbeiter haben sich resignativ ins Private zurückgezogen, auch die Gewerkschaften verlassen), sondern in ganz Europa bis heute nicht davon erholt. Dennoch hatten die französischen Entwicklungen ihren Anteil daran, dass in einer allgemeinen Atmosphäre von »Unruhe« und Verunsicherung eine Welle von Arbeitskämpfen auch andere Länder erfasste. Im Herbst 1969 ereigneten sich in der BRD die spontanen »Septemberstreiks«.

Das Versagen der Führungskader der traditionalistischen Linken in Frankreich erinnert in fataler Weise an die Novemberrevolution in Deutschland. In beiden Fällen waren die »Arbeiter (…) sicherlich sehr viel weiter (…) als ihre Führer – beispielsweise darin, dass sie die Frage nach der gesellschaftlichen Kontrolle der Industrie stellten«.⁹ Auch das wird von großen Teilen der linken Intelligenz verdrängt. Noch heute wird zur Rechtfertigung für den Rückzug der Gründerväter der »Kritischen Theorie«, Horkheimer und Adorno, von einer Perspektive der gesellschaftlichen Veränderung kolportiert, dies sei Ausdruck einer »realistischen Haltung« gewesen, weil die »Systemintegration der Arbeiterklasse« zu weit gediehen gewesen sei, um noch von ihrer transformatorischen Kraft ausgehen zu können. Dies habe angeblich schon das Scheitern der Novemberrevolution gezeigt. Aber das ist legitimatorische Mythologie, denn wie in Paris ein halbes Jahrhundert später, war der Wille zur revolutionären Veränderung auch in Berlin sichtbar: Dort standen am 4. und 5. Januar 1919 orientierungs-, weil führerlos die Arbeiter zu Hunderttausenden auf der Straße. Als sich die Spartakus-Gruppe endlich entschied, die Initiative zur Verhaftung der provisorischen Regierung zu ergreifen, war es zu spät, und die Scheidemann-, Noske-, Ebert-Sozialdemokratie konnte mit Hilfe der reaktionärsten Kräfte in Deutschland die Revolution im Blut ersticken.¹⁰ Das immerhin ist Paris erspart geblieben, als De Gaulle erkannte, dass mit dem Verzicht auf die Machtergreifung, die historische Chance der Linken vorüber war und er die Zügel wieder in die Hand nehmen konnte.

Mythos »sexuelle Revolution«

Ein weiterer, meist in geradezu absurder Weise verzerrt dargestellter Aspekt von ’68 ist die »sexuelle Revolution«, die in wesentlichen Teilen kaum mehr als ein Mythos ist, denn das sexuelle Elend und die Irritationen in den Geschlechterverhältnissen sind nicht verschwunden. Diese sogenannte sexuelle Revolution ist eine gescheiterte, denn die Befunde einer kritischen Sexualwissenschaft lassen keinen Zweifel daran, dass die Geschlechterverhältnisse Wüsten der Lustlosigkeit und Frustration geblieben sind, zumal auch »der Patriarchalismus trotz aller Modernisierungen (sich) strukturell fortschleppt«.¹¹ Im besten Fall bleibt Eros fragmentarisiert und deformiert, wenn nicht gar gefesselt; und oft ist er von marktwirtschaftlichen Prinzipien wie Selbstbezüglichkeit und Konkurrenzorientierung geprägt. Ein emanzipatorischer Umgang mit den erotischen Bedürfnissen wird zuletzt von den neoliberalen Lebensverhältnissen alles andere denn gefördert: »Wenn wir genauer hinsahen und die Masken abnahmen«, sagt Volkmar Sigusch aus dem Blickwinkel des kritischen Sexualforschers, »fanden wir überall ungestillte Sehnsüchte, enttäuschte Liebe, Traumen, Ängste, Wiederholungszwang, Einsamkeit, Heuchelei und Egoismus«.¹² Es zeigten sich Bilder des Grauens wie in den Gemälden des Hieronymus Bosch.

Es ist über diese ernüchternde Bestandsaufnahme hinaus eine der üblichen intellektualistischen Verwechselungen von Ursache und Wirkung, wenn der APO eine grundlegende Rolle bei der Veränderung des sexuellen Verhaltens zugerechnet wird. Und es ist ein schlechter Witz, dass die Selbstdarstellungspraktiken einer sogenannten Berliner Kommune I nach den Präsentationswünschen von Bild, Auslöser von Prozessen sexueller Enttabuisierung gewesen sein sollen.

Tatsächlich gingen grundlegende Veränderungen in den Schlafzimmern (auch der »Durchschnittsbevölkerung«) den oberflächlichen medialen Spiegelungen voraus, und die führten dazu, dass sich die Differenz zwischen den offiziellen »Sexualnormen« und der individuellen Praxis beständig vergrößerte. Die großen sexualwissenschaftlichen Untersuchungen schon in den frühen 60er Jahren von Alfred Kinsey über das Sexualverhalten der US-Amerikaner und vergleichende Untersuchungen in anderen kapitalistischen Industrieländern, dokumentierten eine enttabuisierte Haltung zum eigenen Begehren und entsprechende sexuelle Aktivitäten.

»Sittengesetze« hatten es angesichts dieser kollektiven Akte der Selbstvergewisserung der eigenen sexuellen Präferenzen schwer, Akzeptanz zu finden. Entsprechende Untersuchungen in der Bundesrepublik in den 1960er Jahren wichen nicht wesentlich von den US-amerikanischen Bestandsaufnahmen ab, trotz des intensiven Kampfes der staatlichen Apparate und kirchlichen Institutionen, »Sitte und Anstand«¹³ aufrechtzuerhalten.

Anmerkungen

1 Praktisch bestand die »Fundamentalliberalisierung« u. a. darin, dass Habermas darauf gedrängt hat, Hans Heinz Holz aus Herausgebergremien des Suhrkamp-Verlages zu entfernen.

2 Henri Lefebvre: Einführung in die Modernität, Frankfurt am Main 1978, S. 35

3 Ebd., S. 268

4 Leo Kofler: Staat, Gesellschaft und Elite, Ulm/Donau 1960, S. 346 f.

5 Daniel Bell: Die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus, Frankfurt und New York 1991, S. 97

6 Michael Schumann: Metamorphosen von Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein, Hamburg 2003, S. 23 f.

7 Vgl. Bernd Gehrke und Gerd-Rainer Horn (Hg.): 1968 und die Arbeiter, Hamburg 2018

8 Zur Darstellung dieser Ereignisse vgl. Werner Seppmann: Kapitalismuskritik und Sozialismuskonzeption. In welcher Gesellschaft leben wir, Berlin 2013, S. 115 ff.

9 Eric J. Hobsbawm: Revolution und Revolte, Frankfurt am Main 1977, S. 328

10 Vgl. Karl Retzlaw: Spartakus – Aufstieg und Niedergang. Erinnerungen eines Parteiarbeiters, Frankfurt am Main 1971

11 Volkmar Sigusch: Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion, Frankfurt und New York 2005, S. 33

12 Volkmar Sigusch: Sexuelle Welten, Gießen 2005, S. 19

13 Vgl. Sybille Steinbacher: Wie der Sex nach Deutschland kam, München 2011

Werner Seppmann ging an dieser Stelle am 4. und am 5. September der Frage nach, warum Arbeiter die AfD wählen.


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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Thomas Giese: Noch ein Mythos Dass Kommunisten die einzigen gewesen seien, die 1968 gewusst hätten, wo es hätte lang gehen müssen, ist ein Mythos, den Werner Seppmann den vielen anderen, die bereits im Umlauf sind, hinzufügt. Eric...

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