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Maschinensturm

Foto: Archiv Gerstenberg/ullstein bild/picture-alliance
Auch außerhalb Englands wurden Fabriken gestürmt: Böhmische Weber im Jahr 1844

Seit mehr als 200 Jahren erhält das Wort »Maschinensturm« schlechte Presse. Es lässt an Menschen mit Hämmern denken, die im Affekt auf Webstühle einschlagen. Doch die Ludditen im England des 19. Jahrhunderts verteidigten nicht die Arbeit der Hand gegen die des Kopfes – und damit Manuelles gegen Mechanisches. Ihr agonales Gegenüber war nicht »die Technik«, sondern eine Form von Technologie, die sie und ihre Fertigkeiten zum Eigentum anderer machte. Zerstört hatten Ned »King« Ludds Anhänger Maschinen, Manufakturen und Werkstätten – in der Absicht, den eigenen Arbeitsprozess selbst bestimmen zu können, dem Zur-Maschine-Werden diametral entgegengesetzt.

Währenddessen saßen die eigentlichen Maschinenstürmer auf der anderen Seite der Geschichte: Fabrikherren, Farmer und Landlords, die der US-amerikanische Techniksoziologe Lewis Mumford in »Mythos der Maschine« (Myth of the Machine, 1967/1970) als »craftwreckers« bezeichnete. Sie konfiszierten selbstgebaute Werkzeuge und löschten lebendige Handwerkskulturen aus. Die gegen sie gerichtete Wut kehrt neuerdings als »Standortkonflikt« in die politische Arena zurück. Im oberösterreichischen Kronstorf etwa formiert sich derzeit Widerstand gegen ein im Bau befindliches Rechenzentrum von Google: Kritisiert wird nicht nur die Politik eines expansiven Konzerns mit Monopolstellung, sondern auch der Umstand, dass es für das Großprojekt keiner Umweltverträglichkeitsprüfung bedurfte.

Im New Yorker Tompkins-Square-Park erhielt die Sache in diesem Sommer nochmals einen anderen Namen: »Neoludditen« schmückten sich mit Strumpfmasken, hielten eine Pressekonferenz ab und ließen die anwesenden Journalisten vorab unterschreiben, dass nichts davon auf Instagram, X oder Tik Tok landet. Zuletzt buhten sie Tech-CEOs während Vorträgen an renommierten Universitäten aus und demonstrierten gegen KI-Rechenzentren. Amerikanische Sicherheitsbehörden warnen demnach vor einer neuen Gefahrenlage: dem »anti-technology violent extremism«.

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Der friedliche Protest gegen die falschen Technologien gilt auch in Deutschland als ernsthafte Gefahr für eine Ordnung, die durch twitternde Irre aufrechterhalten wird. In diesem Dunstkreis agiert und agitiert auch das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), wenn es jährlich Bericht abgibt. Von »Technikkollektive(n), die Internetinfrastruktur anbieten«, ist in der Rubrik »Linksextremismus« die Rede – so, als ob das gemeinschaftliche Betreiben selbstorganisierter Server bereits ein Strafbestand wäre. Auf Basis freier Software sorgen derartige Kollektive »für anonymes Hosting von Websites oder die Bereitstellung von E-Mail-Servern« – unter Bedingungen, die laut dem Bericht von 2024 abseitiger wirken als jeder kryptographische Key-Exchange: »Zur Nutzung der bereitgestellten Dienste kann unter anderem eine Art ›Bürgschaft‹ durch einen Szeneangehörigen verlangt werden, also zum Beispiel eine Bestätigung, dass die Person bekannt und kein ›Spitzel‹ ist.«

Der Maschinensturm dieser Tage beginnt somit nicht erst im Moment, wo jemand ein Display zertrümmert. »›Technikkollektive‹ und verschlüsselte Messengerdienste« gehören laut BfV bereits dazu. Und so mobilisieren die Ludditen 4.0 auf eigenen digitalen Wegen und entziehen den Plattformapparaten damit das Futter. Während des dieses Jahr ausgerufenen »Summer of Ludd« dachten sie erneut über Möglichkeiten der Offlinevernetzung nach sowie über Versuche, Macht- und Monopolstellung von »Techfaschisten« zu brechen. In Manifestationen wie diesen hätte Lewis Mumford weniger ein Fanal der Technikfeindlichkeit erkannt als einen Aufruf zum Exodus aus der »Megamaschine« – verbunden mit dem Recht, etwas nicht zu tun oder nicht zu nutzen. Ist sie, die alte Rollenaufteilung, also noch zeitgemäß – hier die vernünftige Maschine und dort der tobende Mensch? Wer zerstört hier eigentlich wessen Grundlagen? Und wer wird dadurch zum Maschinenstürmer?

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Erschienen in der Ausgabe vom 14.10.2026, Seite 14, Feuilleton

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