Die Funktion eines Festivals
Von Holger Römers
Die Deutsche Filmakademie nennt die jüngste Skandalisierung der Berlinale zurecht »den Versuch der politischen Einflussnahme (…) auf die Leitung eines der bekanntesten und bedeutendsten Filmfestivals der Welt.« Dass Wolfram Weimer eine Disziplinierung der Filmfestspiele und ihrer nunmehr auf Abruf amtierenden Leiterin anstrebt, stellt der Kulturstaatsminister klar, indem er einen Sprecher am Donnerstag ankündigen ließ: »Die Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale werden in den kommenden Tagen zwischen der Intendantin, Tricia Tuttle, und dem Aufsichtsratsgremium (der KBB GmbH) fortgesetzt.«
Allerdings ist rätselhaft, welche Ziele der Kulturkämpfer verfolgen mag: Wer soll Berlinale-Gäste daran hindern, weiterhin politische Meinungen zu äußern, die mitunter im Gegensatz zu denen der hiesigen Regierung stehen? Es dürften sich auch künftig mittels Gesetzen und Arbeitsverträgen Festivalmitarbeiter nicht auf die Regierungslinie verpflichten lassen. (Worauf ja der mehrfach, etwa vom Filmredakteur der Taz vorgebrachte Vorwurf, dass »Tuttle selbst nicht widersprach«, als der syrisch-palästinensische Gewinner des Debütfilmpreises Abdallah Alkhatib seine Dankesrede hielt, letztlich hinausliefe.)
Jedenfalls dürfte das Festival genötigt sein, ein angebliches Charakteristikum endlich nüchtern zu bestimmen: nämlich irgendwie genuin »politisch« zu sein. Diesem Selbstbild zollen auch aktuelle Solidaritätsadressen Tribut. So etwa die Deutsche Filmakademie: »Die Berlinale galt schon immer und zu Recht als das politischste der A-Festivals.« Auch in einem offenen Brief Hunderter namhafter internationaler Filmkünstler heißt es: »Die Berlinale ist immer politisch gewesen – nicht parteipolitisch, sondern sozial engagiert.« Dagegen fällt auf, dass eine Mitteilung von über 500 Festivalmitarbeitern, die sich kollektiv hinter die Chefin stellen, auf vergleichbare Floskeln verzichtet. Und ähnliches gilt für Aussagen, mit denen Tuttle sich zuletzt zitieren ließ.
Sofern sich da eine Revision des lange beschworenen Selbstverständnisses andeutet, ist das nicht zu bedauern. Denn spätestens das Ausbleiben der verschiedentlich geforderten Stellungnahme der Berlinale zum Gazakrieg sollte bewusst gemacht haben: Das Selbstbild ist zum guten Teil Selbstbetrug. Im Laufe der letzten Festivalaustragung bestätigte sich bloß, was angesichts der finanziellen Abhängigkeit vom Wohlwollen staatlicher Stellen ohnehin jeder wissen musste – sobald es heikel wird, ist eine (regierungs-)kritische Positionierung der Kultureinrichtung als Institution nicht zu erwarten. Deshalb konnten die wiederholt mit dem Verweis auf Stellungnahmen zur Ukraine und zum Iran begründeten palästinasolidarischen Forderungen allenfalls Doppelmoral bloßstellen.
Und eben deshalb erscheint Weimers Vorgehen so dumm. Denn die gewollte Einschüchterung des hiesigen öffentlichen Diskurses zum Thema Israel/Palästina war ja längst gelungen. Wenn die Regierung die Berlinale mittelfristig dazu nötigen würde, explizit oder implizit den Nimbus des »Politischen« aufzugeben, könnte das freilich einen Pyrrhussieg bedeuten. Das Festival könnte sich nämlich veranlasst sehen, in Zukunft auch von solcher Symbolpolitik Abstand zu nehmen, die bestenfalls wohlfeil ist und schlimmstenfalls in blutigen Konfliktsituationen westlicher Geopolitik in die Hände spielt.
Das müsste nicht heißen, dass es jede politische Wirkung verlöre. Die Sätze, die in den zitierten Solidaritätsadressen jeweils auf die Behauptung einer politischen Tradition folgen, beschreiben nämlich keine Besonderheit der Berlinale. So führt etwa die Deutsche Filmakademie aus: »Das Festival und ihre Leitung haben Filme eingeladen (…) und diese für sich sprechen lassen. Und sie haben auch die Filmschaffenden selbst sprechen lassen. Genau das ist der Kern eines unabhängigen Filmfestivals.« Zur Ironie dieser spezifisch deutschen Hysterie gehört denn auch, dass man in Cannes, Venedig, Locarno und Sundance, ohne einen politischen Anspruch wie eine Monstranz vor sich herzutragen, in den letzten beiden Jahren Filme wie »Yes«, »Once Upon a Time in Gaza«, »Die Stimme von Hind Rajab«, »All That’s Left of You«, »Coexistence, My Ass!« oder »Mit Hasan in Gaza« präsentierte. Und dass man – im Verbund mit der Berlinale, die »No Other Land« zeigte, – dem Kino im Angesicht der Einseitigkeit westlicher Medienberichterstattung zum Nahostkonflikt tatsächlich eine Funktion verlieh, die ihm niemand mehr zutrauen mochte: nämlich Gegenöffentlichkeit zu schaffen.
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