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Röntgenaufnahme

Am 26. September 1960 hielt Fidel Castro vor der UN-Vollversammlung in New York eine historische Rede. Ein Auszug

Foto: Photoshot/picture alliance
Fidel Castro sprach am 26. September 1960 rund viereinhalb Stunden lang vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York 1960

Welche herrlichen Dinge fand die Revolution vor, als sie in Kuba an die Macht kam? Zunächst fand sie 600.000 arbeitsfähige Kubaner vor, die keine Beschäftigung hatten; vergleichsweise die gleiche Zahl an Arbeitslosen, proportional gesehen, die es in den Vereinigten Staaten gab, als die große Krise den Osten des Landes erschütterte. Diese Situation, die fast eine Katastrophe in den USA hervorrief, war in unserem Land eine Dauererscheinung. Drei Millionen Menschen einer Gesamtbevölkerung von sechs Millionen hatten weder elektrisches Licht noch genossen sie sonstige Bequemlichkeiten, die der elektrische Strom mit sich bringt; 3,5 Millionen von insgesamt sechs Millionen lebten in Hütten, Baracken und Elendsvierteln ohne jegliche Wohnqualität. In den Städten betrugen die Mieten bis zu einem Drittel der Familieneinkommen. Sowohl die Strom- als auch die Mietpreise gehörten zu den höchsten der Welt. 37,5 Prozent unserer Bevölkerung waren Analphabeten, konnten weder lesen noch schreiben. 70 Prozent unserer Kinder auf dem Lande hatten keine Lehrer. Zwei Prozent unserer Bevölkerung litten an Tuberkulose, also 100.000 Menschen von sechs Millionen. 95 Prozent unserer Kinder auf dem Lande waren von Parasiten befallen. Die Kindersterblichkeit war demzufolge sehr hoch, die durchschnittliche Lebenserwartung sehr niedrig. Andererseits bezahlten 85 Prozent der Kleinbauern Pachten für ihr Land in Höhe von bis zu 30 Prozent ihrer Bruttoeinnahmen, während 1,5 Prozent aller Grundbesitzer 46 Prozent des gesamten Grund und Bodens der Nation kontrollierten. Die Anzahl der Krankenhausbetten war im Vergleich zur Einwohnerzahl des Landes geradezu lächerlich, selbst wenn man zum Vergleich nur Länder heranzieht, die eine mittlere medizinische Betreuung aufweisen.

Die öffentlichen Dienstleistungen, die Elektrizitäts- und Telefongesellschaften waren Eigentum US-amerikanischer Monopole. Ein großer Teil der Banken, ein großer Teil des Importhandels, die Erdölraffinerien, der größte Teil der Zuckerproduktion, die besten Ländereien Kubas und die wichtigsten Industrien waren Eigentum nordamerikanischer Gesellschaften. Die Zahlungsbilanz der vergangenen zehn Jahre von 1950 bis 1960 erbrachte den Vereinigten Staaten gegenüber Kuba einen Gewinn von einer Milliarde US‑Dollar. Und das alles, ohne die Millionen und Abermillionen an US-Dollar zu zählen, die von den korrumpierten Regierungskreisen der Tyrannei aus dem Staatsschatz beiseitegebracht und auf Banken in den Vereinigten Staaten oder in Europa deponiert wurden. (…) Das war die Situation, die wir vorfanden, und diese Situation wird vielen der Länder, die auf dieser Versammlung vertreten sind, nicht fremd sein, denn schließlich und endlich ist das, was wir über Kuba sagten, weiter nichts als eine Röntgenaufnahme einer allgemeinen Diagnose, anwendbar auf den größten Teil der hier vertretenen Länder. (…)

Wie stand es um die Reserven der Nation? Als der Tyrann Batista an die Macht kam, betrug die nationale Reserve 500 Millionen US-Dollar, eine gute Summe, um in die Entwicklung der Industrie zu investieren. Als die Revolution an die Macht kam, befanden sich noch 70 Millionen in unseren Reserven. Sich um die industrielle Entwicklung unseres Vaterlandes sorgen? Nein! Niemals! Deshalb sind wir so verwundert und können es noch immer nicht glauben, als wir hier von der außerordentlichen Besorgnis der Regierung der Vereinigten Staaten über das Schicksal der Länder Lateinamerikas, der Länder Afrikas und der Länder Asiens reden hörten. Und wir wundern uns weiter, denn wir hatten nach 50 Jahren die Früchte dieses Engagements vor Augen. (…)

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Waren wir etwa davon besessen, uns internationale Probleme einzuhandeln, als wir an die Macht kamen? Nein! Keine revolutionäre Regierung, die an die Macht kommt, will internationale Probleme. Was sie möchte, ist, ihre Anstrengungen in die Lösung ihrer eigenen Probleme zu investieren; was sie möchte, ist, ein Programm auf den Weg zu bringen, wie es alle Regierungen beabsichtigen, die wahrhaftig am Fortschritt ihres Landes interessiert sind.

Der erste Umstand, der von unserer Seite als ein unfreundlicher Akt betrachtet wurde, war die Tatsache, dass man die Türen dieses Landes (der USA, jW) einer ganzen kriminellen Bande sperrangelweit öffnete, die ein Blutbad in unserem Land hinterlassen hat; Männer, die es so weit gebracht haben, Hunderte wehrlose Bauern zu ermorden, Männer, die nicht müde wurden, über viele Jahre Gefangene zu foltern, die töteten, was das Zeug hielt, und hier mit offenen Armen empfangen wurden. (…) Warum dieser feindselige Akt? Zu jenem Zeitpunkt verstanden wir das nicht ganz; jetzt begreifen wir die Gründe vollkommen. (…) Wir waren deshalb die Beschimpften, weil sich das Batista-Regime mit Hilfe der Regierung der USA an der Macht gehalten hatte; das Batista-Regime hielt sich mit Hilfe von Panzern, Flugzeugen und Waffen an der Macht, die ihm die Regierung der USA zukommen ließ; das Batista-Regime hielt sich an der Macht dank des Einsatzes einer Armee, deren Offiziere durch eine Militärmission der Regierung der USA ausgebildet worden waren.

→ Rede des Comandante en Jefe Fidel Castro Ruz am Sitz der Vereinten Nationen in New York, USA, am 26. September 1960. Hier zitiert nach: fidelcastro.cu/de/discursos

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.10.2026, Seite 2, Wochenendbeilage

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