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Reportage

Urlaub am Burggraben Europas

Die griechische Insel Kos ist bei Touristen beliebt und einer der Außenposten des EU-Grenzregimes. Geflüchtete sterben oder werden weggesperrt

Von Fabian Gomes
Foto: Fabian Gomes
Zehn und ein Jahr alt: Diesen Kindern ist ein sicheres Leben verwehrt geblieben

Mehr als eine Million urlaubsreife Europäer, vor allem Deutsche und Briten, zieht es jedes Jahr auf die griechische Insel Kos. Direkte Low-Cost-Flüge sorgen dafür, dass ihre Reise günstig und unkompliziert ist. Es gibt jedoch auch eine Gruppe von Menschen, für die die Reise nach Kos alles andere als einfach und unkompliziert ist. Diese Gruppe kommt nicht per Flugzeug, sondern mit dem Boot. Für sie ist die Reise lebensgefährlich.

Wer sich am Hafen in Kos ein Eis kauft, sieht jenseits des Wassers die Hügel von Bodrum, denn die Insel liegt direkt vor der türkischen Küste – getrennt durch einen nur fünf Kilometer schmalen Streifen Mittelmeer. Diese Nähe ist es, die Kos zu einer der ersten Destinationen im Mittelmeer macht, die Geflüchtete ansteuern. Tausende kamen während der sogenannten Migrationskrise im Sommer 2015 innerhalb weniger Wochen an den der Türkei zugewandten, touristisch geprägten Stränden im Nordosten der Insel an. Von dort wanderten sie ein paar Kilometer südlich in die Stadt Kos.

Nicht alle schafften es über die Meeresenge. Wahrscheinlich wissen die allerwenigsten der Touristen, die auch in diesem Sommer wieder verträumt und entspannt von Kos in Richtung Türkei geschaut haben, dass an genau jenem türkischen Strand vor etwas mehr als zehn Jahren der zwei Jahre alte Alan Kurdi beim Versuch der Überfahrt zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder gestorben war. Das Bild seines leblosen, kleinen Körpers im Sand ging um die Welt – damals, als zumindest ein Teil der Europäer sich noch über das massenhafte Sterben an den Grenzen der »Festung Europa« empörte.

Das Sterben geht weiter. Nie waren mehr Menschen auf der Flucht vor Kriegen. 2024 zählte die UNO mehr als 123 Millionen Geflüchtete weltweit – ein Allzeithoch. 2025 waren es immer noch 117 Millionen. Die meisten flüchten vor Kriegen, in die europäische Länder immer auf die ein oder andere Art und Weise eingebunden sind: in Palästina, Syrien, Irak, Libyen, Afghanistan, aber auch in der Demokratischen Republik Kongo, in der Sahelzone Afrikas, im Sudan, seit diesem Jahr auch im Iran. Tausende sterben weiterhin beim Versuch, sich nach Europa zu retten – über 35.000 Leben gingen laut dem Missing Migrants Project der UNO seit 2014 im Mittelmeer verloren, mehr als 2.000 allein im vergangenen Jahr. Damit ist das Mittelmeer nach wie vor die gefährlichste Route weltweit für Geflüchtete. Und es sind nur die toten Geflüchteten, von denen die UNO weiß. Viele mehr ertrinken bei Unfällen von kleinen Booten, deren Abfahrt niemand gesehen hat, über deren Insassen oder Zahl niemand etwas weiß, für immer verschluckt von einem Meer, das immer mehr einem nassen Massengrab gleicht.

Die Grenzpolitik der EU und anderer europäischer Staaten macht es schwierig, die genauen Zahlen zu kennen. Rettungsmissionen werden von Brüssel seit Jahren erschwert und verhindert, Helfer eingeschüchtert und kriminalisiert. Die eigentlichen Grenzen werden seit 2015 systematisch vom Mittelmeer nach Süden verschoben. Hunderte Millionen flossen an Diktaturen wie die in Ägypten, um der EU Geflüchtete vom Hals zu halten. Auch in Libyen, das 2011 in den Krieg gestürzt wurde, fand Brüssel willige Handlanger. Brutale Milizen – von den EU-Behörden euphemistisch als »libysche Küstenwache« bezeichnet – verhindern die Abreise Geflüchteter, oft durch gefährliche Manöver und Waffengewalt. Mehr als eine Million von ihnen sitzt nach UN-Schätzungen in libyschen Foltergefängnissen unter unmenschlichen Bedingungen fest, ständig der Gefahr von Gewalt, Folter, Versklavung und sogar Ermordung ausgesetzt. Das harsche Klima der Sahara selbst kostet Tausenden mehr das Leben – lange bevor sie das Mittelmeer überhaupt erreichen. Westeuropa wurde seit 2015 zur »Festung« gemacht. Das Mittelmeer ist der tödliche Burggraben.

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Obwohl die Insel direkt an diesem Burggraben liegt, bekommt man als durchschnittlicher, im Mittelmeer planschender Tourist auf Kos von all dem nichts mit. Zufall ist das nicht. Rassisten brauchen einen imaginären Geflüchteten für ihre auf Angst und Hass aufgebaute Politik. Echte Geflüchtete, Menschen, die alles verloren haben und ohne irgendwas in den Händen an Europas Küsten ankommen; Menschen, die Mitleid erregen; Menschen, die mit ihrem Gehen die Möglichkeit ihres Todes in Kauf nehmen, weil auch ihr Bleiben den sicheren Tod bedeutete; Menschen mit Gründen für ihre Flucht; Menschen, deren Fluchtgründe die ausbeuterische und kriegerische Außenpolitik der EU und anderer europäischer Länder an den Pranger und in Frage stellen – kurzum: Reale Geflüchtete brauchen Rassisten weit über die extreme Rechte hinaus nicht. Während imaginäre Geflüchtete im politischen Diskurs omnipräsent sind, sieht man echte Geflüchtete vergleichsweise wenig. Sie werden versteckt – auch auf Kos.

Foto: Fabian Gomes IMG_3055_VSCO.png
Familie und Angehörige wird man auf diesem Friedhof nicht finden

Mit dem Scooter sind es nur zwanzig Minuten von Kos-Stadt zum idyllischeren Strand von Tigaki, 15 Minuten mehr, und man erreicht das schläfrige, schöne Dorf Mastichari. Wer den Trubel der Inselhauptstadt nicht mag, sucht sich ruhigere Orte zum Entspannen. Abgelenkt vom tiefen Blau des Mittelmeers auf der rechten Seite, bemerken wohl nur wenige Touristen den Hügel auf der linken. Noch weniger Besucher wissen, was auf seiner Rückseite, versteckt vor dem touristischen Blick, liegt: ein gigantisches Auffangzentrum für fast 3.000 Geflüchtete, das sogenannte Closed Controlled Access Centre von Kos – erbaut für 43 Millionen Euro, zu 100 Prozent von der EU finanziert. Wer es über die Meerenge schafft, verdirbt nicht mehr Touristen die Urlaubslaune, sondern wird nun diskret hinter einem Hügel in einem durch Mauern und doppelten NATO-Stacheldraht gesicherten Camp für Geflüchtete versteckt und rigoros überwacht.

In die andere Richtung erreicht man mit dem Scooter in nur 15 Minuten von Kos-Stadt die der Türkei zugewandten Strände im Südosten der Insel. Hier sonnen sich Touristen auf dem Kieselstrand, ohne sich um die Sand- und Schotterhügel hinter ihnen zu kümmern. Sie bedecken nur spärlich schwarze Gummiteile: die Reste von Booten, mit denen Geflüchtete aus der Türkei übersetzen, von der griechischen Küstenwache zerstört und verschüttet, um die Wiederverwendung zu vermeiden – ganz so, als läge das Problem am Transportmittel, nicht in der Politik. Wer an diesem Strand weiterspaziert, findet die Reste von Kleidung, verkrustet vom Salzwasser, Rettungswesten und die Autoreifen, die einige Geflüchtete als Ersatz nutzen. Zurückgelassene Handys vervollständigen nur die Geschichte, die dieser Strand denjenigen erzählt, die zuhören.

Der Ort mit dem wohl größten Potential, die Urlaubslaune nachhaltig zu trüben, liegt nahe der Stadt. Nur fünf Minuten auf dem Scooter sind es vom Hafen zum Muslimischen Friedhof von Kos, einem Überbleibsel der Zeit, als sowohl Griechen als auch Türken die Insel bewohnten und die Herkunft noch nicht bestimmte, wer wo zu wohnen hat. Hier endet die Reise für jene, die es nicht lebend über das Mittelmeer schaffen, aber auch für jene, die wie der kleine Alan Kurdi nicht von der Strömung zurück an die türkische Küste getrieben wurden. Hier liegen die Toten der »Festung Europa«, die das Meer nicht diskret verschwinden lässt, sondern an die griechischen Strände spült. Wer weiß, wo sie liegen, kann den Friedhof überqueren, bis in die letzte Ecke, hinter einer Reihe von Olivenbäumen – es wirkt, als würde man zu den Mülltonnen laufen.

Dutzende Gräber, viele ohne Namen, nur durch einen Erdhaufen und zwei Holzbretter markiert. Für die, die alles verloren haben – nicht nur ihr Leben, sondern auch ihren Namen, ihre Geschichte, anonym beerdigt. Weit weg von Familie und Freunden, die, selbst wenn sie die Lage der Gräber kennen würden, sie wegen der EU-Grenzpolitik nie besuchen könnten. Fast noch schlimmer sind die Gräber derer, über die man etwas weiß. Kleinkinder – ihre Geburts- und Todesdaten nur ein oder drei Jahre voneinander entfernt. Dreizehnjährige aus Palästina und Syrien. Eine afghanische Familie, Mutter, Vater und kleine Kinder, aus dem Leben gerissen am selben Tag.

Die rassistische Grenzpolitik EU-Europas ist tödlich, und das ist bekannt. Europäer wissen – oder könnten wissen, wenn sie sich ein wenig interessieren würden –, was es bedeutet, wenn Politiker freudig und stolz eine Reduktion der Zahl ankommender Geflüchteter verkünden. Die Ankünfte verringern sich. Die Abfahrten nicht. Ein Teil der Differenz liegt auf dem Boden des Mittelmeers oder in Gräbern versteckt in einer Ecke eines wenig bekannten Friedhofs in Kos. Genau wie Touristen das Elend an Europas Grenzen ignorieren, ignorieren die meisten anderen es auch. Es wird Zeit, diesem Verbrechen ein Ende zu setzen.

Fabian Gomes ist Berater für soziale und ökologische Schutzmaßnahmen sowie Experte für Landrechte und die Beteiligung indigener Völker und lokaler Gemeinschaften.

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.10.2026, Seite 3, Wochenendbeilage

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