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Samuel Beckett

»Buy Nolde quick!«

Im September 1936 reiste Samuel Beckett ein halbes Jahr durch Deutschland und studierte die Avantgarde kurz vor dem Bildersturm der Nazis. Die Tagebücher dieser Sentimental Journey liegen jetzt vor

Von Thomas Molzahn
Foto: Sean O’Sullivan/
»Portrait of the Artist as a young Man« – Federzeichnung Becketts von Sean O’Sullivan (1933)

»The prospect of getting away is a great relief!« schrieb der 30jährige Beckett im September 1936 seinem Dichterfreund Thomas McGreevy. Er wollte Irland verlassen – möglichst für immer. Sein erster Roman, »Murphy« (über den irisch-ironischen »Everyman«), war abgeschlossen und harrte seiner Veröffentlichung. Er wollte fort von seiner Mutter May, die ihm ständig vorwarf, dass er vier Jahre zuvor einer brotlosen Kunst zuliebe seine gut dotierte Dozentenstelle am Dubliner Trinity College aufgegeben hatte. Nur weg aus dem gutbürgerlichen Vorort Foxrock, wo über seine Affäre mit der verheirateten Exstudienkollegin Mary Manning getuschelt wurde. Noch waren seine Reisepläne unscharf, er hatte keine konkrete Route; das gewagte Unternehmen musste durch Eigenkapital, Geldzuwendungen der Mutter und Zuschüsse finanziert werden. Weniger aus Sympathie denn aus Kostengründen und Neugier, auch um seine passiven Sprachfertigkeiten zu perfektionieren, entschied er sich schließlich für das »Dritte Reich«, das einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte. Die Bilderstürme und die Wanderausstellung »Entartete Kunst« standen unmittelbar bevor.

So riskierte er den vielleicht letzten Versuch, Deutschlands Avantgarde einmal aus der Nähe zu betrachten und sich womöglich als Kunstkritiker zu profilieren. In den kommenden sechs Monaten sollte er sich weit mehr auf die Bildenden Künste als auf die Literatur fokussieren. Und doch würde er zu guter Letzt in Dresdens Alter Akademie die Idee für das Drama gewinnen, das ihn weltberühmt machen sollte.

Unpolitischer Beobachter?

Über diese Neuauflage einer durchaus nicht ziellosen Reise durch Deutschland von Nord nach Süd ist seitens der Beckett-Philologie viel spekuliert worden: Schon 1928 hatte Beckett von Paris aus in den Semesterferien seine geliebte Cousine Peggy Sinclair und ihre Eltern, ein jüdisches Kunsthändlerehepaar, im nordhessischen Kassel besucht und seine Erlebnisse 1932 im Romanfragment »Dream of Fair to Middling Women« verarbeitet. Deirdre Bair, die 1978 noch zu seinen Lebzeiten eine Biographie verfasste, schildert den späteren Résistance-Kämpfer als einen während seines halbjährigen Deutschland-Trips eher weltfremden, apolitischen und ganz auf sich bezogenen eigenwilligen Schöngeist. Nach ihrer Lesart habe er die angespannte politisch-psychologische Situation und den grassierenden Antisemitismus gar nicht bemerkt.

Diese Gelehrtenmeinung wurde endlich 1996 revidiert, nachdem der renommierte Anglist James Knowlson, Gründer des Beckett-Archivs an der Reading University, die bislang unbekannten Reisenotizen erstmals in Auszügen im Kapitel zehn der im September 1996 publizierten Lebensbeschreibung »Damned to Fame: The Life of Samuel Beckett« einer breiten Öffentlichkeit in Großbritannien vorgestellt hatte – in den hiesigen Feuilletons dagegen wurde die brisante Edition damals kaum rezipiert. Beckett hatte jene sechs engbeschriebenen Tagebücher im Keller seiner Pariser Wohnung am Boulevard St. Jacques deponiert, wo diese wohl auch verstaubt wären, wenn sie sein Neffe und Nachlassverwalter Edward Beckett nicht im Dezember 1989 entdeckt und an Professor Knowlson zwecks Analyse weitergereicht hätte.

Eine deutsche Gesamtübersetzung dieser allesamt von einem pessimistischen Grundton erfüllten »German Diaries« erschien erst jetzt (lizensiert von Edward Beckett) im Suhrkamp-Verlag als editorisches Mammutprodukt einer zweisprachigen (synoptisch in Ausgangssprache und Gaby Hartels zumeist sorgfältiger Übertragung strukturierten), von den Anglisten Mark Nixon (Reading University) und Oliver Lubrich (Universität Bern) gut kommentierten Ausgabe nebst erläuterndem Nachwort, Emendationsregister, Zeittafel, Landkarte mit Reiseroute sowie hilfreichem Namens- und Ortsverzeichnis.

Was Beckett schon vor seinen Mitbewohnern verbarg und geheimhielt, wollte er ganz sicher nicht der Weltöffentlichkeit bekanntmachen. Die Tatsache, dass er das Konvolut seiner höchst kunstsinnigen, lesehungrigen und schreibwütigen Selbstdiagnosen und subjektiven Zeitzeugenberichte über gesellschaftliche Verrohung, aber auch Großherzigkeit, über Barbarei und Humanismus, Gewaltbereitschaft und Friedenssehnsucht später nicht vernichtet hat (er hatte es in den Zeitläuften wohl schlicht vergessen), deuten die indiskreten Herausgeber als stillschweigendes Einverständnis zur Veröffentlichung post mortem. So lesen wir leicht pikiert eine detaillierte, derb-unverblümte Auflistung diverser Zipperlein, vor denen selbst Genies und Nobelpreisträger nicht gefeit sind: Ihn plagten eine schwache Blase (auf fast jeder Seite ist von »piss« die Rede), lästige Hautausschläge und eine chronische Erkältung. Frappierend, dass er trotz solcher Malaisen, wohl aus Scham und Sparsamkeit ob der schwindsüchtigen Reisekasse, nie einen Mediziner konsultierte, schon gar nicht eines Seelenarztes bedurfte; selbsttherapeutisch reagierte er sich in seinen nicht für die Ewigkeit bestimmten Notebooks ab.

Der leidenschaftliche Zeitungsleser Beckett informierte sich vorab gründlich aus der inländischen Presse wie der Irish Times sowie vor Ort aus verschiedenen deutschen Tageszeitungen – wohlwissend um deren Gleichschaltung. Zudem nahm er aufmerksam »Volkes Stimme« wahr und suchte als bibliophiler Schriftsteller und eifriger Stammkunde gezielt das offene Gespräch bei den zumeist gebildeten und in ihren Geschäfts- und Schutzräumen politisch oft unabhängigen, mit neutralen Auswärtigen freimütig kommunizierenden Buchhändlern – bei dieser Gelegenheit erstaunte ihn, dass fast überall noch »alles« von Thomas Mann erhältlich sei.

Seine Tagebucheinträge sind folglich keineswegs »Betrachtungen eines Unpolitischen«, sondern präzise Beobachtungen eines Ausländers von zumeist Alltagsszenen in einem fremden Land. Mit wachsender Skepsis beschreibt Beckett aus solcher Außenperspektive die Nation des »New Germany« in einem extremen Schwebezustand zwischen politischer Lethargie, karrieristischem Opportunismus, mitunter passivem Widerstand und mehrheitlich sehnsüchtig befriedigtem »Warten auf Gott« Hitler. Einerseits amüsierte er sich über die deutschen Feriengäste in der Hamburger Pension Hoppe, die sich bei einer der endlosen Propagandareden im Radio nacheinander gelangweilt erhoben und verschwanden; andererseits irritierte ihn die quasireligiöse Verzückung manch anderer Zuhörer, die fasziniert den Tiraden am Volksempfänger lauschten.

Fast überall registrierte er den endemischen Antisemitismus sowohl der Machthaber als auch in der Bevölkerung: Am Nordportal der Dominikanerkirche in Regensburg fiel ihm auf, dass das eingemeißelte »Grüß Gott!« mit einem Zettel überklebt war, auf dem das modisch oktroyierte »Heil Hitler!!!« geschmiert worden war; in Dresden bestürzte ihn die Hetzparole an einer Hauswand: »Juden haben in diesem Ort nichts zu schäuffeln!«

Primär und offenkundig war die Sprachbarriere, vor allem in den dialektal geprägten Regionen. Obwohl seine seit 1928 erlernten passiven Deutschkenntnisse gut genug waren, um Goethe, Hölderlin und Schopenhauer im Original lesen zu können, fiel ihm eine normale Unterhaltung doch schwer – Stoßseufzer in seinen Notizen vom 18. Oktober 1936: »Even to listen is an effort, and to speak ausgeschlossen (sic). (…) How absurd, the struggle to learn to be silent in another language!«

Erleichterter Zutritt

Seit seiner Ankunft aus Cork via Le Havre in Hamburg auf dem Dampfer »SS Washington« am 2. Oktober 1936 suchte er schüchtern das Gespräch mit den übrigen Logiergästen: Zunächst in einem Quartier in den Colonnaden 47; dann in einer günstigeren Pension in der Schlüterstraße 44 im Grindelviertel, familiär aufgenommen von den Wirtsleuten Hoppe, die als Bewohner einer internationalen Hafenstadt über rudimentäre Englischkenntnisse verfügten. Er lieh sich von einem »Fräulein Schön« aus Kiel Bindings Romane und »Ausgewählte Gedichte« von Rilke, frequentierte die Staatsbibliothek, pendelte zwischen Kunsthalle und Reeperbahn.

Im britischen Konsulat beantragte er ein offiziöses Empfehlungsschreiben zwecks erleichterten Zutritts in die Depots der Kunsthalle und des Museums für Kunst und Gewerbe, um doch noch die der Allgemeinheit bereits entzogene Moderne besichtigen zu können. Im »Tourist Office« am Alsterpavillon erhielt er die für seinen weiteren Aufenthalt bedeutsame Auskunft: Er möge sich doch bitte an die »Akademische Auslandsstelle« der Universität Hamburg wenden. Bei deren ebenso sympathischer wie kompetenter Vorsitzenden Helene Fera, Gründerin des »Frauenausschusses zur Betreuung in Hamburg lebender Ausländer«, war er sofort in guten Händen. Nachdem er auf seinem Hotelzimmer akribisch Vokabeln und Grammatik gepaukt hatte, vermittelte sie ihm am 17. Oktober für private Konversationen die 34jährige Claudia Asher, mit der er Vorträge und Ausstellungen besuchte. Sie machte ihn auf einige exzellente Privatkollektionen aufmerksam. Sie unterstützten sich auch gegenseitig bei Übersetzungen in die jeweilige Muttersprache: Sie bat um Hilfe bei einem Artikel aus dem British Journal of Physical Medicine und korrigierte dafür die selbstangefertigte deutsche Version seines Liebesgedichts »Cascando« – aber zu einer, auch flüchtigen, Love-Story kam es nicht (»Her Kraft durch Freude conversation kills me!«).

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Durch die Netzwerkerin Fera ergaben sich neue Chancen: Mitte November stellte er sich in Winterhude, Osterbekstraße, der Kunsthistorikerin Rosa Schapire vor und bemerkte staunend, dass in deren mondäner Gründerzeitwohnung nicht nur sämtliche Gemälde von Karl Schmidt-Rottluff stammten, sondern auch die Zigarettenschachteln, Aschenbecher und Kissen von ihm entworfen waren. Seine neue Gönnerin ermöglichte ihm am 19. November noch den Zugang zum geschlossenen Obergeschoss des Altbaus der Kunsthalle, wo die Hauptwerke der expressionistischen Malerei mittlerweile hingen.

Im Salon des 1934 verstorbenen Kunsthistorikers und Galeriedirektors Max Sauerlandt bekam er am 21. November durch dessen Witwe Alice Einblick in seine wertvolle Privatkollektion mit Gemälden von Kirchner, Schmidt-­Rottluff und Karl Ballmer. Auf ihre Empfehlung hin war er am 23. November zu Gast im Studio von Margaritha Durrieu, wo er dem Expressionisten Erich Hartmann Modell saß.

Dank des Mäzenatenehepaares Durrieu fand er sich auch in der Schatzkammer des manischen Sammlers Hildebrand Gurlitt in der ­Rotherbaumer Alten Rabenstraße wieder: Dort staunte er über später als verschollen geltende Bestände an Beckmann, Siedler, Nolde und Otto Dix.

Bald schon konnte der reisende Enthusiast Kunstschaffende und Kunstsammler der 1933 aufgelösten Hamburger Sezession in ihren Wohnungen und Werkstätten aufsuchen. Zu Fuß erkundete er die Stadt und näherte sich den Leuten; dabei legte er weite Strecken zurück: bis ins vornehme Blankenese und zum weitläufigen Ohlsdorfer Friedhof, wo ihn die »Location« zu einem literarischen Friedhofprojekt anregte. In Altona hatte er bereits das Grab des Klassikers Klopstock beehrt und diese morbide Evokation 1961 seinem intertextuellen Roman »Comment c’est« (den er selbst ins Englische übersetzte) integriert.

Besonders imponierte ihm die damals neuartige Hängung der Hamburger Kunsthalle, die Harald Busch 1935 eingeführt hatte: jedes Gemälde mit Abstand zum nächsten, in einer Linie vor weißer Wand. Dabei entwickelte der Freigeist eine aufregende Vorliebe für alles Inkriminierte und Diffamierte: Dix und Beckmann, Bargherr oder Barlach, Heckel und besonders Munch. Mehr als zwei Monate verbrachte er in der Hansestadt: aus Selbstschutz bei politischen Debatten zwar meist mit Maulkorb, aber als genau registrierender Beobachter nie mit Scheuklappen. Im ästhetischen Kontext war er stets hellhörig und wachsam: Als er zum Beispiel erfuhr, dass die Bilder von Barlach und Nolde aus den Tempeln verschwinden sollten, notierte er sich am 10. November 1936 eifrig: »Buy Nolde quick!« Mit den Progressiven Karl Ballmer, Willem Grimm und Karl Kluth verband ihn bald sogar ein freundschaftliches Verhältnis. Bis zu seiner Abreise am 4. Dezember 1936 besuchte er elfmal die Kunsthalle und siebenmal das Museum für Kunst und Gewerbe, erwarb dabei eine Vielzahl von Büchern zur Kunst.

Lob der Einsamkeit

Nach einer kleinen Abschiedsfeier im Speisesaal der Hoppes führte ihn seine Kunstwallfahrt über Lüneburg nach Hannover, wo er dem verehrten Polyhistor Leibniz seine Reverenz erwies. In Braunschweigs Herzog-Anton-Ulrich-Museum zog ihn Giorgiones Selbstbildnis so in den Bann, dass er dreimal in die heiligen Hallen zurückkehrte. Allerdings beschlich ihn bei aller Euphorie auch leichte Paranoia wegen drastischer Judenhetze in einem Wirtshaus; zur Beruhigung gönnte er sich im Saalbau-Kino die Filmkomödie »Wenn wir alle Engel wären« und unternahm Ausflüge in die kulturell ergiebige Provinz, gen Riddagshausen und Wolfenbüttel, hauptsächlich der architektonischen Attraktionen wegen, aber auch, um auf den Spuren Lessings zu wandeln.

Nach Zwischenstopp in Hildesheim erreichte er Berlin und stieg im Mittelklassehotel »Zur deutschen Traube« ab. Hier verbrachte er fast einen ganzen Monat auf der Museumsinsel und bewunderte Werner Krauss in der Titelrolle von »Gyges und sein Ring«. Von Menschen hielt er sich in der Reichshauptstadt fern, seine Gemütsverfassung vertrug keinen Publikumsverkehr wie noch in Hamburg. Er litt unter Heimweh und Geldsorgen und offenbarte sich betrübt in einem Brief an Mary Manning vom 13. Dezember 1936: »The trip is being a failure, Germany is horrible. Money is scarce. I am tired all the time.« Er hatte von Frau Sauerlandt die Adressen von Nolde, Schmidt-Rottluff und Heckel erhalten, suchte sie aber nicht auf.

Mitherausgeber Mark Nixon weist darauf hin, dass Beckett sich im Kronprinzenpalais Grafiken von Schmidt-Rottluff, Kirchner und Liebermann ansehen durfte, während Ölgemälde dieser Künstler noch vor der offiziellen Beschlagnahmeaktion weggesperrt worden waren. Zu Weihnachten, als die Museen geschlossen waren, machte er lange Spaziergänge durch Grunewald und Tiergarten und vertraute seinem Diarium an: »How I ADORE solitude!« Zudem litt er während dieses ruhelosen Winters an verschiedenen körperlichen Beschwerden: Neben Erkältungen waren eine Schulter und ein Teil seines Rückens gelähmt; Mitte Januar quälte ihn eine schmerzhafte Analzyste, die ihn zehn Tage ans Bett fesselte und zwang, seine Mahlzeiten im Liegen einzunehmen.

Immerhin sorgte Lektüre für Abwechslung: Axel Kaun, ein junger Volontär des Rowohlt-Verlags, riet ihm unter anderem zu Hesses »Demian«, aber das Werk reizte ihn wenig; Kellers »Grünen Heinrich« beurteilte er als »langweilig«, Fontanes »Effie Briest« dagegen bewunderte er. Die Korrespondenz mit der Mutter war indes wenig ermutigend. Und schließlich wurde sein Roman »Murphy« in rascher Folge von mehreren britischen Verlagen abgelehnt. Der Lektor Hamish Hamilton äußerte im April 1937 gegenüber George Reavey lapidar: »Alas, Beckett’s book is as obscure as I feared. I don’t feel that I can make an offer!«

Prägende Freundschaft

Am Vorabend seines Aufbruchs freundete er sich, obwohl dem Wesen nach eher introvertiert, in Sektlaune mit dem liberal gesinnten Händel-Spezialisten, Bühnenbildner und Bruno-Traven-Intimus Heinz Porep an, beschäftigt am Staatstheater in Halle (Saale). Selbst ein begabter bildender Künstler, Aquarellist, und Sachverständiger für Bühnentechnik, war der gesellige Hallenser ein willkommener Gesprächspartner in puncto Schauspielkunst und Inszenierungsstile – diesem fleißigen, ehrlichen und hilfsbereiten Mann widmete der nur scheinbar so marmorkühle Phantast und Literat statt der üblichen leicht arroganten Charakterisierungen in seinen Notizen ausschließlich warmherzige, ja empathische Worte. Seinem erklärten Lieblingsdeutschen und Seelenverwandten ist es wohl zu verdanken, dass Beckett ab 1945 nach versöhnlichem und überzeugtem Sinneswandel gerne und oft nach Deutschland wiederkehrte und hier viele seiner Stücke erstaufführen ließ.

An die Saale begab sich Beckett am 22. Januar, als er die Millionenstadt fast erleichtert hinter sich ließ. Für nur 20 Pfennig Eintritt und 20 Pfennig Zuschlag konnte er auch ohne die Sondergenehmigung die »Schreckenskammer« in der Moritzburg inspizieren – eine Präsentation von exemplarisch als »dekadent« klassifizierten Highlights der Moderne: Heckel, Klee, Marc, Kokoschka, Kirchner, Kandinsky, Feininger, Modersohn-Becker, Munch und Schmidt-Rottluff. Von der Muse geküsst, erschien er anderntags um elf Uhr erneut in den Räumlichkeiten und bestach den Saaldiener mit 50 Pfennigen für eine ausnahmsweise Überziehung der Öffnungszeiten nach 18 Uhr.

Auf weiteren Destinationen erfuhr er die ostdeutschen Zentren des Mittelalters, Barocks und Klassizismus, die ihm noch lange im Gedächtnis haften blieben: den Genius Loci des Weimar-Pantheons, die altehrwürdigen Baudenkmäler in Erfurt, Naumburg und Leipzig. So pries er den Erfurter Dom als eines der schönsten Hauptwerke deutscher Gotik und ergötzte sich am Interieur des Angermuseums in der Adolf-Hitler-Straße: Noch bevor im September 1937 nicht weniger als 700 Ausstellungsstücke geräumt wurden, erfreute ihn im ersten Stock ein bedeutender Querschnitt der Ars Moderna: Lehmbruck, Kandinsky, Barlach, Repräsentanten der Brücke – er reiste »gleichsam rückwärts durch die deutsche Kunstgeschichte«, wie die Herausgeber pointiert resümieren.

Überall erkundigte er sich in Museen und privaten Sammlungen nach den Gemälden von Dix, Nolde und Feininger. Doch nur allzuoft waren die zeitgenössischen Abteilungen geschlossen oder die Objekte seiner Begierde entfernt worden. Und anders als in Hamburg half ihm auch der »Passierschein« des britischen Konsulats nicht weiter. In Leipzig erreichte seine Stimmung einen Tiefpunkt: Die Kunstwerke eines Klinger munterten ihn nicht auf, seine Pensionsstube wurde trotz bitterer Kälte nicht geheizt, und ein Konzert im Gewandhaus ist ihm »an insult to the senses and understanding«.

Anders in Dresden, dem Elbflorenz, wo er am 29. Januar 1937 eintraf. Beckett weilte in Pillnitz und Meißen, hörte dort eine von Karl Böhm dirigierte »Hochzeit des Figaro« (»the first opera that I was sorry to have over«). Doch im Mittelpunkt standen wieder die Maler, diesmal die alten Meister. Zehn volle Tage verbrachte er im Zwinger und in der Alten Akademie. In der Gemäldegalerie berauschte er sich an Vermeers »indescribably lovely« »Kupplerin«, einer »Venus« von Poussin und einem »stupendous« »Sankt Sebastian« von Antonello da Messina, an dessen Details er sich noch Jahrzehnte später erinnerte.

Dank der Referenzen Poreps konnte er die Tänzerin Gret Palucca kontaktieren, die ihn wiederum mit ihrem Exlebensgefährten Will Grohmann bekannt machte, den 1933 abgesetzten Direktor des Zwingers. Dieser unterstützte nicht nur seine Recherchen bezüglich Klee, Picasso, Kirchner und Kandinsky, sondern weihte ihn auch in die aktuelle Perspektive der jüdischen Geistesaristokratie ein: »Says it is more interesting to stay than to go, even if it were possible to go. They can’t control thoughts. Length of regime impossible to estimate, depends mostly on economic outshot. If it breaks down, it is fitting for him and his kind to be on the spot, to go under or to become active again.«

Begegnung mit Pozzo

Durch die Palucca und Grohmann wurde er in den distinguierten Zirkel belarussischer Exilanten um den Fürsten Nikolai Obolensky und die Kunstsammlerin und ehemalige Schwiegermutter der Palucca, Ida Bienert, eingeführt. Er schätzte sie als blaustrümpfige Dame mit dem Geschmack und Organisationstalent einer Germaine de Staël, aber kritisierte ihre mit dem Alkoholgenuss zunehmende Tendenz zur »Nazi litany«. Immerhin hatte er inmitten dieser Gesellschaft, wie schon Deirdre Bair eruierte, durch eine deutsche Verwandte des Fürsten, Anna von Gersdorff, eine denkwürdige Begegnung, die – ohne dass er es damals schon wissen konnte – später einmal eine wesentliche Rolle in seinem literarischen Œuvre spielen sollte: Der russische Slawist Professor Fedor Stepun hielt einen Vortrag über einen Landsmann, den Epiker Andrej Bely (den »russischen James Joyce«); dessen Ehefrau Assja Turgenjewa – eine Verwandte von Iwan Turgenjew – hatte eine Schwester, die mit einem Italiener namens Pozzo vermählt war. An jenem Abend hatte Beckett wohl erstmals diesen seltsamen Namen gehört, den später einmal eine Hauptfigur in »Waiting for Godot« tragen sollte.

Auch in der Alten Akademie gab es eine weitere Anregung für sein Drama von 1948. In Caspar David Friedrichs suggestivem Tableau »Zwei Männer in Betrachtung des Mondes« von 1819 sei – so James Knowlson – die visuelle Konzeption von Becketts Bühnenwerk zu finden: Zwei Männer mit Mänteln in Rückenansicht betrachten den Vollmond, der von den dunklen Zweigen eines großen kahlen Baumes eingerahmt wird. Schon in Weimar hatte er in der Stadthausschänke den kindlichen Abzählreim »Ein Hund kam in die Küche« aufgeschnappt, den er später im unveränderten deutschen Wortlaut der Dramaturgie des »Godot« einverleiben sollte.

Entlang der Romantischen Straße und des Steigerwaldes reiste Beckett per Eisenbahn im März weiter nach »lovely Bamberg«, wo ihn das mittelalterliche Stadtbild und Kunstschätze wie das grandiose Reiterstandbild verzauberten. Via Würzburg (unvergesslich für ihn die Fresken Tiepolos in der Residenz nicht weniger als der kredenzte Frankenwein), Nürnberg (wo er im Dürerhaus das Original der »Betenden Hände« vermisste, die sich als Reproduktion einst in seinem Kinderzimmer befanden) und Regensburg (in einer eintägigen fiebrigen Tour de Force klapperte er sämtliche Sehenswürdigkeiten der traditionsreichen Kaiserpfalz ab) tastete er sich bei immer knapper werdendem Budget am 4. März 1937 an das ihm als Zentrum süddeutscher Braukunst verheißene München heran.

Wie in Hamburg und Dresden suchte er auch in der Isarmetropole obsessiv Einlass in die noch unreglementierte urbane Kulturszene. Durch Hans Rupé, den Rilke-Freund und Kurator des Bayerischen Nationalmuseums, lernte er den jungen Galeristen Günther Franke kennen, der etablierte oder weniger bekannte Maler durch Ausstellungen und Ankäufe förderte. Dessen Grafisches Kabinett in der Briennerstraße war eines der wenigen Reservate, wo letztmalig Exponate von Marc, Nolde und Beckmann angeschaut werden konnten. Vier Wochen flanierte er durch die Münchner Galerien, Museen und Bohème-Kneipen. Von der Alten Pinakothek war er begeistert, doch die meisten Begegnungen – darunter mit dem Surrealisten Edgar Ende – verliefen enttäuschend, wohl nicht zuletzt wegen wechselseitiger Egomanie und Ignoranz.

Mit Valentin im Keller

Aber ein prägendes Zusammentreffen sollte noch geschehen: Eines Abends sah er im Benz-Kabarett das Komikerduo Liesl Karlstadt und Karl Valentin. Beckett war tief beeindruckt und wollte Valentin kennenlernen. Tatsächlich gelang es seinem Bekannten aus Berliner Zeiten, dem Schauspieler Josef Eichheim, ausgerechnet am 1. April, dem schicksalhaften letzten Tag seines Deutschland-Aufenthaltes, ein »crazy« Date mit dem widerborstigen Münchner Original zu arrangieren: Mit einer Fackel in der einen und einem pelzbesetzten Zahnstocher in der anderen Hand führte Valentin seine beiden Besucher im Kellergewölbe seines Hauses am Färbergraben 33 durch verwinkelte Katakomben »in his new museum«, ein groteskes Panoptikum voll alten Plunders, Requisiten und unheimlicher Strohpuppen. Valentin murmelte in unverständlicher Mundart scheinbar zusammenhangslose Satzfetzen über Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett sowie Orakelhaftes über Becketts weiteres Geschick: »So, nach England geht’s morgen. Mit’m Flieger. Also, ich tät’s nicht. Wie leicht bricht ein Propeller ab, dann ham’s den Salat!« Plötzlich wurde es dem traurigen Clown zuviel, er ließ die beiden verdutzten Männer im Halbdunkel zurück. Nach eigenem Bekenntnis inspirierte Beckett das seltsame Paar Karlstadt–Valentin (wie später auch die Chaoscomedians Laurel und Hardy) zu der absurden Konstellation eines Estragon und Vladimir.

Am 2. April 1937 endete Becketts Deutschland-Abenteuer: Nachdem ihn die Devisenbewirtschaftungsstelle mit noch 35 Reichsmark in der Tasche endlich ziehen ließ, wählte er demoralisiert und geschwächt einen kostengünstigen Flug über Frankfurt am Main und Amsterdam zurück nach London. Das Gepäck – ergänzt um eine Vielzahl deutschsprachiger Bücher, Reiseführer und Ausstellungskataloge – ließ er sich nachschicken. Seine Gefühle bei der Abreise waren zwiespältig: »A sense of relief«, überwältigende Impressionen und die Wehmut eines Glücklichen – »nothing is funnier than unhappiness« …

→ Thomas Molzahn studierte Anglistik und Geschichte an der Universität Bonn.

→ Samuel Beckett: German Diaries. 28. September 1936 – 1. April 1937. Englisch und deutsch. Übersetzung von Gaby Hartel. Hsrg. v. Mark Nixon und Oliver Lubrich. Berlin: Suhrkamp-Verlag 2026, 1.352 Seiten, 78 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.10.2026, Seite 12, Thema

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