Blick nach vorn zurück
Lyrische Mathematik des Fehlers: Ryuichi Sakamotos und Alva Notos letztes gemeinsames Album »12 Conversations«
In den vergangenen 25 Jahren haben der Berliner Künstler Carsten Nicolai (musikalisch als Alva Noto bekannt) und die japanische Elektroniklegende Ryuichi Sakamoto (Yellow Magic Orchestra) regelmäßig musikalische Zwiegespräche geführt und als Alben veröffentlicht. Bis kurz vor Sakamotos Krebstod arbeiteten sie an weiteren Tracks, die nun als »12 Conversations« den unwiderruflichen Schlusspunkt hinter diese nie langweilig werdende Reihe setzen.
Trotz dieser Umstände besteht Nicolai darauf, dass »12 Conversations« kein zurückblickendes Album, nicht wehmütig oder nostalgisch ist, sondern wie seine Vorgänger den Blick nach vorn richtet beziehungsweise auf die Schnittstelle zwischen Gegenwart und unmittelbarer Zukunft, auf die Neugier, die mit Entdecken und Verändern verbunden ist, mit der Reaktion aufs Unerwartete. Also mit genau den Dingen, die den Reiz jedes guten Gesprächs ausmachen. Die Freude an der Inspiration durch das Außen.
Das oft zu Unrecht unter den Tisch gefallene »Album« (ein Track von 37 Minuten Länge) »Glass« verdeutlicht den Geist dieser Zusammenarbeit vielleicht am besten: Die Aufnahmen fanden 2018 im »Glass House« des Architekten Philip Johnson statt. Mit an den Scheiben angebrachten Kontaktmikrofonen hatten die Künstler das Gebäude in ein weiteres Instrument (oder einen weiteren Musiker) verwandelt. In der gut halbstündigen improvisierten Performance reagierten Sakamoto und Nicolai aufeinander und auf die Klänge der Architektur. Der »Raum«, der sonst nur virtuell eine zentrale Rolle in den gemeinsamen Werken spielte, wurde hier physisch zum Bestandteil.
»12 Conversations« bezieht wie seine Vorgänger seinen Reiz aus der Spannung zwischen Sakamotos lyrischen Beiträgen auf Piano und Synthesizer und Nicolais eher mathematisch wirkendem Spiel mit technischen Glitches, dem Knacken und Knistern der Fehler des technologischen Zeitalters. Ein perfektes Yin und Yang, könnte man sagen. Und ganz anders als Sakamotos Alben mit Christian Fennesz, der sich zwar auch die durch technische Limitationen entstehenden Glitches zu Nutze macht, aber mit ganz anderen Ergebnissen als Nicolai. Die stark verfremdeten Gitarrenflächen von Fennesz sind naturalistischer als die nicolaischen Abstraktionen, haben immer etwas Maritimes in ihrem An- und Abschwellen. Fennesz gibt Sakamotos Piano einen Hintergrund, während Nicolai ihm tendenziell eher Reibungspunkte liefert.
Auf »12 Conversations« tritt nun dieser Gegensatz zwischen Emotion und logischer Präzision (wenn man diese Spannung denn als Gegensatz begreifen möchte) etwas in den Hintergrund, bleibt aber zentrales Element. Carsten Nicolai agiert auf den zwölf Stücken zwar präzise wie immer, aber mit einer ungewohnten Wärme, man möchte fast sagen »mit Zartgefühl«.
Wie gewohnt macht Nicolai Räume auf, schafft eine Distanz zwischen Vordergrund und Hintergrund. Rascheln und Atmen in Close-up, weite Flächen, undefinierbare Geräusche, die nah oder fern sein können, je nachdem, womit sie das Hörerhirn gerade assoziiert. Aber diese Räume sind behaglicher geworden, harmonischer. Und vielleicht ist der Blick der beiden Künstler, auch wenn er nach vorne gerichtet ist, dann doch eine Spur wehmütig. Was keine Schande wäre, es gäbe tausend gute Gründe dafür. Das Entscheidende ist, dass sie nach wie vor weit davon entfernt sind, sich irgendwelchen Sentimentalismen hinzugeben. Mag auch sein, dass »Wehmut« das falsche Wort ist. Vielleicht ist es einfach menschliche Zuneigung, die hier stärker in den Vordergrund tritt. Was auch immer es sein mag oder ob es überhaupt in der Musik ist oder nur in meinem Kopf, »12 Conversations« zeigt, dass die Zusammenarbeit von Carsten Nicolai und Ryuichi Sakamoto bis zum Schluss ein lebendiges, sich veränderndes Wesen geblieben ist.
→Ryuichi Sakamoto & Alva Noto: »12 Conversations« (Word and Sound)
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