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»Würdest du so wat machen?«

DDR, 1958: Aus dem Tagebuch eines studierten Bauarbeiters

Foto: Sächsische Zeitung/IMAGO
»Die Arbeitsmoral ist das einzige Gebiet, wo es um die Ehre geht.« (Wohnungsbau in Dresden-Prohlis, 1977)

Im spannungsreichen Jahr 1958 begab es sich, dass mehrere Absolventen der Berliner theologischen Fakultät ein Experiment verabredeten. Sie beschlossen, nach dem Staatsexamen auf eine der neuen sozialistischen Großbaustellen zu gehen. Diesen Schritt unternahmen sie ohne Rückendeckung durch ein ruhendes kirchliches Anstellungsverhältnis – anders als jene Arbeiterpriester in Frankreich, von denen sie inspiriert wurden. Für den Berliner Bischof und seine Konsistorialräte eine ausgesprochene Schnapsidee.

Die Absicht, mit diesem ungewöhnlichen Schritt »geistige Spionage« in unbekanntem Terrain zu treiben, um später als Pastor die Menschen »richtig« ansprechen zu können, verneinten die angehenden Hilfsarbeiter. Sie stellten sich vielmehr vor, sie könnten eintreten in die »Solidarität, die die arbeitenden Menschen in unserm Staat verbindet«, und gegen das Vorurteil angehen, dass die Kirche zwangsläufig reaktionär sein müsse.

Zwei der jungtheologischen Arbeitsuchenden, Horst und Eckhard, gen. Ecke, gehen zum VEB Kombinat Schwarze Pumpe, dem bei Hoyerswerda entstehenden Braunkohleveredelungswerk. Sie werden vom Betrieb Bauunion Süd (BUS) – wo Arbeitskräftebedarf besteht – angenommen. Das Tagebuch von Horst setzt mit der Einstellung als Betonhilfsarbeiter an einem Montag im November 1958 ein.

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(18.11., Dienstag) Doppelstockzug, 5.14 Uhr: Viele schlafen, einige, meist aus der Verwaltung, lesen. Der Polier bringt uns zur Brigade. Pressenhaus – Keller betonieren, Beton karren. Die ersten drei Karren kippe ich um, »Scheiße« fluchend. Wolfgang, 19, ruhig, etwas polterig, verliert kein Wort. Den ganzen Tag über kippe ich keine Karre mehr um. (…) Der Polier, Helmut, in den 20ern, verlobt oder verheiratet, kommt vorbei: »Wo kommt ihr denn her?« Uni, Theologie. »Praktikum?« »Nee, fertig!« Er fragt Wolfgang: »Würdest du so wat machen?« Grinsend: »Nee!« Mein Kommentar: »Na, zum Geldmachen is et och nichts.« Gespräch Polier mit mir: »Was is’n dein Vater?« – Kein Pfarrer, nicht von der Familie, sondern weil es mir Spaß macht, bin ich dabei.

(19.11.) Mit Paul, einem älteren Arbeiter, 54, zusammen Baracke betonierend. »Bist du Student?« – Theologie. – »Ich bin nicht an Kirche interessiert.«

Die Arbeitszeit 6–8.30, 9–12.30, ­13–16 Uhr. Ecke und Gerhard machen vorgefertigte Löcher im Beton, 50x7x7, in denen Maschinen verankert werden sollen, sauber. Fast alle voll mit eisigem Wasser. Nach langen Gesprächspausen haut Gerhard die Frage raus: »Sag mal, was ist denn eigentlich der Sinn von Bußtag?« Ecke hat zu knabbern. »Na, das ist so ein Tag, an dem man sich überlegen soll, wie sein Leben bisher war, wie es hätte sein sollen oder können und wie es in Zukunft sein soll.« »Na, das mache ich Silvester.«

(21.11.) Es gibt im Arbeitsrhythmus eine bestimmte Folge von Arbeit – Pause – Beschäftigung. »Beschäftigung« ist Schippen abklopfen, Bretter für die Karren umlegen, nachmessen, Werkzeug holen, aufräumen … Man teilt sich seine Zeit sehr genau ein. Früh haben wir gleich Eisenträger von der Arbeitsstelle weggetragen, etliche Tonnen: »Das gibt Prozente!« Darauf wurde den ganzen Tag etwas ruhig gearbeitet.

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Störfall

Wie bald offenbar wird, ist die erste Arbeitswoche der Theologen an höherer Stelle ausgewertet worden. Aus Akten des Staatssekretariats für Kirchenfragen geht hervor, dass man einen solchen Einsatz als geistigen Diversionsversuch wertete, mit dem feindliche Ideologie in die Arbeiterklasse getragen würde, um sie »von der ökonomischen Hauptaufgabe abzuhalten«. (Die DDR-Führung fühlte sich im Schatten des sowjetischen »Sputnik«-Erfolgs seinerzeit stark genug, den benachbarten Kapitalismus bis 1961 im Pro-Kopf-Verbrauch zu überholen; das wurde zum ökonomischen Hauptziel erklärt.) Um die unerwünschten Eindringlinge mürbe zu machen, wird ihnen erst einmal ein Stein in den Weg geworfen: Umsetzung. Das ­betriebliche Management muss mitspielen, obwohl die Bauleiter keinen Betonarbeiter entbehren wollen.

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(22.11.) Ecke und ich zu Oberbauleiter Fechner von der BUS bestellt. Wir sollen in einen anderen Betrieb kommen, der auch im Kombinat Pumpe arbeitet. Die Zentrale Arbeitskräftelenkung hätte uns falsch geleitet. – Wir wollen nicht weg. Unsere Brigade arbeitet mit 160 Prozent. »Wie ist es denn mit dem Urlaub und Verdienst dort?« [Fechner behauptet, Urlaub und Verdienstmöglichkeiten würden gleich sein, was sich aber als falsch herausstellt. Chr. St.]

Während der Arbeit kommt Bauleiter Bänchel vorbei. Ich erzähle ihm die Chose. »Bleibt da und macht eure Arbeit weiter. Wenn ihr nicht weg wollt, können die oben gar nichts machen.« Wir bleiben, arbeiten Sonnabend und Sonntag voll, um für Weihnachten die Tage einzuarbeiten.

(23.11.) Selbst in der Arbeitsintensität macht sich bemerkbar, dass heute Sonntag ist. Es werden die Stunden »abgearbeitet«. Man empfindet noch 7tägig; vielleicht auch nur, weil das halbe Werk leer ist und der Konsum zu hat.

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Am 25. November erfolgt trotz allem die Umsetzung von BUS zum VEB Zentralbau. Der Bauleiter Bänchel schwenkt um, obwohl auch Helmut, der Polier, dagegen ist. Beim Zentralbau erklärt ihnen der neue Polier, der leutselige Genosse Wöhl, dass man die Theologen hier im Fertigteilwerk einsetzt, um sie besser unter Kontrolle zu haben. Im vorigen Jahr waren nämlich schon mal welche da und hätten religiöse Propaganda getrieben, »sogar auf den Baustellen Gottesdienst gehalten«.

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Vorweihnachtszeit

Dezember ist der Monat für ein Betriebsfest mit Tanz und Programm; später im Monat folgt noch das »Begießen« der Jahresendprämie im gemütlichen Kreis. Die Programmacher der Weihnachtsfeier kriegen diesmal Ärger. Ahnungslos benutzen sie als Hintergrund für derbe Späße die Kirche, was normalerweise problemlos gelitten ist. Doch diesmal gibt es Unmut wegen der »religiösen Gefühle der Bürger«.

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(1.12.) Einladung zum Weihnachtsbetriebsfest. Kröbel, der Produktionsleiter, hat seinen gemütlichen Tag, wir kommen ins Gespräch über das wissenschaftliche Weiterarbeiten. »Ich komme hier überhaupt nicht mehr dazu«, klagt er. »Wollen Sie das länger hier machen? Dann kommen Sie doch völlig raus!« [Kröbel macht sich Sorgen um die Theologie-Absolventen.] Er hat in Leipzig studiert, erzählt von einer sehr regen FDJ-Gruppe, die auch mit der jungen Gemeinde gut zusammengearbeitet hat, und fragt mich, ob mein Vater Pfarrer sei oder wie ich zum Theologiestudium gekommen sei. »Neulich habe ich ein Buch gelesen von XY, der den Marxismus als Religion betrachtet. Das kann ich überhaupt nicht verstehen. Da ist doch alles auf den Verstand aufgebaut, alles beweisbar, kein Glaube.«

(3.12.) Heute ist das »Weihnachtsbetriebsbesäufnis«. Es gibt kostenlos Marken für Bier, ein gutes Essen und Kaffee und Kuchen. Kröbel rückt die Tische zusammen, will »Gemeinschaft« im guten Sinne stiften. Ein kleines Quiz wird veranstaltet. Man tanzt, obwohl die Frauen knapp sind. Das ist natürlich traurig und treibt zur Bar. Walzer und Besentanz sowie Rheinländer verbreiten Gemütlichkeit. Doch dann kommt ein Ding vor, in dem nur der Sex angesprochen wird: Hintergrund ist die Kirche, also eine recht peinlich werdende Angelegenheit. Ecke sitzt ganz ruhig da, raucht seine Zigarette. Allen Vorgesetzten ist es eine furchtbare Situation, zumal überhaupt keine Reaktion seitens Ecke erfolgt. Ich bin während dieser Zeit gerade nicht im Saal.

(4.12.) Der Schwabe Wöhl entschuldigt sich, und bald danach auch Kröbel. »Diese Sache da mit der Kirche hat mir auch nicht gefallen. Das Programm ist der Partei nicht vorher vorgelegt worden, sonst wäre so etwas nicht passiert. Aber die kriegen noch eins reingewürgt deswegen. Die haben sich sicher nichts dabei gedacht.« – Es stimmt, die Kirche war ihnen nur Vorwand für das allein vorherrschende Gebiet »Sex«.

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Als Schlussfolgerung wird beschlossen, eine Vorzensur für solche Abendprogramme einzuführen, wegen der Neuen, die das gar nicht fordern. Aber eine Verletzung der religiösen Gefühle lässt sich die SED samt Betriebsleitung nicht nachsagen.

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(5.12.) Kurze Woche: heute bis 10.00 Uhr. Ausstand bei der alten Brigade. Lohnabrechnung von BUS: Summa 184,- DM für 17.11.–25.11.; ZB: Summa 50,- DM für 26.11.–30.11. – Bin abends zu Hause.

(12.12.) Zwischen Arbeitern und den Verwaltungsleuten liegt eine tiefe Kluft. Die Arbeiter sind den ganzen Tag draußen, dreckig und in Arbeitskluft – die Verwaltungsangestellten sind den ganzen Tag über in warmen Räumen, wo sie sogar oft ein Radio haben. Die rangmäßige Abstufung geht vom ungelernten Arbeiter aufwärts über angelernte, gelernte zu den Handwerkern, dann über die Verwaltungsleute zu den Ingenieuren und Managern.

(17.12.) Wöhl »beschäftigt« uns. Man sucht uns mit irgendwelchen Nebenaufgaben hinzuhalten. Leitungslöcher in der Straße sind auszumeißeln, damit die Betonplatten hineinpassen, die sie bedecken. Die Leitung ist tot. Man hätte sie auch mit Dreck zuschmeißen können. – Neulich hatten wir für kleine Rillenplatten zwei Formen. 250 Stück sollten von uns vier gemacht werden. Wir hätten zehn Formen gebraucht. Aber es gibt nur zwei. Trotz unseres Protestes lässt er nicht mehr Formen herstellen.

(20.12.) Am Nachmittag wurden wir ins Zimmer von Kröbel geholt. Es gibt Bier, die Jahresprämie wird gefeiert. Hermann [der Brigadier] stellt Scherzfragen. Die Atmosphäre ist gemütlich. Als ich noch einkaufen gehe, fragt Wöhl Ecke quer über den Tisch: »Sag mal, Kollege Pastor, wo is’n dein Kumpel?« Bald tauche ich mit Bananen und Apfelsinen wieder auf, die für den 4. Advent morgen bestimmt sind. Wöhl klaut mir die Pudelmütze, schenkt mir eine abgelegte Mütze. »Das ist ein Geschenk von Walter Ulbricht.« Ecke und ich haben den Eindruck, dass der Ton stark von unserem Dabeisein beeinflusst wird.

(22.12.) Letzter Arbeitstag. Hermann bespricht die Abrechnung mit uns. Die katholische Reinemachefrau erzählt von ihrer evangelischen Tochter. Da stürzt ein junger Transportarbeiter völlig verstört herein: »Polizei, Arzt anrufen, ein Unfall. Er ist wahrscheinlich tot.« Hermann ruft an. Wir stürzen hinaus. Eine Schnellzuglok steht schnaufend ungefähr 60 m hinter einem der fünf unbeschrankten Bahnübergänge, ein Lkw ungefähr 40 m hinter dem Bahnübergang auf der Straße. Ein Transporter hat mächtige Schmerzen im Arm, Arm ist anscheinend gebrochen. Zwischen den großen Rädern der stampfenden, zischenden Lok liegt ein Mensch, den Kopf zur Seite, auf den Bohlen. Die ganze Seite des Mannes ist aufgerissen. Der Arzt stellt »Tod« fest. Vorn auf der Lok leuchtet ein Plakat: »Der Sozialismus siegt.«

Alle sind wir den ganzen Tag nicht zu gebrauchen. Immer wieder kommen wir auf den Unfall zu sprechen. Man erzählt von ähnlichen Ereignissen. Paul meint: »Es ist alles vorbestimmt.« Christian kommentiert: »Wenn der Wecker abgelaufen ist, dann kneifste ’n Arsch zu.« »Schon im Krieg war das so«, fährt Paul fort. »Der eine ist durchgekommen, den anderen hat’s erwischt, wenn er sich noch so vorgesehen hat.« – Christian: »Na, Krieg ist auch Scheiße.« – »Ja, man soll nicht darüber sprechen. Aber da hat sich gezeigt – es muss ein höheres Wesen geben. Da glauben die dran.« Christian: »In der größten Not, da schreien sie dann ›Mein Gott!‹ Jedenfalls ich will keinen Krieg, das hat mit Heldentum nischt zu tun.« »Nee, nee, es gibt ein höheres Wesen. Da ist nischt dran zu tippen. Dass der eine lebt, der andere stirbt … Du kannst auch sagen: ›Das ist Glückssache‹ oder auch ›Wunder‹, das ist das gleiche.« »Wunder sind eben nicht so, wie man sie sich vorstellt, so was Besonderes, sondern eben eine – Tatsache, etwas, was wirklich vorkommt.« Am gleichen Tag ist noch ein tödlicher Unfall auf einer Elektro­lok. Ein E-Lok-Fahrer bleibt bei der Reparatur am Hochspannungsdraht hängen. Das reicht für Weihnachten.

Vom Sinn der Arbeit

Von einem der Kumpel, die über Weihnachten zu Hause waren, ist zu hören, dass ihm die Decke auf den Kopf fiel. Ist der Betrieb sein Lebenssinn? Oder ist das, was er braucht, der ordnungsstiftende Rahmen, unabhängig vom Inhalt der Arbeit, die oft genug stumpfsinnig ist? Egal, womit ich gerade beschäftigt werde, der Betrieb braucht mich zur Planerfüllung, und ich brauche den Betrieb zum Geldverdienen. Wem diese Wechselbeziehung nicht ausreicht, weil er sich stärker mit dem Arbeitsinhalt identifizieren will, der strebt nach Qualifizierung, so wie Christian mit seinem Kranführertraum. Generell wird berufliche Fortbildung sehr gefördert, die wachsende Industrie braucht das, auch unser Tagebuchautor sitzt nach wenigen Wochen auf der Erwachsenenqualifizierungsbank, um Maschinist zu lernen.

In der Gruppe junger Industriepastoren erörtern sie im Januar zu viert die Frage nach dem Sinn des Lebens – ist es die Arbeit? – und die nach der Motivation der Arbeiter, Tag für Tag pünktlich dem grauen Werktor zuzustreben.

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(15.1.) Christian darf nicht zum Kranführerlehrgang. Der Betrieb hat ihn nicht delegiert. Unser Parteisekretär hatte ihm diesen Lehrgang fest versprochen. Damit ist sein schönster Traum zerschlagen. »Ich wusste ja, bei mir geht alles schief.«

(16.1.) Der Sinn des Lebens ist die Stelle, an der wir mit Hans und Christoph plötzlich landen. »Ist die Arbeit wirklich Inhalt des Lebens?« So wäre es sozialistisch gesehen. [Einer aus der Gruppe meint, auf dem Bau wäre es anders.] »Der Bauarbeiter arbeitet, um zu saufen. Die Arbeit hat ihren Sinn im Geld. Die Freizeit ist nur insofern sinnvoll, als sie vergeht, ebenso wie die Arbeit ihren Sinn im Feierabend hat. Ein Kreislauf ohne Ende.« [Von einer anderen Beobachtung weiß Hans zu berichten:] »Ein Kumpel von mir war über Weihnachten zu Hause. ›Es war richtig langweilig, den ganzen Tag zu Hause sitzen, Radio hören, aus dem Fenster gucken. Ick war froh, als ick wieder meine Arbeit hatte, da hat doch alles seine Ordnung.‹«

(17.1.) Hans erzählt, wie sie in seiner Brigade sich fast geschlagen hätten, weil einer behauptete, der andere arbeite schlecht. »Die Arbeitsmoral ist das einzige Gebiet, wo es um die Ehre geht.« Wer eine Fehlschicht macht, verliert an Ansehen. Saufen ist keine Schande, ebensowenig huren. Im Gegenteil, es gehört zum Beweis der eigenen Männlichkeit, viele Mädchen »umgelegt« oder »angeknallt« zu haben … Das Gebiet »Frauen« fällt im Alter weg, dann bleibt nur noch die Arbeit. Die Ehre des Bauarbeiters scheint an seine Leistung gebunden.

Arbeitsorganisation

(2.2.) Man rennt sich gegenseitig um, wenn man zu viert an so einer Betonform arbeitet, und erreicht die Norm doch nicht. Wenn sich zwei Mann an der Kabelform eingearbeitet haben, kommen sie auf 150–180 Prozent; aber dann hätten die beiden anderen irgendeine schlecht bezahlte Arbeit … Die Verkleidungsplatten gehen recht gut, aber auch nur für zwei Mann. Die beiden andern müssen dauernd zum Polier, neue Arbeit verlangen.

(5.2.) Es klappt nie mit dem Geld. Heute gehen wir zum Normer. [Erstens:] Der Leistungszuschlag für die 2. + 3. Dekade Dezember ist von ihm gestrichen worden. Ecke haut mächtig auf die Pauke. Was ist das für eine Schweinerei? Zweitens: Paul und Christian haben noch Überstunden (ca. 100) bezahlt zu bekommen. Drittens: Paul macht seit November ’58 den Brigadier, bekommt aber Lohngruppe 3 und keinen Zuschlag.

(6.2.) Lohnstreifen für Januar: 3. Dekade für Dez. nachgezahlt. Jetzt fehlen noch Leistungsprozente für 3. Dekade Januar. Wegen der Überstunden großer Rabatz bei Abteilungsleiter. Bei BUS in unserer alten Brigade verdienen sie im Dezember und auch im Januar 600–650 Piepen.

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Der Betrieb veranstaltet gelegentlich einen Probealarm, um zu sehen, wie lange es braucht, im Falle eines feindlichen Diversionsaktes Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Aufgefordert zu kommen sind vorrangig die SED-Genossen und die fortschrittlichen Kollegen.

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(21.1.) 6.35 Uhr. Der Parteisekretär eröffnet die Versammlung. »Also die Kampfgruppen beginnen jetzt ganz neu in diesem Jahr mit ihren Übungen …« [Dann fragt der Parteisekretär, wer zur nächsten Übung käme, doch es melden sich leider keine Neuen.] Daraufhin: »Kollegen, das ist ein schlechtes Zeichen. Mit den Genossen werden wir uns auseinandersetzen.« Dann folgt ein Aufruf einzelner Anwesender, die ihre Stellung zum Kampfgruppentraining kundtun müssen. Ein Genosse beginnt seine Seelenwäsche mit seinem Familienleben … Ich habe mich vor einem Beitrag gedrückt.

(23.1.) Nach der Arbeit zur Erwachsenenqualifizierung. Anmeldung zum Maschinistenlehrgang fürs Kraftwerk. Ein Jahr Dauer. Frage: 1. Entfremdung von den ungelernten Arbeitern? 2. Zeitaufwand hindert uns, »da« zu sein. 3. Wir kommen aus dem »Bau« in die Produktion.

(25.1.) Sonntag. Martin, Ecke und ich gammeln den ganzen Tag herum. Tischtennis und Skat können unsere Langeweile nicht eindämmen. Was soll man im Winter in seiner Freizeit zu mehreren machen, wenn die Interessen so verschieden sind und die Möglichkeiten so beschränkt? Es bleibt nur die Kneipe.

Plane mit, arbeite mit, regiere mit!

Dann zeigt sich, dass bestimmte höhere Instanzen je länger desto misstrauischer geworden sind. Steckt nicht hinter der konzertierten Aktion der Absolventen ein Plan der Kirchenobrigkeit? Man zitiert sie zur Kaderabteilung. »Sie haben doch nicht studiert, um Hilfsarbeiter zu werden?« wird einer gefragt.

(12.3.) Der Meister schickt mich mitten aus der Arbeit zur Verwaltung. (…) Arbeitsdirektor Große fängt an: »Herr Berger, ich habe eben erst erfahren, dass Sie als Theologe in unserem Werk tätig sind. (…) Ich möchte Sie bitten, Ihren Arbeitsplatz bei uns aufzugeben.« – »Hm, aber warum?« (…) »Warum kamen Sie denn hierher? Warum wollten Sie bei uns arbeiten?« – »Das geschieht aus zwei Gründen. Einmal möchte ich die Arbeiter verstehen lernen. Der andere Grund: Ich möchte etwas vom Sozialismus lernen, der hier aufgebaut wird. Und ich dachte, das könnte ich auf solch einer Großbaustelle wie Pumpe am besten.« – »Der Staat hat doch Ihr Studium bezahlt. Er kann es sich nicht leisten, Tausende Mark für Leute rauszuwerfen, die dann ihre Ausbildung z. B. als Ingenieur an den Nagel hängen, um Hilfsarbeiter zu machen.« »Aber diese selbe Partei schickt doch sogar ihre eigenen Kader für vier Wochen in die Produktion …« [Große fährt noch ein anderes Geschütz auf:] »Außerdem war es ja auch nicht ganz ehrlich, wie Sie sich hier angemeldet haben … Sie wissen schon, was ich meine … Nun, ich will es einmal so sagen: Die Idee, hierher zu kommen, stammt doch nicht von Ihnen?« »Doch, die kommt von meinem Freund und mir.«

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Dann sitzen die vier studierten Hilfsarbeiter zusammen und berichten einander. Von Kollegen aus der Brigade kamen ein paar solidarische Kommentare. Ecke besinnt sich auf die vorjährige Losung der SED vom Mitplanen, Mitarbeiten und -regieren zu den Volkskammerwahlen. Er sagt bitter: »Plane mit? Na ja, vielleicht. Regiere mit? Regier doch hier mal mit. Geht nicht. Und das ›arbeite mit‹ ist uns jetzt auch verboten.«

Jedenfalls für eine Zeit lang. Sie werden später wieder Schlupflöcher finden, um doch weiter in der Industrie arbeiten zu können. Fürs erste gibt es ja noch das Arbeitsrecht, die Konfliktkommission und Gerichte.

Zur Person

Christian Stappenbeck, Jg. 1955, ist Kirchenhistoriker. Er verbrachte eine Hälfte seines Lebens in der DDR, die andere in der BRD. Heute lebt er in Berlin.

Themen:
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Erschienen in der Ausgabe vom 02.10.2026, Seite 4, Wochenendbeilage

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