Aus Leserbriefen an die Redaktion
Obskurantismus und Revisionismus
→ Zu jW vom 24.9.: »Tatverdächtiger des Tages: Adolf Hitler«
Wäre es nicht so traurig, könnte man darüber lachen. Sollte es die uns bekannte Welt in zehn Jahren noch geben, findet vielleicht ein Enthüllungsjournalist die Krankenakte vom Trump und auch ein paar Leichen in den Epstein-Akten. An der Wall Street und an der Frankfurter Börse lachen die sich auf jeden Fall einen Ast! Hatten die Wikinger elektrische Eierkocher? Waren die Pyramiden der Ägypter riesige Antennen, um in der Wüste Super RTL zu empfangen? Mit solchen Fragen persiflierte der Komödiant Oliver Kalkofe einst die Theorien des Erich von Däniken. Der Grad der Absurdität solcher Fragen ist fast derselbe wie im Falle Hitlers.
Der Gassenhauer »Babylon Berlin« zeigt mit solch kruden Inszenierungen, dass Obskurantismus, zu Deutsch auch Volksverblödung genannt, tragendes Moment der Kulturindustrie ist. Die Saat ist aber längst aufgegangen, und die Bourgeoisie und ihre Repräsentanten sind schon einen Schritt weiter. »Hitler war nicht grausam« (Barberowski) noch war er – neuerdings – ein Rechter. Der offensichtliche Wahnsinn gipfelt in den aggressiven Schreien Weidels, die einer Partei vorsteht, die derzeit in der Wählergunst der Deutschen ganz oben steht: »Hitler war Linksextremist«!
Oliver Sümnick, Teneriffa
»Bis heute nicht voll aufgearbeitet«
→ Zu jW vom 26./27.9.: »Die Pläne wurden mit der ›ethnischen Säuberung‹ realisiert«
Namibia hat den deutschen Kolonialismus und den Genozid bis heute nicht voll aufgearbeitet. Die weiße südafrikanische und deutsche Bevölkerung genießt immer noch ihre Privilegien und behandelt die einheimische Bevölkerung als zweitklassig, da viele in weißen Geschäften und Betrieben (z. B. Friseur, Restaurant, Weingeschäft, Supermarkt, Reiseagentur) arbeiten.
Auch Vertreter weißer Touristikunternehmen sprechen über ihre schwarzen Angestellten mit einer gewissen Verachtung. Die seit Jahrzehnten regierende SWAPO-Partei hat nichts unternommen, diese Lage zu verändern. Eine Erklärung dafür ist, dass die führenden Mitglieder der Partei und Regierung sowie Unternehmer (alle Indigene) korrupt sind und selbst für europäische Verhältnisse in Luxus leben. Daneben gibt es in den Außenbezirken der Hauptstadt Windhoek grassierende Armut: keine Toiletten, kein fließendes Wasser, kein Strom.
Martin Mandl, Paris
»Kompetenter Zeuge«
→ Zu jW vom 28.9.: »Charakter und Charisma«
Als Verteidiger in Grenzerprozessen konnte ich Fritz Streletz mehrfach als kompetenten Zeugen erleben. Er antwortete auf die Fragen des Gerichts und der übrigen Verfahrensbeteiligten stets strukturiert, konkret und mit großer Sachkenntnis. Auch in den Verhandlungspausen hatte er ein offenes Ohr für Probleme und andere zu erörternde Themen. Niemand war besser in der Lage, die Entstehung des Grenzregimes der DDR, seine Funktion und nicht zuletzt die Abhängigkeit von der Sowjetunion bei dessen Gestaltung zu beschreiben.
Ralph Dobrawa, Gotha
Brüder im Geiste
Was viele Menschen ahnten und manche sicher wussten, ist nun ganz offensichtlich und für Sachsen und ganz Deutschland beschämend zutage getreten. CDU- und AfD-Stadträte in Heidenau haben gemeinsam und schlaglichtartig die gesellschaftliche Konfrontation provoziert und wollen somit die Opfer des Faschismus aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängen. Diese geschichtsvergessenen, antisemitischen und rassistischen Abgeordneten sind die geistigen Erben einer völlig unzureichenden Entnazifizierung in der Bundesrepublik Deutschland, wo in der Adenauer-Regierung NSDAP-Mitglieder saßen, Faschisten in Bundeswehr und Nachrichtendiensten wirkten und der SS-Henker von Warschau als Bürgermeister von Westerland im Landtag vertreten war.
Die faschistisch-ideologische Saat sprießt in einem Land, wo Richter, Offiziere und Beamte mit NSDAP‑Mitgliedsbuch tätig waren und deren Nachfolger zu Aktivisten der AfD mutierten. Wie treffend: »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch« ist ein berühmtes Zitat Bertolt Brechts und so aktuell.
Es gilt jetzt, unmissverständlich Gesicht zu zeigen und sich öffentlich für eine antifaschistisch-demokratische Gesellschaft mit Wort und Tat einzusetzen. Dabei müssen die demokratischen Parteien Farbe bekennen und aktiv vorangehen. Jeder Humanist ist gefragt, um den Apologeten faschistischer Tendenzen die Stirn zu bieten.
Raimon Brete, i. A. des Vorstandes der VVN-BdA Chemnitz
Junkerland in Bauernhand
Zahllose Flüchtlinge strömten Ende des Zweiten Weltkrieges nach Mecklenburg, unter ihnen 30.000 elternlose Kinder. 1939 hatte Mecklenburg 900.000 Einwohner. Nach dem Krieg waren es zweieinhalb Millionen. Allein im Schloss Rossewitz bei Liessow waren es mehr als 400 Flüchtlinge. Alle mussten versorgt und untergebracht werden. Dem diente auch die Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone und im Fürstentum Ratzeburg, die im wesentlichen auf Beschlüssen der Potsdamer Konferenz beruht.
Am 27. September 1945 begann im Kreis Güstrow, durch Landrat Bernhard Quandt und Landessuperintendent Sibrand Siegert, in Begleitung von vier Pastoren, die Aufteilung der Staatsdomäne Bredentin. Pastoren deshalb, um die zumeist katholischen Flüchtlinge zu überzeugen, das Land anzunehmen. (…) So schlugen sie gemeinsam die Pfähle in die Felder der Staatsdomäne Bredentin ein und ließen die Lose für die Parzellen ziehen.
Schon am Nachmittag begannen einige Neubauern mit der Bestellung ihres Ackers. Im Kreis Güstrow wurden 164 Güter aufgeteilt. Heute zeugt ein Gedenkstein von der Bodenreform in Bredentin mit der Inschrift: »Junkerland in Bauernhand« und »übergeben von Landrat Bernhard Quant und Landessuperintendenten Sibrand Siegert.« Er wurde Anfang 1994 vom Sockel gezerrt. Bernd von Maltzahn und andere Alteigentümer vom Hilfsfonds »für die Opfer der stalinistischen Bodenreform« triumphierten. Bauern stellten den Stein jedoch schnell wieder auf.
Wilfried Schubert, Güstrow
Der Gassenhauer »Babylon Berlin« zeigt mit solch kruden Inszenierungen, dass Obskurantismus, zu Deutsch auch Volksverblödung genannt, tragendes Moment der Kulturindustrie ist.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
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