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Frühlingsgefühle

Foto: Stefan Boness/IPON

Presse hierzulande macht Kampagne und erweist sich beim Niveaulimbo als außerordentlich biegsam. Der Wahlsieg einer sozialdemokratischen Partei in Berlin hat hierzulande bei Redaktionen Reaktionen hervorgerufen, die so schrill sind, dass der Verdacht naheliegt, dort hat man den Verstand verloren. In Wahrheit folgt der Verlust jedweder Redlichkeit bei der Verbreitung von substanzlosem Unfug die Linkspartei betreffend einem durchschaubaren Kalkül: Wer auch nur in die Nähe der Möglichkeit gerät, sich am Privateigentum, dem heiligsten der bürgerlichen Ordnung, zu vergreifen, wird mit Schmutz überzogen. Und kaum etwas in diesem Land ist da geeigneter als die wohlfeile Behauptung, die inkriminierte Mannschaft sei eine Bande unverbesserlicher Antisemiten. In der europäischen Presse ist ein anderer Sound zu vernehmen.

Freilich nicht so sehr im Österreich. Der Standard ist einfach zu nah dran an der deutschen Misere, klingt aber etwas gemäßigter: »Eralp will niedrigere Mieten, billigere Öffis und weniger Müll in der Stadt. Dafür haben ihr viele Berlinerinnen und Berliner ein Mandat gegeben. Doch wenn sie den Antisemitismus in ihrer Partei nicht in den Griff bekommt, dann wird sie – mangels Koalitionspartnern – gar nichts davon umsetzen können.«

Okay, in Tschechien auch nicht. Seznam Zprávy setzt indes auf die antikommunistische Karte: »Etwa jeder vierte Berliner besaß entweder den Mut oder die Verzweiflung, für die Nachfolgepartei der SED zu stimmen. Für jene Partei also, die an der Spitze des tyrannischen ostdeutschen Regimes stand und die deutsche Metropole mit Mauer und Stacheldraht abriegelte.«

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Jetzt aber. Krytyka Polityczna aus Polen schreibt: »Statt den Menschen zu erklären, warum sie links sein sollten, fragte sie«, also die Berliner Linke, »was ihnen Sorgen bereitet – und versuchte, dem eine linke Interpretation zu geben.«

Und das Webportal In aus Griechenland sieht ein beispielgebendes Signal, das von Berlin ausgeht: »Dass dem Neofaschismus nicht Varianten einer Mitte-rechts-Politik entgegentreten – die in Wirklichkeit den wirtschaftlichen Neoliberalismus, der der sozialen Unzufriedenheit zugrunde liegt, durch autoritäre, antidemokratische und rechtsextreme Positionen ergänzen –, sondern eine radikale, progressive und demokratische Haltung.«

So ähnlich sieht es auch der Kommentator in Le Monde aus Frankreich: »Wenn es der Linken gelingt, ihre Pläne zur Mietenpolitik umzusetzen und dauerhaft zu regieren, könnte sie durchaus den Weg für einen neuen Frühling der Linken ebnen – weit über Deutschland hinaus.« Das nun dürfte an der Realität einigermaßen weit vorbeigehen, liest sich aber alle Male angenehmer als der Dreck in hiesigen Medien. (brat)

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Erschienen in der Ausgabe vom 25.09.2026, Seite 2, Ansichten

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