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Sportpolitik

Macht’s München?

Am Sonnabend wird entschieden, wer für Deutschland ins olympische Rennen geht

Foto: Lennart Preiss/dpa
Ohne Werbung geht es nicht: »Olympia-Looping« auf dem Münchner Oktoberfest 2024

München mit »sehr gut« knapp vor Köln-Rhein-Ruhr mit ebenfalls »sehr gut« und deutlich dahinter Berlin mit »gut«: So der Zieleinlauf, wenn es nach dem offiziellen Evaluationsbericht des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) ginge, der seit dem Abend des 22. September vorliegt. Ob es im Dreikampf der nationalen Bewerber um die Austragung der Olympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 so oder anders kommt, wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 26. September vor laufenden Livekameras verkünden. Die Wahl in Baden-Baden werden die 42 Verbände der olympischen Sportarten mit jeweils drei Stimmen haben, außerdem das Präsidium sowie weitere acht persönliche DOSB-Mitglieder, die mit 18 Stimmen dabei sind. Macht in summa 144 Stimmen auf der Waagschale. Wer gewinnen will, braucht zur absoluten Mehrheit mindestens 73 Stimmen.

Mit diesem Votum schließt sich an der Oos ein olympischer Kreis nach fast vier Jahren und geschätzten 50 Millionen Euro, welche die rivalisierenden Kandidaten – inklusive Kiel und Warnemünde, die gern die Segelwettbewerbe bekämen – seither für Konzepte und Kampagnen ausgegeben haben. Just in Baden-Baden hatte die DOSB-Vollversammlung am 3. Dezember 2022 beschlossen, nach zuletzt sieben vergeblichen und teils jämmerlich gescheiterten Anläufen für »Heimspiele« im Sommer oder Winter einen neuerlichen Versuch zu wagen. Nicht holterdiepolter und hemdsärmelig diesmal, sondern als langfristig angelegtes strategisches Projekt samt Bürgerbefragungen. Hamburg scheiterte an dieser Hürde, die Bevölkerung sagte mehrheitlich nein. Übrig blieb ein Trio, das nun zum Showdown antritt.

Einhellig stimmten die Abgesandten sämtlicher 103 Mitgliedsorganisationen des DOSB Ende 2022 für den Weg des langen Atems bis zu einem möglichen Erfolg erst 2044 – allerdings sind übermorgen 45 Verbände und 16 Landessportbünde (LSB) und deren Vertreter nur Zaungäste ohne Stimmrecht. Darunter der Deutsche Behindertensportverband (DBS). Dabei schließt die Bewerbung um Olympia die Paralympischen Spiele ein, beide Ereignisse gehören unbedingt zusammen. Die DOSB-Satzung sehe vor, dass ausschließlich die olympischen Verbände stimmberechtigt sind, heißt es zum Prozedere.

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Aus höherer Warte sind damit 61 Organisationen des Sports zu Statisten degradiert. Bedauerlich, wo dieser Vorstoß um die erste Gastgeberrolle nach »München 72« beim Dachverband doch als größtmögliches und ambitioniertes Zukunftsprojekt gilt, hinter dem sich der organisierte Sport insgesamt und am besten die gesamte Republik einträchtig versammeln sollten. Der Sportökonom Wolfgang Maennig regte für eine international erfolgreiche und überzeugende Bewerbung sogar eine eigene »Sonderplanungszone« an. »Es fehlt diesem Land eine Vision«, so der Ruder-Olympiasieger von 1988 gegenüber dem Sportinformationsdienst (sid). »Diese Gesellschaft braucht ein konkretes Ziel. Olympia könnte eines sein.« Bei der Abstimmung geht es vor diesem Hintergrund um weit mehr, als das bedeutendste Ereignis im Weltsport wieder einmal an Land zu ziehen und zu organisieren.

Für die bloße Veranstaltung der Spiele planen sowohl Berlin als auch Köln-Rhein-Ruhr und München offiziell mit »Durchführungsausgaben« um die fünf Milliarden Euro. Eine Summe, die sich nach dem Empfinden der Bewerber amortisieren und sogar in ein leichtes Plus verwandeln ließe, weil das Internationale Olympische Komitee (IOC) gesichert etwa zwei Milliarden Euro zuschießt und erkleckliche Einnahmen etwa aus dem Verkauf von Tickets und Souvenirs locken. Allein das »Olympiaensemble« von Rhein und Ruhr, dem 17 Anrainerkommunen mit dem Kölner Dom als wichtigstem Wahrzeichen angehören, verspricht Erlöse dank 17,6 Millionen Eintrittskarten. Weltrekord. So viele Tickets wurden dem Publikum bei Olympischen Spielen noch nie zuvor offeriert.

Die großen Haken sind »Nebenkosten«, die für ein solches Großsportereignis zum Beispiel in Sachen Sportstätten, Olympisches Dorf, Logistik, Transport und Sicherheit zwangsläufig anfallen – und die gern künstlich und unverhältnismäßig in die Höhe schießen, weil so ein Ereignis einmalige und erstklassige Gelegenheiten für derlei zusätzliche Milliardeninvestitionen bietet. Gerade hier, bei den Zusatzkosten, lauern vor allem für die öffentliche Hand und den Steuerzahler unkalkulierbare Risiken und Gefahren, die im »olympischen Dschungel« und im »Rausch der Organisation« oft nicht zu durchschauen sind. Böses Erwachen inklusive. Eine Studie für München besagt zum Beispiel, dass Projekte des öffentlichen Nahverkehrs – ob zwingend olympisch begründet oder nicht – mit 18 bis 20 Milliarden Euro zu Buche schlagen – ein Vierfaches der veranschlagten »Durchführungsausgaben«.

Ungeachtet finanzieller Unwägbarkeiten gelten München und Köln-Rhein-Ruhr als Favoriten. Berlin, das in seinem Konzept ostdeutsche Standorte wie Bad Saarow, Brandenburg, Leipzig und Warnemünde berücksichtigt, hängt ein erheblicher Makel an. Hier gab es im Unterschied zur Konkurrenz keine Bürgerbefragung, sondern nur ein »Ja« zu Olympia im Abgeordnetenhaus – dessen Wert nach der Wahl vom vorigen Sonntag mit der Linken als nun stärkster Kraft und den Grünen mit Chancen auf eine Regierungsbeteiligung jetzt gegen null tendiert. Beide Parteien haben sich klar und wiederholt gegen Olympia positioniert, was die neunköpfige Evaluierungskommission des DOSB beim Kriterium »nationale Akzeptanz« mit herben Abzügen quittierte. Weitere wichtige »Kopfnoten« fürs Zeugnis der drei Bewerber lauten: sportfachliche und operative Eignung; Kosten und Finanzierung, internationale Wettbewerbsfähigkeit und Strahlkraft. Die Abstimmung in Baden-Baden ist geheim, darum sind selbst Bestnoten in der Vorauswahl nicht zwangsläufig eine Garantie für den Sieg. Schaun mer mal.

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.09.2026, Seite 16, Sport

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