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»Parasport muss gleichwertig gefördert werden«
Olympia in Deutschland: Die Gleichberechtigung des Behindertensports muss sich in den Entscheidungen widerspiegeln. Ein Gespräch mit Idriss Gonschinska
Was erhofft sich der Deutsche Behindertensportverband, DBS, von paralympischen Heimspielen 2036, 2040 oder 2044 in München?
Paralympische Heimspiele sind weit mehr als ein Sportereignis. Sie bieten eine große gesellschaftliche Chance für Deutschland. Wir wollen mehr Sichtbarkeit für Menschen mit Behinderung, mehr Teilhabe und einen nachhaltigen Ausbau inklusiver Strukturen sowie eine gleichwertige Förderung des Parasports. Olympische Spiele begeistern die Menschen. Paralympische Spiele verändern sie. Sie zeigen uns, was möglich wird, wenn Barrieren überwunden, Chancen eröffnet und Potentiale entfaltet werden. Sie verändern den Blick auf Leistung, auf Teilhabe und auf das, was Menschen erreichen können.
Was lässt sich über den aktuellen Stellenwert des Parasports in Deutschland sagen? Gibt es an der Spitze genug Athleten, Trainer, Sportstätten und in der Breite genügend Vereine und Angebote?
Der Parasport hat in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Die Leistungen unserer Athletinnen und Athleten werden heute stärker wahrgenommen und wertgeschätzt als jemals zuvor. Gleichzeitig besteht weiterhin ein großer Handlungsbedarf. Es fehlen barrierefreie Sportstätten, qualifizierte Trainerinnen und Trainer, Übungsleiterinnen und Übungsleiter sowie grundsätzlich Sportangebote. Viele Menschen mit Behinderung finden noch immer keinen einfachen Zugang zum Sport. Das ist die wesentliche Herausforderung der kommenden Jahre. Parasport muss gleichwertig zum olympischen Sport gefördert werden.
Bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München gab es noch keine Paralympics. Solche Erfahrungen fehlen an der Isar, ein Nachteil?
Nein. Die entscheidende Referenz für eine Bewerbung im 21. Jahrhundert sind nicht die Spiele von 1972, sondern die Anforderungen der Zukunft. München verfügt über große Erfahrung bei internationalen Sportveranstaltungen und kann auf starke Strukturen aufbauen. Entscheidend wird sein, dass die paralympische Perspektive von Beginn an gleichberechtigt eingebunden wird.
Finden sich die Paralympics im bisherigen Bewerberkonzept angemessen wieder?
Wir sehen viele positive Ansätze. Gleichzeitig gilt, dass die Paralympics nicht lediglich mitgedacht, sondern sichtbar mitgestaltet werden müssen. Eine moderne Bewerbung überzeugt nur dann, wenn sich die Gleichwertigkeit von Olympischen und Paralympischen Spielen durch alle Bereiche zieht – von der Infrastruktur über die Vermarktung bis hin zu den Entscheidungsstrukturen.
Wo muss beim Konzept für die Bewerbung neu- oder nachjustiert werden?
Für uns stehen drei Themen im Mittelpunkt. Deutschland muss bei Barrierefreiheit und Mobilität internationale Maßstäbe setzen. Die Bedürfnisse der Athletinnen und Athleten müssen konsequent Ausgangspunkt aller Planungen sein. Und die Expertise des Parasports muss dauerhaft in den relevanten Gremien vertreten sein. Gleichberechtigung darf kein Anspruch auf dem Papier bleiben. Sie muss sich in den Entscheidungen widerspiegeln.
Gibt es für diesen Bereich eine spezielle Arbeitsgruppe?
Der DBS hat in den vergangenen Monaten seine Erfahrungen und Expertise im Austausch mit den Bewerberregionen eingebracht. In den kommenden Wochen ist das auch mit den Verantwortlichen in München geplant. Für die weitere Bewerbungsphase erwarten wir, dass die paralympische Perspektive auf allen relevanten Ebenen verbindlich eingebunden bleibt. Das ist eine wesentliche Voraussetzung für eine überzeugende Bewerbung.
In welcher Größenordnung sollen sich die Kosten für die Paralympics bewegen?
Über konkrete Zahlen müssen die zuständigen Bewerbungsgremien Auskunft geben. Für uns ist entscheidend, dass Investitionen langfristige Wirkung entfalten. Der Maßstab darf nicht sein, was die Spiele kosten, sondern was sie dauerhaft hinterlassen. Für alle zugängliche Sportstätten und nachhaltige Mobilität wären ein Gewinn weit über das Sportereignis hinaus.
Bei der Auswahl zwischen München und der Region Köln-Rhein-Ruhr am 26. September in Baden-Baden hatte der DBS nach dem Willen des Deutschen Olympischen Sportbundes, DOSB, keinerlei Stimmrecht. Wie bewerten Sie diese Degradierung?
Für uns steht heute nicht mehr die Frage im Vordergrund, wer wann abstimmen durfte. Wichtiger ist, dass die Expertise des Nationalen Paralympischen Komitees Deutschlands im weiteren Prozess verbindlich eingebunden wird. Wer erfolgreiche Paralympics ausrichten will, braucht die paralympische Perspektive an den entscheidenden Tischen.
Warum hat der DBS seine Zaungastrolle in Baden-Baden widerspruchslos akzeptiert, statt vor diesem Votum auf eine Satzungsänderung zu drängen?
Der DBS hat seine Positionen während des gesamten Prozesses um die nationale Kandidatur klar, konstruktiv und kritisch eingebracht. Unser Fokus lag darauf, die Interessen des Parasports inhaltlich zu vertreten. Jetzt richten wir den Blick nach vorne. Es gilt, gemeinsam die bestmögliche Bewerbung für Deutschland zu entwickeln und die paralympische Mitwirkung verbindlich in den Entscheidungsstrukturen zu verankern.
Noch-DOSB-Präsident Thomas Weikert räumte später ein, er habe glatt »vergessen«, den DBS mitabstimmen zu lassen. Ein Affront?
Wir können Handlungen in der Vergangenheit heute nicht mehr beeinflussen. Wenn Deutschland mit einer starken und glaubwürdigen Bewerbung erfolgreich sein will, müssen Olympische und Paralympische Spiele von Anfang an als gemeinsames Projekt auf Augenhöhe verstanden werden. Daran werden wir den weiteren Prozess messen.
Idriss Gonschinska ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Behindertensportverbands
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