Zum Inhalt der Seite
Sportpolitik

Vor der Generalinventur

Das Stützpunktsystem im deutschen Leistungssport muss kleiner werden. Der Eisschnellauf zeigt, wie man es besser nicht angehen sollte

Foto: Sascha Fromm/Funke Foto Services/imago
Schließt schneller, als du gucken kannst: Erwachseneneisschnellauf in Erfurt

Der Hinweis ging in der breiten Öffentlichkeit unter. In einer ganzen Reihe von Interviews, die Ronald Rauhe als neuberufener »Staatsminister für Sport und Ehrenamt« zuletzt gab, erwähnte der frühere Weltklasserennkanute, er sehe hierzulande »zu viele Bundesstützpunkte«. Im Leistungssport dagegen dürfte die Botschaft des Ministers gehört werden – und sich bald in einer konkreten Agenda niederschlagen. Das Stützpunktsystem soll reformiert werden, man soll sich an effizienten Systemen wie in Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden oder Italien orientieren. In Australien gibt es für die meisten olympischen Sportarten oft nur ein einziges nationales Hochleistungszentrum. Talente stehen vor der Wahl: Entweder dorthin wechseln und unter Umständen Tausende Kilometer von der Heimat entfernt unter optimalen Bedingungen zur Weltklasse reifen – oder die Medaillenträume begraben und sich in den Amateursport verabschieden.

Sicher denkt hierzulande niemand an ein derart striktes System »australischer Machart«. Doch fast 200 Bundesstützpunkte, davon ein Dutzend im Behindertensport, wie sie die Internetseite des Staatsministers für Sport und Ehrenamt ausweist, sind deutlich zu viele. Diese Einsicht ist keineswegs neu. Schon 2005, und damit ein Jahr, bevor Deutscher Sportbund (DSB) und Nationales Olympisches Komitee (NOK) zum Deutschen Olympischen Sport-Bund (DOSB) fusionierten, wurde in einem Konzept die »Neustrukturierung des Leistungssports und der Spitzensportförderung« vereinbart. Samt einer klar definierten Zielgröße, künftig nur noch mit 89 anerkannten Bundesstützpunkten für den Spitzenbereich sowie 49 Bundesstützpunkten für den Nachwuchs arbeiten zu wollen. Damit dürfte es heute höchstens noch 138 dieser Einrichtungen geben.

Wie so vieles blieb diese Reduzierung im Rahmen der sogenannten Leistungssportreform nur ein Versprechen. Die Beharrungskräfte sind groß, sie sind die Schwachstelle des konföderativen Gesamtkonstrukts. Oft genug wird in einem Zentrum nur eine Disziplin trainiert. Der Deutsche Turnerbund unterhält aktuell 16 Bundesstützpunkte, genauso viele wie der Leichtathletikverband. Ein Dutzend Standorte weist der Schwimmverband aus, ein halbes Dutzend der Judobund, ihrer vier haben die Fechter. Jetzt, da am 21. Oktober ein Sportfördergesetz in Kraft getreten ist und die Gründung einer unabhängigen Spitzensportagentur in Leipzig unmittelbar bevorsteht, wird man das Thema nicht länger aussitzen können. Erst recht angesichts steigender Sach-, Energie- und Personalkosten und allgemeiner Sparzwänge.

Wie kompliziert und auch emotional aufgeladen das Thema ist, führen die Konflikte in der Deutschen Eisschnellauf- und Shorttrackgemeinschaft (DESG) vor Augen – ein Beispiel dafür, wie man bei der Neustruktur der Bundesstützpunkte nicht vorgehen sollte. Bei der DESG wurde das neue Modell vom Präsidium einfach angeordnet, ohne die Athleten als die hauptsächlich Betroffenen vorab einzubinden. Immerhin sollen etwa zwei Dutzend Kaderathleten aus Chemnitz und vor allem aus Erfurt, wo künftig nur noch der Nachwuchs trainieren soll, an die Stützpunkte in Berlin und Inzell umgesiedelt werden.

Anzeige

Niemand verlässt mal so eben die sportliche und private Heimat, erst recht nicht gerne. »Wir wehren uns nicht gegen Veränderungen, wenn sie sportfachlich sinnvoll sind und das deutsche Eisschnellaufen voranbringen. Das Problem ist: Eine überzeugende Erklärung haben wir bislang noch nicht gehört. Geschweige denn, wie eine Zusammenlegung überhaupt vonstatten gehen soll«, beklagt Athletensprecher Hendrik Dombek gegenüber jW. Gesprächsangebote habe es nicht gegeben, statt dessen sei man vor vollendete Tatsachen gestellt worden. »Man kann nicht einfach Standorte neu ordnen, ohne die Folgen für die Athleten zu prüfen. Wir haben keine Analyse oder kein Konzept gesehen, das belegt, wie diese Veränderungen uns sportlich voranbringen.«

Der 29jährige fordert im Namen der von Umzugsplänen betroffenen Kaderathleten, »stärker in die Entwicklung solcher Konzepte einbezogen zu werden«. Damit benennt er den neuralgischen Punkt, den Verbände zu beachten haben, die ihre Stützpunktstruktur – ob nun freiwillig oder gezwungenermaßen – zurechtzustutzen und »zukunftsfähig« zu machen haben.

Davon gibt es einige: Der deutsche Eiskunstlauf hat, polemisch gesagt, mehr Eishallen als Athleten der Weltspitze. Der deutsche Bob- und Rennschlittensport hat mit Bahnen in Altenberg, Berchtesgaden, Oberhof und Winterberg so viele energiefressende Eiskanäle wie kein anderer Verband auf der Welt. Als Unwetter die Bahn am Königssee zerstörten, wurde nicht einmal diskutiert, ob ein millionenteurer Ersatz vonnöten ist. Die Bahn wird wiederaufgebaut.

Trotzdem dürften die Tage eines so umfangreichen und entsprechend teuren leistungssportlichen Stützpunktnetzes gezählt sein. Die neue Spitzensportagentur ist wie gemacht für die nötige Generalinventur. Man könne »nicht mehr an jeder Ecke alles machen und finanzieren«, hatte Gerhard Böhm, der frühere Chef der Abteilung Sport im Bundesministerium des Innern (BMI), schon 2022 im Spiegel gemahnt. »Wir müssen Prioritäten setzen, der Rückbau von Sportstätten wird künftig bestimmt kein Tabu sein.« Die Eisschnelläufer in Erfurt traf es als erstes.

Die Maßnahmen der DESG haben erhebliche finanzielle Konsequenzen: Wo nur noch der Nachwuchs trainieren soll, entfallen die Fördermittel des Bundes. Nachwuchsleistungssport ist allein Sache der Länder. Entsprechend werden die Kämmerer in Thüringen über die DESG-Pläne »not amused« sein. Während sich in Inzell mit dem Zuzug von Kadersportlern die finanzielle Belastung für den Unterhalt des »Eispalastes« am Ort ab 2027 verringert – dank reichlicherer Fördermittel vom Bund und zur Freude der knapp 5.000-Einwohner-Gemeinde im südöstlichen Zipfel Bayerns.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 02.11.2026, Seite 16, Sport

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!