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Sportpolitik

Auf der Großbaustelle

Trainerinnen und Trainer haben es nicht leicht im deutschen Sportsystem. Das soll sich jetzt ändern

Foto: MIS/IMAGO
Aufgepasst: Trainer Thomas Hahn lehrt die Jungs von 1860 München die Kunst des Fußballspielens (2007)

Es könne nicht angehen, dass Leute, die als Trainerinnen oder Trainer arbeiten, mitunter gefragt würden, was sie denn beruflich machten. Was Lothar Hinz als Direktor der Trainerakademie (TA) in Köln neulich zum besten gab, war kein Joke. Es spiegelt Realitäten im Sport wider. Ein einheitlich definiertes Trainerprofil existiert nicht, bis auf Bonsaiformate gibt es keinerlei Einrichtungen zur passgenauen Ausbildung dieser wichtigen Berufsgruppe. An der TA werden pro Jahrgang gerade mal rund dreißig Absolventen ins Sportsystem entlassen, deren Diplom im Gegensatz zu einem Bachelor- und Mastergrad aber nicht als vollwertig gilt. An der Leipziger Universität, als einziger Hochschule im Bundesgebiet, gibt es neuerdings einen kleinen Studienfang zur akademischen Trainerausbildung – eine eher niedliche Geste.

Mangels geeigneter Formate für die Trainerausbildung rekrutieren die Verbände das benötigte Personal oft genug aus Inhabern von A-, B- und C-Lizenzen. Das Lizenzsystem für Trainer und Übungsleiter kaschiert die Not, die weiter zunimmt. Lutz Nordmann, Vorgänger von Lothar Hinz, hatte es, kurz bevor er 2024 in den Ruhestand ging, vorgerechnet: Im gesamten Sportsystem sei fast die Hälfte der knapp 3.500 von Bund, Ländern oder der Bundeswehr finanzierten Trainer über 50 Jahre alt. Um diese Jahrgänge demnächst sukzessive zu ersetzen, müssten pro Jahr kontinuierlich etwa 120 Trainerinnen und Trainer nachwachsen. Wobei dieses Thema keineswegs nur den Leistungssport betrifft, sondern zugleich den Breiten- und Vereinssport. Denn Angebote der Vereine für Kinder und Jugendliche, die hier ihre sportliche Entwicklung beginnen, werden ja überhaupt erst möglich dank gut ausgebildeten und fähigen Personals. Das Trainerproblem reicht mithin vom Turneleven bis zum Olympiasieger.

Zur unkoordinierten Ausbildung kommt mangelnde Wertschätzung. Für die allermeisten sei die Leidenschaft für den Sport ausschlaggebendes Motiv für die Berufswahl, weiß Lothar Hinz. Inakzeptabel sei, dass diese Leidenschaft »vom System ausgenutzt« werde. »Man glaubt, Trainerinnen und Trainern schlechtere Arbeitsbedingungen zumuten zu können, weil ihre Leidenschaft so groß ist, dass sie alles hinnehmen. Das ist die Crux«, so der TA-Chef jüngst in einem Interview mit dem Dachverband des Sports, dem DOSB. Seine Beobachtung wurde bereits vor zwei Jahren von einer Umfrage des Berufsverbandes der Trainer/innen im deutschen Sport (BVTDS) gestützt, der ersten Umfrage dieser Art: 90 Prozent der Trainerinnen und Trainer auf Bundesebene wiesen darauf hin, dass sich bei ihnen die Überstunden türmen. Jeder sechste unter den Befragten gab an, sein Arbeitszeitkonto regelmäßig um 50 Prozent überzustrapazieren. Eine Mehrarbeit von über 25 Prozent »über normal« gaben 38 Prozent zu Protokoll. ­Vergütet würden Überstunden zumeist nicht. Nur ein Viertel erklärte, für die Mehrarbeit einen »Freizeitausgleich« zu bekommen.

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Seit Jahren sind Pensum, Entlohnung und Gehaltsgefüge bei den 800 bis 900 Bundestrainern sowie den anderen etwa 4.000 bis 5.000 Kolleginnen und Kollegen ein »heißes Eisen.« Warum, so fragte BVTDS-Präsident Holger Hasse schon vor zwei Jahren in einem jW-Interview, solle es nicht endlich möglich sein, diese Menschen in den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVÖD) einzugliedern. »Im organisierten Sport, ob es nun die Verbände sind, die Landessportbünde, die Institute und sonstigen Einrichtungen, überall wird da von der Sekretärin oder vom Buchhalter bis zu den Referenten und anderen Mitarbeitern nach Tarif entlohnt. Für jede Position in der riesigen Organisation des Sports gibt’s einen Tariflohn, nur für die Trainer nicht. Das ist völlig inakzeptabel und nicht länger hinnehmbar.«

Vor diesem Hintergrund sind die unzeitgemäße Dominanz von Männern und der Ruf nach einem größeren Frauenanteil innerhalb der Tainergilde fast schon eine Randnotiz. Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris hatte »Team D« nur zwölf Prozent Trainerinnen in seinen Reihen. Bei den Spielen 2016 in Rio und 2021 in Tokio lag die Quote sogar nur bei vier bzw. sechs Prozent. Von den über 1.500 Absolventen, die seit 1974 an der TA in Köln ausgebildet wurden, waren gerade mal 11,5 Prozent weiblich. Ein gravierendes Missverhältnis mit Blick auf zu betreuende Athletinnen.

Der Hoffnungsschimmer: Ronald Rauhe, Staatsminister für Sport und Ehrenamt, hat die Probleme seit seinem ersten Arbeitstag Anfang September auf dem Schirm. Umgehend prägte er das Wort von der »neuen Traineroffensive«. Sie zielt darauf ab, den vertraglichen, finanziellen und strukturellen Rahmen für die Berufsgruppe zu verbessern, um den Trainerjob attraktiver zu machen und Abwanderungen ins Ausland zu verhindern. »Das sind die Menschen, die oft hinter dem Erfolg stehen, aber nicht auf dem Podium. Sie brauchen bessere Bedingungen und müssen mehr wertgeschätzt werden.«

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.11.2026, Seite 16, Sport

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