Wirkungsvoll: Öffentlichkeit statt falscher Rücksichtnahme
Jessica Reisner und Elmar Wigand kommentieren Union Busting
Arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen werden mit extrem unterschiedlichen Ressourcen ausgefochten. Im schlimmsten Fall steht auf Angestelltenseite ein Mensch, dem per fristloser Kündigung von heute auf morgen kein Lohn mehr gezahlt, damit die Existenzgrundlage entzogen und per Hausverbot der Kontakt zu den Kollegen abgeschnitten wird. Dagegen kann die lohnabhängige Partei natürlich klagen. Bloß: Die Verfahren dauern lange, kosten Nerven und im schlechtesten Fall sogar Geld.
Auf Unternehmensseite sitzt eine Geschäftsführung mit laufendem Einkommen im warmen Büro und geht keinerlei persönliche Risiken ein. Im Gegenteil: Vom Designerbürostuhl in der Managementetage aus gesehen sind rücksichtslose Maßnahmen gegen Lohnabhängige eine Investition ins Betriebsklima. Sie zeigen der Belegschaft unmissverständlich, dass unternehmerische Willkürentscheidungen jederzeit jeden Kollegen, der in Ungnade fällt, treffen können. Und dass ein besonderer gesetzlicher Schutz, wie ihn zum Beispiel Betriebsratsmitglieder genießen, zunächst verpufft, wenn erst einmal Tatsachen geschaffen werden.
So geschehen im Hotel Four Points by Sheraton in Offenbach. Hier statuierte die Geschäftsführung an der Betriebsratsvorsitzenden im Juni 2026 ein Exempel: fristlose Kündigung, Hausverbot, Stopp der Lohnzahlung, zweite Kündigung. Ohne Nennung von Gründen. Die soziale Härte, die das skrupellose Management damit heraufbeschwor, traf eine verwitwete, dreifache Mutter, die seit 16 Jahren im Betrieb ist. Mehrere Zeitungen skandalisierten den Fall.
Mitte September 2026 dann der Rückzieher: Die Beepartment-Gruppe, die hinter dem Hotelbetreiber steht, will keinen der beiden Kündigungsversuche weiter verfolgen. Der ausstehende Lohn soll nachgezahlt worden sein. Die Betriebsratsvorsitzende kehrt in das Four Points by Sheraton zurück. Wir vermuten dahinter allerdings weniger Einsicht, als vielmehr Furcht vor einem drohenden Imageschaden durch kritische Berichterstattung.
Dass Vorsicht geboten ist, bestätigte Kündigungsanwalt Kilian Friemel von der berüchtigten Kanzlei Taylor Wessing im Juni 2026 in einem Spiegel-Interview. Hier bekennt er freimütig, dass er, wenn die Firma einen Angestellten ohne rechtliche Grundlage und vorherige Abmahnung loswerden möchte, mit der Suche nach Möglichkeiten beginnt. Sei es betriebsbedingt, zum Beispiel durch Streichung des Postens, oder durch Fehlverhalten, das zuvor gar nicht thematisiert worden war. Alternativ werden unliebsame Angestellte auch gerne mit hohen Abfindungen »hinaus begleitet«.
Im Fall des Four Seasons by Sheraton bleibt abzuwarten, ob die Geschäftsleitung sich, vielleicht aufgrund schlechter juristischer Beratung durch die Kanzlei Forvis Mazars, nur kurzzeitig verrannt hatte und nun tatsächlich gedeihlich (Juristendeutsch kann auch putzig daherkommen) mit dem Betriebsrat zusammenarbeiten möchte.
Im Falle eines Falles können Öffentlichkeit, Skandalisierung und das Benennen Verantwortlicher Betriebsratsmitglieder unter Druck wirksam schützen. Auch dann, wenn ängstliche Anwälte und Gewerkschaftsfunktionäre davon mitunter abraten. Denn Gewerkschaftshasser und Betriebsratsfeinde belohnen Freundlichkeit, Zurückhaltung und ein Heraushalten der Presse nicht. »Füße stillhalten« wird eher als Schwäche gewertet, die zum Nachsetzen einlädt.
Sollte das Four Seasons bei Sheraton einen weiteren Angriff auf die demokratische Mitbestimmung wagen, sei an das Beispiel des Betriebsratsvorsitzenden Murat Günes beim Verpackungshersteller Neupack aus dem Jahr 2015 erinnert. Er wehrte sich so oft öffentlichkeitswirksam und erfolgreich gegen Kündigungsversuche, dass das Unternehmen irgendwann kaum noch eine Chance hatte, vom Arbeitsgericht Hamburg ernst genommen zu werden. »Ich wurde schon 14 Mal gekündigt«, titelte seinerzeit die Hamburger Morgenpost.
Also: Nur Mut! Öffentlichkeit und Solidarität sind Ressourcen, die sich Betriebsratsmitglieder in einem ungleichen Kampf zunutze machen können und die Unternehmen da treffen, wo es weh tut. Einen durch Fehlverhalten der Geschäftsführung und Schlechtbehandlung Angestellter ruinierten Ruf mit Hilfe von Werbe- und Kommunikationsagenturen wieder aufzupolieren, ist schließlich teuer.
→ Unsere Autoren gehören zur »Aktion gegen Arbeitsunrecht« und moderieren den Podcast Arbeitsunrecht FM.
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