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Staat, Liebe, Sozialismus
Vor 90 Jahren wurde der griechische Theoretiker Nicos Poulantzas geboren. Eine Biographie über ihn bleibt ein Desiderat. Über seine Beziehung zu Annie Leclerc
Die Diskussion über seine Staatstheorie füllt Bibliotheksregale: Nicos Poulantzas’ Buch »L’État, le Pouvoir, le Socialisme« (Staat, Macht, Sozialismus), ursprünglich 1978 erschienen und in Deutschland unter dem Titel »Staatstheorie: Politischer Überbau, Ideologie, Autoritärer Etatismus« verlegt, erfreut sich bis heute großer Beliebtheit. Es gilt manchen bis heute als die präziseste Theorie des Staates im Kapitalismus. Das Leben des 1936 in Athen geborenen marxistischen Rechtswissenschaftlers ist jedoch erstaunlicherweise bis heute weitgehend unerforscht geblieben. An einer echten Biographie mangelt es. Monographien wie die von Bob Jessop und Alex Demirovic streifen das Biographische allenfalls, im Zentrum steht die Theorie. Leben und Werk gehören aber in besonderer Weise zusammen.
Poulantzas’ Werdegang, seine Hinwendung erst zum Existentialismus, dann zum strukturalistischen Abstraktionismus von Louis Althusser und schließlich die Entwicklung einer stärker von Antonio Gramsci inspirierten Staatstheorie sind nicht zu trennen von seiner politischen Erfahrung: der Mitarbeit in der von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir herausgegebenen Zeitschrift Les Temps Modernes, der Abwendung von der Sowjetunion und der marxistisch-leninistischen Theorie sowie der Hinwendung zum Eurokommunismus – bedingt durch die den Poststrukturalismus fördernde »Epiphanie« vom Pariser Mai 1968 (so der US-Politikwissenschaftler Clyde W. Barrow) – und nicht zuletzt die Spaltung der kommunistischen Partei in Griechenland (KKE) entlang ihrer Haltung zur Militärdiktatur. Poulantzas hatte sich damals auf die Position der im Land gebliebenen KKE gestellt, die die geopolitisch motivierte Kooperation der Sowjetunion mit der Diktatur und deren Rechtfertigung durch die exilierte KKE kritisierte.
Eine Biographie, die diese Zusammenhänge ausleuchtet, muss noch geschrieben werden. Auch der ihm gewidmete und demnächst erscheinende 14. Band der »Edition Marxismen« wird diese Lücke nicht füllen. Aber anlässlich seines 90. Geburtstags kann an dieser Stelle zumindest ein Schlaglicht auf die wichtigste Beziehung des Staatstheoretikers geworfen werden: seine Ehe mit der französischen Philosophin und feministischen Autorin Annie Leclerc.
Suche nach Aktivismus
Das verbindende Glied zwischen Leclerc und Poulantzas war Les Temps Modernes. Im Herbst 1964 wurden beide Mitarbeiter der Zeitschrift. In »Alles in allem«, ihrem vierten und letzten Memoirenband, erinnerte sich de Beauvoir an den Moment, als sie die Zeitschrift durch Aufnahme neuer Redakteure verjüngten, darunter Poulantzas, »ein Professor der Rechtswissenschaft, (…) der mit der Abfassung bedeutender nationalökonomischer Schriften beschäftigt war«, und außerdem eine Reihe von »Philosophiestudenten«, von denen die meisten »Schüler von Althusser« gewesen seien. Man habe sich »allwöchentlich« bei ihr zu Hause getroffen, und die »›Theoretiker‹ veröffentlichten in der Zeitschrift die Hauptartikel und dachten daran, regelmäßig eine chronique marxiste erscheinen zu lassen«.
In den kommenden zwei Jahren war Poulantzas regelmäßiger Autor, schrieb über Recht, Politik und Philosophie sowie Fragen des Marxismus. Noch 1964 machte sich der 28jährige mit seinem Aufsatz »L’examen marxiste de l’etat et du droit actuels et de question de ›l’alternative‹« einen Namen. In dieser Zeit erreichte die international renommierte Zeitschrift mit 20.000 Exemplaren auch ihre höchste Auflage.
Auch die angehenden Romanciers Annie Leclerc und Georges Perec wurden damals in die Redaktion aufgenommen. Poulantzas hatte die knapp vier Jahre jüngere Philosophin jedoch schon 1963 kennengelernt. In diesem Jahr hatte sie ihren Abschluss an der Pariser Eliteuniversität Sorbonne gemacht. Die angehende Schriftstellerin stammte aus Saint-Sulpice-Laurière im zentralfranzösischen Département Haute-Vienne und wuchs in Sceaux im Südwesten von Paris auf, in Verhältnissen, die ihr als kleinbürgerlich und spießig erschienen. Leclerc suchte in Paris ein leidenschaftlicheres Leben. In ihrem Buch »Männer und Frauen« (1985) erinnerte sie sich: »Ich weiß genau, was die bösen Zungen in meinem Vorort sagten: dass ich kein respektables Mädchen sei, dass ich nur an ›das eine‹ denke. Kurz gesagt: an Jungs, Männer, Liebe. Und in gewisser Weise stimmte das auch: Alles, woran ich dachte, lief auf ›das eine‹ hinaus. Aber die bösen Zungen wussten nicht, was sie da sagten. Es war ein äußerst ernstes Anliegen, eine intensive und tägliche geistige Beschäftigung.« Leclerc sei, schrieb später ihre Freundin Nancy Huston, »das genaue Gegenteil eines Snobs« gewesen. Annie und sie hätten »die Liebe zur entscheidenden Prüfung unserer Menschlichkeit gemacht«.
Politisch war Leclerc lange Zeit nicht aktiv. In »Origines«, ihren Erinnerungen von 1988, schrieb sie: »Es war 1959, der Algerienkrieg war in vollem Gange. Meine beiden Brüder waren nacheinander in den Krieg gezogen. Mein Vater verbrachte vier Jahre damit, auf Briefe zu warten, die nie kamen, vier Jahre voller Angst um seine Söhne, die nacheinander in einen Kampf geschickt worden waren, den er ablehnte und von vornherein als verloren ansah.« Sie selbst aber habe das »kaum bemerkt. 1959 wusste ich gerade einmal, dass es die Welt gab; von ihrem Elend, dem Krieg, der Ungerechtigkeit, der Ausbeutung wusste ich so gut wie nichts.«
Aber schon mit ihrer »ersten großen Liebe« Bruno ging Leclerc auf Demos: »Die Generation der Intellektuellen, die uns vorausging, befürwortete ›Engagement‹. Sie lebte das vor.« Leclerc zog das an. Zugleich fühlte sie sich nicht zugehörig. Die linken Existentialisten – Sartre, Camus, Malraux, Merleau-Ponty – hätten darüber gesprochen, »was man mit seinem Gewissen, seinen Worten, seinen Gedanken und seiner Freiheit tun sollte. Aber nicht darüber, was geschehen war (…). Man las ihre polemischen Schriften mit Begeisterung. Wie immer verfolgte ich die Bewegung mit großem Interesse, aber zurückhaltend, aus der Ferne (…). Es war, als wäre ich gegen meinen Willen dazu verdammt, das Geschehen nur zu beobachten, was mich zwangsläufig isolierte. Und beschämte.« Es sei »eine der Eigenarten« ihres Charakters gewesen, »die mich dazu brachte, ›Aktivisten‹ zu suchen, diejenigen zu verachten, die keine waren, ihre Gesellschaft jeder anderen vorzuziehen und mich dennoch nie vorbehaltlos unter sie zu mischen«. Freilich sei sie auch »nie offen einer Gruppe, einer Partei, einem Verein oder einer Gewerkschaft« beigetreten. »Was für ein Luxus, könnte man sagen, keine Fahne geschwenkt, keiner Macht gedient, keinen Katechismus rezitiert zu haben! Aber nein, es ist eine andere Art von Elend. Es gab ein Feuer der Jugend, an das ich mich nicht gewagt habe. Heute würde man es als kluge Vorsicht bezeichnen, gestern nannte man es Feigheit, kleinbürgerlichen Individualismus.« Sie habe sich, obwohl sie die Parolen für richtig gehalten habe, »fast nie dazu durchringen« können, auf der Demo »mit den anderen zu schreien. Ich hasste die Menge.«
»Man ist, was man tut«
Mitte November 1963 lernte Leclerc Poulantzas auf dem Place de la Sorbonne kennen. Die Begegnung schilderte sie im Rückblick als elektrisierend. Auch er war euphorisiert. Althusser erinnerte sich an einen Besuch, bei dem »Nicos« nicht nur von »den Auseinandersetzungen innerhalb und außerhalb der Partei« berichtet habe, sondern auch »von seinen Mädchengeschichten« – und Althusser fügte hinzu: »ausgerechnet er!«
Bereits am 22. November wurden Poulantzas und Leclerc ein Paar. Sie erinnerte sich genau: »Der Mann, von dem wir auf der Place du Châtelet heiße Maronen kaufen, sagt plötzlich, während er uns die Tüten reicht: ›Kennedy wurde ermordet.‹ Deshalb ist mir dieses Datum im Gedächtnis geblieben. Mein Leben würde sich für immer verändern. Das wusste ich damals noch nicht.« »Ich werde mich ins Abenteuer des Lebens stürzen«, beschrieb sie später den Effekt dieses Ereignisses, »ich werde lernen, ich werde arbeiten, ich werde schreiben.«
Durch Leclerc bekommen wir auch ein Bild vom jungen Poulantzas: »Nicos, der auf der Petit-Pont stehengeblieben ist und dessen Blick zufrieden und lachend mit der Seine davonschweift, zeigt sich ganz und gar. Es ist eine windige Nacht, kaum gezügelt von den Lichtern der Stadt, feucht und duftend. Ich habe Angst vor dem, was kommen wird. Und doch bleibe ich. Zweifellos bereits ergriffen und bereits mitgerissen. Er entfaltet sich vorbehaltlos, frei, souverän im Raum der Stadt, in Worten, Gesten, Lachen. Und ich? Spreche ich, lache ich? Ich glaube nicht. Ich bin wie gelähmt, gefangen. Man ist, sagt er, nur das, was man aus sich macht. Man ist nur das, was man tut. Seine Taten. Sein Werk. Er blickt nie zurück, sondern nur nach vorne. Auf das politische, radikale, kraftvolle, fruchtbare Werk, auf das die Epoche wartet. Und darüber hinaus. Aber es ist bereits hier (…), das Werk selbst: Nicos, der Großartige, der Lebendige. Der freie Prometheus (…). Er strömt, leidenschaftlich und verjüngt, den Saft aller Bücher aus, aller Epochen, die ihn seit seiner Kindheit getragen haben. Da ist er: Artagnan, der lacht. Er ist Alexander, der in der Ferne seine Sonne des Ruhmes zeigt. Da ist Julien Sorel (aus Stendhals Roman ›Rot und Schwarz‹, I. S.), der die Faust ballt und sich wie ein Kind benimmt. Da ist Henry Miller, der weder Gott noch Teufel fürchtet und sich vom dunklen Likör der Städte berauschen lässt, da ist D. H. Lawrence, der die Liebe der Frauen mit dem Kosmos vermischt. Da ist schließlich Lenin in jungen Jahren, aufrecht und prophetisch.«
Dem Schreiben verschrieben
Poulantzas beeindruckte Leclerc durch Intelligenz und Belesenheit: »Die Verwandlung von Brot in Wein und von Wein in das Blut Christi« sei »nichts im Vergleich zu der Verwandlung von Büchern in Fleisch, Knochen und lebendige Worte von Nicos«. Mit ihm sehe man, »was man wirklich sehen muss«. Er spreche »von hundert Ländern weit über sein eigenes hinaus«. Nach der »Episode mit den heißen Kastanien« habe Poulantzas sich ihr zugewandt und sie »unvermittelt« gefragt, »was ich mit meinem Leben anfangen will. Ich habe nur ein Wort. Wenn ich es jetzt nicht sage, ertrinke ich. Wenn ich es sage, ertrinke ich vielleicht auch. Ein einziges Wort, um von einem Ufer meines Lebens zum anderen zu springen. Schreiben, sage ich.« Poulantzas habe gelacht, das wisse er bereits. Ein gemeinsamer Freund namens Fouad habe es ihm erzählt. Dann habe Poulantzas plötzlich zu ihr gesagt, »dass ich jetzt schreiben muss. Fassungslos höre ich zu. Er sagt, dass ich jeden Tag schreiben muss. Ab morgen. Jeden Tag. Er spricht meine Faulheit, meine Selbstgefälligkeit und meine Ziellosigkeit an, als würde er mich bereits in- und auswendig kennen.« Sie habe geschwiegen und beschlossen, »so schnell wie möglich das fehlende Stück Diplom (zu) erwerben. Meinen Vater, mein Zuhause, meine Jugend verlassen. Dann arbeiten. Unterrichten. Von niemandem mehr abhängig sein. Er sagt, schreiben und frei sein seien ein und dasselbe. (…) Und es geschah, wie es gesagt worden war (…). Ich verschrieb mich der Arbeit, dem Schreiben, wie man sich der Religion verschreibt. Eines Tages dachte ich schließlich etwas, woran ich seitdem nie aufgehört habe zu denken, und das verdanke ich Nicos.«
Zusammen arbeitete das junge Paar mit de Beauvoir und Sartre. Leclerc habe sich durch die ihr von »Castor«, wie de Beauvoir genannt wurde, »entgegengebrachte Aufmerksamkeit geschmeichelt« gefühlt. Sie und Poulantzas seien nun in den »engsten Kreis aufgenommen« worden, besuchten »Beauvoir in ihrer Wohnung in der Rue Schoelcher, diesem warmen und einladenden Ort, gefüllt mit Fotografien und einer beeindruckenden Sammlung von Souvenirs von den unzähligen Reisen des Paares«.
Am 6. Dezember 1966 heirateten Poulantzas und Leclerc – er war gerade 30 Jahre alt geworden, sie 26. Ein Jahr später erschien Leclercs Debütroman »Le Pont du Nord« im renommierten Verlag Gallimard; er erschien noch im selben Jahr unter dem Titel »Ein weißes Kleid« bei Bastei-Lübbe. Poulantzas wiederum verfasste neben Beiträgen für Les Temps Modernes auch welche für die Archives de philosophie du droit. Von 1966 bis 1969 fungierte er auch als ihr stellvertretender Chefredakteur. Gleichzeitig fand er von 1966 bis 1972 eine Anstellung im Bereich der Rechtswissenschaft am Centre national de la recherche scientifique.
Staat als »Kohäsionsfaktor«
Poulantzas entwickelte in dieser Zeit sein großes theoretisches Programm, indem er seinen Fokus vom Recht auf die Staatsfrage ausweitete. Er tat dies immer noch ausgehend von seiner Prägung durch den Existentialismus sowie durch Georg Lukács und den französischen Lukácsianer Lucien Goldmann. In dem Maße, in dem er sich dann schrittweise Althussers marxistischem Strukturalismus zuwandte, fand auch seine Abkehr von einem eher hegelianischen Marxismus statt. Ihm leuchtete vor allem Althussers Bruch mit dem »humanistischen Marx« der Frühschriften ein. Darum wurde der antihegelianische Marxismus von Gaetano Della Volpe ein weiterer wichtiger Einfluss.
In diesem Geist publizierte er 1968, mit gerade einmal 31 Jahren, sein Werk »Politische Macht und gesellschaftliche Klassen« – eine allgemeine Theorie des Staates im Kapitalismus mit dem zentralen Verständnis vom Staat als »Kohäsionsfaktor«. In dieser Zeit machte Poulantzas mit dem Pariser Mai 1968 eine wesentliche Erfahrung, aufgrund derer er sich von Althussers kriselndem Strukturalismus absetzte. Wie nah oder fern er damit vom Poststrukturalismus stand, ist umstritten. Unumstritten ist, dass er viele Jahre später, in seinem letzten Werk »Staatstheorie«, auch Einflüsse von Michel Foucault aufnahm, ohne damit aber dessen antimarxistisches, epistemologisches Programm zu teilen.
Poulantzas und Leclerc waren nun beide erfolgreiche Autoren. Am 12. Juli 1970 kam ihre Tochter Ariane Poulantzas auf die Welt. Über Poulantzas’ Beziehung zu seiner Tochter, die noch lebt, ist kaum etwas bekannt. In den sieben Jahren von 1967 bis 1974, während er »aufgrund des Obristenregimes« nicht in seine Heimat zurückkehren konnte, reiste Leclerc »allein mit Ariane« nach Griechenland. Im Jahr von Arianes Geburt hatte Poulantzas eines seiner Hauptwerke veröffentlicht: »Faschismus und Diktatur: Die Kommunistische Internationale und der Faschismus«.
Gespür für das Eigene
Leclerc gehörte 1971 zu den Unterzeichnerinnen des »Manifests der 343«, die sich dazu bekannten, eine Schwangerschaft abgebrochen zu haben. Ihren endgültigen Durchbruch als Autorin feierte sie dann 1974 mit »Parole de femme«. Der Bestseller atmet den Geist der zweiten Welle des Feminismus. Leclerc sei, schrieb Huston, »von zwei Dingen überzeugt« gewesen: »erstens, dass es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt; zweitens, dass dieser Unterschied nicht in Kategorien von Überlegenheit und Unterlegenheit formuliert werden sollte«. In dem Buch beschreibt Leclerc, wie stereotyper Maskulinismus, wie toxische, auf Dominanz und Machtausübung fixierte Männlichkeit aus einem Minderwertigkeitsgefühl resultiere. Ich-Schwäche und Unsicherheit in der eigenen Persönlichkeit führe zum kompensatorischen Bedürfnis nach Abwertung der »Schwachen« – Frauen, Kinder, Alte. Der »erste Schritt zur Befreiung der Frau« sei, ein »negatives Selbstbild abzulehnen und zu einer neuen Wertschätzung von Weiblichkeit« zu gelangen. Anders als marxistischen Feministinnen wie Zetkin oder Kollontai ging es Leclerc nicht um ökonomische Unabhängigkeit qua Erwerbsarbeit und vergesellschafteter Sorgearbeit, sondern um die Aufwertung weiblicher Sorgearbeit. Diese soll angesichts ihrer Abwertung gegenüber der männlich konnotierten Erwerbsarbeit rehabilitiert werden: Kochen und das Umsorgen von Kindern seien nicht minderwertig. Außerdem ging es ihr darum, die eigene Körpererfahrung – Menstruation, Schwangerschaft, Stillen – positiv aufzuladen. Sie vertrat die These, dass Frauen ein stärkeres Gespür für ihren Körper haben. Im Zentrum stand darum auch Leclercs Erfahrung der Geburt ihrer Tochter. Ihre These war, dass toxische Männlichkeit auch die Folge von Neid auf die Erfahrung des Geburtsprozesses sei. Darum würden Männer Frauen unterdrücken wollen. Es dürfe, so Leclerc, dem Feminismus nicht darum gehen, um jeden Preis anzustreben, wie die Männer zu werden.
Entsprechend gab es auch Vorwürfe gegen Leclerc, sie wolle Frauen wieder zurück an den Herd bringen oder dort festbinden, zumal sie explizit von Mutter- und nicht Elternglück sprach. Verständlich auch, dass »Parole de femme« zum Konflikt mit Beauvoir führte; für diese war es keine Option, »dafür geschaffen« zu sein, »einen Mann und Kinder zu haben – wie alle Frauen (…), Kochtöpfe abwaschen und jedes Jahr einen Schreibalg in die Welt (zu) setzen«. Am Ende kam es mit der Autorin von »Das zweite Geschlecht« zum Bruch. Leclerc empörte sich: »Hässliche und erbärmliche Lügen dieses Schweigens über die Freude, die uns allen das Kind bereitet.« Jahrzehnte später, in einem Interview mit Mona Cholet, erinnerte sich Leclerc, dass ihr klar gewesen sei, dass ihr Ziel, »die Geringschätzung, die Verachtung, die Lieblosigkeit gegenüber allem, was mit dem Weiblichen zu tun hat«, zu untergraben, »schlecht angesehen« sein konnte.
Auf den Bruch folgte unmittelbar auch Poulantzas‘ Ausscheiden aus der Redaktion von Les Temps Modernes. Ob dies aus Gründen der Solidarität mit seiner Frau passierte, ist nicht bekannt. Sein letzter, bahnbrechender Aufsatz »Die Internationalisierung des Kapitals und der Nationalstaat« erschien 1973.
Eine unerklärliche Tragödie
Ihr Erfolg als Autorin erlaubte es Leclerc, ihre Stelle als Rhetorikdozentin an einer Technischen Hochschule aufzugeben und als freiberufliche Schriftstellerin zu arbeiten. Leclerc bekam sogar genug Tantiemen, um Mitte der 1970er Jahre ein kleines einstöckiges Haus im Pariser Quartier Butte aux Cailles im 13. Arrondissement zu kaufen, wo die Familie fortan lebte. Es war ein geschichtsträchtiger Ort, denn gut 100 Jahre zuvor, in der Zeit der Pariser Commune, hatten hier die kommunistischen Kämpfer der »Fédérés de la Butte aux Cailles« die Regierungstruppen wiederholt zurückgeschlagen. Huston beschrieb das neue Zuhause des Paares: »Es sah aus wie ein Landhaus. Die Zimmer öffneten sich rund um einen Innenhof, eine lange, schmale Küche, in die das Tageslicht schräg durch die Fenster fiel, ein Wohnzimmer mit bequemen grünen Möbeln, die zum Plaudern und Lesen einluden; Nippes, Regale, ein Klavier.«
Poulantzas lehrte nun an der 8. Universität von Paris Soziologie. Es erschienen wegweisende Bücher: 1974 »Klassen im Kapitalismus heute«, 1975 – nach der Nelkenrevolution in Portugal – »Die Krise der Diktaturen: Portugal, Griechenland, Spanien« und 1978 schließlich »Staat, Macht, Sozialismus«. Die letzten Jahre waren Poulantzas’ produktivste. Doch am 3. Oktober 1979 nahm er sich, gerade einmal 43 Jahre alt, das Leben – und ließ damit Leclerc mit der neunjährigen Ariane allein zurück.
Der Suizid erschütterte die Intellektuellenszene und gibt bis heute Rätsel auf. Waren die Beweggründe politisch oder persönlich? Poulantzas mochte mit dem Bewusstsein aus dem Leben scheiden, eine Lücke im Marxschen Theorieprojekt gefüllt zu haben. Von seinen Mitmenschen als humorvoller, mediterran-fröhlicher Charakter beschrieben, soll er gescherzt haben, er würde nunmehr nur noch (Kinder-)Literatur schreiben. Andere zeichnen dagegen das Bild eines schwer depressiven Menschen. Seit 1978 soll er an der Krankheit gelitten haben. Fest steht, dass Poulantzas nach eigenen Angaben schon 1978 einen »Unfall« erlitten hatte, bei dem, nach Aussagen seines langjährigen Assistenten Michael Löwy, eines brasilianischen marxistischen Soziologen und Philosophen, seine Freunde mutmaßten, es könne sich dabei um einen ersten Suizidversuch gehandelt haben.
Auch war es wohl nicht der erste depressive Schub in Poulantzas’ Leben. Bereits der griechische Militärputsch von 1967 hatte das Leben der Familie erschüttert. Das habe, erinnerte sich Leclerc, Poulantzas »seiner Familie, seiner Sonne, seiner Sprache (und) seiner Freunde entfremdet, die dort geblieben waren und vielleicht bereits im Gefängnis saßen, von Folter bedroht wurden und von der tragischen Wiederholung der Unglücke seines Landes überwältigt waren«. Bei ihrem Mann habe dies zu einem plötzlichen Gemütswandel geführt; »die poetische Schönheit von Nicos, plötzlich düster, verschlossen, erstarrt in seinem Schweigen, trifft mich bis ins Mark«.
Am 3. Oktober 1979, sei, erinnerte sich Löwy, der enge Freund Konstantinos Tsoukalas bei Poulantzas gewesen. Dieser habe, so Tsoukalas, auf einmal »damit angefangen, alle seine Bücher aus dem Fenster zu werfen und zu sagen, alles, was er geschrieben habe, sei wertlos, und dass er mit seinen theoretischen Zielen gescheitert« sei. Dann habe er sich den Büchern hinterher »aus dem Fenster gestürzt«. Offensichtlich, so Löwy, gab es »das Gefühl persönlichen Scheiterns«, aber es bleibe eine »unerklärliche Tragödie«.
Auch Huston erinnerte sich an Gespräche mit Leclerc über diese »harte Zeit der Jahre 1978–1979. Depression ihres Mannes Nicos: Infragestellung seiner marxistischen Überzeugungen; Wahnsinn lauert; Angst überkommt alles.« Politische Ursachen für die Depression liegen durchaus nahe: 1978 debattierte die französische Linke die »Krise des Marxismus«. Manche wandten sich von der »Diktatur des Proletariats« ab.
Für Leclerc hatte sich der Suizid angekündigt. Wenige Monate zuvor war ein Buch über ihren Entschluss, das Rauchen aufzugeben, erschienen. Huston schrieb darüber, sie habe in diesem Buch »die Präsenz von Nicos’ Tod beeindruckt, der schon vorher da war (…) im Haus, herumschwirrend, nagend, seine Furchen der Angst grabend. Man spürt sehr stark, dass dieser Tod kurz bevor« gestanden habe. Leclerc habe ihr geantwortet: Es stimme, »es gab soviel Leid zu der Zeit, als ich dieses Buch schrieb«.
Nach Poulantzas’ Freitod ging Leclerc eine neue Liaison mit dem Philosophen Paul Aïm ein. Aufbauend auf Foucaults Analysen in »Überwachen und Strafen« (1975), setzte sie zugleich ihre Tätigkeit als Leiterin von Schreibworkshops in Pariser Gefängnissen fort, bei der es ihr um die Würde und Selbstbestimmung der Gefangenen ging. Zurück blieb die Erinnerung und eine Frage: »Wollte Nicos mit seinem Tod für immer der unversehrte Held seines inneren Buches bleiben? Sicherlich wollte er, da bin ich mir sicher, in mein Buch aufgenommen werden, aber unter welchem Gesicht? Hat er davon geträumt, dass ich den großartigen Nicos, den er vor sich selbst gestellt hatte, kopiere und mir die Aufgabe anvertraue, diese ideale Form von Nicos, sein Werk, sein schönstes Werk, dem er seine ganze Energie gewidmet hatte, schriftlich zu vollenden, und lieber zu sterben, als dass er befürchtete, dessen nicht mehr würdig zu sein? Hat er nicht vielmehr von meinem Buch erwartet, dass darin endlich der Nicos aus dem Schatten hervortritt, von dem niemals die Rede sein sollte? Denn dieser Nicos hat unter der tyrannischen Herrschaft des prächtigen Nicos so sehr gekämpft, soviel gearbeitet und soviel gelitten, dass er vielleicht eines Tages, in seiner letzten Geste, beschloss, sich ganz und gar den Seiten meines Buches hinzugeben, so wie er sich als Kind in die zärtlichen Arme seiner Mutter legte, um endlich zu schlafen, beruhigt, versöhnt.« Aber davon, so Leclerc, habe er ihr »nichts erzählt, bevor er ging und das letzte Wort seines Verlangens mit sich nahm«.
→ Ingar Solty schrieb an dieser Stelle zuletzt am 10. September 2026 über den englischen Revolutionär Gerrard Winstanley: »Um Jahrhunderte voraus«
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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