Zum Inhalt der Seite
US-Literaturgeschichte

Durch den Fleischwolf

Vor 120 Jahren führte die Veröffentlichung des Romans »The Jungle« von Upton Sinclair über den kapitalistischen Schlachthausbetrieb zur Regulierung der US-amerikanischen Fleischindustrie. Eine Spurensuche

Foto: United Archives International/imago
Der Beginn der Fließbandproduktion: Schweinefleischmeile in Chicago (1899)

Chicago, Anfang April 2026. Ich bin eingeladen, auf dem Auftaktpodium einer Konferenz zum Thema »Marxismus und Amerikanische Revolution« an der Northwestern University zu sprechen. Auf dem Weg dorthin führt die Sheridan Road am Ufer des Lake Michigan entlang, wo sich eine neugotische Villa aus dem 19. Jahrhundert an die andere reiht, in ihrer Mitte das imposante Hauptgebäude der Loyola-Universität. Man nennt diesen Abschnitt der Uferstraße auch die Goldküste. In meinem Vortrag argumentiere ich, dass, historisch gesehen, die Revolution, angefangen mit der Russischen Revolution von 1905, von den entwickelten kapitalistischen Staaten in die unterentwickelten Randgebiete wanderte. Dort ist die Revolution einfacher zu machen, aber der Sozialismus sehr viel schwerer – und umgekehrt. Aber was, wenn der Westen heute zum Randgebiet wird?

Hier im Norden Chicagos ist vom »American Decline« nichts zu sehen. Aber schon in Downtown und Südchicago wird beides sichtbar: Obdachlose und lange Schlangen vor Suppenküchen. Vor der Hinreise war ich mir unsicher, welchen in Chicago spielenden Roman ich mitnehmen sollte: Theodore Dreisers »Sister Carrie«, Richard Wrights »Native Son« oder Upton Sinclairs »The Jungle«? Es sind zufällig drei meiner Lieblingsromane. »Sister Carrie« ist ein naturalistischer Roman, der den Aufstieg eines armen Mädchens aus dem Hinterland zum Inhalt hat, das über die Beziehungen, die es knüpft, von Chicago aus zum Broadway-Star aufsteigt. »Native Son« ist ein sozialrealistischer Roman, der die Erbarmungslosigkeit einer rassistischen Klassengesellschaft beschreibt, die den schwarzen Arbeiter Bigger Thomas trotz seines starken Willens, gut zu sein, in die Abgründe der kriminellen Existenz führt. Der Täter, der versehentlich mordet, als Opfer der Verhältnisse.

Wessen Arbeit?

Ich entscheide mich schließlich für »The Jungle«. Die Lektüre liegt weit zurück. Ich erinnere mich daran, wie der in Litauen geborene und um die Jahrhundertwende mit seinen Angehörigen in die USA emigrierte Einwanderer Jurgis Rudkus, ein stattlicher Mann, auf die harte Tour lernen muss, dass sein an Jack London gemahnender, sozialdarwinistischer Glaube an die eigene persönliche Manneskraft an der Wirklichkeit des Kapitalismus zerschellt. Seine Antwort auf alles, einschließlich der permanenten finanziellen Schwierigkeiten der Familie, lautet stets: »Ich werde einfach härter arbeiten.« Aber die Gesetze des Systems folgen einer anderen Logik: Sie ziehen nach und nach alle, auch die allerjüngsten Familienmitglieder, in die Maschinerie der Lohnarbeit hinein. Und sie halten sie dort mit aller Kraft fest in ihrem Griff. Gott wünscht sich Familienwerte und schützt die heilige Familie; der Gott des Geldes wünscht sich Verwertung und er opfert die Familie auf dem Altar, auf dem nicht Kinder geboren und getauft werden, sondern Kapital.

Der proletarische Leistungsethos rührt, wie der US-Arbeiterschriftsteller Joe Bageant einmal bemerkte, daher, dass du als Arbeiter von Arbeitern als »Lügner, Dieb oder Verbrecher« weniger verächtlich angesehen wirst denn als »Faulenzer«. Der einfache Grund: Faulheit bedeutete bei den klassenunbewussten Teilen des Proletariats, dass deine Familie hungert. »I never needed a handout« drückt den Stolz derer aus, die in einer Welt, in der nur der Stärkste überlebt, selbst nie die Schwäche zeigten, auf die Hilfe Fremder angewiesen zu sein. Für die es nichts Törichteres gibt als den Satz aus Tennessee Williams’ »A Streetcar Named Desire« (Endstation Sehnsucht): »I always depended on the kindness of strangers.«

Es sind die Arbeiterbewegung und der Marxismus, die aufzeigen: Arbeitskraft gegen Lohn zu tauschen ist immer ein ungleiches Verhältnis. Der Arbeiter ist nur so stark wie sein Kollektiv. Rudkus träumt davon, mit der eigenen Hände Arbeit zu bescheidenem Wohlstand zu kommen. Es sind die Gewerkschafter von den International Workers of the World (IWW), die sich 1905 – während Upton Sinclair hier seinen Roman schreibt – in Chicago gründen und den Satz zu ihrer Parole machen: »Wenn jemand dir erzählt, er sei durch harte Arbeit reich geworden, frag’ ihn: wessen Arbeit?« Denn es ist die Lohnarbeit der Besitzlosen, die die Schlösser und Festungen, die sich vor ihnen auftürmen, errichten.

Rudkus muss das auf die harte Tour lernen. Wie später Jack London und manchem seiner semiautobiographischen Charaktere dämmert ihm, dass die amerikanische Klassengesellschaft (genau wie jede Klassengesellschaft) die Hoffnungen auf ein gutes Leben, das durch harte Arbeit erreicht wird, immer wieder zunichtemacht. Er lernt, dass und wie der Wunsch, durch die eigene Arbeitskraft selbständig zu sein, mit der Realität des Kapitalismus kollidiert, der seine Großfamilie Schritt für Schritt vollständig ruiniert. Es ist ein starkes Stück Literatur aufzuzeigen, dass und wie bürgerliche Ideologie tötet. Sinclairs Roman erinnert darum auch an den isländischen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness, der dies in »Sein eigener Herr« aufzeigt, wo die nicht totzukriegende Ideologie des bäuerlichen Kleineigentums dieselbe vernichtende Wirkung zeitigt.

Manches bleibt für Rudkus indes nebulös. Er versteht nicht, warum er zu Unrecht ins Gefängnis kommt, warum er um seine Einkünfte betrogen wird. Der einst liebevolle, fürsorgliche und höchst verantwortungsbewusste Familienvater sieht auch keinen Ausweg mehr, als die übrigen Mitglieder seiner Familie zurückzulassen, um nur noch für sich selbst zu sorgen, als Stärkster oder vielmehr als am wenigsten Benachteiligter von allen zu überleben.

Muckracking-Literature

Ich muss beim Lesen an meinen Professor für amerikanische Literatur in Marburg denken, der Sinclair verächtlich abtat. Der in den 1920er Jahren vom Malik-Verlag auf Deutsch verlegte Schriftsteller habe keine echte Literatur verfasst. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Auch Sinclairs »The Flivver King« über Henry Ford und die Autoindustrie oder »Öl«, das als »There Will Be Blood« in Teilen von Paul Thomas Anderson auch verfilmt wurde, sind Meisterwerke. Sicherlich gehört »Der Dschungel« zum Urtyp des dokumentarischen Romans, allerdings noch ohne modernistische und experimentelle Erzähltechniken und ohne reale historische Figuren. Er ist Teil der Muckraking-Literatur jener Zeit, die darauf abzielte, soziale Missstände anzuprangern. In Sinclairs Fall sind das die grauenhaften Arbeits-, und zugleich auch Hygienebedingungen im damals größten Schlachthofkomplex der Welt.

Als solcher ist »Der Dschungel« wahrscheinlich einer der fiktionalen Texte mit dem größten Einfluss auf die Wirklichkeit. Der Roman erschien im November 1905. Nicht einmal ein Jahr später, am 30. Juni 1906, führte die Empörung über die im Roman dokumentierten Zustände zum Federal Meat Inspection Act. Erlassen wurde er durch die Regierung von Theodore Roosevelt in einer Periode, in der soziale Proteste – von Agrarpopulisten bis zu Industriearbeitern, die gegen Räuberbarone und Geldadel mobilmachten – zu einem sehr spezifischen US-amerikanischen Sozialimperialismus führten. Am Ende wurde zwar mit dem Gesetz das Arbeiterlos kaum verbessert, aber dennoch handelt es sich um eine umfassende Regulierung der US-Lebensmittelindustrie.

Sinclairs Roman ist jedoch nicht einfach nur als Literatur getarnter Journalismus. Er liest sich nicht im geringsten wie eine journalistische Arbeit. Statt dessen handelt es sich um ein äußerst stimmig komponiertes Stück Literatur. Wo ein Unten ist, das hart arbeitet, ist auch ein Oben, das sich davon ernährt. Wo Blut fließt, ist auch einer, der es fließen lässt und womöglich trinkt, wie die »verstorbne Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt« (Marx).

Sinclair rundet das gesellschaftliche Panorama, das Abbild der Totalität der Klassenverhältnisse, mit einer etwas bizarren Szene ab, in der der Sohn des Unternehmers, ein sturzbetrunkener Hallodri, Rudkus zum Leidwesen des Dienstpersonals mit nach Hause nimmt, um ein paar Flaschen Wein zu köpfen, von denen jede mehr wert ist als das Jahresgehalt eines Tag für Tag Tiere hinschlachtenden Arbeiters.

Anzeige

Insofern ist »Der Dschungel« ein durch und durch überzeugendes Beispiel für den literarischen Naturalismus – angefangen vom damals revolutionären neuen Stilmittel der Dialoge in Dialekten (sowie in der litauischen Muttersprache), diese Technik faszinierte schon Georg Lukács immens, als er sie durch Georg Hauptmann kennenlernte, bis hin zur Darstellung der Realität des Kapitalismus als gnadenloses sozialdarwinistisches Reich einer »zweiten Natur«, das fast jeglicher Handlungsfähigkeit entbehrt. Das macht »The Jungle« zur naturalistischen, nicht realistischen Erzählung.

Die einzige Ausnahme, in der die Veränderbarkeit des eigenen Schicksals aufschimmert, bildet in dieser Hinsicht die kurze Episode einer Thoreau-artigen Flucht aus der Industriestadt hinein in die Existenzweise eines Landstreichers, der sein Leben auf dem Schienenstrang verbringt. Es ist ein typisches literarisches Motiv der US-Literatur, nämlich das der Initiation durch Weggehen und Zurückkehren als verändertes Subjekt. Es ist zugleich eine Besonderheit auch der US-Besiedlungsgeschichte mit Nachwirkungen bis tief hinein in die Äußerungsformen der Gesellschaftskritik in den USA. Das zeigt sich beispielsweise im Gegensatz von Henry David Thoreaus »Walden« auf amerikanischer und Marx und Engels’ »Kommunistischem Manifest« auf europäischer Seite, die fast gleichzeitig entstanden, aber unterschiedlicher nicht sein könnten: Denn wo der eine aus der als schlecht erkannten Gesellschaft flüchtet, beharren die anderen darauf, eine bessere Gesellschaft an die Stelle der schlechten zu setzen.

Die Kritische Psychologie von Klaus Holzkamp und Ute Osterkamp hat Handlungsfähigkeit als den allgemeinen Beweggrund menschlicher Aktion beschrieben. Totale Ohnmacht bedeutet Tod. Aber es gibt ihr zufolge zwei Formen von Handlungsfähigkeit: eine verallgemeinerbare, die die Rahmenbedingungen des individuellen Lebens ändert und die Aktionsspielräume durch kollektives Handeln erweitert, und eine restriktive, die nur den Weg der individuellen Anpassung kennt, dadurch aber stets prekär bleibt.

Im Dschungel des Kapitalismus findet Rudkus, weil für ihn scheinbar keine Tür für kollektives Handeln offensteht, individuelle Handlungsfähigkeit lediglich in der restriktiven Form. Er wird nach seiner Rückkehr in die barbarische Zivilisation Lakai der herrschenden Klasse. Gewerkschaftliche Zusammenschlüsse der Arbeiter tauchen im Roman in den ersten zwei Dritteln nur am Rande auf. Sie würden im Grunde dem naturalistischen Versuchsaufbau zuwiderlaufen, der den sozialen Niedergang und moralischen Verfall von Jurgis und seiner Familie wie ein gnadenloses Uhrwerk vor dem Auge des Betrachters ablaufen lässt. Im letzten Drittel treten die Gewerkschaften und Sozialisten bloß noch als Gegenspieler zu Rudkus’ Tätigkeit als Streikbrecher und politische Marionette der Eigentümerklasse in Erscheinung. Am Ende begreifen die in alle vier Winde zerstreuten, überlebenden Familienmitglieder: »We were too ignorant – that was the trouble. We didn’t stand any chance.« Endstation Kapitalismus: Gefängnis und Prostitution.

Zweierlei Töten

Die langen Schlachthausszenen zu Beginn sind nicht nur eindrucksvoll realistisch geschildert. Ihre filmische Qualität Jahre vor der massenhaften Verbreitung des Bewegtbildes vermag durch die erstaunliche Detailgenauigkeit hinsichtlich der Produktionsweise von Nackensteak und Blutwurst allein durch die Kraft der Darstellung auf einer Handvoll Seiten aus einem Fleischesser einen Vegetarier zu machen. Das Schlachthaus ist darüber hinaus – und zwar fast ein Vierteljahrhundert vor Alfred Döblins berühmter Schlachthausszenen in »Berlin Alexanderplatz« – offensichtlich eine naturalistische Metapher dafür, wie Arbeiter als Wegwerfware behandelt werden. Im Tötungsvorgang tötet der Arbeiter erzwungenermaßen sich selbst, um totes Kapital zu vermehren.

Das Schlachthaus symbolisiert die kapitalistische Zweck-Mittel-Verkehrung. Wo Produktion dem Zweck der alleinigen Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dienen könnte, werden im Kapitalismus menschliche Bedürfnisse buchstäblich durch den Fleischwolf gedreht, um Kapital zu vermehren. Was bei Sinclair und Döblin der Zweck der Kapitalverwertung ist – aus lebendigen, fühlenden Wesen, menschlichen wie animalischen, wird totes Kapital –, dient später bei Kurt Vonneguts epochalem Antikriegsroman »Slaughterhouse Five« (»Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug«) über die Bombardierung Dresdens als Versinnbildlichung der Kriegsmaschine, die den Menschen zu einem Mittel herrichtet, ein Mittel der Kriegsfurie, die die Produktivkräfte des Kapitalismus in Destruktivkräfte einer Vernichtungsmaschine namens Luftbombardement verwandelt.

Sinclairs Botschaft nimmt einen Gedanken Bertolt Brechts vorweg, den er etwa in »Der gute Mensch von Sezuan« oder auch seinem »Me-ti« ausformuliert hat: Im Dschungel kann derjenige, der versucht, ein guter, anständiger, ehrlicher und verantwortungsbewusster Mensch zu sein, nur überleben, indem er sich der Welt der Kriminalität, der Unehrlichkeit und der Korruption anschließt. Der Arbeiter, dessen Aufgabe es ist, durch das gnadenlose Töten von Tieren Gewinne für die Eigentümer der Fleischindustrie zu erwirtschaften, überlebt nur, indem er sich den Gesetzen des Dschungels beugt und selbst tierähnlich wird. Die Suche nach grundlegenden humanistischen Werten, die Suche nach dem Guten, Wahren und Schönen führt unweigerlich über die kapitalistische Ordnung hinaus.

Wer jetzt noch zweifelt, ob Sinclairs Roman nicht vielleicht doch bloß ein Stück Agitationsliteratur ist, der muss nur einmal das erste Kapitel über die Hochzeit von Jurgis Rudkus und Ona lesen, das lebendig bis hin zur filmischen Erzählung die Hoffnungen und Träume des jungen Arbeiters in schillerndsten Farben darstellt, bloß um ihm dann auf den folgenden 320 Seiten systematisch die vitale Kraft aus dem Leib zu prügeln. Rudkus hört zum Schluss »die alten Stimmen seiner Seele, er spürte, wie ihn die Geister von damals anflehten, ihre Arme nach ihm ausstreckten! Aber sie blieben weit entrückt und schemenhaft und der Graben zwischen ihm und ihnen war pechschwarz und bodenlos (…). Ihre Stimmen würden absterben und nie wieder zu ihm vordringen.«

»Der Dschungel« zeigt die Kraft der Literatur in ihrer höchsten Form, weil sie im Fall Sinclair die Welt real veränderte: in Form des Meat Inspection Act und als radikale sozialistische Bewegung, von den IWW bis zur Socialist Party unter ihrem marxistischen Anführer Eugene V. Debs, der diese Partei 1912 zu ihrem historischen Höhepunkt führte. Eine Zeitlang sah es so aus, als könnte sie zur zweiten großen Kraft im US-Parteiensystem werden.

Home of the »Leo-Cons«

Sinclairs »Dschungel« ist ein Strom aus analytischer Kühle und menschlicher Wärme zugleich, spürbar bis heute. Die Frühlingsonne sorgen für einen angenehmen Weg, acht Meilen sind es von meinem Hotel am Grant Park bis nach Canaryville, dem Schlachthofviertel, und weiter zur University of Chicago. In Canaryville finde ich die Überreste der Union Stock Yards. Hier lese ich die letzten sechs Kapitel des Romans, die in der Anklage des kapitalistischen Entmenschlichungssystems gipfeln, im Begreifen, dass »all die zauberhaften und edlen Regungen der Menschlichkeit, die Träume der Dichter und die Qualen der Märtyrer gefesselt und eingekerkert sind im Dienst der organisierten und räuberischen Gier!« Der Roman endet mit dem Aufruf an die Arbeiter, sich dieses Systems zu entledigen.

Die Schlachthöfe wurden 1971 geschlossen. Aber ihre Geschichte ist noch immer präsent. Traditionsreiche Steakhäuser wie die Allen ­Brothers (»founded in 1893«), Fleischgroßhändler und Lagerhallen reihen sich aneinander und erzählen Einwanderergeschichten: Guarino ­Meats, Henry Kaminski Wholesale Meats, Ramarc Foods, gefolgt von chinesischen Schriftzeichen. An einer Stelle weht zwischen all diesen Relikten der Fleischindustrie wie ein trauriger Protest ein ­PETA-Banner mit dem Abbild eines niedlichen Ferkels: »Please don’t eat me.«

Direkt südlich des alten Eingangstors zum Schlachthofkomplex befindet sich die Union Hall der Laborers’ International Union of North America. Im Fenster hängt ein Plakat: »Proud Union Home«, darunter die Kontaktnummern der lokalen Gewerkschaft und die Erinnerung an die Macht des Streiks: »Feel the Power«. Das Schild vor dem »Union Veterans Council« erinnert an die nächste Wahl: »Vote with veterans, vote with workers, vote with class.« Ein weiteres Schild liest sich wie der Rat, den Rudkus nötig gehabt hätte: »A family’s place is in their union.«

In »The Jungle« wird Rudkus’ Familie Opfer der Immobilienmafia. Die verkauft oberflächlich sanierte Schrotthäuser als neu. Die nichtsahnenden Einwanderer übersehen im Kleingedruckten, dass sie das Haus nicht kaufen, sondern zunächst nur anzahlen und bei einmalig ausbleibender Ratenzahlung sofort wieder verlieren. Hier in unmittelbarster Nähe kann man auch heute noch fast gleichaussehende kleine Reihenhäuschen kaufen, das Stück ab 699.000 US-Dollar. Wo hier wohl der Haken ist?

Auf dem Weg in Richtung der prestigeträchtigen University of Chicago werden die Immobilien opulenter. Sie erinnern daran, dass Amerika nicht nur die Arbeiterklasse mit den meisten Waffen der Welt hat, sondern auch ein waffenerprobtes Bürgertum: »This home is protected by the good lord and a gun«. Die Universität ist wie der ehemalige Schlachthof eine Festung der Bourgeoisie: In der Wirtschaftswissenschaft dominierten hier die »Chicago Boys«, die nach dem CIA-Putsch von 1973 halfen, in Chile die neoliberale Konterrevolution einzuleiten. In den Sozialwissenschaften herrscht immer noch der Geist von Leo Strauss, des aus Kirchhain in Mittelhessen in die USA emigrierten politischen Philosophen, der einen solchen Einfluss auf die US-Neocons hatte, dass man auch von »Leo-Cons« spricht.

Hier halte ich den zweiten Vortrag meiner Reise über den »postliberalen Kapitalismus«. Immerhin war er in seiner US-Spielart nicht so autoritär, mir die Einreise zu verweigern. Als ich gefragt wurde, was ich vorhabe, antwortete ich: eine Konferenz über Philosophie und Geschichte besuchen. »Philosophie und Geschichte, aber nicht Theologie?« ist die leicht scherzhafte Antwort des Grenzbeamten. »Keine Theologie«, versicherte ich – und war drin.

Der bis heute geltende Meat Inspection Act schreibt die Kontrolle der Fleischqualität vor und nach der Schlachtung sowie die Überwachung von Hygienestandards vor. Es ist ein Bundesgesetz, bietet dem Kapital aber Schlupflöcher in den Bundesstaaten. 1967 mussten Schlachthäuser in Folge eines Ausbruchs der Neuwelt-Schraubenwurmfliege, eines Ektoparasiten, geschlossen werden. Anfang Juni erreicht mich die Nachricht: Die US-Fleischindustrie plagt die Rückkehr des Schädlings. Seit 1966 galt der Parasit in den USA – trotz kleiner lokal begrenzter Ausbrüche – als ausgerottet. Jetzt hat man ihn zum ersten Mal seit mehr als einem halben Jahrhundert bei zwei Kälbern in Südtexas festgestellt. Die Dunkelziffer – mutmaßt auch die Regierung – muss sehr viel höher liegen, weil Bauern Erkrankungen verschweigen, um Quarantänemaßnahmen zu entgehen. Elon Musks Personalabbau und Kürzungen bei den Verbraucherschutzbehörden und im Landwirtschaftsministerium dürften wohl zur Folge haben, dass der Schädling sich über den Sommer weiter ausbreiten kann. Der Landwirtschaftsausschuss im Repräsentantenhaus ist alarmiert. Das Landwirtschaftsministerium schätzt die Kosten eines Ausbruchs auf 1,8 Milliarden US-Dollar allein für die texanische Wirtschaft und 732 Millionen US-Dollar für die texanischen Bauern – vorausgesetzt, die Seuche lässt sich lokal begrenzen.

Gefährdet ist damit auch Trumps Ziel, die auf sieben US-Dollar pro Pfund Rinderhack und 13 US-Dollar pro Pfund Steak in die Höhe geschossenen Rindfleischpreise zu senken. Vor dem Hintergrund der grassierenden Armut in den USA – 60 Prozent der US-Bürger verfügen über keinerlei Rücklagen, um die Teuerungen abzufedern – brachte Trump die gestiegene Inflation mit ins Amt. Gut möglich, dass sie ihn jetzt auch wieder hinausbefördert, wenn im November die Zwischenwahlen stattfinden.

Aber Wahlen allein werden – davon war schon Upton Sinclair überzeugt – die US-Arbeiterklasse nicht retten können. Das wird sie nur selber tun können, wenn sie zu jener Klassenpolitik zurückkehrt, die nötig ist, um die Qualität nicht nur der Lebensmittel, sondern auch die Lebensqualität der Arbeiterinnen und Arbeiter nachhaltig zu verbessern, die der Bourgeoisie stets nur Mittel zum Zweck sind. Rudkus lernt exemplarisch das Gesetz des Dschungels kennen: Keiner für einen, alle gegen alle. Den Weg zum proletarischen Garten Eden findet nur, wer der Devise folgt: Einer für alle, alle für einen.

→ Ingar Solty schrieb an dieser Stelle zuletzt am 17. Juni 2026 über den Regisseur Ken Loach: »Torhüter der Wahrheit«.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 30.06.2026, Seite 12, Thema

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!