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Marxismus

Für die Sieger von morgen

Marburg ist überall: Dem marxistischen Politikwissenschaftler Frank Deppe zum 85. Geburtstag

Foto: Marc Schüler/imago
Holistisches Denkvermögen: Frank Deppe (2025)

Ob es sich wie eine Zeitreise angefühlt hat? Wie eine nachträgliche, wenn auch kurz­lebige Genugtuung? Im Sommer 2026 war das Institut für Politikwissenschaft der Phillips-Universität Marburg noch einmal in der Hand der Marburger Schule, also jener einst am Institut fest verankerten Gruppe von kritischen Sozialwissenschaftlern, die hier mehr als ein halbes Jahrhundert historisch und materialistisch forschten und dann Mitte der 2000er Jahre abgewickelt wurden. Das Institut feierte sein 75. Jubiläum, aber die heutige Leitung wollte sich offenbar ungern daran erinnern. Also übernahm die eigentlich verdrängte Tradition in Gestalt von SDS, AStA und der aktiven Fachschaft das Zepter und lud die vielen Marburger Schülerinnen und Schüler zu einer Vortragsreihe ein. Das Motto: »Krise, Kriege und Kapitalismus«. Es war eine Erinnerung daran, was Politik­wissenschaft vermag, wenn sie ihre Aufgabe als Analyse und Kritik von Herrschaft in emanzipatorischer Absicht versteht.

Die Marburger Schule existiert bis heute, nur eben in der Diaspora. Ihre Schüler trugen das Begriffene wie der Emigrant »in seinem Sacktuch mit sich fort« (Walter Mehring). Vor allem nach Jena an den soziologischen Lehrstuhl von Klaus Dörre und seinem Nachfolger Stefan Schmalz. Wie einst Marburg zieht die Stadt heute kritisch eingestellte Studierende magisch an. Auch in Tübingen am Lehrstuhl von Hans-Jürgen Bieling erinnert manches an das alte Marburg.

Dörre, Schmalz und Bieling wurden vom Politikwissenschaftler Frank Deppe ausgebildet. Er selbst war ein Schüler von Wolfgang Abendroth, der die Marburger Schule einst zusammen mit Werner Hofmann und Heinz Maus begründete. Bei Abendroth promovierte Deppe 1968 mit einer kritisch würdigenden Arbeit über den französischen Revolutionär August Blanqui. Der Vorwurf des »Blanquismus« als eine Form des Putschismus war in der historischen Arbeiterbewegung geläufig. Von 1972 bis 2006 lehrte ­Deppe dann als Professor am Institut und hatte Myriaden von Schülerinnen und Schülern.

Seine Beliebtheit hängt auch mit der immensen Breite und zugleich Tiefenexzellenz seiner Forschung zusammen: globale Kapitalismus- und Imperialismusanalyse, Forschung zur kapitalistischen Internationalisierung im Rahmen der Europäischen Integration, Studien zu Arbeiterbewegung, Gewerkschaften und Arbeiterbewusstsein, materialistische Analyse des politischen Denkens von Machiavelli bis Münkler. Es ist das Programm eines Forschers, der um die Totalität kapitalistischer Gesellschaft weiß und sich den Anspruch, die Gesamtheit der Wirklichkeit in ihrer geschichtlichen Bewegung zu verstehen, nicht von der Borniertheit der Einzeldisziplinen nehmen lässt.

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Frank Deppe bringt, wie sein jüngster Beitrag in der Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung zeigt, sein holistisches Denkvermögen in präziser Zeitdiagnose zusammen: Die weltgeschichtliche Zäsur der Verschiebung der Weltwirtschaft, den damit verbundenen relativen Niedergang der USA, den Aufstieg Chinas und die zunehmende Militarisierung des Imperialismus analysiert Deppe mit einer Eleganz, die der breite Intellekt ermöglicht. So entstehen Thesen, die zu debattieren überlebenswichtig ist: Ist der Ukraine-Krieg als Stellvertreterkrieg durch die chinesische Unterstützung Russlands für die EU verloren?

Deppes Analyse folgt der elften Feuerbachthese von Marx: Sie will nicht recht behalten, sie will Linke befähigen, eine bessere Welt zu erobern. Aus der Zeitdiagnose folgt etwa die strategische Handlungsanleitung: »Die wichtigste Aufgabe der politischen Linken« bestehe darin, »dass sie (…) das Bündnis zwischen der Friedensbewegung und jenen Kräften in den Gewerkschaften stärkt, die gegen die Politik des Sozialabbaus Widerstand mobilisieren.«

Frank Deppe wurde am 23. September 1941 geboren. Am selben Tag wie der schwedische Soziologe Göran Therborn, der die Antwort auf die Frage weiß: »Was macht die herrschende Klasse, wenn sie herrscht?« Deppe findet hierauf ebenfalls viele Antworten: bei Machiavelli und in seiner großen Ideengeschichte »Politisches Denken im 20. Jahrhundert«. Dieses vermeintlich »kurze« 20. Jahrhundert (Eric Hobsbawm) entpuppt sich immer mehr als ein »langes«, in dem der einzigartige Aufstieg Chinas die Frage nach Scheitern und Niederlage der weltkommunistischen Bewegung neu stellt. Deppe selbst hatte sich schon in seiner Abschiedsvorlesung gegen die Vorstellung von der Linken als »ewige Verlierer« gewandt. Sein Werk ist ein Werkzeugkasten für die »Besiegten von heute« als »die Sieger von morgen«. Es hilft, den Kompass auf das Fernziel zu richten: die Herrschaft des Menschen über den Menschen überwinden. Das Magnetfeld, auf das die Kompassnadel sich richtet, heißt für Deppe bis heute »Sozialismus«. Das ist auch der Titel seines 2021 erschienenen Buches.

Man kann Deppes Grundhaltung auch mit dem auf den Tag acht Jahre jüngeren Bruce Springsteen beschreiben: »Wherever somebody’s fightin’ for a place to stand / Or a decent job or a helpin’ hand, / Wherever somebody’s struggling to be free, / Look in their eyes, ma, you’ll see me.« Dieser »Ghost of Tom Joad« beseelt bis heute auch Frank Deppe.

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.09.2026, Seite 11, Feuilleton

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  • Onlineabonnent*in Franz S. aus R. 23. Sept. 2026 um 11:02 Uhr
    Solty schreibt: »Das Magnetfeld, auf das die Kompassnadel sich richtet, heißt für Deppe bis heute ›Sozialismus‹.« Den verlinkten Artikel, der beim Klick auf »Sozialismus« erscheint, habe ich damals gar nicht gelesen. Schon im ebenfalls verlinkten Artikel »Zeit der Raubtiere« war ein fragwürdiger Imperialismusbegriff (siehe die Leserbriefe dazu) von Deppe zu erkennen, deshalb war ich neugierig, wie Deppes Kompassnadel in Sachen Sozialismus ausgerichtet ist. Er schreibt: »Die Verteidigung des Sozialismus war aber auch mit enormen Widersprüchen verbunden, die schließlich den Niedergang dieser Systeme einleiteten. Der wirtschaftliche Rückstand (als Ausgangspunkt) gegenüber den entwickelten kapitalistischen Staaten wurde nie überwunden. (…) Das System machte sich nie von jenen Methoden der Repression, Überwachung und der Unterdrückung von Kräften der Zivilgesellschaft frei. Diese wäre aber notwendig gewesen, um die Produktivkräfte – als Entfaltung individueller und kollektiver Kreativität – zu entwickeln.« Wer die Geschichte der Sowjetunion als eine Ära der »Repression, Überwachung und der Unterdrückung« darstellt, ist nicht weit von den antikommunistischen Historikern entfernt. Und wer von wirtschaftlichem Rückstand und mangelnder Entfaltung der Produktivkräfte redet, hat noch nie von den gewaltigen Leistungen der Sowjetunion in den 1920er und 1930er Jahren gehört oder gelesen. Mit Zuwachsraten, von denen die Kapitalisten nur träumen können, auch die in China. Ohne die in kurzer Zeit erreichte Industrialisierung und Kollektivierung, wäre der Sieg über den Faschismus nicht möglich gewesen. Bezeichnend auch, dass Deppe die durch den Chruschtowschen Revisionismus vorbereitete und schließlich von Gorbatschow vollendete Zerstörung der Sowjetunion keine Silbe wert ist. Dazu ein Zitat: »Wer vom Revisionismus nicht reden will, soll auch über die Ursachen des Untergangs der Sowjetunion schweigen« (Kurt Gossweiler in »Genosse Domenico Losurdos ›Flucht aus der Geschichte‹«).
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