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Aus: Ausgabe vom 29.08.2020, Seite 12 / Thema
250 Jahre Hegel

»Es wird immer revolutioniert«

Was veranlasste Marx, Engels, Lenin, Lukács und Marxisten aus DDR und BRD, Hegel der Arbeiterbewegung zu empfehlen? Eine Skizze
Von Arnold Schölzel
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Auf Hegel aufmerksam zu machen hieß auch, daran zu erinnern: Revolutionen sind möglich. (Linolschnitt von Wladimir Kozlinsky, 1919)

Die Urteile, die Marx und Engels in der Zeit des Vormärz über Hegels Philosophie fällten, waren scharf antiidealistisch bis zur Einseitigkeit, etwa in ihrer ersten gemeinsamen, Anfang 1845 veröffentlichten Schrift »Die heilige Familie«: »Die Metaphysik des 17. Jahrhunderts, welche von der französischen Aufklärung und namentlich von dem französischen Materialismus des 18. Jahrhunderts aus dem Felde geschlagen war, erlebte ihre siegreiche und gehaltvolle Restauration in der deutschen Philosophie und namentlich in der spekulativen deutschen Philosophie des 19. Jahrhunderts.« Hegel habe sie auf »eine geniale Weise mit aller seitherigen Metaphysik und dem deutschen Idealismus vereint und ein metaphysisches Universalreich gegründet«.

Dass es sich dabei nicht um eine rein geistesgeschichtliche »Restauration« der Philosophie von Gottfried Wilhelm Leibniz und Christian Wolff, der Metaphysik des 18. Jahrhunderts, sondern um eine durch Realgeschichte bedingte Entwicklung handelte, stand für die beiden Begründer des historischen Materialismus fest: Der Angriff des Materialismus – gemeint war der Ludwig Feuerbachs – auf Hegels Metaphysik, schrieben sie, sei daher eine Attacke auf »alle Metaphysik«: »Sie wird für immer dem nun durch die Arbeit der Spekulation selbst vollendeten und mit dem Humanismus zusammenfallenden Materialismus erliegen. Wie aber Feuerbach auf theoretischem Gebiete, stellte der französische und englische Sozialismus und Kommunismus auf praktischem Gebiete den mit dem Humanismus zusammenfallenden Materialismus dar.« Fortan interessierten sie sich vor allem fürs letztere, die praktischen Fragen, die sich bei der Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft einstellen.

Das besagte: Die Kritik des Hegelschen Idealismus war aus Sicht von Marx und Engels abgeschlossen – durch Theorie (Feuerbach), vor allem aber durch politisches Handeln, namentlich durch die in England und Frankreich erstmals selbständig auftretende Arbeiterbewegung. Hegels Philosophie war für sie, trotz Idealismus, eine geistige Voraussetzung des theoretischen und praktischen Materialismus gleich Humanismus und Kommunismus, nicht mehr und nicht weniger.

Das Wesen der Arbeit erfasst

Allerdings formulierte Marx kurz nach Erscheinen der »Heiligen Familie« schon eine erste Kritik am Feuerbachschem Materialismus, die das Zitierte ergänzt. In der ersten »Feuerbach-These« vom Frühjahr 1845 – erstmals 1888 veröffentlicht – notierte er: »Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus – den Feuerbachschen mit eingerechnet – ist, dass der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefasst wird; nicht aber als menschliche sinnliche Tätigkeit, Praxis, nicht subjektiv. Daher geschah es, dass die tätige Seite, im Gegensatz zum Materialismus, vom Idealismus entwickelt wurde – aber nur abstrakt, da der Idealismus natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt.«

Das lässt sich in Bezug auf Hegel auch so deuten: Insbesondere er war es, wie Marx schon ein Jahr zuvor in den erst 1932 veröffentlichten Pariser Manuskripten festgehalten hatte, der in der Geschichte der Menschheit, die für ihn in der Selbstentwicklung des Geistes bestand, in Wahrheit die »Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozess fasst, (…) dass er also das Wesen der Arbeit fasst und den gegenständlichen Menschen, wahren, weil wirklichen Menschen, als Resultat seiner eignen Arbeit begreift.«

An diesen Bewertungen änderten Marx und Engels zeit ihres Lebens nichts, setzten aber spätestens seit der ersten großen Weltwirtschaftskrise, die am 24. August 1857 mit einer Bankenpleite in New York begann und bis 1859 dauerte, bei der Arbeit am »Kapital« und in Auseinandersetzungen um die Ideologie der Arbeiterbewegung andere Akzente.

Davon zeugt zunächst die »Einleitung« zu den »Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie«, mit dem Abschnitt über die »Methode der politischen Ökonomie«, die sich stark auf Hegels »Wissenschaft der Logik« stützt. Marx entwarf diesen Text, der erst 1903 veröffentlicht wurde, noch in der letzten Augustwoche 1857, nachdem die Nachrichten vom Crash aus New York gekommen waren. Er und Engels erwarteten, wenn nicht die Weltrevolution, dann mindestens einen ordentlichen Krach des Kapitalismus. Ihre Stimmung fasste Engels in einem Brief an Marx vom 15. November 1857 so zusammen: »Mir geht es übrigens wie Dir. Seitdem der Schwindel zusammenbrach in New York, hatte ich keine Ruhe mehr in Jersey (wo er mehrere Monate zur Erholung war, A. S.), und ich fühle mich enorm fidel in diesem general downbreak (allgemeinem Zusammenbruch). (…) 1848 sagten wir: jetzt kommt unsere Zeit, und sie kam in a certain sense (einem gewissen Sinne), diesmal aber kommt sie vollständig, jetzt geht es um den Kopf.«

Offen als Schüler bekannt

Das war nicht der Fall oder in vielleicht anderer Weise doch: Zehn Jahre später lag der erste Band des »Kapitals« von Marx in den Buchhandlungen, in dem es – wie Engels rügte – in oft Hegelscher Sprache, genauer: unverständlich, zuging. 1872 wurde eine zweite Auflage nötig, Marx hatte einiges geändert und kam in einem neuen Nachwort, das er auf Januar 1873 datierte, auf sein Verhältnis zu Hegel zu sprechen, und auf die Gründe, dessen Philosophie im »Kapital« aufzugreifen: »Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozess, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg (Erschaffer, A. S.) des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.« Soweit also dasselbe wie 1845.

Marx begründete dann aber sein neu erwachtes Interesse an Hegel mit neuen Umständen. Zum einen seien da die epigonalen Gegner Hegels im »gebildeten Deutschland«, die den Philosophen als »toten Hund« behandelten. Er habe sich daher »offen als Schüler jenes großen Denkers« bekannt und »mit der ihm eigentümlichen Ausdrucksweise« kokettiert. Das habe aber seine Berechtigung: »Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, dass er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewusster Weise dargestellt hat. Sie steht bei ihm auf dem Kopf. Man muss sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken.«

Vor allem aber führt Marx die gesellschaftliche Entwicklung im knapp zwei Jahre zuvor gegründeten Deutschen Reich an: »In ihrer mystifizierten Form ward die Dialektik deutsche Mode, weil sie das Bestehende zu verklären schien. In ihrer rationellen Gestalt ist sie dem Bürgertum und seinen doktrinären Wortführern ein Ärgernis und ein Greuel, weil sie in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines notwendigen Untergangs einschließt, jede gewordne Form im Flusse der Bewegung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite auffasst, sich durch nichts imponieren lässt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist.«

Und er kündigt an, dass die bevorstehende Wirtschaftskrise »selbst den Glückspilzen des neuen heiligen, preußisch-deutschen Reichs Dialektik einpauken« werde. Vier Monate später war es soweit: Die Wiener Börse erlebte am 9. Mai 1873 einen »Schwarzen Freitag«, im September des Jahres wurde die in New York geschlossen, im Oktober brach in Berlin die erste Bank zusammen. Es folgte eine rund 20 Jahre anhaltende, damals als »Große Depression« bezeichnete Wirtschaftskrise. Nur die Revolution blieb aus. Im Gegenteil, das deutsche Kaiserreich ging am Ende gestärkt aus der Krise hervor, schloss ab 1890 auf wichtigen Produktionsfeldern zu Konkurrenten wie England und den USA auf, und machte sich auf den Weg »zum Platz an der Sonne«, d. h. zur Neuaufteilung der Welt und zu eigenen Kolonien. Die Ära des Monopolkapitalismus, des Imperialismus begann.

Der universellste Kopf

Aber: In diesen Jahrzehnten stieg die deutsche Arbeiterbewegung trotz des Verbots der SPD unter dem Sozialistengesetz zur stärksten Formation der internationalen sozialistischen Bewegung auf. Umso bemerkenswerter erscheint es, dass Engels es in zwei für damalige Verhältnisse enorm weit verbreiteten Schriften für nötig hielt, die Bedeutung Hegels und der gesamten klassischen deutschen Philosophie für Arbeiterpartei und Arbeiterklasse zu betonen: 1880 veröffentlichte er in französischer Sprache, 1882 in deutscher, Abschnitte seiner 1877 erschienenen Polemik gegen den Berliner Philosophiedozenten Eugen Dühring unter dem Titel »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«. 1888 folgte die Arbeit »Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie«.

In beiden Schriften hob er Hegels Bedeutung für das Entstehen des wissenschaftlichen Sozialismus, also des Marxismus hervor. In Hegel, der neben Saint-Simon »der universellste Kopf seiner Zeit« gewesen sei, habe die »neuere deutsche Philosophie« ihren Abschluss gefunden. Ihr größtes Verdienst sei »die Wiederaufnahme der Dialektik als der höchsten Form des Denkens«. Engels meinte, die Entdeckung des geschichtlichen Charakters von Natur – etwa in der Evolutionstheorie Darwins – sei »die Probe auf die Dialektik« und betonte den weltanschaulichen Umsturz, der sich damit verbinde: »Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seiner Entwicklung und der Menschheit sowie des Spiegelbildes dieser Entwicklung in den Köpfen der Menschen, kann also nur auf dialektischem Wege, mit steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkung des Werdens und Vergehens, der fort- oder rückschreitenden Änderungen zustande kommen.« Allerdings kenne »die alte idealistische Geschichtsauffassung« keine »auf materiellen Interessen beruhenden Klassenkämpfe, überhaupt keine materiellen Interessen«, und Hegels Auffassung von der Geschichte sei, bei aller Dialektik, »wesentlich idealistisch« gewesen.

In der »Feuerbach«-Schrift von 1888 betonte er, der (durch den Idealismus gegebene) Konservatismus der Anschauungsweise Hegels sei »relativ, ihr revolutionärer Charakter ist absolut – das einzig Absolute, das sie gelten lässt«. Für ihn entscheidend war: Mit der raschen Entwicklung des Kapitalismus in Deutschland nach 1848 sei dem Bürgertum der »große theoretische Sinn verloren« und auf die Arbeiterklasse übergegangen. Im »gebildeten Deutschland« sei der »alte theoretisch-rücksichtslose Geist« verschwunden, an seine Stelle »gedankenloser Eklektizismus, ängstliche Rücksicht auf Karriere und Einkommen bis herab zum ordinärsten Strebertum« an dessen Stelle getreten. In der Arbeiterklasse gebe es dagegen keine Rücksichten »auf Karriere, auf Profitmacherei, auf gnädige Protektion von oben«, daher habe sich die »neue Richtung« – der Marxismus –, »die in der Entwicklungsgeschichte der Arbeit den Schlüssel erkannte zum Verständnis der gesamten Geschichte« an die Arbeiterklasse gewandt. Die deutsche Arbeiterbewegung sei »die Erbin der deutschen klassischen Philosophie«. Auf Hegel in jenen Jahren so aufmerksam zu machen, hieß daran zu erinnern: Revolutionen sind möglich. Wenn man sie auch theoretisch gut vorbereitet.

Nicht ein Marxist hat Marx begriffen

Die beiden Arbeiten von Engels gehörten zu den Schriften mit den höchsten Auflagen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, eine breite Hinwendung zum Studium der Hegelschen Dialektik folgte daraus in der internationalen Arbeiterbewegung allerdings nicht, auch nicht bei marxistischen Intellektuellen – mit Ausnahmen wie Antonio Labriola in Italien und Georgi Plechanow in Russland. In der SPD überwogen die Anhänger eines undialektischen, nicht selten schlichten Materialismus (»Der Mensch ist, was er isst.«) mit stark antireligiöser und antiklerikaler, was oft nicht unterschieden wurde, Tendenz, bei August Bebel angefangen. Die Linken in der deutschen Sozialdemokratie wie Rosa Luxemburg, Franz Mehring oder Karl Liebknecht würdigten zwar in allgemeiner Form Kant, Fichte und Hegel, betonten aber immer wieder, dass sie »philosophische Hirnwebereien«, d. h. eine spezielle Beschäftigung mit Philosophie getrennt von Ökonomie und Geschichte, für überflüssig hielten. Als Eduard Bernstein 1898 begann, den Marxismus zu entkernen, waren die »Fallstricke der Dialektik«, in die sich Marx und Engels verheddert hätten, Hauptgegenstand seiner Polemik. Für Bernstein gehörte die Dialektik, die auch eine Theorie revolutionärer Sprünge in der Geschichte ist, in die Mottenkiste. Mit Revolutionen war es aus seiner Sicht vorbei.

Der bedeutendste Theoretiker der II. Internationale, der sich Zeit seines Lebens immer wieder mit Hegel befasste, insbesondere mit dessen methodisch-logischen Arbeiten, war Wladimir Iljitsch Lenin. In seiner Haft- und Verbannungszeit von 1895 bis 1900 hatte er Werke Hegels stets zur Hand, intensiv studierte er sie im Schweizer Exil von Herbst 1914 bis Frühjahr 1917. Seine »Philosophischen Hefte« enthalten nicht nur Exzerpte und Zusammenfassungen, sondern auch eigenständige Ausarbeitungen zur Dialektik und zur wissenschaftlichen Methode, d. h. zur Bildung wissenschaftlicher Begriffe. Der zentrale Begriff seiner Imperialismusstudie, das »Monopol« oder »Monopolkapital«, ist ein Resultat auch dieser Untersuchungen. Lenin bildet hier im Gegensatz zu anderen Teilnehmern der Debatte um den Imperialismus in der II. Internationale wie Rosa Luxemburg oder Rudolf Hilferding bewusst einen Begriff, der das Wesen der Sache erfasst, und sich nicht nur an äußerlichen Merkmalen festmacht – wie z. B. Karl Kautsky, für den Imperialismus in einer bestimmten, zeitweiligen Politik besteht: »In dem Drange jeder industriellen kapitalistischen Nation, sich ein immer größeres agrarisches Gebiet zu unterwerfen und anzugliedern, ohne Rücksicht darauf, von welchen Nationen es bewohnt wird.«

Lenin formulierte in diesem Zusammenhang den Aphorismus: »Man kann das ›Kapital‹ von Marx und besonders das I. Kapitel nicht vollständig begreifen, ohne die ganze Logik von Hegel durchstudiert und begriffen zu haben. Folglich hat nach einem halben Jahrhundert nicht ein Marxist Marx begriffen!« Insofern war es folgerichtig, dass er 1922 die Redakteure einer theoretischen Zeitschrift aufforderte, »eine Art ›Gesellschaft materialistischer Freunde der Hegelschen Dialektik‹« zu bilden. Auch dabei ging es ihm um den Umgang mit Wissenschaft, im konkreten Fall mit der Relativitätstheorie Albert Einsteins, und mit Wissenschaftlern als Bündnispartnern der Sowjetmacht.

Die Oktoberrevolution dann hatte aber nicht nur in Russland, sondern weltweit ein neues Interesse an Hegels Philosophie geweckt. Im bürgerlich-akademischen Bereich ebenso wie unter kommunistischen Intellektuellen. Es waren vor allem zwei Arbeiten, die in Europa über die kommunistische Bewegung hinaus, den engen Zusammenhang von Revolution und Dialektik thematisierten: »Geschichte und Klassenbewusstsein« von Georg Lukács sowie »Marxismus und Philosophie« von Karl Korsch, beide 1923 erschienen. Lukács sah allein im revolutionären Proletariat die für eine erfolgreiche Revolution notwendige Bewusstheit über die konkrete historische Epoche entstehen. Nur ihm billigt er, nicht unähnlich der Engelsschen Formulierung von 1888, die Befähigung »zur Erkenntnis der gesellschaftlichen Totalität zu«, so Erich Hahn 2017 in seiner Studie zu »Geschichte und Klassenbewusstsein«. Das Wesen der dialektischen Methode bestehe für Lukács darin, dass, wie er schrieb, »in jedem dialektisch richtig erfassten Moment die ganze Totalität enthalten ist, dass aus jedem Moment die ganze Methode zu entwickeln ist«. So enthalte das Kapitel des »Kapitals« über den Fetischcharakter der Ware den ganzen historischen Materialismus, die ganze Selbsterkenntnis des Proletariats als Erkenntnis der kapitalistischen Gesellschaft. Objektive Realität und Bewusstsein sind bei Lukács – ganz im Sinne Hegels – unauflöslich miteinander verbunden.

Bei Korsch deutet sich dagegen bereits im Titel seiner Schrift an, dass er Marxismus und Philosophie, gemeint ist nicht nur die Hegelsche, in einem Spannungsverhältnis sieht: Wo Philosophie ist, ist noch kein revolutionärer Marxismus. Und umgekehrt: Revolution benötigt keine Philosophie. Sie ist eine Frage praktischen Handelns. Korsch versteht im Gegensatz zu Lukács Philosophie als Denken in statischen Begriffen, den Marxismus als ihr Gegenteil. Das öffnet bei Korsch den Weg zu einem Relativismus, der Dialektik als Skepsis, als Zweifel an der Erkenntnis von Wahrheit überhaupt auffasst. Später wird er formulieren, der Marxismus sei »spezifisch«, d. h. in jeder Situation anders und aktivistisch. Korsch, der lange Zeit mit Bertolt Brecht befreundet war – der schrieb über ihn ihn als »meinen Lehrer« – war völlig uneins mit ihm über den Hegelschen Satz: »Die Wahrheit ist konkret.« Allein die Auffassung, es gebe so etwas wie »Wahrheit« war Korsch zu »philosophisch«, zu statisch, Begriffsbildung als Einheit von Allgemeinem und Einzelnem unmarxistisch. Den Hegel-Kenner und bedeutenden Hegel-Interpreten Brecht beeindruckte dies allerdings wenig.

Kurz nach Erscheinen ihrer Bücher wurden Lukács und Korsch in der Kommunistischen Internationale als Linksradikale kritisiert. Lukács übte an einzelnen Passagen seines Buches Kritik, Korsch wurde aus der KPD ausgeschlossen. Einige der Kritiker, wie der Philosoph Abram Deborin in der Sowjetunion, wurden wegen ihrer betonten Hervorhebung Hegels selbst eines »menschewisierenden Idealismus« beschuldigt.

Nicht stehen bleiben

Mit der Errichtung der faschistischen Diktatur in Deutschland und den Versuchen, ihn für die Naziideologie in Anspruch zu nehmen, erst recht aber mit dem Überfall auf die Sowjetunion wurde Hegel als Philosoph von einigen Autoren in der Sowjetunion generell in Frage gestellt bzw. hervorgehoben, dass er nicht nur Vertreter des vorrevolutionären Bürgertums gewesen sei, sondern auch der aristokratischen Reaktion. Diese Positionen wurden in den ersten Jahren auch von einigen Philosophen der DDR vertreten. Die Veröffentlichung des 1938 im sowjetischen Exil entstandenen Buches von Georg Lukács »Der junge Hegel«, das Wolfgang Harich 1954 im Aufbau-Verlag veröffentlichte, eröffnete die Möglichkeit einer neuen Hinwendung zur »klassischen« Würdigung Hegels. Es dauerte aber noch einige Zeit, bis Marxisten aus Ost (Manfred Buhr, Hermann Klenner) und West (Hans Heinz Holz, Robert Steigerwald) eine neue Phase der Hegel-Rezeption beginnen konnten.

Rund um das Hegel-Jubiläum 1970 entstanden in der DDR zahlreiche Untersuchungen, Monographien und Editionsvorhaben, die bis in das Jahr 1990 fortgeführt wurden und eine eigene Tradition deutscher marxistischer Hegel-Rezeption begründeten. Insbesondere Manfred Buhr erreichte internationale Aufmerksamkeit mit seinem Konzept, dass der Begriff der »Vernunft« im Mittelpunkt der neuzeitlichen europäischen Philosophie insgesamt stehe. Mit ihm werde das Zentralproblem der Epoche, der Übergang von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft, erfasst. Die klassische Philosophie entwickele dafür die Formel der rationalen Herrschaft des Menschen über Natur und Gesellschaft, und zwar kraft der Vernunft. Der Begriff habe daher einen gewollten gesellschaftskritischen Aspekt.

Diese Einbettung auch der Philosophie Hegels in einen epochalen Prozess, der – worauf Engels hinwies – mit Bacon und Descartes einsetzte, führt methodische Dialektik und Revolution wieder zusammen: Keine Dialektik ohne eine sich ändernde Gesellschaft und Welt, keine Revolution ohne das Bewusstsein notwendiger Veränderung. Oder mit Hegel: »Eine Verfassung überhaupt, wenigstens im Occident, wo subjektive Freiheit ist, bleibt nicht stehen, verändert sich immer, es wird immer revolutioniert, dies geht immer fort. Man braucht nur, um dies einzusehen, die Entwicklung des Bewusstseins seit 50 Jahren zu betrachten, danach haben sich alle Institutionen und Verhältnisse gestaltet. Das Bewusstsein läuft zwar der Wirklichkeit voraus, aber diese kann nicht bestehen, ist nur leere Existenz, wenn sie als Äußeres nicht mit dem Geiste identisch ist. Es ist nur die Welt des Geistes, von ihm verlassen hat es keinen Halt.« Gilt auch für Konterrevolutionen.

Arnold Schölzel ist ehemaliger Chefredakteur dieser Zeitung. Am 14. Februar 2020 schrieb er an dieser Stelle über Max Horkheimer.

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