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Frühe Neuzeit

Um Jahrhunderte voraus

Revolte innerhalb der Revolution: In der Zeit des englischen Bürgerkriegs von 1642 bis 1651, entstanden auch frühkommunistische Ideale. Zum 350. Todestag des Revolutionärs Gerrard Winstanley

Foto: John Weesop/Wikimedia Commons
Ein radikaler Schnitt in der englischen Geschichte, der noch radikalere Gedanken ermöglichte. Gemälde der Hinrichtung Karls I. mit Vorher-nachher-Bildern des Königs links und rechts (unbekannter niederländischer Maler, 1649)

Kommt heute jemand auf die »Levellers«, »New Model Army« und die »Diggers« zu sprechen, dann handelt es sich dabei vermutlich um einen Menschen um die 50, der immer noch gerne Rockkonzerte besucht. Denn New Model Army sind eine englische Folkrockband, die 1980 in der Industriestadt Bradford gegründet wurde, die Levellers eine 1988 gegründete Anarcho-Folkrockband aus der südenglischen Hippiehochburg Brighton, und die Diggers waren eine schottische Powerpopband, die sich schon nach einem Album (1997) auflöste und entsprechend von den dreien am wenigsten bekannt ist.

Was die drei Bands eint, ist, dass sie sich nach politischen Gruppierungen benannten, deren Wirken mehr als dreihundert Jahre zurückliegt. Das zeugt vom kollektiven Erinnerungsvermögen nicht nur einer Nation, sondern vor allem auch einer Klasse. Denn die Gruppierungen waren mehr oder weniger radikale Bewegungen in der englischen Revolution, die von 1642 bis 1651 als Bürgerkrieg ausgetragen wurde. »New Model Army« war der Name von Oliver Cromwells Revolutionsarmee, die den Sieg gegen die Monarchie errang und – durch Hinrichtung des Königs Charles I. – England für einen kurzen historischen Moment in seiner Geschichte zur Republik machte. Die »­Levellers« (Gleichmacher) waren eine frühdemokratische Bewegung, die auf Volkssouveränität, die Ausweitung des Wahlrechts auf die unteren Klassen, Religionstoleranz und Rechtsgleichheit orientierte. Die »Diggers« wiederum waren eine der radikalsten Gruppierungen der Zeit, die sich darum auch die »True Levellers« nannten. Sie strebten – ebenso wie die »Ranters«, die Tony Kushner in seinem Kapitalismusstück »Hydriotaphia« von 1987 verewigt hat (vgl. junge Welt vom 16.7.2026) – einen Agrarkommunismus an, der die kapitalistische Umwandlung des Gemeindelandes in Privateigentum wieder umkehren sollte. Ihr Anführer war Gerrard ­Winstanley.

Radikale Ideen

Die englische Revolution war ein Laboratorium radikaler Ideen. Von »etwa 1645 bis 1653«, schreibt der bedeutende englische Revolutionshistoriker Christopher Hill in seinem Standardwerk »The World Turned Upside Down«, habe sich »in England eine große Umwälzung, Hinterfragung und Umwertung des Bestehenden« vollzogen. Die Aufgabe bestehe darin, so Hill in seinem Buch »Über einige geistige Konsequenzen der englischen Revolution«, zu erklären, wie es zu diesem »phantastischen Ausbruch radikaler Ideen und Aktionen, der in alle Bereiche des Lebens hineinwirkte«, kommen konnte – und was daraus wurde.

Die Bürgerrevolution gegen die Monarchie, die für die parlamentarische Einschränkung der absoluten monarchischen Macht stritt, konnte – wie im Grunde jede Revolution, die kein Staatsstreich ist – nur erfolgreich sein auf dem Rücken der Volksklassen, die auch in der New Model Army kämpften. Die englische Revolution war außerdem keine klassische bürgerliche Revolution, die kapitalistische Eigentumsverhältnisse durchsetzte: Es ging vornehmlich um die Anpassung der staatlichen Verfassung an bereits existierende neue Eigentums- und Klassenverhältnisse. Denn das kapitalistische Privateigentum war auf dem Land längst durchgesetzt. Die Einhegung des Gemeindelandes, die Enteignung und Vertreibung der Landbevölkerung vollzogen sich bereits im 16. Jahrhundert. Es war Thomas Morus (1478–1535), der diese Vorgänge beschrieb. In den Werken von William Shakespeare (1564–1616) liest man noch von ihren Ausläufern. Die eigentumslose Klasse, ein Agrarproletariat, existierte Mitte des 17. Jahrhunderts also längst. Das erste Workhouse (Arbeitshaus), in das man die vagabundierenden, landlosen Pauper sperrte, war bereits 1631 in Abingdon errichtet worden. Mit anderen Worten: Das utopische Denken des Spätmittelalters und der frühen Moderne (Morus, Campanella, Bacon usw.) fand einen ersten Zielpunkt in einer konkreten gesellschaftlichen Bewegung. Die Revolution setzte ihre Träume frei. Es war unter anderem Winstanley, der sie artikulierte. Wenn man heute seine Schriften liest, ist man schlicht baff, wieviel von dem, was in der modernen sozialistischen Arbeiterbewegung und von Karl Marx und Friedrich Engels gedacht wurde, hier – zweihundert Jahre zuvor – bereits umrissen wurde.

97 zu drei

Das Ziel der agrarkapitalistischen Klasse war es, die Macht der Monarchie einzuschränken. Ihre geistige Waffe war das moderne liberale Staatsdenken. 1651 erschien mitten im Bürgerkrieg der »Leviathan« von Thomas Hobbes. Sein Ziel ist vordergründig die Rechtfertigung des autoritären Staates, seine Methode und Begründung stützen sich jedoch auf den bürgerlichen Individualismus, einen Liberalismus, der den Staat immanent legitimiert. Nach dem Ende des Bürgerkriegs mündete dieses Staatsdenken in den »Zwei Abhandlungen über die Regierung« (1689) von John Locke.

Das bevorzugte Mittel, um die monarchische Macht einzuschränken, war das Parlament. Später, während der Amerikanischen Revolution, würde man das »No taxation without representation« nennen. Die Frage war aber, wer als Bürger gelten und repräsentiert werden dürfe. Die Gentry, also die agrarkapitalistische Klasse, war eine kleine Minderheit, die etwa zwei Prozent der Bevölkerung ausmachte. Zähle man hierzu, so Christopher Hill, noch die »Peers, Bischöfe, Baronets, Knights, Esquires, Gentlemen, größere und kleinere Verwaltungsbeamte, Großkaufleute, Händler und Advokaten« dazu, also all jene, »deren Jahreseinkommen 100 Britische Pfund überstieg«, dann käme man auf »drei Prozent«. Diese kleine Schicht der Besitzenden und Eliten wollte das Wahlrecht auf sich selbst beschränkt wissen. Die Staatsrevolution von Oliver Cromwell bedurfte aber der Volksklassen; entsprechend schwer war es, den Deckel auf ihren Vorstellungen der demokratischen Teilhabe zu halten.

Die Diggers erinnerten in einem Schreiben »Seine Exzellenz Lord Fairfax und den Kriegsrat« an den »gemeinsam über den König errungenen Sieg« und verknüpften ihre radikalen egalitären Forderungen damit. Die englische Revolution wurde damit zur ersten historischen Verdichtung des jahrhundertelang und bis heute wirksamen Gegensatzes von Liberalismus und Demokratie. Die Revolution brachte mit den Levellers jene Kräfte hervor, die das Wahlrecht radikal demokratisch auf alle Volksklassen ausdehnen wollten, was freilich die Klassenherrschaft der ­Gentry gefährdet hätte. Die »Putney Debates« von 1647 sind ein bemerkenswertes Dokument der Gegensätze zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden, zwischen Agrarbourgeoisie und Volksklassen. Der Historiker Hill ist überzeugt: »In einem objektiven Sinne repräsentieren die Ideen beispielsweise der Leveller wohl sehr viel eher die realen Interessen der Bevölkerungsmehrheit als das Regime und die Ideen, die sich nach 1688 unter der Whig-Oligarchie noch eindreiviertel Jahrhunderte hielten.«

Das Besondere an Winstanley und den Diggers ist, dass sie über die Verfassungsfrage hinausgingen und die ökonomischen Verhältnisse selbst in den Blick nahmen. In der »Revolte innerhalb der Revolution« waren sie die radikalste Gruppierung und Opposition. Sie nannten sich die »True Levellers«, weil sie »auch neue ökonomische Vorstellungen« vorbrachten. Ihre Ziele waren kommunistisch. Die Diggers waren, schreibt Hill, »ausgehend vom Naturrecht, der Ansicht, daß es ›allgemeine Freiheit erst dann geben kann, wenn (…) das Gemeineigentum durchgesetzt worden ist‹«. »Ich sage dir, England«, schreibt Winstanley, der Anführer der Diggers, in »Eine Parole für die Stadt London und die Armee«, »all deine Schlachten sind jetzt geistlicher Natur – der Drache kämpft gegen das Lamm und die Macht der Liebe wider die Habsucht. Wer also ein Krieger für Christus, das Gesetz der Gerechtigkeit, sein will, der trete an die Seite des Lammes. Wer aber das eiserne Schwert nimmt, soll durchs Schwert umkommen.«

Mit Gott gegen Privateigentum

Winstanley wurde 1609 geboren. Seine Revolutionsschriften wie »Das neue Gesetz der Gerechtigkeit« und »Das Gesetz der Freiheit« sind eine radikale Alternative zu jener Art von liberalem Denken à la Hobbes und Locke, die der kanadische Ideenhistoriker C. B. Macpherson einen »Besitzindividualismus« genannt hat. Es war Locke, der auf der Grundlage des »Naturrechts« argumentierte, dass jeder Bürger sich so viel Eigentum aneignen dürfe, wie er sich selbst zu verschaffen in der Lage ist. Es war das Rechtfertigungsschema für den Kapitalismus schlechthin.

Ab Ende des 19. Jahrhunderts bemühte sich Karl Kautsky, die »Vorläufer des neueren Sozialismus« im Sinne der proletarischen Bewegung in der Geschichte zu identifizieren, und verfolgte sie bis zur antiken Philosophie von Platon zurück. Kautsky zeigte auf, dass das Urchristentum wesentlich kommunistisch war und dass in der Reformationszeit des frühen 16. Jahrhunderts – ähnlich wie ein Jahrhundert später in der englischen Revolution – eine Unzahl an christlich-kommunistischen Revolutionären wie Thomas Müntzer und radikale Sekten wie die Täuferbewegung hervorgebracht wurden, deren Hoffnungen auf das Reich Gottes auf Erden von kommunistischen Erlösungsvorstellungen gekennzeichnet waren. Die von den Herrschenden blutig niedergeschlagene Kommune von Münster (1534/35) war eine der bemerkenswertesten Ausdrucksformen dieser Bewegungen.

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Winstanley und die religiösen egalitären Bewegungen der englischen Revolution stehen in dieser Tradition. Der Revolutionsführer suchte in seinen Schriften mit Verweisen auf Bibelpassagen nachzuzeichnen, dass Gott das Privateigentum ablehne und der Menschheit das Gemeineigentum vorschreibe. Die Bibel – das einzige Werk, das Winstanley in seinem durchaus nicht kleinem Buch zitiert – kannte er hervorragend. Seine zentrale Argumentation findet sich unter anderem in der Schrift »Eine bescheidene Bitte«, die beweisen will, dass »nach dem Gesetz der Schöpfung (…) die ganze Erde als eine gemeinsame Schatzkammer allen Menschen zum freien Lebensunterhalte zubestimmt« ist. Die »Erde der Schöpfung« sei, schreibt er in »Wofür das Banner der Wahren Leveller weht«, »allen gemeinsam zur Vorratskammer« gemacht worden. Und jetzt werde sie »gekauft und verkauft und befindet sich in den Händen einiger weniger, wodurch dem großen Schöpfer gewaltiger Schimpf angetan« werde, »als ließe dieser Unterschiede der Person gelten und fände gar Gefallen daran, daß einige ein behagliches Dasein genießen und andere in elender Not und Armut leben müssen«. Das sei aber gegen Gottes Gesetz. »Und daß dieses private Eigentum der Fluch ist«, so Winstanley, werde »daraus ersichtlich, daß diejenigen, die das Land kaufen und verkaufen und Grundherren sind, dieses Land entweder durch Unterdrückung, durch Mord oder durch Diebstahl an sich gebracht haben, und so leben denn alle Grundherren in Mißachtung des siebenten und achten Gebots: Du sollst nicht stehlen und nicht töten.« Kain und Abel, die beiden Brüder, stünden »sinnbildlich oder vorwegnehmend für alles, was die Menschen einander antun, und lassen die Finsternis offenbar werden, welche die Menschheit seither umfängt«.

Dabei gehe es um das Reich Gottes auf Erden. Die Zeit sei »nahe«, zitiert Winstanley die Bibel, »da der Mensch nicht mehr von Gerechtigkeit bloß reden, sondern sie üben« werde. 1652 übte Winstanley scharfe Kritik an den Priestern, »die den Armen erklären, sie sollen mit ihrer Armut zufrieden sein, weil sie ja später in den Himmel kommen«. Warum, so fragt er, »können wir unseren Himmel (das heißt, ein angenehmes Leben auf Erden) nicht schon jetzt und später auch noch den Himmel haben?« Winstanley klingt hier bereits fast wie Heinrich Heine oder Karl Marx, wenn er zornig schreibt: »Wenn Männer gen Himmel blicken, sich vorstellen, nach ihrem Tod das Paradies oder die Hölle zu erleben, dann sind ihre Augen blind, so daß sie nicht sehen, was ihnen von Geburt an zusteht und was sie zu Lebzeiten hier auf Erden tun müssen.«

Niemand soll Herr sein

Zu diesem Zeitpunkt hatten Winstanley und die Diggers ihre agrarkommunistischen Ziele bereits praktisch werden lassen. Zum 1. April 1649, einem Sonntag wenige Wochen nach der Exekution des Königs, hatten sie auf St. George’s Hill eine Kommune gegründet. Gegenüber der Regierung pochten Winstanley und die Diggers auf ihren Anteil an der Revolution: Sie würden, schrieb Winstanley am 8. Dezember an den »Herren General und seinen Kriegsrat«, einerseits »Anspruch auf diese Freiheit erheben, nämlich uns das Gemeindeland (…) zunutze zu machen«, weil »wir (es) mit unserem Blut und unserem Geld bezahlt haben« und »wegen des gleichen Anteils, den wir an dem Sieg über den König haben, denn das Parlament erklärte ja doch, alles, was geschähe, werde der Sicherheit und dem Frieden der ganzen Nation dienen, wie auch die Armee uns wissen ließ, sie kämpfe nicht auf eigene Rechnung«. »Das Werk«, das man sich vorgenommen habe, bestehe »darin, daß wir auf dem Georgshügel und dem angrenzenden Brachland graben und Korn anbauen wollen, um im Schweiße unseres Angesichts dort gemeinsam unser Brot zu essen. Und unter all unseren Gründen steht derjenige zuoberst, daß wir für die Gerechtigkeit wirken und das Fundament legen wollen, um die Erde zu einer gemeinschaftlichen Schatzkammer für alle, Reiche wie Arme, zu machen, auf daß jeder im Lande Geborene von seiner Mutter Erde, die ihn hervorgebracht, entsprechend der in der Schöpfung waltenden Vernunft ernährt werden möge. Niemand soll zu eigenem Nutzen ein Stück Erde einhegen, sondern alle sollen eines Sinnes sein und wie die Söhne eines Vaters und die Glieder einer Familie miteinander arbeiten und miteinander essen, und niemand soll Herr sein über einen anderen, sondern alle sollen einander als gleich betrachten vor der Welt, damit der Meister also durch das Werk seiner eigenen Hände gelobt werde und jeder sehen möge, daß er keinen Unterschied der Person kennt, sondern all seine Geschöpfe gleich liebhat und allein die Schlange haßt, das heißt: die Habgier, die ihrerseits mit selbstsüchtigen Hirngespinsten, mit Hochmut, Niedertracht und Unreinigkeit einhergeht.«

Ihre Forderungen haben die Diggers in der von Winstanley verfassten »Erklärung des armen, unterdrückten Volkes von England« vorgebracht: »Im Namen aller unterdrückten Armen Englands tun wir, die Unterzeichner dieser Erklärung, euch, die ihr euch Gutsherren und Grundbesitzer nennt, hiermit das Folgende kund und zu wissen: Der König der Gerechtigkeit, unser Schöpfer, hat unsere Herzen mit der Erkenntnis erleuchtet, daß die Erde nicht zu dem Zwecke geschaffen ward, damit ihr über sie herrscht und wir euch als Sklaven, Knechte und Bettler überantwortet sind, sondern damit sie ohne jegliches Ansehen der Person dem gemeinsamen Lebensunterhalt aller diene, und daß der von euch herbeigeführte Kaufhandel mit dem Land und den Früchten desselben der wahre Fluch ist und zur Folge gehabt hat, daß ein Teil der Menschheit an einem anderen Teil seither Mord und Diebstahl verübt, was für die gequälte Schöpfung die härteste äußere Bürde und Ungerechtigkeit darstellt, die sich denken läßt.« Nun aber, »da der König der Gerechtigkeit die Schreie unserer gequälten Herzen erhört« habe »und uns zum Bewußtsein unserer Bedrückung gebracht hat, nehmen wir es als ein Zeichen seiner Liebe, daß unsere sklavische Furcht vor Männern wie euch dahinzuschwinden beginnt, und so sind wir denn, gestützt auf das inwendige Gesetz der Liebe zueinander zu dem Entschluß gekommen, auf den Gemeindeweiden und Brachäckern des ganzen englischen Landes zu graben und zu pflügen und uns dabei eines so untadeligen Verhaltens zu befleißigen, daß eure Gesetze uns nicht erreichen sollen, um uns weiter niederzudrücken, sofern ihr nicht durch eure Gesetze das unschuldige Blut vergießen wollt, das in unseren Adern fließt«.

Das war vorausschauend formuliert. Denn die Diggers wurden als »aufrührerische Gesellen« verfolgt und ihre Kommune von der herrschenden Klasse geplündert und blutig aufgerieben. Das Graben, die Kommune am Georgshügel, sei, schreibt Hermann Klenner in einer Winstanley-Anthologie, »von vornherein als Keimzelle einer die ganze Nation, schließlich die Menschheit insgesamt umfassenden Verbrüderung auf der Grundlage vergesellschafteten Eigentums, einer ›universal community‹, gedacht.« Und die Diggers seien die praktische Widerlegung des Satzes gewesen, dass »die Praxis (…) die Esserin von Utopien« ist. Im Falle der Diggers sei es »umgekehrt« gewesen, die »Praxis produzierte sie«. Aber auch weitere Digger-Gründungen in Kent, Northamptonshire, Buckinghamshire, Hertfordshire, Middlesex, Bedfordshire, Leicestershire, Gloucestershire und Nottinghamshire wurden von den Herrschenden zerstört.

Freie Republik

Winstanley verlagerte seine Tätigkeit in der Folge auf die systematische Begründung seines kommunistischen Gesellschaftsentwurfs in seiner an Oliver Cromwell gerichteten Schrift »Das Gesetz der Freiheit« von 1652, erschienen ein Jahr nach Beendigung des englischen Bürgerkriegs. Er begründete darin, dass die »wahre Freiheit in einem Gemeinwesen (…) auf der freien Verfügung über die Erde« beruhe. Die Spaltung der Menschheit in Herren und Knechte, schrieb er, dabei Gedanken von Marx’ Frühschriften vorwegnehmend, sei eine Form der Entfremdung. Der »Ruhm des Reiches Israel« habe darin bestanden, »daß es keine Bettler in ihm« gegeben habe. Am Ende wird in Winstanleys Schrift für eine Staatsverfassung mit einer gemeinwirtschaftlichen Ordnung argumentiert, die er »freie Republik« nennt.

Winstanleys Denkansatz, schreibt Hermann Klenner in seinem Nachwort der Winstanley-Anthologie, habe, »objektiv gesehen, nicht beim Klassengegensatz Bourgeoisie/Adel« gelegen, sondern »eine ganze Epoche weiter nach vorn«. Dass so etwas »möglich« geworden sei, sei »nicht einem Urphänomen menschlicher Sehnsucht geschuldet«, sondern der Tatsache, dass die Eigentumsrevolution hin zur kapitalistischen Ordnung zu diesem Zeitpunkt längst vollzogen war. Dies war die objektive gesellschaftliche Grundlage für die radikale Weitsicht des englischen Revolutionärs. Es ging um mehr als Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz, es ging um das Gesetz der Freiheit, das auf der Gleichheit des Eigentums in Gestalt einer Gemeinwirtschaft fußt. Die Levellers, so Klenner, hätten »auf die Gleichheit (von reich und arm) vor dem Gesetz, die Diggers auf einen Schutz ökonomisch Gleicher durch das Gesetz« abgezielt.

»A common treasury for all«

Anders als bei den deutschen Bauernkriegen des frühen 16. Jahrhunderts, denen fast ausschließlich im 19. Jahrhundert Lieder gewidmet wurden, wobei an authentischem Material nur Textfetzen aus Gerichtsprozessen gegen die Aufständischen verwendet wurden, ist ein Gedicht, das Winstanley selbst noch für die Bewegung schrieb, bis heute überliefert und – von Leon Rosselson bis Chumbawamba – auch immer wieder neu vertont worden. In der deutschen Nachdichtung heißt es in einer Strophe: »Die Reichen stehn wie eine Wand, zum Kampf macht euch bereit. / Die Reichen stehn wie eine Wand, seid bereit. / Die Reichen stehn wie eine Wand, zu allen Seiten beieinand’ / und nur ein Ziel kennt ihr Verstand, / wie sie uns bringen um das Land. / Zum Kampf macht euch bereit.«

Winstanley, die Diggers und die Georgshügel-Kommune sind in die Popkultur eingegangen. Rosselson gedachte der Diggers 1975 mit dem an einen Winstanley-Text angelehnten Song »The World Turned Upside Down«, der dann von unzähligen Künstlern wie Billy Bragg, Dick Gaughan und der Oyster Band gecovert worden ist und der vor ein paar Tagen auch wieder auf den UZ-Friedenstagen am Berliner Franz-Mehring-Platz zu hören war. In der zweiten von sieben Strophen heißt es da: »We come in peace, they said / To dig an sow / We come to work the land in common / And to make the waste land grow / This earth divided / We will make whole / So it can be / A common treasury for all.«

Indem sich die Rockbands New Model Army, Levellers und Diggers in diese Tradition stellten, verbanden sie – vor allem die ersten beiden – damit auch ein Statement. Sie gründeten sich als explizit politische Bands gegen den Neoliberalismus der britischen Premierministerin Margaret Thatcher, die im Namen der Freiheit fast alle noch im Staatsbesitz befindlichen Dinge an Kapital und Superreiche verhökerte. New Model Army, antikapitalistisch, antiimperialistisch und radikalökologisch eingestellt, erinnerten mit »Song to the Men of England« direkt an den Zorn der Diggers in bezug auf das Privateigentum und die Ausbeutung, die es ermöglicht: »Men of England, wherefore plough / For the Lords who lay you low? / Wherefore weave with toil and care / The rich robes your tyrants wear?«

An die Macht der arbeitenden Klassen, die Ausbeutung auch abschaffen zu können, erinnert der späte Levellers-Song »Truth Is«: »Go on and speak your mind / Let’s find out what it is you have to say / But nobody turns away. / You said it loud and clear / We have to work, we have to earn our pay. / Well I’m sorry not today: / Truth is if I don’t make it / Then you can’t take it. / And if I don’t sew it / Then you can’t wear it. / Truth is if I don’t grow it / Then you can’t eat it. / And if I don’t aim it / Then you can't shoot it. / It's a little bit late / Over at the end.«

Seiner Zeit im Grunde um 200 Jahre voraus, ist die Erinnerung an Gerrard Winstanley, seine Bewegung und seinen Geist auch 350 Jahre nach seinem Tod bis heute und vor allem in Großbritannien »very much alive«.

Literatur

– Gerrard Winstanley: Gleichheit im Rechte der ­Freiheit, herausgegeben von Hermann Klenner. Reclam, ­Leipzig 1986.

– Christopher Hill: The World Turned Upside Down. Penguin, New York 1984

Christopher Hill: Über einige geistige Konsequenzen der englischen Revolution. Klaus Wagenbach-Verlag, Berlin 1990

– Geoff Kennedy: Diggers, Levellers, and Agrarian Capitalism. Radical Political Thought in Seventeenth Century England. Lexington Books, Lanham/Maryland 2008

→ Ingar Solty schrieb an dieser Stelle zuletzt am 16. Juli 2026 über den US-Dramatiker Tony Kushner anlässlich dessen 70. Geburtstags: »Geburt und Tod des Kapitalismus«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.09.2026, Seite 12, Thema

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→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 10. Sept. 2026 um 19:31 Uhr
    Der Text ist großartig. Allerdings verwendet er den Begriff des Kommunistischen doch etwas zu großzügig, wenn er in ihm nur die prinzipielle Gleichheit aller Gesellschaftsmitglieder sieht. Die ökonomische Seite bleibt außen vor: Dass dieser Traum sich konkret nur auf einer sehr hohen Entwicklungsstufe von Ökonomie und Gesellschaft erfüllen lässt. Jedenfalls ist die Gleichverteilung von Armut – Mao hatte das intensiv propagiert – noch längst kein Kommunismus. Wir sehen heute in China, wie wichtig es ist, das zu verstehen, wenn man den Kommunismus erreichen will. Der nämlich ist nicht nur das Einfache, das schwer zu machen ist: Er braucht viel mehr und langwierigere Veränderungen, als nur eine Umverteilung des bereits bestehenden gesellschaftlichen Reichtums.
  • Onlineabonnent*in Wolfram A. aus P. 10. Sept. 2026 um 17:01 Uhr
    Danke, lieber Ingar Solty, für diesen schönen Text. Und danke auch für den Verweis auf das Winstanley-Buch von Hermann Klenner aus dem Jahre 1986 (Leipzig, DDR). Der damals 60jährige Klenner hat 2026 seinen Hundertsten gefeiert, und die lange Liste der von ihm herausgegebenen Bücher zur Geschichte der Weltbetrachtung und des darauf fußenden Veränderungsstrebens umfasst aus dem britischen Königreich außer Winstanley auch John Locke, John Milton, James Harrington, Thomas Hobbes, Mary Wollstonecraft, William Godwin und Francis Bacon. In den 1990er und 2000er Jahren hat Hermann Klenner zudem die Zeitschrift »Utopie kreativ« mit Aufsätzen zu diesen Persönlichkeiten beschenkt. Da ist, wenn’s denn gewollt wird, ein schöner Zugang zu ihnen ermöglicht. Was ziemlich nützlich sein kann auf dem Weg, sich zu vergewissern, dass Revolution zur Menschheit gehört.
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