Kahlkopf des Tages: Weinberg Dienheim
Kunst legt vor, Leben zieht nach. Die 2010 in die Kinos gelangte Kinderklamotte »Ich, einfach unverbesserlich« beginnt damit, dass ein Superschurke über Nacht und unbemerkt die Cheopspyramide gestohlen hat. Vor Ort fällt nur noch eine gigantische Aufblasattrappe in sich zusammen. Gru fühlt sich herausgefordert, und der Klamauk nimmt seinen Lauf.
Das Leben zog nach. Jetzt. 16 Jahre oder vier Filme später greift die Sitte des logistisch nicht erklärbaren Großdiebstahls von der Fiktion auf die Realität über. Die Sache hört sich tatsächlich an, als entstamme sie einem Animationsfilm. Unbekannte haben von einem Weinberg in Rheinland-Pfalz sämtliche Weintrauben gestohlen. Auf einer Länge von mehr als 1,7 Kilometern wurden in Dienheim die Rebzeilen enttraubt, wie die Polizei Oppenheim am Freitag mitteilte. Was man nicht alles erreichen kann, wenn man 10.000 Minions zur Hand hat. Oder einen Vollernter und ein paar Lastkraftwagen. Dennoch dürfte die unbemerkt gebliebene Aktion einige Zeit in Anspruch genommen haben.
Der Schaden wird auf 4.000 Euro geschätzt. Die Weinmenge, die aus den gestohlenen Trauben gewonnen werden kann, auf 5.000 Liter. Ein Literpreis von 80 Cent also. Den Wein, den das bedeutet, möchte ich um alles in der Welt nicht probieren. Peer Steinbrück hat nicht viel gesagt von Substanz im Lauf seiner politischen Karriere, aber das eine Mal, da hatte er wirklich recht: Einen Pinot Grigio für unter fünf Euro sollte man besser nicht trinken. Einen Müller-Thurgau, welchen Preises auch immer, noch weniger. Feinerfühlende behaupten, die Traube sei zum Reinigen von Weinfässern gezüchtet worden. 80 Cent pro Liter sind allerdings noch eine Spielklasse drunter. Fassweinpreis, das Zeug, das beim Aldi im Tetrapak ist.
Steinbrück hat der Satz übrigens die Wahl gekostet. Dieses Land kann die Wahrheit nicht ertragen.
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