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Was für ein Ball?
Na, Spikeball: Eine Art Volleyball mit Trampolin. Selbstversuch mit Hipster
Ende August, Polittreffen in Norddeutschland. Wer etwas Pause von Workshops braucht, kann im Garten Tischtennis spielen. Die Platte ist rau und der Wind stark, aber Sport ist Sport.
Einige der Anwesenden sind vorbereitet und haben eigene Schläger mitgebracht. Als ich einer von ihnen, Emilia, dazu gratuliere, meint sie, dass sie am liebsten ein Spikeballset mitgenommen hätte.
»Was für ein Ball?«
»Spikeball.«
»Nie gehört.«
»Das ist ein Hipstersport«, erklärt sie mir, »den spielen Männer mit Schnurrbärten.« Dann im Flüsterton: »Aber der ist richtig geil.«
Peinlich berührt, weil als vermeintlicher Sportfachmann ahnungslos, verabreden wir uns für ein Spikeballspiel zwei Wochen später in Berlin. »Humboldthain, in der Mitte der großen Wiese.« Wir finden uns tatsächlich. Emilia bringt ihre Freundin Sophia mit, denn auch sie sei »ultra on fire für das Game«. Unser vierter Spieler, extra aus einer ostdeutschen Kleinstadt angereist, ist verspätet, da er keinen Weg aus dem Bahnhof Gesundbrunnen findet. Kann passieren.
Es braucht vier Leute, um Spikeball zu spielen. Der Sport heißt eigentlich Roundnet und wurde Ende der 80er Jahre ins Leben gerufen, doch es bedurfte eines 2008 von der Firma Spikeball auf den Markt geworfenen Sets, um dem Spiel so richtig Schwung zu geben. Der Name der Firma blieb umgangssprachlich hängen.
Ein Spikeballset kann fast überall aufgebaut werden. Plastikteile werden zu einem Ring zusammengesteckt, darüber wird ein Netz gespannt. Das Resultat sieht aus wie ein Minitrampolin mit einem geschätzten Durchmesser von einem Meter. Darauf muss ein kleiner Plastikball (Größe halber Handball) geschlagen werden. Der Rest ist Volleyball: Die Leute, die ein Team bilden, dürfen den Ball hin und her spielen, nach der dritten Berührung muss er wieder aufs Netz. Alle dürfen sich bewegen, wie sie wollen. Fällt der Ball auf den Boden oder trifft ein Team das Netz nicht, ist der Punkt verloren.
Man kann es komplizierter machen und ausgiebig darüber diskutieren, wer wie viele Angaben hat, wann Positionen zu wechseln sind oder wann ein Spieler einem anderen im Weg steht und eine Wiederholung des Punktes fällig wird. Doch das lässt sich klären. Roundnet als organisierter Wettkampfsport hat bindende Regeln, aber der organisierte Wettkampfsport spielt bei uns zweite Geige. Emilia und Sophia werben für Roundnet als Volkssport. »Es ist übelst viel Bewegung drin, aber es geht auch um Geschicklichkeit und das Taktische«, schwärmt Emilia. Sophia ergänzt: »Jede Person, die ein bisschen Ballgefühl hat, kommt da supergut rein, und dann macht es relativ schnell richtig viel Bock.« Bleibt nur, das Spiel aus den Klauen der Hipster zu befreien.
Am Tag unseres Sportdates im Humboldthain sind wir die einzigen Spikeballspieler. Vielleicht sind wir für die Hipster zu früh am Start. Mir ist es egal, ich konzentriere mich auf meine Lernkurve. Fünfzehn Minuten dauert es Emilia zufolge, um das Spiel »kognitiv zu erfassen«. Bei mir dauert es gefühlt länger. Ich stehe falsch, spiele die Bälle zu zentral auf (je schärfer der Winkel, desto tödlicher), kämpfe mit der richtigen Schlaghöhe. Doch Schritt für Schritt wird es besser, und, siehe da, dank einer glänzend aufgelegten Teamkollegin gewinne ich irgendwann einen ersten Satz und denke mir: »Gutes Spiel!«
Doch da taucht ein anderes Problem auf. Ich stufte die Verletzungsgefahr von Anfang an als groß ein, und nach zwei Stunden ist ein Knie aufgeschlagen (macht nichts) und ein Daumen gestaucht (unangenehm). Ja, es gibt gute Argumente dafür, nahe des Rentenalters bei der Jagd nach einem Gummiball nicht auf Wiesen herumzukugeln, nur: Wer will diese Argumente schon hören? Sportlicher Ehrgeiz, Starrsinn und die Illusion ewiger Jugend wiegen schwerer.
Dann steht er plötzlich vor uns: der Mann mit dem Schnurrbart. Was für ein Spiel das sei, will er wissen. Der junge Herr ist freundlich und auf dem Weg zu einem Zug nach Paris. Er hat kurz Zeit, um meinen Platz in der Runde einzunehmen und das Spiel zu testen. Ungeachtet feiner, Paris gerechter Kleidung rollt auch er bald im Gras. Doch das mache nichts, versichert er uns, die Kleider seien dunkel, da würden Schmutzflecken nicht auffallen. Bevor er weitereilt, bedankt er sich für die »herzliche Aufnahme«. Volkssport.
Das Resümee? Spikeball macht tatsächlich Spaß, und die finanziellen Hürden sind bescheiden. Im Internet finden sich gebrauchte Sets für weniger als 30 Euro. Dass man genau vier Spieler benötigt, ist nicht ideal, doch in der Community hilft man sich. Ob es Emilia und Sophia stört, wenn sie mit Hipstern spielen müssen? Nein. Emilia trocken: »Für Spikeball geb’ ich auch einem Hipster ein High Five.«
Allerhand. Und doch wird es eine Zeit brauchen, bis das Spiel den Weg vom urbanen Hipsterbiotop zu den Massen gefunden hat. Der politische Sportjournalismus wird ein Auge darauf werfen.
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