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Enteignung von oben
Tag der wohnungslosen Menschen: Hunderttausende ohne Bleibe, die der Staat eher drangsaliert, als ihnen zu helfen
Am Tag der wohnungslosen Menschen soll dorthin geschaut werden, wohin Menschen sonst eher nicht blicken. Unter dem Motto »Hinschauen. Aktiv werden. Gemeinsam gegen Wohnungsnot« ruft die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) seit 2009 dazu auf, ein Zeichen für mehr Aufmerksamkeit und gesellschaftliche Verantwortung für Menschen ohne feste Bleibe zu setzen.
Auf der Website der BAG W können sich Interessierte darüber informieren, wie sie sich engagieren können. Ob der dort vorgeschlagene Flashmob den mehr als eine Million Wohnungslosen tatsächlich hilft, sei dahingestellt. Die Zahl stammt aus einer Schätzung der BAG W für das Jahr 2024. Anfang 2026 waren 41 Prozent der rund 453.000 untergebrachten Wohnungslosen Kinder und junge Erwachsene unter 25 Jahren. Auch der Anteil wohnungsloser Frauen bleibt hoch: Sie stellen rund 42 Prozent der untergebrachten Wohnungslosen. Wohnungslosigkeit bedeutet dabei nicht automatisch, auf der Straße zu leben. Die meisten Betroffenen haben zumindest vorübergehend eine Bleibe. Ein Teil von ihnen ist in Notunterkünften oder bei Bekannten untergebracht. Ganz ohne Unterkunft und damit obdachlos waren 2024 laut BAG W rund 56.000 Menschen.
Die Bundesregierung verfolgt das Ziel, bis 2030 die Obdach- und Wohnungslosigkeit zu überwinden. Dafür setzt sie auf mehr sozialen Wohnungsbau, bessere Hilfsangebote und die Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen. Vermutlich nicht im Sinn dieses Vorhabens sind die geplante Wohngeldkürzung und die Räumung von Menschen, die von diesen Hilfsangeboten offenbar nicht erreicht werden, wie zuletzt in Berlin.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am Donnerstag den Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Mohammed bin Sajid Al Nahjan, empfangen. Kurz zuvor war ein Obdachlosencamp vor dem Kanzleramt geräumt worden. Das Bundespräsidialamt verweist auf die »Sicherheit«. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass das Camp als mögliches Versteck für Waffen oder Sprengsätze diene. Doch auch nach dem Staatsbesuch soll die Fläche dauerhaft gesichert, also von Menschen ohne Wohnung freigehalten werden. Steinmeier empfängt nach Angaben des Bezirks jährlich zehn bis 15 hochrangige Staatsgäste. Der Bezirk Mitte prüft deshalb, ob ein Zaun um die sogenannte Sicherheitszone errichtet werden kann, damit sich unter der Brücke kein neues Camp bildet. Für die Betroffenen bleibt vom Kampf gegen die Obdachlosigkeit damit vor allem eines: die Räumung. Das Problem ist schließlich leichter aus dem Blickfeld zu schaffen als zu lösen.
Doch man sollte sich nicht in Sicherheit wiegen, nur weil man ein Dach über dem Kopf hat. In Duisburg-Marxloh wurden im Rahmen der sogenannten Taskforce Problemimmobilien seit 2015 mehr als 130 Häuser geräumt und damit bis zu 3.300 Menschen wohnungslos. Ein Drittel davon sind Kinder und Jugendliche, berichtet das Onlinemagazin Veto am Dienstag. Offiziell geht es um die Prüfung und Schließung von Immobilien in schlechtem Zustand. Inoffiziell lässt sich darin allerdings auch die Verdrängung von weniger zahlungsbereiten Mietern und die Spekulation mit Wohnraum erkennen.
Von den zahlreichen geräumten Gebäuden wurden bis Mitte 2024 nur 21 von den Eigentümern saniert und wieder für den Wohnungsmarkt freigegeben, berichtet Shabnam Shariatpanahi von der Initiative »Marxloher Nachbarn«. Was mit den Menschen nach der Räumung geschieht, bleibt damit häufig eine offene Frage.
Ob also mit Dach überm Kopf oder ohne: Wohnraum kann einem jederzeit entzogen werden, solange er als Ware gehandelt wird. Wer über Wohnraum verfügt, verfügt damit über ein grundlegendes Bedürfnis anderer. Wer sich keine Wohnung leisten kann, verliert im Zweifel nicht nur vier Wände, sondern seinen Platz in der Gesellschaft. Und den bekommt man nicht mit Flashmobs zurück. Wer über Wohnungslosigkeit spricht, muss auch über Eigentumsverhältnisse reden.
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