Aus Leserbriefen an die Redaktion
Irrweg
→ Zu jW vom 5.9.: »Etappensieg für VW-Bosse«
Die Bundesrepublik steckt tief in einer politischen und wirtschaftlichen Krise, und die bürgerlichen Parteien üben sich in verbaler und asozialer Schadensbegrenzung. Da alles nichts zum Besseren verhilft, wird dem faschistischen Modell einer Arbeitsmarktsicherung (siehe u. a. Autobahnbau gen Osten) durch einen bundesweiten Auf- und Ausbau der Rüstungsindustrie und eine Militarisierung des öffentlichen Lebens ganz unverhohlen das Wort geredet. Schamlos und in unverantwortlicher Weise und unter dem Deckmantel der vorgeblichen Sicherung von Arbeitsplätzen werben in trauter Einigkeit christliche, sozialdemokratische, liberale und grüne Politiker im Bunde mit Gewerkschaftsfunktionären um den Ausbau der Rüstungsproduktion. Koste es, was es wolle. Rüstungsbetriebe erzielen Rekordumsätze. Der Rüstungsetat hat sich in den letzten Jahren auf fast 110 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Kein Wunder, wenn da die Wirtschaft optimistischer in die Zukunft blickt und es angeblich bergauf geht. (…)
Die Gebiete der DDR werden in dieser apokalyptischen Vorgehensweise besonders ins Visier genommen. Hier sollen neue Militärstandorte, Munitionsfabriken, Marine- und militärische Reparaturwerften, Drohnenwerke etc. entstehen. Wenn das VW-Werk in Zwickau schließen muss, dann kann oder soll für den Krieg produziert werden. Andere Alternativen gibt es angeblich nicht, wenn Arbeitsplätze gesichert werden sollen. Dieser Weg führt sicher in die Irre oder später in den Schützengraben. (…)
Raimon Brete, Chemnitz
Ideologische Apparate
→ Zu jW vom 4.9.: »Verdi nicht gegen Zensur«
Ist Verdi eine gelbe Gewerkschaft? Meine Meinung ist: Ja. Warum? Wie der Fall Hüseyin Doğru beweist, passt sich Verdi unkritisch den EU‑Sanktionen an. Diese Gewerkschaft sieht wie eine Gewerkschaft aus, handelt aber im Sinne der herrschenden Politik. Für Karl Marx ist »Zensur ein Mittel der herrschenden Klasse, um Kritik am bestehenden System zu unterdrücken und die ideologische Kontrolle über die Gesellschaft zu sichern.« Eine herrschende Klasse hält sich nicht allein durch Polizei und Gesetze an der Macht. Sie kann auch gesellschaftliche Zustimmung organisieren. Zum Beispiel durch Schule, Presse, Literatur, Kultur, Religion, Vereine und Gewerkschaften, politische Institutionen, Alltagsvorstellungen. Daraus entsteht eine Form von Macht, die nicht unbedingt wie klassische Zensur aussieht. Ein Beispiel: Man braucht eine Idee oder einen Text nicht ausdrücklich zu verbieten. Wenn aber gesellschaftliche Institutionen ständig vermitteln: »Die bestehende Ordnung ist demokratisch und frei«, werden bestimmte andere Vorstellungen gesellschaftlich ausgegrenzt. Gelbe Gewerkschafter besitzen zwar ein Bewusstsein, aber das ist kein Klassenbewusstsein. Ihr Bewusstsein spiegelt ihre Moral, ihr Denken und ihre politischen Vorstellungen wider. Diese sind verzerrt und rückständig. Der Fall Hüseyin Doğru trennt politisch die Spreu vom Weizen, wie man sagt.
Manfred Guerth, Hamburg
Kunstkritik
→ Zu jW vom 5.9.: »Scheißdeutschland!«
Man kann ja als Linker viel über Deutschland fluchen und es gerne auch mal als »Scheißdeutschland« bezeichnen. Solange einem nur bewusst ist, dass alles, was hier schiefläuft, auch immer Ausdruck unserer Schwäche als Linke ist. Aber wo der Witz (geschweige denn der politische Gehalt) ist, wenn man einfach über die angeblich mangelnde Körperhygiene von deutschen Patrioten herzieht, erschließt sich nicht. Von einer jungen Welt erwarte ich, dass sie auch in Lyrik (oder was zumindest diesen Anspruch erhebt) politische Inhalte thematisiert: Militarisierung, Rassismus, Chauvinismus etc. Und dass sie die dahinterstehenden Klasseninteressen benennt. Von wem kommt all das denn? Vom dummen Volke? Oder von den Herrschenden? Wenn man in dieses Gedicht mit viel gutem Willen irgendeinen realen politischen Bezug hineininterpretieren will, dann gelingt das wohl am ehesten noch bei den »Pinkelflecken«. Wem fällt da nicht sofort das bekannte Foto von Harald E. beim Pogrom von Rostock-Lichtenhagen ein, der im BRD-Trikot mit Hitlergruß und Fleck im Schritt posiert hat? Aber gerade, weil dieses Foto so sehr als Sinnbild des »Prollnazis« dient, ist es für das Bürgertum eine willkommene Ablenkung von der wahren Klassennatur des Faschismus. Es ist Aufgabe einer jW, diesen Klassencharakter zu entlarven, anstatt ihn zu befeuern. (…)
Thomas Zmrzly, Duisburg
Von Behörde zu Behörde
→ Zu jW vom 29./30.8.: »Leistungskraft der Russen auslöschen«
Reinhard Opitz spricht mit Erhard Wetzel einen führenden Mitarbeiter im NS-Ostministerium an, der eine zusätzliche Anmerkung wert ist. 1941 trat er mit der Feststellung hervor, es sei angesichts einer bevorstehenden deutschen »Industrialisierung« im Osten »zweckmäßig«, dass »diese rassisch unerwünschten Teile der Bevölkerung verschrottet werden könnten«, es seien ohnehin »ausgesprochen Asoziale« ohne jeden wirtschaftlichen und kulturellen Wert.
Wetzel hatte 1941, abgestimmt mit Eichmann, den »Gaskammerbrief« zur Vernichtung nicht arbeitsfähiger Juden geschrieben, und 1944 empfahl er »Sonderbehandlung« für Romakinder und körperbehinderte Kinder in lettischen Kinderheimen.
Wetzel wurde in einem der Waldheim-Verfahren in der DDR zwar zu 25 Jahren und zum Entzug seines Vermögens verurteilt, kam aber nach fünf Jahren Haft durch eine Amnestie wie viele »Waldheimer« auf freien Fuß, wechselte umgehend in den Westen und trat dort als Ministerialrat ins niedersächsische Innenministerium ein. Einen späteren westdeutschen Verdacht überstand er in Hannover schadlos. Dem ermittelnden Staatsanwalt waren die Belege zu »lückenhaft«. Entlassung aus dem Verfahren, Eintritt in die Pension.
Ulrich Opfermann, Tönisvorst
Eine herrschende Klasse hält sich nicht allein durch Polizei und Gesetze an der Macht. Sie kann auch gesellschaftliche Zustimmung organisieren (…) durch Schule, Presse, Literatur, Kultur, Religion, Vereine und Gewerkschaften, politische Institutionen, Alltagsvorstellungen.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
